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MMtvVch, 12. JuN 1922t

Kasseler Neueste Nach richte«

12. Jahrgang. Nr. 160

chen, was in diesem Fall- nichts anderes als ein Generalstreik ist. Wenn dieser streik Tatsache wird, so wird der Zusammenbruch der deutschen Kohlenwirtschaft nicht erst im Herbst oder Winter, sondern schon sofort erfolgen. Es sind weder größere Vorräte vorhanden, noch be­steht die Möglichkeit, nach dem Sturz der Mark englische Kochlen hereinzubekommen. Ein Dollar­kurs von 53«) Mark bedeutet, daß die Tonn- eng­lische Kohle in Hamburg 2500 Mark kostet, wozu noch die erheblichen Eisenbahnfrachtspesen nach dem Inland zu rechnen sind. Die deutsche Wirt­schaft vermag diese Last nicht auf sich zu nehmen, so daß ihr nichts anderes übrig bleibt, als alle Betriebe zu schließen. Auch ohne Generalstreik ist unsere kohlenwirtschastliche Lage überaus ernst. Da sich die Bergleute bisher geweigert ha­ben, die Ueberschickten wieder aufzunehmen, da ferner auch die Förderung von Tag zu Tag sinkt, so ist

eine Krise im Herbst oder Winter

Unvermeidlich, wenn jetzt ein Generalstreik er­folgt. Was zur Verschärfung der Lohnbewegung km Ruhrgebiet beigetragen hat, das ist, daß die Führer der Bergarbeiter dabei beharren, daß oie Unternehmer zunächst höhere Löhne bewilligen sollten, ehe über die Mehrförderung verhandelt werden könnte. Die Festsetzung der Löhne ist abhängig von den Kohlenpreisen, die aber auch nicht der Bergbau, sondern der Reichskohlenrat bestimmt. Heute schon steckt in den Kohlenpreisen ab Zeche ein Lohnanteil von rund sechzig vom Hundert. Wenn die Mehrförderung unterbleibt, so kann der Bergbau die neue Belastung nicht mehr tragen, ebenso wenig, wie die Wirtschaft, für die der Kohlenmangel heute schon unerträg­lich geworden ist. Die chr i st l i ch e n Bergarbei- rerverbändr warnen die Ruhrbergleute in einem Aufruf. Sie verweisen auf England, v-o der Generalstreik den Bergarbeitern außer Lohnkürzungen noch Mehrarbeit brachte.

Ungeklärte Lage.

Noch kerne Verständigung im Reichstage.

(Eigener Bericht.)

Berlin, 11. Juli.

Die politische Lage im Reichstag ist noch im- tner ungeklärt. Man spricht von der Gefahr einer Reichstagsauflöfung, die zweifelos von ernsten Folgen begleitet sein mutzte. Die Par­teien reden vorläufig noch aneinander vorbei. Die mittlere Linie der Verständigung ist iwck nicht gefunden. Diese unsichere Situation übt auch auch die Plenarsitzungen ihre Wirkung aus. Ueberall bilden sich im Sitzungssaal Gruppen von Neugierigen, die Aufklärung wünschen von den Wissenden. Die gestrige Atzung nahm erst um 5% Uhr ihren Anfang. Die Interpellation Hergt (Dntl.i betreffen

Aufruhr und Anarchie

mt Lande Thüringen und Becker-Hessen (D. Vpt.) betreffend die Vorgänge in Darm­stadt, werden, wie ein Regierungsvertreter mit­teilte, in der üblichen Frist beantwortet werden. Voraussichtlich also Ende der Woche. Eine so­zialpolitische Erörterung wurde dann durch einen Antrag aller Parteien ausgelöst, der eine Erhöhung der Bezüge der Sozialrent­ner fordert. Da die Reichskasse nickt in der Lage ist, die dazu erforderlichen Mittel zu ge­währen, sollen die Erhöhungen bei den Rent­nern zu Lasten der Versicherungsträger erfolgen In der Aussprache erkannte man die Notlage der Rentner an und bedauerte, daß es nicht mög­lich sei, noch mehr (Sir diese Aermsten der Armen zu tun. Die Vorlage fand dann natürlich ein­mütige Zustimmung. Es wurde eben so viel gewährt, wie möglich wer. Im Namen des Bil- dungsausfchuffes forderte der Abgeordnete Dr. Beermann (D. Vpt.) Maßnahmen für die Junglehrer und Lehrerinnen und Auskrmft, ob ntxfii in einzelnen Ländern über­füllte Schulklassen vorhanden seien, d. h. Klassen die sechzig Kinder und mehr aufweifen. Das Haus stimmte diesen Forderungen zu. Darauf wurde in die zweite Beratung des Gesetzes

zum Schuhe der Republik

etngetretcn, das in schwierigen Sitzungen vom Rechtsausschuß des Reichstages geprüft worden war. Die Aendcrungen sind nicht grundligender Natur. Abg. Dr.-Bell (Ztr.) berichtete ein­gehend über die Ausschußvcrhandlungen. Ein bayerischer Protest gegen die Vorlage

folgte. Darauf wurden diese Verhandlungen abgebrochen. Der Versuch, den Gesetzent­wurf über die Pflichten der Beamten zum Schlitze der Republik ohne Erörterung an den Rechtsausschuß zu überweisen, mißlang. Die Deutschnationalen erhoben gegen dieses Verfah­ren Einspruch und ihr Vertreter, Abgeordneter Teglerk protestierte scharf gegen diese Vor­lage. Tie Haupterörterung über all diese inner- lich zusammenhängenden Gesetzentwürfe wird am heutigen Dienstag ihren Anfang nehmen und voraussichtlich nrehrere Tage währen.

Keine Kundgebungen.

Die Politik der Straße ruht vorläustg.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 11. Juli.

Die gestrigen Meldungen, daß heute wieder Demonstrationen beabsichtigt seien, wird von den freien Gewerkschaften und den sozialistischen Parteien widerrufen. Auch die Kommu- »i st e n haben von einer Demonstration Abstand genommen, behalten sich aber die Freiheit ihres Handelns vor. Auf der Konsere«rz für Berlin und Brandenburg der K. P. D. war allerdings die Forderung eines Generalstreiks aufgestellt worden. Die Aktionsgemeinschaft der drei Parteien der Linken ist nicht mehr vollstän­dig, da die Kommunisten mit der Haltung der Mchrl-eitssozialisten nicht zufrieden sind. Hatten die beiden sozialistischen Parteien schon im Laufe der letzten Woche heftige Angriffe von feiten der Kommunisten zu ertragen gehabt, in bezug auf die gemeinsame Stellungnahme zu dem Sckntz- gesetz und der Frage einer eventuellen Betei­ligung der U. S. P. an der Negierung, so machen sich diese Widerstände neuerdings auch innerhalb der H. S. P. gegenüber dem Beschluß ihrer Rcichskonfercnz vom 2. Juli bemerkbar. Gehen doch manche Teile der rheinischen und mit ihr westfälischen 11. S. P. in ihrer Unzufriedenheit gegen die Parteileitung in Berlin so weit, daß sie ganz unverhüllt vom nahen Bürgerkrieg spre­chen, wobei es gleichgültig sei, ob es zu einer Reichstagsauflösung komme »der nicht.

Um das Amnefttegesetz.

Straffreiheit für die Jahre 1920 und 1921. (Eigener Bericht.)

Berlin, 11. Juli.

Im RechtSausschuß des Reichstages wurde der Gesetzentwurf Wer Straffreiheit für politisch^ Straftaten beraten. Der Entwurf besagt, daß Personen, die im Jahre 1920 nach dem 4. August und im Jahre 1921 an einem hoch­verräterischen Unternehmen gegen das Reich als Täter oder Teilnehmer mitgewirkt haben, Straffreiheit gewährt wird. Das gilt je­doch n i ch t für Straftaten, die sich in d a s I a h r 1922 fortgesetzt haben. Ferner wird Straffrei­heit gewährt Personen, die von den auf Anord­nung des Reichsjustizministers i m I a h r e 1921 errichteten außerordentlichen Gerichten wegen Handlungen verurteilt worden sind, die mit ement gegen das Reich gerichteten hochverräte­rischen Unternehmen im Zusammenhang stehen, sosern die Handlungen nicht lediglich auf Roheit, Eigennutz oder sonstigen nicht politischen Be- ioeggründen beruhen. Die Sozialdemokraten beantragten, daß die Straffreiheit für die im Ge­setzentwurf bestimmten politischen Straftaten im Gebiete des ganzen Deutschen Reiches gewähr! werden und daß ferner die Straffreiheit auf Personen, welche mit dem Eisenbahnerstreik int Februar 1922 im Zusammenhang stehen, ausge­dehnt werde. Dieser Antrag wurde nach länge­rer Diskussion gegen die sozialistischen Stimmen abgelehnt.

Angenommen wurde die Regierungsvorlage, die gewisse gegen das Reich gerichtete politische Straftaten, die eingangs näher dargelegt wur­den, straffrei macht. Gegen dieses Amnestiegesetz stimmten die Deutschnationalen, die Deutsche Volkspartei und die Bayrische VoWpartei. Ge­mäß dem vom Ausschuß angenommenen Gesetz­entwurf sind von der Straffreiheit a u s - geschloffen die Personen, die zur Durchfüh­rung des hochverräterischen Unternehmens oder im Zusammenhang mit dem hochverräterischen Unteritehmen ent Verbrechen gegen das Le­ben, ein Verbrechen der schweren Körper­verletzung, des schweren Raubes, der

schweren Brandstiftung, der vorsätzlichen Gefährdung eines Eisenbahntranspor­tes, ein Verbrechen gegen Paragraph 321 Ab­satz 2 des Strafgesetzbuches oder ein Verbrechen gl^en die Paragraphen 5 und 6 des Gesetzes übw einen verbrecherischen und gemeingefähr­lichen Gebrauch von Sprengstoffen vom 9. Ium 1884 begangen Haden.

Kohlenknse im Ruhrgebiet.

Vor den Streikverhandlungen.

(Eigener Bericht »

Essen, 11. Juli.

Die Regierung betrachtet die Streikneigung der Ruhrbergleutc als sehr ernst. Sie kann na­türlich einer weiteren Gefährdung der Kohlen­produktion und Störung des Wirtschaftslebens nicht tatenlos znschen. Sie hat die Tarispar- teien zu neuen Verhandlungen eingeladen, die bereits am heutigen Dienstag in Essen beginnen. Reichsarbeitsminister Dr. Brauns wird die Eipigungsversuche persönlich unternehmen. Der jetzige Führer der christlichen Gewerkschaf­ten, früherer Ministerpräsident Siegerwald sprach in einer Konferenz der Funktionäre des deutschen Gcwerkschaftsbundes der Zecken-Bc- triebsrätc und Vertrauensleute der christlichen Berussvcrbände, die zur Lage im Bergbau Stellung nahmen. Einen Streik im Ruhr­bergbau in der jetzigen Zeit bezeichnet Steger- wtld als ein Verbrechen am Bolke und an der Nation. Eine Entschließung, die von der Konferenz angenommen wurde, weist auf die aussichtsreichen Verhandlungen im Bergbau hin ttnb ersucht, den Aufforderungen zur Mas­senkündigung keine Folge zu leisten. In der Entschließung heißt es weiter, daß das Schicksal des Bergmannes und des Bergbaues das Schicksal des ganzen Balkes sei. Mir sind fest entschlossen, als christliche Gewerkschaftler mit unseren Freunden im ganzen Lande der Bernunft zum Siege zu verhelfen.

Bezüge der Sozialrentner.

Erhöhung der Notklaffcn.

Dem Reichstage ist von Abgeordneten ver­schiedener Parteien der Entwurf eines Gesetzes über die Erhöhung der Bezüge der Sozialrent- ret zugegangen Der Gesetzentwurf steht eine Aenderung der Rotklassen der Versicherten vor bis zur Höchstnotklasse von über 72000 Mark. Die bereits festgesetzten Renten sollen vom 1. Angrtst 1922 an bei Invaliden-, Al­ters- und Witwenrenten um 200 Mark, bei Waisenrenten um 100 Mark monatlich et höht werden. Des weiteren wird eine Aen- dcrung des Gesetzes über Notstandsmaßnahmen zur Unterstützung von Rentenempfängerit der Invaliden- und Änqestelltenversichert'.ng da­bin beantragt, daß die Unterstützung ans beson­deren Umständen so zu bemessen ist, daß das Jahreseinkommen eines Jnvalidenrentenempfän- gers 7200, eine Witwenrente 5700, eine Waisen­rente 3200 Mark beträgt, wobei das Arbeitsein- fcmnten bis zu 4000 Mark außer Ansatz bleibt.

Hessischer Volksbund.

Bildung eit*3 Direktoriums.

Dieser Tage trat in Kassel eine neue Leitung des Nordbezirks Landesverband Hessen- Nassau im Hessischen Volksbnnd zu­sammen und hat sich alsBundesleitung Nord" konstitniert. Die.Bedeutung dieses Vorganges liegt offenbar darin, daß durch die vollzogene Umbildung der Spitzenorganisation vom ver- einsmäßigen Vorstand zu einer Art Direk­torium, in dem alle Parteien vertreten sind, der volksmäßige, parteilose Charakter des Bun- des auch organisatorisch zum Ausdruck gelangt tind seine Tätigkeit für die Zukunft auf eine b'eitere Grundlage gestellt worden ist. Die Bundesleitung Nord" besteht aus folgenden Persönlichkeiten: E. Albrecht, Werkmeister, Kas­sel; A. W. Atzert, Kaufmann, Kassel; Foh. Ber- lit, Stadtrat, Kassel; C. Bott, Maurermeister, Mardorf; R. Brandait, Fabrikant, Witzenhau­sen; E. Sauber, Telear. Seit. Aufseher, Mar­burg; C. Dieterich, Stadtverordneter, Kassel; H. K. Reichisfreiherr von Dörnberg, Hausen; I. Tötenbier, Schreinermeister, Kassel; B. Froh- lich, Fabrikant. Kassel: Dr. K. Herdmann, Um»

versttäts-Prof., Halle a. d. Saale; F. Hellmalh, Techniker, Besse; W. M. Ide, Schriftsteller, Kass fei; Dr. F. Kersting, Studienassessor, Kassels Frl. Elfriede Kirchner, Kassel; H. Knaus, Lait- dcsobcrsekretür, Kassel; Knierim, Rechtsanwalt, Hilders; (5. Kunz, Fabrikant, Kandern; K. H. Luvoluh, Gutsbesitzer, Willingshain; I. Mol. ler, Straßenbabnschaffner, Kassel; H. Ruppel, Taubstnmmenlehrer, Homberg; W. Scheller, Schriftsteller. Kassel; M. Sherz, Forstkassenren- dant, Lichtcnau; K. Siebert, Pfarrer, Balhorn, K. Snabedissen, Pfatter, Heiltgenrode: H. We­ber, Kaufmann, Kassel; Ferdinand Maximilian, Erbprinz zu Usenburg, Wächtersback. Den ge- schästsführenden Ausschuß bilden folgende Her­ren: E. Albrecht, A. W. Atzert, W. M. Ide, Dr. F. Kersting, H. Knauf, W. Scheller, H. Weber, sämtlich in Kassel.

Aus VoMik und Wirtschaft.

Nene Banknoten. Eine Hilfsbanknote zu fünfhundert Mark muß jetzt von der RcictzS- vank ausgegeben werden, nach dem infolge des Buchdruckcrstreiks auch die Reicksdruckerei be­streikt war, so daß dort kein neues Papiergeld gedruckt werden konnte. Die Reichsbank war in so großen Schwierigkeiten mit der Versorg­ung der Banken und der Privaten mit Papier­geld gekommen, daß sie sich jetzt entschlossen hat, eine Hilfsbanknote im Werte von fünfhun­dert Mark drucken zu lassen.

Um die Reichswehr. Ein Reickswehr-Un tersuchungs-Atisfchuß ist von dem Reichswchr- minister im Hinblick auf die heftigen Anklagen gefordert worden, die bei den jüngsten Rcichs- tagsdebattcn von den verschiedenen Rednern der Linken und auch der Sozialdemokratie selbst gegen die Reichswehr und ihr Verhalten in der letzten Zeit gerichtet worden sind.

Der unerträgliche Frondienst. DerMatirtt meldet: Die detttschen Vertragskohlen­lieferungen an die Ettientc im Monat Juni sind wieder um zweihundertfünfundachtzigtau­send Tonnen hinter der Pflichtmenge zurück­geb I i eben.

Schätze in russischen Kaisergräbern? Wit aus Moskau gemeldet wird, wurden in Peters­burg die Kaisergräber in der Peter-Vaul- Kirche geöffnet. Die darin enthaltenen Wert­gegenstände wurden beschlagnahmt. Es stellte sich hierbei heraus, daß der Sarg Alerm- ders I. leer ist, wodurch die Sage neue Nah­rung erhält, daß der Kaiser nickt auf der Krim- insel gestorben ist. sondern daß er seine Tage als unbekannter Eremit in Sibirien beendete.

Japans Flottenstützpunkte. Nach einer Ha- vasmcldung aus Tokio werden in Ausführung des Washingtoner Abkommens die maritimen Stützpunkte von Takefbiki, Bott Arthur und Volko (Korea) anfaeboben.

Das Frauenwahlrecht in Holland. Bei den Wahlen zur niederländischen zweiten Kammer haben sich jetzt zum erstenmal die weiblichen Wähler beteiligt.

Neues aus Kaffe!.

40 Satire Raiffeisen in Hessen.

Zur heutigen Jubiläumstagung.

Ter Hessische Verband ländliche» Genossenschaften e. V. zu Kassel traf beute früh in der Stadthalle unter stärkster Be­teiligung aus dem ganzen Hessenlande zu seinem 40. ordentlichen Verbandstage zusammen. Tie­fer Verbandstag fetzt einen Markstein in der Ge­schichte der hessischen Raisseisenbewegung. auf den, wie nicht stark genug betont werden kann. Segen ruht und von der Segen ausströmt.

Die Raiffeifenvereine sind bekanntlich nach ihrem Begründer so genannt. Friedrich Wilh. Raiffeisen,Vater Raiffeisen" war ursprünglich Militärs. Ein Angenleiden zwang ihn, diese Laufbahn aufzugeben. Im Jahre 1843 wurde er Kreisfekreiär in Maven und dann war er 1846 Bürgermeister, zuerst in Meveftönsch. 1848 in Flammersfeld und ab 1852 in Weyerbusch bei Neuwied. Die Ursache der damaligen ländlichen Not crsab er in der Kreditnot und erkannte als alleinige Abhilfe den Weg der Selbsthilfe durch genossenschaftlichen Zusammenschluß.

Do gründete er in Weyerbusch schon 1816 einen Konsumverein, übertrug feine Ideen auch

Romantik und neue Seit Eine kleine Kunstbeteachtnng.

Von

Karl DemmeL

Romantik eigentlich das, was wir Deui- lcbeu in uns als heiligstes Gut tragen. Unsre Geschichte versetzt bis in die allergraueste Zeit, sie steh« in romantischer Form plastisch vor Augen. Das gelehrte Wort allein wäre macht­los, aber das Bild läßt mitsprechen. Kürzlich sagte zu mir ein Musiker:Ist nicht unsere heu­tige Zeit romanttsch?" Ich sagte nickt nein und nicht ja. Denn: Revolution an sich kann einen romantischen Charakter in sich tragen. Wenn 7ber eine Revolution schon von vornherein daraus ausgcht, mit der ihr eigenen Romantik der Romantik eines Volkes zu Leibe zu gehen, so ist hierbei, nach meiner Ansicht, nicht mehr von einem romantischen Zeitalter zu sprechen.

Es ist ober immer bisher in der Geschichte so gewesen, daß gerade Kriege das romantische Ge­fühl im Menschen belebt haben. Gleichgültig ob Sieg oder Niederlage. Und wir jetzt, viel­mehr nicht wir alle: Wir bringen toten, ftemd- ländiscken Worten, kalten, nüchternen Bildern und Plasttken alles absttatt ornamental Interesse entgegen. Diese neue Zeitkunst will in ihrem Urpiinzip eigentlich alles andere als abstrakt sein. Aber bisher ist das Gegenteil er­reicht worden. Zeit und Erfahrung haben es gelehrt. Unfer Volk kann Bei dieser Kunst nicht toarm werden Beweis sind die Theaterauf- ft'hrung-n im expressionistischen Rahmen, die das gesprochene Dichterwort ganz für sich einstellen. Man müßte aber bei dieser Kunst nur mit ge­schlossenen Augen im Tbeater sitzen. Nun aber der einfache, deutsche Bürger, der Erholung im Theater sucht? Und die, die trinken wollen von deutscher Art, die Jugend? Dieses Abstrakte kann auf keinen Fall einen Faden zur Vorstcl- lunaswelt der Jugend finden. Wassentragende Ritter und grell bemalte Leinwairdslächen paf­fen nicht zu einander. Wir spielen heute nicht

mehr das Stück um des Stückes willen, sondern der Regisseur geht nur darauf, ans, was er aus diesem Stückemachen kann". Der Eindruck der verschiedenen Szenen der neuen Theater­kunst verlöscht von selbst. In diesen neuen For­men werden die klassischen Werke nie leben kön­nen. Ich sah kürzlich in einem modernen Thea­terDvn Carlos",Richard TTI." undEg- mont". Ich muß es gestehen, daß ich wirklich nic&t mehr im Stande bin, mit die Folge der einzelnen Szenen ins Gedächtnis MÄickzuru- fen. Ich habe nur noch Leinwandflächen, ver­zerrte Schaufpielergeste und Regiegeräusch im Kopf.

Es mag vielleicht sein, daß mir von der Ge­genseite der Vorwurf gemacht wird, daß ich das Wesen der neuen Kunst nickt verstände. Aber schließlich, wenn man den Expressionismus in feinen letzten Stadien betrachtet, will er nicht durch eine gewisse innerliche Romantik oder auch Mystik zu dem Beschauer sprechen, ist nicht der Urhymnus des Künstlers die Romantik? Weg- lenanen läßt es sich nicht; die Wurzel des Er- preisionismus ist die Romantik. Aber Roman­tik, die nicht ihre Eigenart wahrt, kann niemals vollendet fein sie bleibt leblos. Sind die deutschen Dome dafür nicht Beispiel genug? Göttes sagt rmgeMr einmal so, daß wir keine Dome mehr bauen können, weil wir keine Re­ligion mehr haben. Wo aber ist dasAuf die Knie Zwingende', das Uraewaltige in der neuen Kunst? Ein expressionistischer Tom würde die religiösen Gefühle absttatt sein lassen.

Nun die Dichtung. Zugegeben, die Sprache ist vergeistigt das plastische Wortbild ist ausac- ,'chattet, die Einstellung zum Wort soll alles be­deuten. Wenn natürliche Kunst aber erst mft technischen Begriffen angefaßt werden muß, so zerreißt sie den künstlerischen Gedanken. Wohl ist das Wott des Dickters zuweilen tief rau­schend, dock es sind nickt die Bücket, zu denen man immer und immer wieder greift. Und wie kommt es. daß all diese modernen Kündet im­mer wieder zu dem alten Goethe greif-.? I» die Inspiration erst von der alten Form her nötig? Kunst für Einzelne ist im gewisse»

sinne wertlos. Die Masse hat Anfpruch auf Kunst, sie versteht nicht di- Welt dieser Einzel­menschen. Denn Kunst soll erbauen, Gebet fein für ruhige Stunden. Die wir zum größten Teil vor dieser neuen Kunst stehen, setzen wir hinter jeder Aeußerung erst ein Fragezeichen der Be­deutung.

Und diese Kunst ist nick« unsere Art, ist nicht deutsch. Man mag das Althergebrachte haus­backen schelten. Aber der Beweis ist erbracht, daß der Expressionismus bereits tot ist und nie hätte leben können. Ein führender Mann aus der neuen Kunstrichttmg äußerte einmal, daß die Zeit ja krank sei und deswegen auch eine kranke Kunst haben müsse. Das ist Beweis und Erledigung genug. Und nun die Romanlik. Auch die Romantik kann krankhaft wirken, so­bald sie Ekstase wird. Bleibt sie aber Wirklich­keit, ist ihr Eindruck frisch und belebend. Rur die Romantik ist dazu berufen, unsere Eigenart zu erhalten, unsere Geschichte ewig neu zu be­leben und vor alfeu Dingen das Gefühl des Göttlichen zu stärken. Denn der höchste Aus­druck der Kunst ist tiefe Religiosität.

Romantik und neue Zeit, zwei Begriffe real und ideal. Laßt dem Deutschen seine Ro­mantik, es ist einmal seine Art, denn eines Tages wird er doch alle leblose, unwirkliche Kunst zum Teufel jagen. DieseKunftbestreb- Hngen" sind einer Mi n d c rhe ftsd ikiatu r zu ver­gleichen, vor der sich die deutsche Volksseele nie beugen wird. Tie Ansätze dazu sind Gott fei Dank schon vorhanden.

Buntes Allerlei.

Durch Kabel gekraut.

Eine Trauung durch Kabel wurde dieser Tage zwischen einer Pariserin und einem Herrn aus Nebraska namens Lester I. Mabeus voll­zogen. Die junge Dame hatte den Herrn, einen Postbeamten, in Paris kennen gelernt und sich dann *wieflich mit ihm verlobt. Es war nun aber

Mabeus unmöglich, zu der Verheiratung nach Paris zu kommen; andererseits fürchtete er, daß die Behörden seine Braut nicht nach Amerika bereinlaffen würden. In seiner Verlegenheu wandte er sich an den Richter in Nebraska und bat ihn um Hilf.e Ter Richter kabelte an die Dame:Wollen Sie Lester I. Mabeus zu Ihrem gesetzlich angetranten Ehegatten nehmen?" Als die bejahende Kabelantwort eintraf, fertigte er daraufhin ein Eheschließungsdokument ans und fchickte es ihr nach Paris. So konnte die jung- Dame als Frau Mabeus nach Newhork reisen, und von den amerikanischen Behörden wurde das Zeugnis als rechtskräftig aneifcnnt

Die größten Stocken.

Die größte Glocke der Welt, die wohl jemalö gegossen worden ist, war die sogenannte Za­renglocke, die in der Mitte eines Moskauer Platzes stand. Sie war so umfangreich, daß sie zugleich als Kapelle dient/. Sie wurde 1733 fertiggesfelli; aber bei dem Versuch, sie auszu­hängen, brachen die Stützen entzwei und sie stürzte ,u Boden, wobei sie ein großes Lock in der Erde aufwühlte. Sie wurde also an Ort und Stelle gelassen und diente Hunden Jahre als kleines Gotteshaus. Diese Riesenglocke wog nach den Angaben einer englischen Zeitschrift 219 Tonnen, war 19 Fuß 3 Zoll hoch, 36 Zoll dick und maß 22 Fuß 8 Zoll im Durchmesser. Die größte Glocke, die gegenwärtig noch benutzt wird, ist in Moskau; sie wiegt 128 Tonnen. Nach ihr hat den Anspruch auf die größte Ausdehnung eine Glocke einer Pagode in Bir­ma, die 16 Fuß hoch ist und 80 Tonnen wiegt. In der Größenlolge der Glocken schließen sich bann an: Die große Glocke von Peking mir 53 Tonnen, die Glocke des Kölner Tomez mit 27% Tonnen, die Glocke von Nanking mit 22 Ton­nen, die Geläute der Hauptkirchen von Oekmütz, Wien und der Pariser Notre Dame-Kirche mit je 17 Tonnen. Tie Glocke der St. Panls-Ka- thedrale in London wiegt 16% Tonnen und die von St. Peter in Rom 8 Sonnen.