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Meier Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 198.

Fernsprecher 951 und 952

Freitag, 25. August 1922.

Fernsprecher 951 und 952

12. Jahrgang.

Oesterreichs furchtbare Lage.

Die braven Menschen.

Frankreichs großer Gaukler.

Der französische Ministerpräsident Poin - c a r S hat in seiner letzten großen Rede in B a r - le-Duc die Franzosenals brave Men­schen bezeichnet, die man in ihrer Arbeit ge­stört, die man ürntal angegriffen und deren Hei­matland man verwüstet Hache. Wie es um die Harmlosigkeit dieser braven Menschen, insbeson­dere des Herrn Poincars, vor dem Kriege aus­gesehen hat, das haben-die zahlreichen Doku­mente erwiesen, die den jetzigen Leiter der fran­zösischen Politik als einen der ruchlosesten Kriegshetzer entschleiert haben. Aber auch die GuWäubigkeit Frankreichs in der Reparations­frage ist längst in Zweifel gezogen worden, nach­dem bekannt geworben ist, wie außerordentlich weitherzig die Franzosen bei der Auslegung des Begriffes Schaden gewesen sind. Geradezu auf­sehenerregende Enthüllungen in dieser Beziehung veröffentlicht jetzt der Manchester Guardian, der die französischen Schadenersatzansprüche, die den französisch-deutschen Schiedsgerichten zur Beur­teilung vorgelegt werden, einer scharfen Kritik unterzieht. Das schlimmste Element bei diesen Ansprüchen ist für Deutschland, daß kein Mensch ihre Gesamthöhe kennt, so daß in zahlreichen Fällen, wo ein Schadenersatzanspruch als erledigt zu gelten hat, sofort Ergänzungsansprüche ange­meldet werden. Trotz der nominellen Fixierung der Reparationslasten ist Deutschland noch weit davon entfernt, sich eine Vorstellung von dem Umfang der Forderungen zu machen, die gegen­wärtig an das Reich gestellt werden. Bis zum Juni waren die angemeldeten Ansprüche auf mehr als 7,6 Milliarden Franken angewachsen, was bei dem damaligen Stande der Mark etwa Vierhundert Milliarden (!) Papiermark aus­machte. Dessen ungeachtet deuten die französi­schen Behörden bereits an, daß die französischen Forderungen wahrscheinlich auf fünfzig bis sech­zig Milliarden anschwellen werden.

Mit welcher Gewissenlosigkeit bei der Auf­stellung dieser Forderungen Verfahren wird, zeigt felgender Fall: Die Quaigrsellschaft in Konstan­tinopel mit einer Zweigstelle in Paris brachte einen Schadenersatzanspruch gegen die ottoma- nische Regierung heraus wegen Benutzung von Docks, die ihr gehörten und in denen während des Krieges die deutschen DampferGeneral" undCorcorado" und drei andere kleine Schiffe stationiert waren. Die türkische Regierung er­klärte sich bereit, die Angelegenheit dem Schieds­gericht zu unterwerfen und verlangte Deponie­rung der voraus-sichtlichen Gebühren. Jetzt fiel es der französischen Gesellschaft ein, daß die Deutschen die wirklichen Herren des Bosporus gewesen seien, und sie richteten nun chren An­spruch gegen das Deutsche Reich, bei dem selbst­verständlich die Deponierung der Gebühren nicht in Frage kam. Die französische Gesellschaft ver­langte nicht weniger als nach der jetzigen Va­luta etwa zweihundert Milliarden (!) Papier­mark, das heißt also dreimal soviel, als die ge­samte Summe in Mark ausmachte, welche die deutsche Regierung während der ganzen vier Kriegsjahre ausgegeben hafte. Die ungeheuer­liche Summe kam dadurch zustande, daß für jeden der ersten acht Tage ein Francs für die Tonne und zehn Prozent Zuschlag für jeden weiteren Tag gefordert wurden. Die Schiffe waren in­folge der Blockade Jahr um Jahr in Konstanti­nopel festgehalten worden, und so Kefen die Spe­sen in dieser phantastischen Weise auf.

Noch grotesker liegt der Fall in Elsaß- Lothringen. Der Friedensverftag bestimmt zwar, daß der Wechsel der Raftonasität in Elsaß- Lothringen mit dem 11. November 1918 erfolgt rft, trotzdem entschied der Vorsitzende eines jener Schiedsgerichte, der Lausanner Professor Mer­cier. daß das Elsaß seit dem Tage des Kriegs- ausbruches als französisch zu gelten habe. Infolge­dessen war jede Maßnahme, die Deutschland in k lsaß-Lothrmgen getroffen hatte, zwar eine solche, die das eigene Landesgebiet betraf, richtete sie sich aber oegen Elsässer oder Lothrin­ger, dann berührte sie französische Staats­angehörige. Mit Hilfe dieser Fiftion war die französische Regierung in der Lage, in Elsaß- Lothringen in weitestem Umfange Provaganda zur Erhebung von Schadenersatzansprüchen ge­gen Deutschland über die Reparationssuminen hinaus zu macken, und sie hat es tatsächlich da­hin gebracht, daß die Zahl dieser Ansprüche von über siebenhundert aus über siebentausend an- gewachsen ist. Elsässer und Lothringer, die deutsche Kriegsanleihe gekauft haften, verlangen jetzt ihr Geld zum Kurse von 1,25 Mark für den Frarken.

Die Kirchen der Stadt Colmar beanspruchen zwölstausend Franken für entgangenge Gelder, da aus militärischen Gründen während des Krieges die Glocken nicht geläutet werden durs­ten, und die Stadt Straßburg verlangt weit über achtzigtausend Franken, weil das Besteigen der Kathedrale während des Krieges verboten war. so daß Eintrittsgeld und Postlaftcnerlös vcr- lvstig gingen. (!) So sehen die französischen Pri­

vatansprüche aus, die Forderungen der «braven Menschen", denen PoincarS in Bar-le-Duc ein Loblied gesungen hat. Deutschland aber stöhnt bereits unter den normalen Lasten, die auf dem Friedensvertrag beruhen, läßt seine Kin­der und Greise verhungern und windet sich in wirtschaftlichen Krämpfen, die den ganzen Erdball erschüttern! Alle Ernstden- kenden wissen ja schon seit langer Zeit, was sie von dem französischen Spiegelfechter Poincars zu halten haben, von diesem Manne, der seinen blinden Deutschenhaß, der pathologisch gewertet werden muß, niemals verleugnet. Aber der der­zeitige Leiter der Politik Frankreichs leistet sich von Zeit zu Zeit Dinge, die man selbst bei ihm flicht für möglich gehalten hätte. Dazu darf man seine Rede in Bar-le-Duc zählen..

Oesterreichs Bittgang.

Der Bundeskanzler über seine Reise.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 24. August.

Bundeskanzler Seipel empfing gestern die Vertreter der deutschen Presse, um sie über den Zweckseiner Reise nach Prag, Berlin und Verona zu unterrichten. In Pressemeldungen über seine Reise sei das Gerücht verzeichnet, diese Reise fei mit fertigem Konzept unternommen. Im Gegensatz hierzu stelle er fest, daß es sich le­diglich um eine Informationsreise han­dele. Somit sei auch ein Protest Ungarns, von dem er offiziell noch keine Kenntnis habe, gegen« landAos geworden. Vor Abschluß der Reise sei an eine politische Neuorientierung Oesterreichs nicht zu denken, Sülch ein Anschluß an die Kleine Entente sei nicht geplant. Die in Berlin geführ­ten Besprechungen seien von höchster Be­deutung für Oesterreich. Fast mehr aber als diese Verhandlungen hätte der Fortgang der ge­genwärtigen Neparations - Besprechungen sein Interesse in Anspruch genommen. Denn von ihrem Ausgange hänge das künftige Verhalten der österreichischen Regierung ab. Er selbst werde nicht versäumen, bei seinem Zusammentreffen mit einer führenden Persönlichkeit einer großen Ententemacht auf die in Berlin gewonnenen Ein­drücke hinzuweisen. Rach dem Bundeskanzler nahm sein Begleiter, der österreichische Finanz­minister, das Wort und erklärte, daß im Vorder­gründe der von Oesterreich verfolgten Finanz­politik der Gedanke der Selbsthilfe stehe. Durch die Ergebnisse der Londoner Konferenz sei eine Verzögerung in der Errichtung der geplanten Nationalbank eingetreten, da zwei Banken, die ihre Beteiligung zugesagt hatten, diese von der Bewilligung von Krediten abhängig gemacht hätten. Die Londoner Konferenz habe seltsamer- Meise die österreichischen Angelegenheiten an den Völkerbund verwiesen. Obwohl die Bevölkerung dieser Verweisung sehr skeptisch gegenttbcrstehe, so werde die österreichische Regierung doch mit allem Nachdruck ihre Interessen vertreten.

*

< Die Aussprache ü&er Oesterreich.

Berlin, 24. August. (Eigene Drahtmeldung.) Tie offiziellen Besprechungen mit den österreichi­schen Vertretern haben gestern ihr Ende erreicht. Der österreichische Standpunkt, der aus den Prager Verhandlungen bekannt ist. wurde von den österreichischen Vertretern nochmals ausführ­lich auseinandergesetzt. Der österreichische Fi« f.anzministcr suchte den deutschen Finanzminister Dr. Hermes auf. Am Avcnd reiften der Bundes­kanzler und der Ftnanzminister ans Berlin wie­der ab. Die Verhandlungen mit Reichskanzler Dr. Wirth haben ergeben, daß eine finan­zielle Hilfe Deutschlands für Oester­reich ausgeschlossen ist, dagegen fall Oester­reich eine Unterstützung auf wirtschaftlichem Ge­biet durch Lieferung von Kohlen zugestanden sein.

Italien als Vormund.

Rach einem Zusammenbruch Oesterreich-.

(Privat-Telegramm.)

Paris, 24. August.

DaSEablogramm" teilt in seinem Leitarti­kel «. a. mit, daß man jetzt den Gegenstand der Unterredung kenne, die Schanzer in London am vergangenen Sonntag nachmtttag mit Lloyd George hatte. Schanzer habe nach dem Scheitern des letzten französisch-belgischen Vorschlages vor­geschlagen, daß Italien im Falle des finanziellen Zusammenbruches Oesterreicks die Berwal - luna dcs Landes übernehmen solle. Lloyd George habe keine Einwendungen dagegen erho­

ben. Die Entente habe Oesterreich allen gelassen. Lloyd George habe da­durch ein Mittel gefunden, um Italiens Groll gegen die Türkei und Frankreich zu befriedigen. Schanzer dürste geglaubt haben, daß England damit die Absicht bekundet habe, seine Interessen an der Donau aufzugeben. Lloyd George habe dagegen geglaubt, daß Italien bei seinem österreichischen Abenteuer großen Schwierigkei­ten begegnen würde, und daß die Stunde kom­men werde, wo er mit der rechten Hand zurück- nchme, was er mit der linken gegeben habe. Eine Pariser Zeitung berichtet, die österreichische Regierung habe mit ftanzösischen, englischen und italienischen Banken über den Abschluß einer Anleihe unterhandelt. Diese hätten aber Garantien der betreffenden Großmächte verlangt. Die Tendenz der drei Ententeregie­rungen geht dahin, diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Ma» müsse aber vorher die Sicher- Fett gewinnen, daß man was Dauerndes schaffe.

* * *

Tschechische Vreffefttmmen.

Prag, 24 August. (Eigene Drahtmeldung.) Die tschechische Presse ergeht sich in vorsichtigen und gewundenen Kommentaren zum Besuch des österreichischen Bundeskanzlers, die den allgc- mein gehaltenen amtlichen Prager Konscrenz- berichten entsprechen. Bemerkenswert heraus- gearbeftet ist nur, besonders in den amtlichen Organen, die entschiedene Ablehnung b e3 Anschlusses an Deutschland, die Ber- tröftumg auf den Völkerbund und die Mahnung an Oesterreich, sich endlich einmal selbst zu helfen. Die Tschecho-Slowakei sei nicht imstande, Oesterreich neue Kredite zu gewäh­ren, doch werde sie auch weiterhin alles tun, was in ihrer Macht stehe, um das Schicksal Oester­reichs in wirffchastlicher Hinsicht zu erleichtern.

Reue Kronen-RNMarven.

Prag, 24. August. (Privattelegramm ) Gestern wurden zwei restliche Raten des ffckecho- slowakiscken Kredits an Oesterreich im Betrage von 155 Milliarden österreichischen Kro­nen flüssig gemacht und nach Wien überwiesen.

Auf der Suche ncrch demWeg.

Fortsetzung der Berliner Beratungen.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin. 24. August.

Es ist irreführend, wenn alarmierende Ge­rüchte von einem Abbruch der Verhandlungen über das Moratorium in die Welt geschleudert werden. Tatsache ist vielmehr, daß Vorschläge von druttcker Seite aemacht worden sind, die auf einer anderen Linie als der der »arlamcnta- risch untragbaren produktiven Pfänder liegen und die gestern den Gegenstand weiterer Beratungen bildeten Das Kabinett trat gestern zu einer Sitzung zusammen, bei der nur die be­teiligten Ressortminister anwesend waren. Gegen Mittag wurde die gestern wie am Dienstag ab- gebrockene Beratung mit den Vertretern der Rcparvtionskommisfion fortgesetzt; nachmittags wurden die beiden Vertreter der Reparations- kommisfion zu einer neuerlichen Besprechnng vom Reichskanzler empfangen. Bon einer Ab­reise der beiden Vertreter oder auch nur des franzöfischcn Mitgliedes Mauclöre war ge­stern noch keine Rede. Es ist auch nicht richtig, daß die Vertreter der Rcparationslommission mit ultimativen Vorschlägen der deutschen Regierung gegenübergetreten sind.

Die deuffcsten Geoenvorschiüge.

Berlin, 24. August. (Privattelegramm.) Die Gegenvorschläge der Reichsreg'.erang sind den Delegierten in einer neuen dritten Sitzung überreicht worden, die in der Reicks­kanzlei gestern abend von 6 bis gegen %8 Uhr ftattgefunden hat Die beiden Delegierten ha­ben nach Beendigung dieser Sitzung dann in engerem Streife beraten, wie diese neuen Vor­schläge der deutschen Negierung aufzuneh-men seien. Wie verlautet, soll heute wiederum eine Zusammenkunft der b eiben Delegierten mit dem Reichskanzler stattfdtden.

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Hinter verschlossenen Türen.

Berlin, 24. August. (Privattelegramm.) Tie Verhandlungen mit den beiden Vertretern der Reparationskommisston sind st r e n g v e r t r a u- (i ch und werden nur zwischen den unmittelbar Beteiligten geführt, selbst die beratenden Re­ferenten werben diesesmal zu den Verhandlun­gen nicht zugezogen. Irgend welche Meldun­gen, daß die Verhandlungen bereits nega­tiv »erlaufen feiern, sind durchaus falsch.

VollNfcheWetterwarte

Prognose: Weiterhin ständig ver­ändert: ch. England nnd Frank­reich. Der österreichische Schritt.

Eine bemerkenswerte Auseinandersetzung ist gegenwärtig Mischen EnglandundFrank- reich im Gange. Es hat sich trotz aller Be­mühungen nicht verhüten lassen,, daß poliftsche Intimitäten in aller Oefsenttichkeit zur Debatte gestellt »werden. Als eine ganz besonders heikle Frage im Verhältnis Meier Staaten zueinan­der. noch dazu, wenn sie durch engere politische Verbindungen einander näher stechen, gehört immer das Problernder Rüstung. die­sen Fragen nun kann man in England ein Miß­trauen gegen Frankreich beobachten. Ja, man begegnet auch vielfach Aeußerungen der Sorge über die künftige Gestattung der Dinge. Es ist' Tatsache, daß Frankreich heute über die stärkste militärische Macht von allen Festlandsmächten Verfügt. Nicht nur, daß sein Heer in höchster Iiüstungsbereitschcrft nach Zahl und Maß der per- örtlichen wie der materiellen Kräfte sich befindet, auch in der Flotte Frankreichs herrscht daS tärkste Getriebe, das man sich in der Nachkriegs­zeit vorstellen kann. Und namentlich finb cs die allerdings ganz ungeheuren Bcnlten an französi. chen U-Dooten, die in England besorgnis- erregenid wirken. Dazu temmt, daß die Beset­zung weiter deutscher Gebietsstrecken Frankreich einen militärischen, aber auch politischen Macht­zuwachs verliehen hot, den England mit steigen­dem Unbehagen empfinden muß.

Um einen Druck aus diese Entwicklung aus­zuüben, hak England in der letzten Balfour-Rote Frankreich an seine Schuldverpflichtungen gegen­über Großbritannien erinnert. Man muß in diesem Zusammenhang darauf Hinweisen, daß ja mit eine Hauptursache für die Nichkbeteiligung Amerikas an den europäischen Fragen der Um­stand ist, daß Frankreich auf der Washingtoner Konferenz einer Abrüstung sich widerfetzte und baß unter diefen Umständen Amerika es ablehnte, für die europäische Politik Geldmittel zur Ver­fügung zu stellen. Frankreich hat auf den eng­lischen Druck nichts anderes zu tun gewußt, als mit noch erschwerterem Druck auf Deutschland zu erwidern und England vorzustellen, daß Frank­reich seine Verpflichtungen an England nicht er­füllen kann, wenn es nicht zuvor von Deutschland befriedigt werde. Nun hat das Lloyd George nahestehende Organ, dieDaily Chronicle", klipp und klar zum Ausdruck gebracht, daß England solange nicht in eine Herabsetzung der französi­schen Schulden einwilligen würde, als Frankreich nicht sein Heer und seine Flotte vermindere. Ein Londoner Blatt weist ferner Frankreich darauf hin, daß es seine Schulden sehr Wohl bezahlen könne, wenn es eine weniger kostspielige Politik machen würde. Es fügt hinzu, daß England sich eine Politik des europäischen Friedens und des Wiederaufbaues schon etwas kosten ließe, aber solche Aufwendungen hätten keinen Zweck; solange Frankreich bei seiner gegenwärtigen Ein- steümng verharre. ... Diese Unterhaltung ist außerordentlich kennzeichnend für die gegenwär­tige politische Situation in Europa.

Die Reise des österreichischen Bundeskanz« lers, des Präsidenten Dr. Sei pl, hat die aller-' größte Ueberraschung in der ganzen politischen! Welt hervorgerufen. Am stärksten ist diese Hebet« raschung, die sich offen äußert, bei den Regie­rungen und in der Oeffentlichkeit der Entente« lönber. Oesterreich steht unmittelbar vor einem furchtbaren Zusammenbruch. Die österreichffchen Finanzen find total ruiniert Die Erklärungen Lloyd Georges auf der Londoner Konferenz, daß Deutsch-Oesterreich auf eine An­leihe nicht zu rechnen habe, haben die Entwick­lung beschleunigt. Die gegenwärftge deuffch- österreichische Regierung hat sich daher entschlos­sen, aus ihrer seither beobachteten Reserve her­auszutreten unb eine aktive Politik zu be­treiben. Diesem Zweck dient die bemerkenswerte Reise des österreichischen Bundeskanzlers, die ihn zunächst nach P r a g zu Verhandlungen mit der tschechisch-slowakischen Regierung führte. Augen­blicklich weilt der Vundcskanzler in Berlin. Noch Abschluß der Verhandlungen mit der deut­schen Reichsregierung wird sich Dr. Seipl nach Rom begeben, um dort mit der italienischen Re­gierung Fühlung zu nehmen.

Heber den Zweck dieser hockchedentsamen Reise kann im Augenhftck nichts Näheres gesagt wer­ben. Die Reise ist sowohl politisch wie wirt­schaftlich. Die wirffchastliche Seite wird berührt durch die Fnhlrmgnahme mit der ffckechischen und der italienischen Regierung Der Ball, den der italienische Außenminister Oesterreich durch die Erklärung zugeworfen hat, daß Jtafien gc« gcbenenfalls in eine wirtschaftliche Fühlung­nahme mit Deutsch-Oesterreich trete, wozu a's dritte Partei noch die Tschecho-Slowakei kommen könnte, ist sofort von der österreichifchen Rcgie- Dtng aufgegriffen worben. Diese siebt sich nicht mehr in der Lage, die Regierung des Landes un­ter den gegebenen Verhältnissen noch weiter zu