Kasseler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
12. Jahrgang.
Mittwoch, 3. Mai 1922
Fernsprecher 951 und 952
Nummer 102
Fernsprecher 951 und 952
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Der Verlauf der Maifeier.
Kraftproben.
A«S Industrie und Landwirtschaft.
Hinter den sich überstürzenden Ereignissen aus dem Gebiet der auswärtigen Politik treten gewisse Vorgänge im Innern säst vollständig zurück, obivohl sie bedeutngSvoll genug sind, um die ausmerffame Beachtung aller am inneren Frieden unseres Landes Interessierten beanspruchen zu können. Dazu gehört vor allem der große Arbeitskampf in der südwestdeutschen Metallindustrie, der nun schon seit einigen Wochen viele Tausende Arbeiter von ihren Arbeitsstätten fern hält und die Produktion hochwichtiger Erzeugnisse aufs empfindlichste beeinträchtigt. Dieser Kampf trägt wie die meisten Derartigen Auseinandersetzungen aus der letzten Zeit das Merkmal, daß er nicht um Lohnfragen geht, sondern eines der wichtigsten sozialpolitischen Probleme zum Streitobjekt hat. Es handelt sich nänrlich um die Frage, ob der durch den Willen der Arbeiterschaft zum Dogma erhobene Achtstundentag tatsächlich durchgeführt werden oder in der bisherigen Form weiter bestehen soll, daß nämlich die durchschnittliche Arbeitsleistung des Tages sogar noch weniger als gcht Stunden beträgt. Denn dieser Kampf in Süddeutschland ist entstanden, weil die Arbeiterschaft die Einführung der achtundvierzigstündigen Arbeitswoche nicht will. Sie beharrt dabei, daß die Arbeitszeit in der Woche nur wie bisher sechsundvierzig Stunden andauern soll, während die Unternehmerschaft auf dem Standpunkt steht, daß eine Arbeitszeit von vollen acht Stunden täglich das Mindeste sei, was wir zur Sicherung unseres Eüterbedarfs nötig haben. Bisher zeigt seine der beiden Parteien Neigung zur Nachgiebigkeit: im Gegenteil tritt das Bestreben der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft immer peinlicher zutage, das Kampffeld weiter auszudehnen und womöglich noch weitere Massen in die Bewegung mithineinzuziehen. So verlautet bereits, daß auch für die Berliner Metallindustrie die Möglichkeit eines großen Kampfes jn greifbare Nähe gerückt sei, weil auch hier die Metallindustriellen der Auffassung sind, daß die tatsächlich? Innehaltung des Achtstundentages, Has heißt die Achtundvierzigstunden-Woche, im Interesse der Produktion und damit der Arbeiterschaft selbst gefordert werden müsse.
Eine andere Streikbewegung ebenso bedenklichen Charakters gehr zurzeit in der Ostmark por sich. Dort, nämlich im Kreise Deutsch-Krone, befinden sich einige tausend Landarbeiter wr Ausstand, und zwar, was sich zum erstenmal ereignet und allerlei zu denken gibt, christlich- pationale Gewerkschaftler mit dem sozialdemo- kratifchen Landarbeiterverband Schulter an Dchulter. Auch hier handelt es sich nicht so sehr um materielle Forderungen, wie um eine Frage grundsätzlicher Bedeutung. Um einen Kampf nämlich der Gewerkschaftsidee in ihrer ursprünglichen, reinen Gestalt gegen jene Ver- wasserungsversuche am Gewerkschaftsgedanken, d-e man gemeinhin als .gelbe" Arbeiterbewegung anmsprechen pflegt. Christliche und rote Gewerkschaften wehren sich gegen den Ver- fuch eines großen Teils der Landwirte im Kreise ^uffch-Krone, sie hinter die sogenannte wirt- schaftssrtedliche Arbeitnehmergruppe des pom- werschen Landbundes zu rangieren und ihnen Tarifabschlüsse als bindend auszuerlegen, die die Arbeitgeber ohne ihre Mitwirkung mit der Arbeitergruppe des Landbundes getroffen haben. Sie glauben sich gegen ein derartiges Verfahren mit umso mehr Recht wenden zu müssen, als die Arbeitergruppe tatsächlich nur einen ganz kleinen Prozentsatz der dortigen Landarbeiterschaft umfaßt. Nachdem ihre Forderung, daß die Arbeitgeber mit den Gewerkschaften einen besonderen Tarif abschließen sollten, von diesen abgelehnt worden war, sahen sie keine andere Möglichkeit, rhr Ansehen als Arbeiter-Organisation zu wah- ren, als auf den in betracht kommenden Gütern pte Arbett niederzulegen.
Erleichtert wurde den christlichen Gewerkschas- ten dieser für sie recht schwere Entschluß dadurch, daß die Arbeitgeber, soweit sie nicht dem pommerschen Landbund, sondern dem christlichen Bauernverein angehören, die Berechtigung ihres Standpunktes anerkannten und mit den Gewerkschaften einen besonderen Tarif abschlossen. Auf diesen Gütern ist die Arbeit daher auch nicht unterbrochen worden, während der Streik im Machtbereich des pommerschen Land^ b » n d e s weiter geht. Einigungsversuche seitens neutraler Stellen sind bisher ohne Erfolg geblieben und haben auch für die nächste Zukunft aus dem Grunde wenig Aussicht auf Beilegung des Streites, weil von beiden Testen die zrund- «tzliche Bedeutung des Kampfes sehr wohl erkannt wird und beide Parteien alle Kräfte daran setzen, ihren Standpunkt durchzudrücken. Seitens des Laudbundes sucht man dem Ziele näher zu kommen durch Herbeischaffung von Arbeitswilligen jeder Art, die jedoch schwerlich in der Lage sein dürsten, die eingearbeiteten Kräfte zu ersetzen. Die Gewerkschafte» wiederum sind fejtt
entschlossen, alle verfügbaren materiellen wie moralischen Kräfte einzusetzen, um ihre Gleichberechtigung als Kontrahenten des Arbeitsvertrages auch in diesem Falle Lurchzudrücken und durch die Anerkennung der Arbeitgeberschast sanktio- r ieren zu lassen. Sie haben eben das durchaus richtige Empfinden, daß es sich hier um eine entscheidende Kraftprobe handelt, von deren Ausgang der weitere Fortbestand und die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung auf dem flachen Lande abhängen wird. W.
Die Maifeier im Reiche.
Mutiger Zwischenfall in Leipzig (Privat-Telegramm.)
Leipzig, 2. Mai.
Die Leipziger Mai-Kundgebung fand gestern aus dem Augnstnsplatze vor dem UniversttätS- gcdäude statt. Die Anhänger der sozialistischen Parteien hatten sich in großer Menge nach einem Umzuge dort versammelt. Auf dem Knitter- sitätsgebäude war nach Anordnung der sächsischen Regierung die Re ich 8 flagge gehißt. Ms die Demonstration gegen zwölf Uhr ihr Ende erreichte, wurde plötzlich, anscheinend von Studenten, auf dem UniverfltUsgebäude die Reichsflagge heruntergrholt und dafür die U n i - versitätsflaggeausHalbmastgehitzt. Dieser Vorgang rief unter de» Demonstranten große Erregung hervor. Die Menge versuchte in die Universität einzudringen, deren Tore jedoch geschlossen waren. Obwohl einige Arbesterfüh- rer auf die aufgeregte Menge beruhigend einsprachen, gelang es doch einigen Arbeitern, durch ein Seitentor in das Universitätsgebäudr einzudringen und auf das Dach zu gelangen. Bon den Eingedrnngcnen wuröe die Universitäts- flagge vom Maste gerissen und auf die Straße geschleudert, wo sie von den Demonstranten zerrissen wurde. MS die in das Uni- versitätsgebäude eingedrungenen Arbeiter sich wieder auf die Straße zurückbegeben wollten, wurden sie im Innern der Universität von Schutzleuten angehalten. Es kam dort zu einem Handgemenge, wobei die Schutzleute von der blanken Waffe Gebrauch machten und einige Arbeiter zum Teil schwer verletzten.
Sie Kundgebungen in Berlin.
Berlin, 2. Mai. (Privattelegramm.) Trotz schlechten Wetters waren einige Hunderttausend Menschen, Anhänger der drei sozialistischen Mir- teien, nach dem Lustgarten, dem Schloßpark und nach der Schloßfreiheit gezogen. Bei den Umzügen versagte der Ordnungsdienst vollständig. Es wurden große Berkehrskreuzun- gen ost auf zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten gesperrt; leider wurden auch seitens der Ordner die Ausschreitungen gewisser unverantwortlicher Elemente nicht verhindert, die diensttuenden Straßenbahner wurden be- schimpft und als „Streikbrecher", „Speckjäger" oder „Gelbe" bezeickmet. Nicht viel besser ging es den Führern der Kraft- und Pferdedroschken. Die Kundgebung verlief ohne Storung. Die wurde lediglich beeinträchtigt durch den Regen. Bon etwa fünfundzwanzig Stellen aus wurden A n - sprachen an die Massen gehalten. Als Vertreter des internationalen GewerkschastKbundes sprach Oudegeest (Amsterdam). Die Redner wiesen ans die Bedeutung des 1. Mai hin, forderten zum Kampf gegen die Beseittgung des Achtstundentages auf und traten für die Schaffung der vroletarischen Einheitsfront ein. Infolge des strömenden Regens kürzten die Redner ihre An- sprachen ab. Mit Hochrufen auf die Internationale schloß die Kundgebung. Nachmittags und abends wurden dann in geschloffenen Sälen besondere Mai-Feiern abgehalten.
Sn Frankfurt a. *3tt.
Frankfurt, 2. Mai. lVrivattelegramnn) An der Maifeier beteiligten sich die beiden sozialistischen und die kommunistische Parte?. In der politischen Rede wurde gegen den Krieg und gegen die Gewaltpolitik der Alliierten protestiert. Die Arbeiterschaft wurde zum Kampf um den Achtstundentag aufgefordert. Nachdem die Ansprachen beendet waren, formierte sich sofort der Demonstrattonszug, der sich über Taunusanlage, Kaiferstratze, Zeil, Große Friedberger Straße nach dem Heffendenkmal bewegte, wo er zur Auflösung kam. Am Nachmittag waren im Ostpark sportliche Veranstaltunmn, am Abend in sechzehn Bezirken von Groß-Frankft'rt festliche Veranstaltungen unter Mitwirkung der Arbeiter- Gesang- mtd Turnvereine, sowie von Künstlern.
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Sn Homburg.
Hamburg, 2. Mai. (Privattelegrannn.) Bon der Maifeier, die von den sozialistischen Parteien veranstaltet wurde, hielten sich die Kom
munisten fern. Bei strömendem Regen fand die Versammlung auf dem Heiligengeistselde statt. Eine Entsckfließung richtete sich gegen den Versailler Vertrag, der Deutschlands Not verursache. Es heißt darin unter anderem: „Gebt endlich wirklichen Frieden, Frieden, der gutmacht, aber nicht die Vernichtung weitertreibt!" Neben dem Ruf: Nieder mit dem Versailler Friedens- vertrag! stellt die Hamburger Resolution an die Spitze den anderen Nus: Hände weg von der Demokratie und der Republik! Auch in den Reden wurde das Bekenntnis zur demokratischen Republik besonders betont. — Da der 1. Mai in Hamburg gesetzlickier Feiertag ist, ruhte das Ge- schästsleoen. Straßen-, Stadt- und Hochbahn verkehrten den Tag'über wie an Sonntagen.
Sm besetzten Gebiet.
Höchst a. M., 2. Mai. (Privattelegramm.) Der hiesige Magistrat hatte für die Maifeier eine Beflaggung der städtischen Gebäude angeordnet. Der französische Kreisdelegierte verbot dies jedoch und genehmigte lediglich das Mit- flchren von Fahnen im Zuge. Zu diesem Verbot erging noch eine allgemeine Verfügung der Mainzer Besatzungsbehörde, daß in den Zügen nur Fahnen in den Landesfarben oder den Reichsfarben mitgeführt werden durften. Ferner dursten keine Plakate angeschlagen oder in den Zügen mttgeführt werden, die irgendwelchen Bezug auf den Versailler Vertrag, die Reparationskommission oder dergleichen hatten. Nebertretungen sollten mit hohen Strafen belegt werden.
Am die WirtMLfiöfmgen.
Beratung in Genua über Meistbegünstigung. (Eigener Drahtbericht.
Genua, 2. Mai.
Die erste Sitzung der wirtschaftlichen Unter« kommisfion war dadurch bemerkenswert, datz bei der Beratung der allgemeinen Meist- b e g ü n ft i g u n g sich der englische Vertreter mit sehr großer Entschiedenheit für dieses Projett erklärte, ebenso der italienische und japanische Vertreter. Es wird nun interessant sein, wie sich l^ute die Vertreter Frankreichs und Belgiens stellen werden. Interessant war es, daß in der gestrigen Sitzung der „Kommission für die russischen Fragen" den Hauptkampf gegen die Russen nicht mehr der französische Vertreter fühtte, sondern dies dem belgischen überlies. Lloyd George trat den belgischen Vorschlägen sehr entschieden entgegen. Man dürfe schließlich von den Russen nicht mehr verlangen, als von anderen Staaten. Es herrscht die «mW vor, daß die Russen das Memorandum als Grundlage für weitere Verhandlungen annehmen, wodurch man wiederum einen großen Schritt »eiter kommen würde.
Fortsetzung der Beratung.
Genua, 2. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Tie wirtschaftliche Unter-Kommission beschäftigte sich gestern mit der Prüfung des Artikels 45 der Londoner Bestimmungen. An der Diskussion haben Deutschland, Italien, England, Frankreich und Japan teilgenommen. Nach kurzer Aussprache hat man den endgültigen Text festgesetzt. Danach wurde die Meifibegünstigungsfrage behandelt. Deutschland und Japan haben neue Vorschläge gemacht. Die Unterkommisflon wird heute ihre Beratungen sortsetzen.
Rüstungen in Polen.
Verdächtige militärische Vorbereitungen.
(Eigene Drahtmeldung.)
Danzig, 2. Mai.
Bon einem zuverlässigen Gewährsmann liegen folgende Nachrichten über militärische Vor- bereftungen Polens vor: Jn Posen zirkulieren hartnäckige Gerüchte, die auch von Polen bestätigt werden, daß eine Anzahl von Jahrgängen einberufen würden. In Posen stehen drei bis vier Panzerzüge, in Soßnowiecze einer znr Abfahrt bereit. Rach Bromberg soll Artillerie abgegangen fein. In Lublin ruht der Güterverkehr auf der Eisenbahn feit einiger Zett fast vollständig. Rur m i l i t ä r i f ch x Transporte werden dort abgefertigt. Jn Lublin werden Rekruten und Reservisten ausgehoben und eingelleidet. Auch in Warschau sind täglich Truppen von Eingezogenen zu beobachten, die unter militärischer Begleitung durch die Straßen ziehen. Das Schützeuregiment Nr. 28 wurde nach der russischen Grenze abtransportiert und zwar nacheinander in kleineren Abteilungen, um Auffchen zu vermeiden. Auch umfangreiche PferdeaufkäufefürAr- tillcriebespannungen finden statt. Aus allen diesen Meldungen ist der sichere Schluß zu ziehen, daß Polen militärische Vorbereitungen trifft.
Ein „Gotteöfrieöen".
Der englische Vorschlag.
SS wird in unserer Seit kräftig mit Schlagworten gearbeitet. 3m Kriege und auch nachyer yaben es besonders die Engländer veritanden, durch Worte auf die Masten zu wirten. Jetzt hat Lloyd George vorgefchla. gen, für Europa einen „GotteSfrieden-' ru fchlretzen. An diesem Wort kann man erneut die engiische Scheinheiligkeit erkennen. Ein »Gottesfrieden" soll es fein, den Lloyd George aus den immer mehr sich zuspitzenden Gegensätzen des Wirrwarrs von Genua für das. arme Europa gewinnen möchte. Es ist ein Gedanke aus einer längst verklungenen fernen Vergangenheit, der da wie ein milder Stern der Hoffnung wieder aufleuchtet. Die Idee vom Gottesfrieden, di« von unseren heutigen Friedensfreunden in einer staatswissenschastlich ver- feinerteir Form noch immer hochgehalten wird, wurde geboren aus dem Friedenswunsch der Kirche, deren heilige Feste und Zeremonien im Mittelalter beständig bedroht wurden. Der „Gottesstaat", den Augustin gepredigt hatte, ver- langte als notwendige Ergänzung auf Erden einen Gottesfrieden, und so wurde denn von der Geistlichkeit gefordert, daß zunächst an gewissen Wochentagen, die durch Leben und Leiden des Heilandes besonders geweiht waren, nämlich in der Zett vom Mittwoch abend bis zum Montag morgen, außerdem an den hohen Festtagen, in der Advents- und Fastenzeit, jeder Streit unter den Einzelnen wie unter den Völkern begraben werde. Demjenigen, der diesen Gottesfrieden brach, drohte die Kirche schwere Strafen an: in schwersten Fällen konnte die Beschlagnahme des gesamten Vermögens verhängt werden; außerdem verfiel der Friedensbrecher dem Kirchenbann, und in einzelnen Fällen konnte auch auf Leibesstrafe erkannt werden. Dieses Evangelium des Gottesfriedens wurde zunächst in einzelnen Ländern von den Geistlichen gepredigt und gewann erst langsam eine Gesetzes form und allgemeinere Verbreitung. Tie Cluniacenser Mönche waren die eifrigsten Propheten der „Treuga Dei", wie der Fried« genannt wurde, und brachten ihn im 10. Jahrhundert in Bur- gund zur Durchführung. In Frankreich wurde dann der Gottesfrieden 1041 von der ganzen Geistlichkeit streng anbefohlen und verbreitete sich von dort ncfth Italien, nach Spanien und Deutschland. Bei uns ist der Erzbischof Sigi- win von Köln der erst« gewesen, der sich mit seiner ganzen Autorität für die „Befriedung" des Landes «infetzte
Zu einer Weltmacht
aber wurde diese Friedensbewegung erst, als die Päpste sie vom Stuhle Petri als heiliges Gebot verkündigten. Dies geschah in engem Zusammenhang mit der Predigt für die Kreuzzüge. Wenn die ganze Macht der Christenheit gegen die Ungläubigen gesammelt werden sollte, dann mußte jeder Hader unter ihnen begraben werden. Zum Apostel dieser neuen weltbetvegenden Ideen machte sich Papst Urban II. auf der 1095 einberufenen Synode von Clermont. Zugleich mit der Kreuzzugpredtgt griff er die bereits in den einzelnen Ländern heimisch gewordene Idee des Gottesftiedens auf und suchte sie zu einer allgemeinen Einrichtung der Kirche zu machen. Die .Treuga Dei" wurvc für die ganze Christenheit geltend erklärt und ins kanonische Rocht ausgenommen. Nun konnten auch die Herrscher an diesem Friedenswerk nicht mehr Vorbeigehen; verschiedentlich, so in England, wurde der Gottesfriede von der Regierung aus verfügt, in Deutschland aber ist er niemals Reichsgesey geworden. Die Papste kämvften noch weiter dafür, und 1179 erließ Alexander III. ein allgemeines Kirchengcbot, den Gottesfrieden zu halten. Aber die Macht der Kirche war fchou nicht mehr so groß, um die Staaten und die Gemeinden zu zwingen. An die Stell« des „Gottesftiedens" hat nunmehr die Propaganda für den „Ewigen Landfrieden", der seit dem 11. Jahrhundert von den Kaisern und Fürsten Deutschlands erstrebt wnrd».
Der „Ewige Landfrieden" wurde durch einen feierlichen Eid beschworen, m dem sich die Fürsten und das Volk Deutschlands verpflichteten, für eine bestimmte Zeit, auf zwei, vier, fünf oder auch mehr Jahre alle Fehden und Gewalttaten zu unterlassen und jede Störung der Eintracht zu verhindern. Es wur- de ein .Friedebries" erlassen, und aus dem tn dieser Form vereinbarten Gebot wurden allmählich Reichsgesetze Solche „Reichssriedens-Kon- stituttonen", die ohne jede Zeitbeschränkung eine Periode vollkommenen Friedens anordneten, wurden von Friedrich I. und Friedrich II. sowie von Heinrich VII. erlassen; sie mußten von den Fürsten und Ständen beschworen und von Zeit zu Zett erneuert werden. So ließ Rudolf von Habsburg 1235 den .ewigen Landfrieden" tn allen Teilen des Reiches neu beschwören. Aber bei dem zunehmenden Verfall der kaiserlichen Macht, bei der Zersplitterung des Deutschen