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Meter Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Nummer 191

Donnerstag, 17. August 1922

12. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 953

Fernsprecher 951 und 952

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? Hessische Abendzeitung

Sranfreidj am Scheidewege.

Dollar Thermometer. Was zeigt der Dollarstand an?

An dem Dollar-Thermometer ist der wirt- sckaftliche Zustand des Deutschen Reiches untrüg­lich adzuleim. Was uns aber diese Betrachtung so ungeheuer bitter macht, ist die Tatsache, daß wir die wirtschaftliche Fieberkurve nur mit ganz kleinen und unwesentlichen Unterbrechungen auch einmal nach unten gehen sehen, während sic in ihrer letzten Wirkung immer und immer wieder zu geradezu phantastischer Höhe klettert. Zahlen beweisen! So sagt man! Wir sind sonst nickt davon erbaut, in tagesschriftstellerischen Betrach­tungen politischer oder wirtschastlicher Natur um­fassendes Zahlenmaterial zu verwenden. Es fehlt vielfach die Möglichkeit, die toten Zahlen leben­dig zu macken und ihre Bedeutung durch schluß­folgernde Betrachtungen zu erhärten. Aber di: Zahlen und Ziffern, die der Dollar-Thermome­ter anzeigt, sind für jedermann verständlich. Es ist auch interessant, schon im täglichen Leben zu beobachten, wie eine förmliche Dollarpf h- ch o s e die breitesten Schichten ergriffen hat, wie das Gespräch nicht nur der berufenen Wirtschaft­ler und Politiker, sondern der einfachsten Haus­frau, ja felbst schon der Jugend sich immer und immer wieder um den Dollar dreht, wie man förmlich in Dollars denkt!

Hier einige Gegenüberstellungen: Am Tage des Kriegsausbruches im August 1914 galt der Dollar 4,20 Mark. In den ersten Tagen des August 1922 streifte er die Grenze von 900 Mark! Das bedeutet eine 225-fache Wertsteigerung des Dollars, aber auch eine ebenso große Entwertung der Mark. Im Vergleich dazu gilt die Reichs­mark heute noch nicht einmal einen halben Pfen­nig. Und weiter. Vor einem Jahr wurden in Oesterreich für den amerikanischen Dollar genau so viel österreichische Kronen bezahlt, wie jetzt deutsche Mark aufgewandt werden muffen. Und beute, nach einem einzigen Jahr, zahlt man tn Wien über vierziytausend Kronen ftir einen ein­zigen Dollar! Ob wir nach einem Jahr auch so weit" sein werden? Wie oft haben wir ge­hört. und ost hm man es uns mich von berufe­nen Kreisen gesagt, daß wir in Deutschland bei dem viel regeren Jndustrielebenso weit" nickt kommen würden, wie es in Oesterreich bis­lang der Fall gewesen ist. Aber wir haben, immer und immer wieder feststellen können, daß wir fast haarscharf lediglich um ein Jahr hinter der österreichischen Entwicklung zurückgeblieben sind. Alles, was bei uns in,zwischen geleistet wurde, hat nicht verhindern können, daß wir auf Jahresfpanne dem österreichischen Zerfall gefolgt sind. Die Aussicht, daß der Dollar vierzigtau- scnd Papiermark kosten könnte, so zwar, daß der Tausendmarkschein zehn Pfennige wert ist. sollte uns doch fürwahr die furchtbare Lage vor Augen führen, in die wir hineinsteuern.

Aber mehr noch als bei uns, liegt es an un­seren Gegnern, mit Grauen und Schrecken an eine derartige Entwicklung der Dollar vierzig- tansend Mark im nächsten Jahre! zu denken. Denn noch stets hat sich bisher geradezu unfehl­bar der vernichtende Einfluß der Politik der En­tente ans di? Dollar- und Markbewertung geltend gemacht. Hier ist der Beweis: Noch unmittel­bar nach dem wirtschaftlichen und politischen Zu­sammenbruch im November 1918 stand der Dol­lar noch kaum auf dem Doppelten seines Frie­denswertes, auf etwa 8 Mark. Nachdem all das Furchtbare an blutigen Aufständen, an Putschen an Deutschland vorübergegangen war und nach­dem inzwischen der vernichtende Friedensvertrag von Versailles geschloffen wurde, stand der Dol­lar knavp auf dem Vierfachen des Friedenswer- tes, auf etwa 16 Mark. Das war etwa Juli 1949. Ein Jahr später im Juli 1920 notierte der Dol- t lar bereits 42 Mark, int Juli 1921 auch noch erst 80 Mark ... heute fällt es uns nickt schwer, die­ses Wörtchenerst" zu schreiben, obwohl es sich damals bereits um eine zwanzigfache Verschlech­terung des Markwertes handelte. Wiederum ein Jahr später und zwar in diesen Tagen sehen wir aber den Dollar auf über 800 Mark klettern, wir sehen uns also gegenüber dem Stande vom vorigen Jahre einer zehnfachen, und gegenüber dem Friedensstande des Dollars und der Mark einer zweihundertfachen Steigerung gegenüber.

Seit Juli 1921 ist es rapide abwärts began­gen. Hier wiederum einige Zahlen. Der Dollar wurde beziffert im August 1921 mit 120 Mark, November 1921 300 Mark. 2. Januar 1922 186 Mark, 1. März 1922 240 Mark, 1. Juni 275 Mark, 1. Juli 390 Mark, 10. Juli 525 Mark. A). Juli 480 Mark, 25. Juli 520 Mark, 31. Juli 670 Mark, 1. August 780 Mark, 2. Nuaust 800 Mark. 5. August etwa 900 Mark und gestern um 1000 herumpendelnd! Man kann fast an den Auf­zeichnungen die jeweilige Zulvitzung der außen- politischen Lage feststellen. Ein kleiner Ansatz zur Besserung wurde sofort wieder in seinen Wirklingen vereitelt durch die geradezu blind um üch schlagende französische Bolitik unter Führung V o i n c a r ö s. Solange Deutschland einer sol­chenPolitik", wie man das fälschlicherweise be­zeichnet. als willenloses Objekt ausgesetzt ist, fv-

lange wird die Fieberkurve der deut­schen Wirtschaft, die zugleich auch den Ge- fundheitszustand der deutschen Nation anzeigt, ii eiter nach aufwärts verlaufen. Die Lage ist tatsächlich so, daß wir es am wenigsten in der Hand haben, den Dingen Einhalt zu gebieten. Und doch wäre es verfehlt, wenn wir tatenlos in dumpfer Resignation oder gar Verzweiflung verharrten! Wir sollen es uns auch abgewöh- uen, aufdas große Wunder" zu warten, etwa auf den englisch-französischen Zusammenstoß oder auf den guten Onkel aus Amerika! Wir müs­sen, so viel an uns liegt, selber Hand mit an­legen zu einer Besserung. Freilich werden uns alle Bemühungen nach dieser Richtung hin täg­lich, ja stündlich schwerer gemackt. Aber wir müssen doch vor allem Sorge dafür tragen, daß wir allmählich wieder zu einer normalen Wäb- runa zurüekkehren können. Der Stand des Dol- lor-Tbermometer zeigt uns, daß Gefahr im Ver­züge ist. Um einen" Totkranken zu retten, muß aber das Aeußerste ausgeboten werden.

Frankreich om Scheideweg.

Vor dem Ende der Entente?

tEigene Drahtmeldung.)

Berlin, 16. August.

Der allgemeine Eindruck in Berliner diplo­matischen Kreisen geht dahin, daß die E n t e n t e nu« tatsächlich zu existieren aufge­hört hat. Die Reuternote, wonach die Be­ziehungen zwifch-n den Alliierten sichnicht ver- schlechtchst" haben sollen, wird als ein schwacher Versuch angesehen, der Welt Sand in die Augen zu streuen. Einer der maßgebenden Diplomaten Berlins äußerte sich! zu einem Zeitungsoertrerer in diesem Sinne und fügte hinzu, daß nunmehr dem Abbruch der Londoner Konferenz wahr­scheinlich auch das Ende der Reparations­kommission folgen werde. Bei der Bera­tung des Moratoriumgesuches werde Frank- re i ck in der Kommission aller Wahrscheinlichkeit nach überstimmt werden, und dann werde wohl nichts weiter übrig bleiben, als daß Herr Dubois sein Amt niederlegt und Frank- reich aus der Kommission ausschei­det. Freilich würde sich dann ein neuer Kon­fliktstoff zwischen den Alliierten ergeben, ein Konfliktstoff, der noch schwerwie^ndere Verwick­lungen in sich bergen könnte, denn die Engländer und Italiener würden sicherlich darauf bestehen, daß das einmal mit Stimmenmehrheit beschlos­sene Moratorium Deutschland auch tatsächlich gewährt werde. Frankreich werde dann an einem Scheidewege stehen, wo ihm die Wahl noch viel schwerer fein dürste, als jetzt in London. Die Entfremdung zwischen den Alliierten habe ihren Anfang genommen und die beschwichtigenden Worte der Reuternote vermöchten doch nicht über diese Tatsache hinweWutäuschen.

Die Stimmung in London.

London, 16. August. (Privattelegramm.) Viele politische Persönlichkeiten sinh hier überzeugt, daß die Entente künftig nur dem Na­men nach noch bestehen könne. Die öffentliche Meinung in England neigt allerdings auch dazu, zu glauben, daß die Balfournote einer der Hauptgründe ist, durch die die Aussichten auf eine Einigung vereitelt wurden, aber gleichzeitig tadelt diese öffentliche Meinung Poincarss Hartnäckigkeit und erblickt in ihr einen gewichtigen Grund, der zum Fehlschlag der Londoner Konferenz führen mußte.

Der grollende Gngiänder.

Hat keinen Abschied genommen.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 16. August.

Die Abreise der französischen De- legierten von London erfolgte, ohne daß Lloyd George ihr das Geleit zum Bahnhof gegeben hätte. Er war nur durch seinen Privatsrkretür Grigg vertreten. Ferner war Sir Robert Horne anwesend. Unmittelbar nach der Abreise PorncarSs trat der englische SabinettSrat zusammen, um sich über die weiteren Maßnahmen schlüssig zu ma­chen. Die Sitzung dauerte bis in die Nacht hinein. P o i n c a t e und die französische Dele­gation wurden bei der Ankunft in Paris von einer großen am Bahnhof wartenden Menschen­menge begeistert begrüßt (!). Heute früh fuhr Poincarö mit feinen Ministerkollegen von Paris nach Rambouillet, wo unter dem Borsitz von M i l l e r a n d ein großer Kadi- uetlsrat Beschlüsse zu faste» hat, von dem

die ferneren Entscheidungen des Ministerrats abhängrn. Die Minister begaben sich sofort nach Beendigung der Beratung nach der Hauptstadt.

Sammer und Senat.

Paris, 16. August. (Privattelegramm.) Wje von verschiedenen Zeitungen gemeldet wird, sind die Kammer und der Senat zu wichtigen Beratungen zum 22., nach anderer Meldung zum 29. August nach Paris eiirberufen worden.

Berliner Eümmungen.

Nach dem Londoner Zusammenbruch. lVrivat-Telegramm.)

Berlin, 16. August.

Die durch deu Ausgang der Londoner Konfe­renz neu geschaffene Lage war gestern Gegen­stand von Besprechungen, die der Reichs­kanzler mit den in' Berlin sich aufhaltenden Parlamentariern hatte. Die Beurteilung der Lage durch den Kanzler war zurückhaltend, doch hält Dr. W i r t h den Ausgang von London den deutschen Interessen für zuträglicher als eine EiniMmg auf der Poincaräschen Formel gewesen wäre. Die Einberufung des A u S - wärtigenAusschussesist bisher nicht er­örtert worden. Dessen Vorsitzender, Dr. S t r e > semanst, war verhindert, an den gestrigen Besprechungen mit dem Kanzler teflzunehmen. Eine Londoner Zeitung berichtet von einem Telegramm, das Staatssekretär a. D. Berg­mann vom deutschen Reichskanzler erhielt. Da­nach erttärt sich Dr. Wirth außerstande,-einer schwereren Finanzkontrolle als der mit dem Ga­rantiekomitee vereinbarten zuzustimmen. Für eine AUsdehnungderalliiertrn Kon­trolle würde im Reichstag keine Stimme zu haben sein. Die Abmachungen mit dem Ga- rantiekomitee waren vom Reichstag nur unter der Bedingung genehmigt worden, daß damit die Sache endgültig erledigt sei.

Die Hand an Deutschlands Kehle.

Graf, 16. August. (Eigene Drahtmeldung.) Rach einer Meldung desMatin" gilt der Heu- tige französische Ministerrat unter dem Vorsitz von Miller and der Beschlußfassung Uber neue Maßnahmen gegen Deutsch­land. In amtlichen Kreisen hält man eine Verschärfung der vorgesehenen Zwangsmaßnah­men gegen Deutschland für notwendig.

Amerika bedaueri lies.

Notwendige Stärkung des MarkknrseS.

^Eigene Drahtmeldung.)

Newyork, 16. August.

In amerikanischen Kreisen der Finanz und Politik wird der Ausgang der Londo- ner' Konferenz tief bedauert, weil dadurch die auch für Amerikas Wohlfahrt nötige Wieder- Herstellung des europäischen Gleichgewichts ver­zögert wird. Die YfeschSstswclt erkennt an, daß Deutschland zunächst in die Lage versetzt werden mutz, den Marklurs z« heben, bevor an «eue Besteuerung gedacht wer- d e n k a « n. Zu diesem Zweck ist es unumgäng­lich notwendig, daß Deutschland eine g r S tz e r e äußere Anleihe erhält, aber diese kann es wiederum nicht aus Grund des heutigen Stan­des der Rcparationsfordernngen aufnehmen. Tas weiß P o i n c a r 6 ebenso gut wie Lloyd George. Bedeutende Finanz- und Wirt­schaftssachverständige sind der Ansicht, daß durch ein Moratorium für die Barzahlungen bis Ende dieses Jahres und die Abgabe von 26 Prozent auf di: Ausfuhr diese Anleihe wahrscheinlich sei.

Der europäische Lnruvestister.

Rotterdam, 16. August. (Privattelegramm.) Der Rewhorker Vertreter eines Londoner Bla'- tes hatte eine Unterredung mit einer Persönlich­keit, die der amerikanischen Regierung nabesteht. Diese erklärte: Wenn PoincarS so fortfährt, wird er den Platz desUnruheftiftersauf dem Kontinent einnehmen.

*

Ein neuer Bntrag Frankreichs.

Genf, 16. August. (Eigene Drahtmeldung.) Aus Paris wird gemeldet, daß die französischen Vertreter in der Reparationskommifpon den Antrag cingebrach» haben, den Zusammen- tritt der-Bankierkonferenz zu verta­gen, bis eine Einigung unter den Alliierten üher die Regelung der Kriegsschulden erefolgt ist.

Wozu sparen wir?

Der Spartrteb eine entthronte Tugend.

I« Berlin wird fite jedes neugeborene $Hnb al« Gesrdenk der Sparkaffe ein Gutschein über drei Mar« verausgabt, der bei Anlegung eines Spar­buches fite da« Kind, bei Einzahlung von winde- ften« einerMae« von der Sparkasse eingelvst wird Dies« Notiz gewährt einen ttefrsihrenden Ein­blick in ein von den Umwertungen dieser Zert unberührt gebliebenes, naiv-kindliches Gemüt. Der Mann, der diesen menschenfreundlichen Plan ersonnen hat, lebt in seinen Träumen of­fenbar immer noch in jenen goldenen und silber­nen Friedenstagen, da eine Mark ein hübsches, rundes Stückchen Edelmetall gewesen, für das man sich immerhin einiges zur Verschönerung des Lebens beschaffen konnte. Er weiß nicht, daß für drei der schmutzigen grünen Zettel, de­nen mit schöngeschwungenen Jnittalcn oder in einfacher, aber kräftig-ehrlicher FrakturEine Mark" anfgedruckt ist, unterschrieben von den Nawenszügen der .Reichsschuldenverwaltung*, heute niemand gern auch nur bis zur nächsten Ecke gehen mag, wenn sich dort auch die Annah­mestelle der Sparkasse befände. Der Vater der Idee macht sich auch keine Gedanken darüber, in welch bodenlose Tiefen an Bruchteilen des ein- stigen Wertes die drei Mark bis zur Beendigung derSperrfrist* versunken sein mögen. Mt sol­chen Mitteln wird man ans der Asche der deut­schen Sparsamkeit keine neuen Flämmchen bla­sen ! Und mit nicht viel größerer Zuversicht kann man die an den Schulen in gleicher Richtung laufenden Bestrebungen betrachten, die Jugend zur Anlegung von Sparbüchern zu veranlassen. Auch unsere Kinder hören heute schon täglich in der Familie die Klage, daß das, was eben noch »um Leben genügt, in vier Wochen nicht mehr hinreicht, daß der Geldbetrag, für den man heule noch ein Kleidnngs- oder Wäschestück be­schaffen konnte, wertloser geworden ist, wenn man den Kauf auch nur geringe Zeit verschob. Wer hat den Mut, unter solchen Umständen, tn Zeiten, in denen noch dazu Überall, von kleinen Schichten abgesehen, das Einkommen hinter den notwondigen Bedürfnissen zurückbleibt, zum Sparen aufzufordern, wer bringt den OptimiS- mus auf. zu versprechen, daß in zehn, zwanzig Jahren das ersparte Geld durch wiedergewon­nene Kaufkraft den Sparsamen belohnen werde?

Wenn man also über das Schwinden der Sparsamkeit Nagt, so ist es damit nicht ebenso bestellt wie bei manchen anderen Tugenden, bte man in unseren Tagen gleichfalls nur noch spär­lich anzutreffen pflegt. Die Moral ist gesunken, die Begriffe von Recht und Unrecht haben sich verwirrt. Das Gute im Menschen wird sich wieder mehr nach oben ringen, und für daS, was ewig gilt, werden alte Bezirke wieder er­obert werden. Aber wie ist es mit der Sparsam­keit? Ist ihr Begriff nicht von innen ausge- höhlt, hat sie nicht unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen ihren Sinn ver­loren? Gute Geschäfte sind freilich auch mit anderen Tugenden nicht zu machen und nie zu machen gewesen; sie dürfen es auch nicht sein. Auch die Tugend soll keinetüchttge Knb* fein, die unsmit Butter versorgt*. Dennoch, die Erfolge eines Tugendlehrers werden nicht groß sein, der offenbaren wirtschaftlicken Widersinn predigt und das heute nur zu allbeliebte Argu. ment, die Anständigen seienimmer die Dum­men" geflissentlich herausfordert. Wenn aber die Tugend ewige Geltung hat, wie uns immer ge­sagt wurde, wie kann sie zu irgend einer Zeit von ihrer Verbindlichkeit verlieren? Wie löst sich dieser Widerspruch? Und da finden wir denn, tocmt wir uns die vielberufene Tugend der Sparsamkeit etwas genauer vornehmen, an ihr ein Kennzeichen, das von vornherein miß- ttautsch machen mutz: Ist sie nicht immer auf« cngfte mit dem Hinweis auf irdischen Loh» ver­bunden gewesen? Hamman uns nicht ermahnt: Spare in der Zeit, sv hast du in der Not!*, und baden wsir nicht als Kinder die erbauliche Fabel von der Ameise und der Grille gelernt, von der titflenbbaften Hausmutter, die die leichtfertige, dem Augenblick lebende Zigeunerin im kalten Winter mit satter Selbstzufliedenheit von ihrer Schwelle jagt? Freilich, des Volkes Weisheit ist immer diesseitig gewesen und hat mit Vor­liebe die Empfehlung auch mancher anderen Tugend mit dem Hinweis auf irdische Bezah­lung verknüpft. Aber die Sparsamkeit ist doch zu eng mit dem Wirtfckaftlichen verbunden. Das ist es: die Sparsamkeit ist gar keine Tugend, sie ist nur je nachdem eine wirtschaftlich hoch zu wertende schätzbare Eigenschaft.

Also, die Tugend ist entthront, und wir dür­fen lustig verschwenden! Sollte es wirklich f» sein? Sollte nicht auch hinter dieser Schein­tugend eine wirkliche sich bergen, eine, die un­abhängig von der Zeit das Kriterium der Gül- tigkcit in sich trägt? Wie tarnt auch die Spar­samkeit den Charakter des Ewigen gewinnen, der sie den vom Wandel unberührten Schwestern zugesellt s Wen» sie nicht auS der Serge für

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