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Meter Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

12. Zahrgang

Dienstag, 22. August 1922

Fernsprecher 951 und 952

Nummer 195

Fernsprecher 951 und 952

Vor den Berliner Beratungen.

Berlin und Varis.

Deutsch-fvanzöstsche Verhandlungen?

Was kommen mußte, kam: Die große, schon feit den Versailler Tagen unausweichlich gewor- oene Entscheidung! über die Politik der Entente reist heran! Wir befinden uns jetzt in dem Stadium einer Entwicklung, die Wit mehrfach an dieser Stelle als eine zwingende be­zeichnet haben. Den Gesetzen der Logik müssen sich auch diejenigen beugen, die sich als Sieger fühlen und infolgedessen das Schicksal von Völ­kern und Ländern ihren eigenen und eigennützi­gen Interessen entsprechend nach Gutdünken len­ken zu können gla'tben. Es wäre ocrlockend, heute, da wir an einem hochbedeutsamen Wendepunkt in der ganzen weltpolitischen Einstellung der nächsten Zeit stehen, den Lauf der Dinge überschauend zu betrachten, wie er sich seit jenem Unglückstage des Friedensdiktats von Versailles bis heute herausgebildet hat. Ein nach dem Willen seiner Urheber für »ewige Zei­ten" fest und unerschütterlich gefügtes Vertrags­wert ist schon in der Stunde, da es errichtet wurde, von innen heraus unterhöhlt gewesen. Niemals in der Geschichte war ein Friedens- instrument, das einen großen Krieg beizulegen und zu liquidieren berufen sein sollte, schon von seinem Entstehen an so innerlich unmöglich, Wie es bei diesem Versailler Vertrag, jener Ausge­burt eines alle menschlichen Regungen verachten­den VernichtungsWillens der Fall War.

Die Begriffeewig" undunabänderlich" existieren für die Politik nicht. Ihre Grenzlinien sind niemals fest umschrieben, sie sind ständig in Bewegung, stets im Wusse. Auch der En- teftte-V-rtrag ist nicht auf Ewigkeit geschrieben, und er ist auch nicht unabänderlich. Der bis jetzt in der Hauptsache still geführte und für eine wei­tere Oefjentlichkeit in seinen tieferen Zusammen­hängen nicht erkennbare Kampf innerhalb der Entente in den letzten Jahren ist im Grunde nichts anderes, als der Versuch gewesen, die po­litischen Linien und Methoden einigermaßen fest und sicher abzustecken. Dieser Versuch ist nun, man kann schon sagen, endgültg gescheitert. Finder oder später müßte dieser Zeitpunkt ein­mal cintreten. Er War nicht mehr aufschiebbar, Wenn von irgend einer Seite die Gelegenheit für günstig erachtet Wurde, der Fessel der Gemein- scrmke-t der Abmachungen und der Gemeinschaft- krchkeit ihrer Durchführungen sich zu entwinden imd auf eigene Faust Wöltpolitik zu machen. Diese Tendenz der sogenannten »Hand­lungsfreiheit" hat der französischen Politik schon immer angehaftet. In zwölf offiziellen Entente- Konferenzen. die von einem Wahren Rudel troi Besprechungen und Zusammenkünften begleitet Wurden, hat immer und immer Wieder, das eine Mal mehr, das andere Mal weniger, tat letzten Grunde der Kampf um die Orientierung in der Weltpolitit beherrschend im Vor­dergrund gestanden. In diefen zwölf Konfcren- zen hat man nach oft gar seltsamen Widerspielen als Schlußergebnis jedesmal die »volle Einheit und Einmütigkeit der Entente" in allen gegen­über Deutschland zu ergreifenden Maßnahmen der Welt verkündet. Es soll in diesem Rahmen nicht davon die Rede sein, daß gerade diese Ein­heit und Einmütigkeit lechen Eudes die Ursache für den immer weiteren Zerfall der deutschen Wie der europäischen Wirtschaft gewesen sind Die letzte dreizehnte Konferenz der Entewe < abergläubische Naturen könnten auf Grund die­ser Ziffer zu Schlußfolgerungen eigener Art kom­men ist nun mit der ausdrücklichen Erklärung abgebrochen worden, daß eine volleEinmü- tigkeit diesmal nicht zu erreichen War. Jn- fotzedessen ist diese Konferenz als gescheitert auf- gegeben Worden. Eine neue Konferenz im No- rcmbcr soll den Versuch machen, die Repa- rationsfrag: auf anderer Grundlage und mög­lichst unter Herbeiziehunq der Vertreter Ameri­kas zu regeln

Bei der ganzen überragenden Bedeutung, die für die gesamte Weltpolitik in der gegenwärtigen Mächtekönstcllation, namentlich in dem Entente­bündnis, gegeben ist, haben die Londoner Vor­gänge ein ganz besonderes Gewicht. Die Wei­teren EntWicklungsmöglichkeiten können gar nicht ernst und Weittragend genug beurteilt werden. Es kommt int Grunde Weniger darauf an, ob Frankreich den Zeitpunkt für gekommen erachtet, um das EntenteverlMinis aufzulösen und da­mit die erwünschte »Handlungsfreiheit" zu einer selbständigen Politik gegenüber Deutschland zu e gewinnen, als darauf, daß eine Aenderung de» Ententeverhältnisscs für die ganze Weltpokitik und die Stellung, die Deutschland in ihr ein» nimmt und späterhin einnehmen Wird, von einer grundlegenden Bedeutung ist. Das eigentliche Motiv des Scheiterns der Londoner Konferenz siegt in der nun auch für Eugland gegebenen Gewißheit, daß die französische Politik von heute das alte Ziel der Besitzergreifung des Ruhrgebie- teS und in Weiterer Wirkung davon der Zer­schlagung der deutschen Einheit ver­folgt. Die Poincaröschen Forderungen wiesen ganz deutlich und unverhü.llt a«f diese Absichten

bin. Der zähe Kampf um die Errichtung der Zollgrenzen im Rheinland und im Ruhrgebiet zeigte die rücksichtslosen Tendenzen der unter dem Teckniantel wirtschaftlicher Forderungen sich ver­bergenden eigentlichen Politik.

Es ist der Kampf zwischen Polifik und Wirt­schaft. zwischen Politik der Vernunft und des Verstandes auf der einen Seite und der Politik des Diktats, der Unterjochungen und der Gewalt auf der anderen Seite, der auf der dreizehnten Konferenz der Entente offen zum Ausdruck kam und der einer Entscheidung zureist. Diese Ent­scheidung liegt vorerst noch in der Schwebe. Es ist ungeheuer schwer zu sagen, bei welcher Situ­ation Deutschland besser fährt. Seine Lage ist in jedem Fall bejammernswert. So viel darf und mnß man aber sagen, daß wir ju einer Genugtuung über die Londoner EniwicKung und über die Aussichten eines völligen Zerfalls der Entente nicht den mindesten Anlaß haben. Die große Wende aber, die in der Politik der E'ntente gegenüber Deutschland, Wie aber auch in dem innerlichen Verhältnis der Entente selber in absehbarer Zeit zur Entscheidung kommt und kommen muß, ist unauffchiebbar geworden. Kr.

Sn kritischen Lagen.

Die Besprechungen mit der Entente.

(Pri vai-Telegramm.)

Berlin, 21. August.

Die von der Reparationskommission abge- fantrte Delegation ist gestern in Berlin eingetrof­fen. Offiziell haben die Herren bis heute früh ihre Ankuust noch nicht bekannt gegeben. Bon deutscher Seite haben die an bet Reparatious finge beteiligten Ressorts eifrig die Besprechun­gen untereinander fortgefilhrt, um für die 58er- handlungen der nächsten Tage gerüstet zu sein. Der Termin der ersten Besprechungen ist auf Dienstag früh neun Uhr festgesetzt worden. Heute mittag soll im Anschluß an eine Chef- bcfprekMrng der Ressortminister eine Aussprache der zurzeit in Berlin sich aufhaltenden Parla­mentarier beim Reichskanzler stattfinden.

Vertagung der Entscheidung.

Genf, A. August. (Eigene Drahtmekdung.) Rach einem Pariser Telegramm hat die Repa- rationskommission die Beratungen über das deutsche Moratorinm-Ersuchen auf Freitag vertagt. Der Auftrag an die nach Berlin ge­reisten Delegierten lautet dahin, Deutschland über die zu gebenden Pfänder und Sicherste»- ten zu befragen. Die Delegation Wird Frei­tag früh in Paris $urü cf erwartet

Die letzte GoldnnMarde.

Verlangt man unser Gold?

lPrivat-Telegramm.)

Paris, 21. August.

lieber die Verhandlungen, die Sir John Bradburh und Herr Maucläre in Berlin führen werden, sind hier verschiedene Versionen ver­breitet. Rack der einen Lesart Werde die De­legation die Reichsregierung ersuchen, an Stelle des erbetenen Moratoriums sich mit einer ande­ren Lösung einvcrstandxn zu erklären. Bor allem werde es sich darum handeln, ob die deutsche Regierung freiwillig Pfänder anbicten werde Bradburh werde bestrebt fein, eine Kombination zu finben, auf bie Deutschland eingehen könne. Natürlich find übet diese Stern- binationen die wildesten Kombinattonen ver­breitet, so heißt cs, daß Deutschland von Eugland einen Kredit erhnlteu werde, mit dessen Hilfe cs die nächstfällige Re> parattonsräte werde bezahlen können. Es heißt, daß in bet Neaprationskommisfion wieder eine optimistische Auffassung die Oberhand gewonnen habe, weil man glaubt, daß Deutsch­land freiwillig Pfänder anbieten werde. Sollte dies der Fall sein, so werde auch PoincarS einem Moratorium zustimmen. ES könne aber kein Zweifel darüber bestehen, daß auch die Delega­tion der ReParationSkommission kein Mora­torium ohne Pfänder zugestchen werde.

* * *

Erwartungen in Berlin.

Berlin. 21. August. (Eigene Trahtmeldung.) In Berliner maßgebenden Kreisen hofft man, daß die Verhandlungen mit den beiden einfluß­reichen Mitgliedern der Raparations-Kommis- sion zu einer Verständigung führen Werden. Man hofft, die Herren davon überzeugen zu können, daß Deutschland zunächst seine Finanzen in Ordnung bringen muß. ehe es zahlungsfähig ist. Die zurzeit an der Börse herrschende starke

Devisenhausse ist deshalb eigentlich un­verständlich und in den polittschen Verhält­nissen ficher nicht begründet. Andererseits könnte die Reichsregierung jetzt von Frankreich wohl die Zurücknahme der Retorsionen verlangen, da ja die Ausgleichszahlungen bis zum 16. Sep­tember gestundet worben sind. Bisher ist aber ei'.ie»amtlich«. Anweisung dazu nicht ergangen.

6ir John Bmdbmy.

Die Vertrauensleute unserer Gegner. (Privat-Telegramm.)

Paris, 21. August.

Die Agence Havag veröffentlicht folgende Meldung: Es ist selbstverständlich, daß während des Aufenthaltes der Mission Sir John Brad- burys, des Vorsitzenden des GarantiekommiteeS Mancleres, des Generalsekretärs Bcrgerys und des Finanzsachverständigen Felkin in Berlin die Reparatisnskonnnission weder Beratungen ab. halten nach Entscheidungen treffen kann. Um dir Wartezeit abzukürzen, hat die Reparationskom misfion beschlossen, ihre Bevollmächtigten nach Berlin zu entsenden, statt die deutsche Regierung aufzufordern, zuständige Persönlichkeiten zu ihr zu schicken. Der Schriftwechsel zwischen diese» und ihrer Regierung hätte neuerlich die Be­sprechungen verzögert. Die Verhandlungen be­ginnen wahrscheinlich am Montag vormittag. Sic betreffen die Bedingungen, unter denen die ReParationSkommission die Genehmigung des von Deuffchiand beanttagten Moratoriums in Erwägung ziehen kann. Die Mitglieder der Kommission hoffen, daß die deutsche Regierung gutwillig die Pfänder und Garantien geben wirb, ohne welche bie französische Regierung dem Moratorium nicht zustimmen kann. Jeden- falls können die Besprechungen mit der deutschen Regierung nicht länger als einige Tage dauern.

ShtNockö öffinöergler.

Genf, 21. August. (Eigene Drahtmeldüng.) Nach einer Havasmeldung von gestern abend Wird Frankreich ein Moratorium Mr Deutsch­land bewilligen, aber nur gegen Verpfän­dung der Ruhrgruben. (!)

Bayern und das Nelch.

Die neuen Verhandlungen.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 21. August.

Die Verhandlungen mit der bayrischen Dele gation find gestern nachmittag zum Abschluß ge­kommen. Die beiden Delegierten reisten noch gestern nach München zurück, um das Ergebnis der Besprechungen dem Ministerrat vor. z u l e g e n. Hebet den Inhalt dieses Ergebnis- feS wird vorläufig noch Stillschweigen bewahrt, wenigstens noch so lange, als der bayrische Mi­nisterrat noch nicht Stellung dazu genommen hat. An den gestrigen Verhandlungen nahmen außer dem Reichskanzler auch Reichspräfibent Ebert und Innenminister Dr. Coester teil, -nachdem beide aus Hamburg zurückgekehrt waren. Der bayrische Ministerrat tritt voraussichtlich schon heute nachmittag zur Stellungnahme zusammen.

* * *

Daycrns Regierung und Volk.

München, 21. August. (Privattelegramm.) In einem Leitartikel erklärt die »Bayrische Staats- zcitung": »Die bayrische Regierung ist überzeugt davon, daß durch die Wahrung der Staatshoheit und Staatsnotwendigkeit der Länder in der Jetztzeit des außenpolittschen Druckes die Reichs­einheit und die Reichsfreudigkeit am allernach­haltigsten gesichert werde. Die bayrische Regie» rang hat in ihrem Kampf niemals den Boden der Verfassung und des Rechts verlassen. Die Linie ihrer Politik ift darin klar geblieben.

Gr schürt die Flammen.

Poincarös neueste Hetzrede. (Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 21. August.

PoincarS hat gestern in Friauconrt im Meuse Departement ein Kriegerdenkmal eingeweiht. $t hat feine Rede zwar nicht zu einer großen politi­schen Kundgebung gemacht, aber olles getan, um bie große Erbitterung des Krieges in der französischen Bevölkerung wieder neu auf­leben zu lassen. Die Deutschen, sagte er, tragen die Verantwortung für alles begangene Hnrvch! und fie muffen daher alle uns gefügten Per- krtzungrn auch wieder gut machen.

Zwischen öenKllppen.

Deutschlands StaatSschiff in Seenot.

Wa» wird? Di« Dermitt» lungtoerfu*« gehen weiter, Die Reichsregierung beschäftigt sich in sort- gesetzten Beratungen, die teils im Kabinett statt- ftnden, teils unter Heranziehung von führenden politischen und Wirtschaftlichen Persönlichkeiten sich vollziehen, mit der durch die polittsche und Wirtschaftliche Entwicklung dieser Tage geschaffe­nen Lage. Die Situation Wird allgemein als außerordentlich ernst und kritisch betrachtet. Sie Wird nicht erleichtert durch die von links her mit außerordentlicher Heftigkeit betriebene Propa­ganda, die dahin geht, die Verschlechterung der Wirtschaftlichen Verhältnisse zum Anlaß zu neh­men, um Weitreichende politische Forderungen durchzusrtzcu. Sehr rege sind nach dieser Rich­tung hin insbesondere die Kommunisten, die die Arbeitnehmerverüände und die Gewerkschaften scharf zu machen versuchen im Sinne jener Punkte, die schon früher eine Rolle spielten und unmittelbar nach dem Rathenau-Mord in die Er­scheinung traten. Es handelt sich dabei um die Forderung nach einer Sozialisierung des Verg- banes, nach der »Erfassung der Sachwerte", um die zwangsweise Enteignung von einem Viertel des deutschen Aktienkapitals und dergleichen mehr. Es Wird der Anspannung aller gut ge­sinnten Kräfte bedürfen, um diese neue schwere Belastungsprobe, die, von innen heraus, auf Grund des Druckes von außen her droht, be- stehen zu können. Die Frage: Was Wird? be­herrscht alle gegenwärtige» Verhandlungen in­nerhalb der Reichsregierung. Endgültige DiSPo- sitionen zu treffen, ist unmöglich, angesichts der Unsicherheit der Entscheidung, die erst noch bevor« steht. Wenn aber auch die Lage, Wie gesagt, überaus ernst mid kritisch angesehn Wird, so ist sie doch nicht hoffnungslos. Viele Anzeichen deuten vielmehr dauauf hin, daß wir uns dem Zeitpunkt nähern, an dem sich notwendigerweise der Wahnsinn ganz von selber überschlägt. Im übrigen ist zu beobachten, daß im Ententelager selber die Vermittlungsversuche Weiter gehen, um zu einer Verständigung zu gelangen.

Allmählich sickern bestimmte Weitere Infor» mattonen durch, die einen Schluß auf die Wei­teren französischen Absichten zulasten. Danach sieht man in französischen politischen und Wirt­schaftlichen Steifen die von Poincars vorgeleg­ten Forderungen der sogenannten »produk­tiven Pfänder" als grundlegend bafilr an, daß mit ihrer Zuhilfenahme die Voraussetzun­gen für eine internationale Anleihe geschaffen Werden können. Frankreich verlangt in diesen Forderungen bekanntlich vornehmlich die Be­schlagnahme deuffchcn Staatsbesitzes, namentlich in Gestalt der staatlichen Bergwerke und For­sten, und es macht geltend, daß ein derartiger Besitz die Unterlagen für die geplanten Kredit- opcrationen geben könnte. Was Wir bisher über diese Forderungen gehört haben. Würde indessen nichts anderes bedeuten, als das Eindringen Frankreichs in deutschen Staatsbesitz mtt dem jetzt nur schlecht verhüllten Ziel der späteren völ­ligen Wirtschaftlichen und polittschen Besitz­ergreifung jener Unternehmungen und der Gebiete, in denen sie sich befinden. London Will anscheinend noch Garantten gegenüber dem außerordentlichen MachtzuWachs der französi­schen Wirtschaft und Politik. Und so hängt es ganz von dem Ausgang des Jnteressenkampfe» zwischen London und Paris ab, ob der franzö- sische Plan der produktiven Pfänder in die Er- fcheinung tritt. Es hat aber den Anschein, als Wenn tatsächlich ein bestimmter französischer Plan vorhanden ist, der nach gewissen Aenderun- gen auch von maßgebender englischer Seite für durchführbar gehalten Wird. Aus dieser Tatsache laßt es sich auch erklären, daß von London her ntitgeteiti wird, daß nach britischer Ansicht Deutschland die Lage durchaus nicht tragisch auf­zufassen brauche und ruhjg Blut bewahren soll.

Nach Mitteilungen, die ihre Quelle vornehm­lich in der Pariser Presse haben, hat es den An­schein, als wenn in der Tat unmittelbare direkte deutsch-französische Besprechungen über die Reparationssrage stattfinden sollen. Die Vertagung der offiziellen Sitzung der Reparatiouskommission, bie nach bem Scheitern der Londoner Konferenz nunmehr Stellung zu form deutschen Moratoriumsgesuch zu nehmen hat, Wird in Verbindung gebracht mit Verhand­lungen, die inzwischen hinter den Kulissen unter deutschen und französischen Vertretern stattfin­den sollen. Weiter spricht Mr die Annahme, daß besondere Auseinandersetzungen beabsichtigt sind, der Umstand, daß die Reparationskommission von ihrer Absicht offiziell Kenntnis gegeben hat, einen oder mehrere deutsche Vertreter zu der Aus­sprache über das Moratorium heranzuziehen. Der Form nach begründet man diesen Plan mit dem Hinweis auf den Artikel 234 des Versailler Vertrages, in Welchem ausdrücklich davon ge- "'inxficn wirb, daß vor einer Entscheidung, bu­bte deutsche Zahlungsfähigkeit angeht, Vertreter der deutschen Regierung gehört werden sollen.