Einzelbild herunterladen
 

Nummer 192,

Freitag, 18. August 1922,

12. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952

Fernsprecher 951 und 952

&te fiaiieter S.eucften Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. ®er AömmementSpreSS beträgt monatlich 37. Mark bei freier Zustellung ins Haus, in der Geschäftsstelle abgeholt 35. Mark monatlich. «uSwärtS durch die Post bezogen 37. Mark monatlich etnschl Zustellung. Bestellungen werden jederzeit entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion-. Schlachthofstraße 28/30. Für unverlangt eingesandte Beiträge lann die Redaktion eine Verantwortung »der Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung des Bezugsgeldes oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnüngSmästiger Lieferung ausgeschlossen.

JusertionSpreise-. *) Einheimische Aufträge: Die einspaltige Anzeigenzelle M. 5., die einspaltige Reklamezeil« M. 14.. b) Auswärtige Aufträge: Die etnsvallige Anzeigen,eile M. 6., die einspaltige Reflamezetle R. 14, alles einschließlich Teuerungszuschlag und Anzetgenfteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher auf gegebenen Anzeigen, sowie für Ausnahme- baten und Plätze kann eine Gewähr nicht übernommen werden. Stu tretet: Schlacht- hosstratze *V3O. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5, Telephon Nummer 951 und »52.

Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Der Reichskanzler gegen Zranlreich.

Der große Heuchler.

Handlungsfreiheit für Frankreich.

Die Sehnsucht PoincarSs und die deS flau« zen nationalistischen Frankreichs zielt auf Hand- lunflsfreicheit. das heißt Handlungsfreiheit gegen Deutschland, rücksichtsloses Vorgehen gegen den böswilligen" Schuldner, Waffengewalt gegen einen Wehrlosen. Dies ist das Ziel der fran- zösischen Politik seit dem Amtsantritt PoincarSs, genau genommen freilich auch aller seiner Vor­gänger seit Clemenceau, nur allein mit dem Un­terschiede, daß der letztere fid> ebenso wie Briand an der Härte der Tatsachen stieß und gegenüber den realpolitischen Erfordernissen mehr als ein Loch zurückstecken mutzte. Bei allem militaristi­schen und imperialistischen Drum und Dran darb­ten diese Staatsmänner doch in erster Linie ait die wirtschaftliche Wohlfahrt ihres Landes, zu deren Befestigung sie auch vor der Anwendung von Gewaltmitteln nicht zurückschreckten. Beson- ders aber Briand muß man die Gerechtigkeit las­sen, daß er soweit wie möglich, das heißt soweit es die Stimmung der französischen Chauvinisten zuließ, der besonderen Lage, in der sich Deutsch­land befand, Rechnung trug und damit seinem eigenen Lande besser diente, als der Shylock PoincarS, der das Wort »Wohlfahrt Frank­reichs* mit gallischer Emphase im Munde führt, aber über kurz oder lang sein Land und Volk an den Rand deS Abgrunds bringt. ...

PoincarS ist aber nicht nur ein schlauer Ad­vokat, er ist auch ein politischer Heuchle und Lügner, wie er im Buche steht. Er wei ganz genau, daß Frankreich auf dem von ihm eingeschlasenen Wege unmöglich die Milliarden unter Dach bringen kann, auf die es auf Grund des Versailler Vertrages Anspruch zu haben glaubt. Er weiß auch, daß die Forderung Frank­reichs an Deutschland, wenn nicht im vollen Ausmaße, so doch wenigstens zu einem den Gläubiger befriedigenden Teil erfüllt werden würde, wenn der Regierung Wirth genügende Zeit gelassen würde, um auf dem Wege einer An leibe Deutschlands Finanzen zu sanieren, den Wechselkurs zu befestigen und dadurch der deutschen Wirtschaft eine neue, ersprießliche Grundlage zu geben. Die wenigen Monate, um die Deutschland zu diesem Zweck die Erfüllung seiner Verpflichtungen zu vertagen wünscht, kön­nen für Frankreich keine so entscheidende Rolle spielen, daß dieses es darauf ankommen lassen könnte, sich durch rücksichtsloses Vorgehen jede Chance für die 'Zukunft zu verbauen. Dies tst so unwahrscheinlich, daß PoincarS die Welt für außerordentlich naiv halten müßte, wenn er ihr zumutet, an einen derartigen Widersinn zu glau­ben. Und tatsächlich scheint man diesmal in London das Spiel durchschaut zu haben, sonst wäre der allzeit nachgiebige und zum Umfall be­reite Lloyd George nicht fo fest geblieben. PoincarS hat allerdings in seiner draufgänge­rischen Art fein« Karten in so plumper Manier aufgedeckt, daß auch ein Blinder seine Winkel­züge durchschauen muß. Was er da seinen Kol­legen von der Entente über Deutschlands angeb­liche Böswilligkeit, über den selbstverschuldeten Ruin der Mark erzählt hat, ist so hanebüchen, daß man sich das Grinsen der englischen Staats­männer nachträglich deutlich vorstellen kann. Der Sturz der Mark ist durch nichts anderes als durch die französische Gewaltpolitik verursacht, wenn auch gelegentlich innere Zwischenfälle ein wemig nachgeholfen haben mögen. Von einer absicht­lichen Schwächung deS Markkurses durch di: deutsche Regierung kann aber selbstverständlich auch nicht entfernt die Rede sein.

Die Frage bleibt: Was wird jetzt geschehen? Roch existiert die Entente. PoincarS faat er selbst, daß der Mißerfolg der Londoner Konfe­renz keineswegs den D r u ch bedeutet. Man kann ja sehr wohl diesen Optimismus des ftanzösi- schen Ministerpräsidenten verstehen, für den eS in der Tai keine glücklichere Wendung der Ge­schichte gäbe, als wenn ihm England wider­spruchslos freie Hand gegen Deutschland bötc und sich auf einen stummen Protest dagegen be­schränkte. daß durch daS eigenmächtige und rück­sichtslose Vorgehen der Franzosen seine eigenen Interessen und die der anderen Verbündeten ge­schädigt würden. Daß dies der Fall sein soll, ist allerdings kaum anzunehmen. Selbstverständ­lich können wir nicht erwarten, daß Großbritan­nien uns um unserer schönen Augen willen auch nur den kleinen Finger zur Hilfe reichte. Aber sein eigener Egoismus zwinat eS, sich dagegen zu wehren, daß PoincarS die Hypothek, die Frank­reich in Deutschland besitzt, in sosthem Umfang abhebt, daß nicht nur die Ansprüche der anderen Alliierten gänzlich ausfallen, sondern daß auch die gesamte europäische Wirtschaft, von deren Wohl und Wehe letzten Endes das Gedeihen Englands abhängt, nicht den lebten Todesstoß erhält. Will England das Heer seiner Arbeitslosen»nicht noch um Hunderttau- sende vermehren, will Belgien seine brach­liegende Wirtschaft auch nur teilweise wieder- Herstellen, will Italien dem vclitischen Chaos entgehen, in dos es infolge der schweren wirt­

schaftlichen Nöte unaufhaltsam steuert, dann darf Deutschland nicht den Klauen des französischen Adlers überlassen bleiben. Hier hört auch für den duldsamen Engländer die Gemütlichkeit auf, und er wird alles daran setzen, um aus der ver­fahrenen Situation zu retten, was zu retten ist Die Frage ist nur, ob eine solche Aktion ohne einen Zusammenstoß mit Frankreich wird ins Werk gesetzt werden können, ob also der bloßen Unstimmigkeit der offizielle Bruch folgen soll oder nicht.

Hier sind wir allerdings an dem wundesten Punkte des englisch-französischen Verhältnisses angelangt. Großbritannien hat durch eine zwar opportune, aber in ihren Folgen höchst gefähr­liche Politik wohl Deutschlands Niederbruch er­reicht, aber es hat an seine Stelle einen anderen und viel furchtbareren Gegner gesetzt. Vor dem Kriege war Deutschland durch die französisch-rus­sische Gefahr im Schach geholten; das heu­tige Frankreich dagegen herrscht nahezu unumschränkt in Europa, und das sonst so mächtige Albion sieht sich zu der kläglichen Rolle eines Bittgängers bei Frankreich verurteilt. ***

(Sine Antwort nach Paris.

Was der Kanzler zu sagen hat.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 17. August.

Reichskanzler Dr. Wirth hat gestern abend vor Vertretern der ausländischen Presse ausführ, liche Mitteilungen über den Stand des Repa­rationsproblems gemacht. Seine Darlegungen stellen in der Hauptsache eine Entgegnung dar auf die Aeußerunge«. welche PoincarS vor seiner Abreise von London der Presse gegenüber machte. Der Reichskanzler führte aus: Daß eine Regierung oder die Führer der Privatwirtschaft auf den Sturz der Mark hinarbeiten woll­ten, ist so unsinnig, daß der französische Minister­präsident damit bei niemandem, der die Wahr­heit sehen will, Glauben finden wird. Er hat bei dieser Gelegenheit auch behauptet, Deutschland habe der Tschecho-Slowakei eine Anleihe von vier Milliarden Mark angeboten. Daran ist kein wahres Wort. Weder von der deutschen Re­gierung, noch von der Reichsbank, noch von den deutschen Banken, die für ein so großes Finanz­geschäft in Betracht kommen könnten, ist ein sol­ches Angebot gemacht worden. An keiner dieser Stellen ist auch nur von Verhandlungen darüber irgend etwas bekannt. Die Unrichtigkeit dieser Behauptung ergibt sich für jeden, drr die gegen­wärtige wirtschaftliche Loge Deutschlands kennt, von selbst ans der gegenwärtigen Kapitalknapp­beit und Kreditnot Deutschlands, die sich am deut­lichsten darin ausdrückt, daß die Reichsbank z« Diskonterhöhungen gezwungen ist, während in allen übrigen Ländern die Ro- tenbanken ihren Diskontsatz immer weiter herab- setzen. Ebenso unrichttg ist die Behaupiung, daß deutsche Banken in Dänemark. Rumänien und Holland gegründet wurden mit der Absicht, den Verkauf der Mark im Auslande zu erleichtern. Wenn der französische Ministerpräsident behaup­tet, Frankreich brauche eine Beteiligung von sech­zig Prozent an der deutschen chemischen Industrie, um die Herstellung von Giftgasen zu verhüten, so muß demgegenüber darauf hin- gewiesen werden, daß der Friedeusvertrag den alliierten Mächten Möglichkeiten genug gibt, diese Betriebe darauf zu kontrollieren, daß keine Giftgase hergestelli werden, und daß von dieser Kontrollmöglichkeit wahrhaftig mehr als genug Gebrauch gemacht wird. Diese Behauptung ist einfach der Vorwand dafür, daß man in die GeschäftSverfahren der deutschen Industrie eindrinqen und ihre Konkur­renz beseitigen will. Um dieses Ziel zu ei reichen, wird auch vor dem sonst so heilig ge- priesenen Privateigentum nicht Halt gemacht, des. scn Nichtanerkennung man anderen Ländern als ein Verbrechen gegen die Zivilisation an rechnet

Verständigung der einzige Weg!

Berlin, 17. August. (Privatielegramm.) Der Reichskanzler führte in seiner Ansprache an die Vertreter der ausländischen Presse zum Schluffe noch aus: Herr PoincarS hat es abgclehnt, den Völkerbund zur Entscheidung einer juristischen Streitfrage anzurufen, wie dies Herr Lloyd George vorschlug. Wicvile Zutrauen kann das deutsche Volk schließlich zu der Unparteilichkeit eines Völkerbundes baden, dem der französische Ministerpräsident selbst die Autorität zur Entscheidung a b s p r i ch 1, nur weil in ihm neu- trale Mächte vertreten sind. Heute ist die Mark auf den zweihnndertfünszigsten Teil ihres Frie- denswert-s gesunken. Diese Tatsache macht es unmöglich, für Barzahlungen an die Alliier­ten ausländisch« Zahlungsmittel auf dem De- vifenmarft einzukanfcn. Hätte London zu einem vernünftigen Ergebnis und zn dem unumgäng­lichen Moratorium geführt, dann stände der Dol­lar heute nicht am ;(>50, sondern vielleicht wieder auf 400 oder 50o, und das Vertrauen der Weltin diedeutsche Kreditfätzi gkeit

wäre teilweise wieder hergestelli. Do aber ist auch zunächst die internatio­nale Anleihe zerschlag en, die allein Frankreich schnell in den Besitz großer Bannittel hätte bringen können. Durch eine solche Politik schiebt Frankreich selbst das Ziel, von Deutsch­land Barzahlungen zu erhalten, immer weiter hinaus. Rach allen negativen Erfahrungen der letzten drei Jahre hat der französisch« Minister- prWdenr noch einmal den Nachweis erbracht, daß mit Drohungen und wirtschaftlicher Knechtung das gesamteuropäiscke Problem nicht gelöst wer­den kann, unter dessen Druck Deutschland und Oesterreich am meisten, aber mit ibnen auch die anderen Völker Europas leiden. Dafür gibt es nur einen Weg, auf den der Minister Rathe - nau in seiner letzten Rede in Genua hinwies, den Weg der freien und gutwilligen Verständigung von Volk zu Volk.

*

Mtths offene Sprache.

Berlin, 17. August. (Privattelegrammc) Die »Deutsch« Tageszeitung- schreibt zu den Erklä­rungen des Reichskanzlers gegenüb-r ausländischen Journalisten: Auch Herr Dr. Wirth scheint nun die Notwendigkeit zu erkennen, Deutschland selbst als das durch das Londoner Fiasko am schwersten und unmittekbarst betrof­fene Land im Chor der Mächte zu Wort kommen zu lassen. Die Unterhaltung zeichnet sich vor manchen von uns beanstandeten früheren Aeuße- rvngen durch groß e Of fenh eit ans. Das gilt vor allem für die Zurückweifung der Ver­leumdungen PoincarSs. Wir find allerdings der Ansicht, daß es nötig gewesen wäre, auch die in London zweifellos frei enthüllten Raub- Pläne des stanzösifchen Ministerpräsidenten mit aller Deutlichkeit zu kennzeichnen.

Hoffnungen an der Seine.

Vertraten aus Belgien vnd Italien.

(Privat-Telegramm)

Berlin, 17. August.

Ministerpräsident PoincarS legt viel Wert darauf, seinen Bericht über London dem Kabinett so schnell wie möglich mitzuteilen. Er hatte des­halb zu gestern einen Ministerrat zusam- menberufen, der unter dem persönlichen Vorsitz des Präfidenten der Republik Millerand tagt Man hegt die Hoffnung, daß Belgien und vielleicht auch Italien in der Repa- rationSkommisfion für die französische Politik eintreten werden, da es hier nicht un­bekannt geblieben ist, daß PoincarS in Lon. don den italienischen Außenminister S ch a n z e r zum Teil für sich gewonnen hat. Einen Rückhalt findet diefe Ansicht in der italienischen Presse, die sich aufs schärfste gegen Lloyd George wendet und seine Haltung in London verurteilt Die endgültige entscheidende Sitzung der Repa- rationskommisfion wird am heutigen Donners­tag stattfinden, während gestern nur eine Sit­zung abgehalten wurde, in der zunächst lediglich die lauf nden geschäftlichen Angelegenheiten zur Erledigung gebracht wurden. Rach wie vor nimmt man hier an, daß PoincarS noch einen letzten Trumpf zurückbehalten hat, den er f>eut« ausspielen wird. Die Gerüchte von einer di­rekten deutsch-französischen Ser« rändigung (?) wollen deshalb nicht ver­stummen und in diplomatischen Kreisen wird be­hauptet, daß diefe direkte Verständigung eine» Teil der Pläne PoinearSs ausmache.

Die Verantwortung ruht auf Frankreich.

London, 17. August. (Eigene Drahtmekdung.) Die Londoner Presse enthält ernste und bedeut- äme Betrachrungen über die gegenwärtige in« ternationale Lage. Als allgemeine Ten­denz läßt sich feststellen, daß man in allen Par« teitreifen die Verantwortung für die Entwick­lung der Dinge vollkommen auf Frankreich legt. Selbst die konservativen Blätter wagen nicht mehr, die Haltung Frankreichs offen in Schutz zu nehmen, und das erste Hetzblatt 'des verstor­benen Lord Northcliffe, die »Daily Mail", steht ziemlich allein, wenn sic sich auch heute noch auf die Seite der französischen Regierung stellt. DaS Regierungsblatt »Daily C h r o n i c l e" lehnt in ernstem Tone die gestern nochmal- verbreite­ten Erklärungen PoincarSs ab und kommt dann auf die (auf der zweiten Seite dieser Nummer wiedergegsbene Red.) Unterredung seines Berliner Korrespondenten mit dem Reichskanz­ler Wirth zu sprechen. An der persönlichen Auftichtiakeit des Kanzlers bei seinem Eintreten für die Erfüllungspolitik könne nm so ivenigrr gezweifelt w-rdcn. als fein v'ltarb«!- ter an diefer Politik, Rathenau. dies mit dem Leben bezahlen mußte.

DerWiNeFrankreichs.

Bemerkung«« zur Weltwirtschaft.

In »re näetfitn Stummer »re Zeitschrift f#e Weltwirtschaft«re Wiederaufbau«' mach« de» Vencratdirektor der Samburg-Amerita-Lini,^ Geheimrat Cuno, Miitcilunaeu, au« den«« tot» schon jetzt d'.etoichtiaften Pnnttr mitfeilen «Snuei»

... Wie all« Produktion in den Kriegsjahren letzten Endes der Vernichtung diente, so ist auch heute noch saft jeder geistige Entschluß derer, die die Macht in Händen haben, letzten Ende- auf die Zerstörung neuer, mühsam er«- kämpfter Werte gerichtet. Zerstört die Schaffens­kraft ganzer Rationen, verschüttet die Bahn völkerbindenden Verkehrs, die Weltwirtschaft ein! Spielball politischen Eigennutzes, verzerrt der Wille zur Gemeinsamkeit. Das ifl| die Lage unserer Zeit und jenes Instrument- das man uns zivingt, als Frieden zu bezeichnen, verewigt unter der erzwungenen Rechtsfornt »Vertrag" diesen Zustand der Weltverkümme« rung. Tenn in Versailles liegt doch schließ­lich die tiefste Ursache all der leidvollen Verkett timgen.'v Aber es liegt etwas von der ausglei« chcnden Gerechtigkeit des Schicksals darin, daß! die Ersinner dieser wirtschaftlich verfehlter» Maßnahmen mit unter ihnen leiden müssen. Le­diglich der eigene Schaden hat sie stutzig gemacht und nur der eigene Nutzen hat sie auf ander«! Wege geleitet. Und es ist für uns zwar ein! schlechter, aber immerhin ein gewisser Trost, zh sehen, wie die Mitbettoffenen mit äußerster An­spannung zum mindesten den Versuch machen, et« was von dem wieder gutznmachen, waS in Ver­sailles und durch die nachfolgende« Dittate atw gerichtet wurde.

Das ist eS auch, was bei allen Enttäuschungen!, für unsere nicht einmal hochgespannten Erwar« tungen die Wirtschaftler von den Beratungen in Genua Mitgebracht haben. Die wirtschaftlich« Erfassung bei Friedensproblems (denn Frie­den haben wir ja doch eigentlich nicht; überall drohen und Wirkern militärische und wirtschaft­liche Kriegsmaßnahmen) ist die erste Voraus­setzung für den Wiederaufbau der gefamteit; weltwirtschaftlichen Beziehungen. ES kann nur aus wirklich wirtschaftlichen Betrachtungen de- ganzen Problems deS Völkerzusammenhanges/ nicht auS volittscher Betrachtung sich eine all­mähliche Entspannung, eine Erleichterung und eine allmähliche Lösung ergeben. Und was ifl bischer in dieser Richtung geschehen? Mr müs-' fett, wenn wir aufrichtig sind, bekennen: Noch nichts! Alle Reden, alle Hoffnungen scheiter­ten an einem unerschÄtterlichen Willen, an einem grausamen Willen, der unS verderben will, wenngleich die Welt darüber zugrunde geht: der Wille Frankreichs. Wo stehen wir denn jetzt? Vor neuen Kriegsmahncchmen, vor einer finanziellen Kontrolle, die unsere staatlich« Souveränität fchsechterdings vernichtet, und da­alles fast dreieinhalb Jahre nach dem Ende des Krieges, nach endlosen Konferenzen einschließlich der von Genua. Wenigstens ttn Innern müssen wir den Mut zur Tat haben; wir müssen zu einer einfacheren Gestaltung und Schlichtung imferer Behördenorganisationen und zu einer einfacheren Besetzung unserer Behörden kom­men. Man kann und muß einfacher wer­den in Steuerfachen. Man muß wohl fester zupackend sein als frittier, aber nicht kom­plizierter, nicht Steuern ansfchreiben, die durch ihre Erhebung bereits wieder auf« jebrauchtwerden und dazu in einem Sta« >imn, wo die Steuerfchrauben unter dem inne­ren und äußeren Druck bereits am höchsten an­gespannt sind.

Auch tu der Seeschiffahrt wird fctiwer und chweigsnd an dem großen Werk des Wiederauf­baus gearbeitet. Ein englischer Freund, der den Friedens-Verhandlungen auf der anderen Seite beiwohnte, hat mit der ihm eigenen Of­fenheit gesagt, daß die Frage der Hergabe oder der Wegnahme der deutschen Flotte niemals unter den Alliierten, selbst in den internsten Kreisen nicht, auch nur irgendwelche Diskussion hervorgerufen hat; denn alle seien sich darüber einig gewesen, daß alles, was an beweglichen Werten internationaler Art und insbesondere an Goldwerten vorhanden war. von den Alliier­ten weggenommen werden mußte. Rur darüber ei ein ebenso erbitterter Streit nachher entstan­den, wie man sich untereinander diesen Raub teilen wollte. So kam es zur Auslieferung der gesamten deutschen Handelsflotte. Die deut» chen Reedereien haben bei dem Wiederaufbau der Handelsflotte versucht, auch die Zusammen­arbeit mit dem Auslande neu zu begründen. Es wurden, nachdem die Sicherung geschaffen war, daß eine Ue&erfrembung nicht stattfinden konnte. Vertrüge mit amerikanischen Konzernen abge- chlossen. Neberall regt sieb neues Leben in bet deutschen Schiffahrt. Die Bautätigkeit hat z. B. bei der Hamburg-Arncrika-Linie bereits zu einer eigenen Tonnage von 140000 Tonnen geführt und 36 Schiffe sind heute in Fahrt. Freiheit des Handels und dcr Häfcn, Freiheit d:s Vcrlctirs