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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Nummer 62

Dienstag, 14. März 1922

Fernsprecher 951 und 952

12. Jahrgang

Fernsprecher 95$ und 952

Ti- Rafider Neu-tze» Nachrtchtm erfd) einen wöchenkkch lechSmar und jwar ad enSi. Der abontitmcn«prel8 beträgt monatttd) 10. Mark bet freier Zustellung te5 Hau?. Luz. n>4rtS durch die $0# bezogen 10. Mark mouaMch etnfchkiedltch Zuftelluug. Beftellunge» werden ledcrzzil von der LdchäULsteLe oder den Dole» entgegengeiroennten. Srxderet, A erlag me .SebcttUa; Schdlchtr^ftrate 18/36. gar aaoetiangt etxgetonbte Beiträge kam, bte Redaktion eine Aeranünortnng ober Gewähr in keinem Falle übernehmen. Stutkzahlnng de« BezngSgeldeS ober «nlprüche wegen etwaiger nicht orbnungSmcfetgerSefenmg aurgefchlasten.

JaserttonSpretle 1) Einheimische «ttftrftge: Die etnfpalttge «nzetgenzetle M. LS2. die einsp-ILge RekUunezeUe SSI. «,2ä. b) Ln«wartige «ufertge: Die etafratttge «nzeigenzeüe SR. 1.50, die einspaMge Reklame,eile M. «L>, alle« einschkieblich Teuernnzspischlag und «azeigenstea-r. Für Anzeigen mit dekonder» schwierigem Sa, hundert Prozeni «ussehlag. Für die SHebttgtett aller durch Ferns^wcher 6Bfgegebenen Anzeigen, sowie für Aufnahme, bet eg und 'i»««e kann eine Gewähr nicht übernommen werben. Druckerei: Schlacht hoftzraße 3*1®. Geschäftsstelle: Kal-chche Strafe 5. Telephon Nummer 951 und 952

Das deutsche Geld für die Alliierten.

ÄMungS-Wäne.

Merze frauzSfifche Vorschläge.

Mrf der gegenwärtigen Pariser Finanz-Kon­ferenz wird wieder über Deutschlands .Pflich­ten- entschieden. Am 13. August 1921 war zwi­schen den Staaten der Entente das sogenannte Finanzabkommen getroffen worden, in dem un­ter anderem die Priorität des belgischen Ent- schädigungsansp rnchcs und die Anrechnung des Wertes der Saargruben auf das deutsche Reparationsronto festgrlegt wurden. Im übri­gen bestimmte das Abkommen die Anteile Englands, Frankreichs und JtMens an den deutschen Reparationsleistungen. Obgleich Frank­reich bei diesem Verteilungsschlüssel für die ersten Jahre insofern schlecht bedacht war, als es infolge der Verrechnung der Saargruben zunächst nur einen verhältnismäßig geringen Anteil an den deutschen Barleistungen erhalten sollte, war es nicht Frankreich, sondern England, das an dem Finanzabkommen beständig Kritik übte Der Gegensatz zwischen England und Frankreich in dieser Frage gab an Schärfe den anderen zwi­schen den beiden Regierungen bestehenden Un­stimmigkeiten nichts nach. Umso mehr muß es jetzt überraschen, daß gerade Frankreich das Ab­kommen vom 13. August nicht mehr haben will und aus eine Aenderung zu seinen Gunsten drängt. Offenbar benutzt es die Beanstandungen von feiten Englands, um seinerseits sich der un­bequemen Bedingungen des erwähnten Abkom­mens zu entledigen.

Auf der Konferenz der alliierten Finanzmini- sier, die jetzt in Paris tagt, hat der französische Finanzminister de Lasteyrie ein Memorandum vorgelegt, in dem Frankreich die offizielle Er­wägung abgibt, daß es die Abmachungen des Finanzabkommens vom 13. August und die Ver­einbarung von Cannes nur als Grundlage für eine Diskussion betrachtet und erhebliche Ver­änderungen der früheren Beschlüsse ver­langt. Wie vorauszusehen war, ist es besonders die G u t s ch r i f t für den Wert der Saargru­be n und die Verrechnung der Besatzungs- kost en, die von der französischen Regierung be­mängelt werden. Folgerichtig schlägt de Lasteyrie vor, daß die Gutschrift für den Wert der Saar­gruben nicht Mr dieses Fahr erfolgen soll, son­dern erst für viel später, nachdem Deutschland einen großen Teil feiner Barzahlung erledigt hat. Frankreich würde auf diese Weise erheblich mehr erhalten, als nach dem durch das August- Abkommen festgesetzten Verteilungsmodus.

Wetter schlägt der französische Finanzminister vor, die französischen Besatzungskosten nicht wie bisher von den Zahlungen für die Wiedergutmachung abzuziehen. Wieder­gutmachung und Besatzungskosten sollen viel­mehr in Zukunft getrennt bezahlt werden. Auch dadurch würde sich natürlich der franzö- sische Anteil an den deutschen Zahlungen er­höhen. weil es aus diese Weise den Ersatz seiner Besatzungskosten voll hereinbekäme und nicht nur einen dem bisherigen Verteilungsplan entspre­chenden Anteil. Die ungeschmälerte Wiederein- brtngung der Besatzungsspesen käme natürlich den französischen Militaristen sehr erwünscht, denn wenn Frankreich diese Kosten jedesmal voll ersetzt bekommt, wird es keine Anstren­gungen zu machen brauchen, um diese Ausgaben zu vermindern. Gerade im Jnterefse einer all­gemeinen Abrüstung, zu der sich England nicht weniger als Amerika bekannt hat, wäre zu wün­schen, daß Frankreich auch mit diesem Anspruch nicht durchkonnnt. selbst wenn es ihn dadurch annehmbarer zu machen «scheint, daß es eine Pauschalsumme für jede Besatzungsarmee vor­schlägt, die nach dar Effektivstärke der einzelnen Kontingente zu berechnen wäre.

Trotz der angeblich versöhnlichen Stimmung, die auf der Konferenz der Finanzminister herr­schen soll, kann die Presse doch die Schärfe der bestehenden Gegensätzlichkeiten nicht ver­schleiern. Belgier und Engländer setzen offenbar den s r a n z ö s i s ch e n Vorschlägen den nachdrücklichsten Widerstand entgegen, indem sie sich vor allem auf die Vereinbarungen von Cannes berufen, die nicht mehr zu diskutieren seien. Italien dagegen scheint mehr der stan- zösischen Auffassung zuzuneigen, der Aufenthalt Schanzers, des italienischen Außenministers, in Paris scheint nicht ohne Wirkung auf die ita­lienische Stellungnahme geblieben zu sein. Auch nr der Frage des Deutschland zu bewilligenden Moratoriums ist eine Einigung zwischen den Parteien noch nicht erzielt. Daß Deutschland weiterhin in regelmäßigen Abständen von zehn Tagen dir Rate von einunddreißig Millionen Gakdmark nicht dauern bezahlen kann, ist selbstverständlich, schon allein aus dem Grunde, weil bei Fortsetzung dieser Zabkungs- weise DeutschlcutÄ eine Summe ausbringen müßte, die nicht nur weit über seine Kräfte, son­dern sogar auch über den Rahmen des Diktats von Cannes hinausgehen würde. Die deutschen Zahlungen sollen nicht nur ftir das Jahr 1922, sondern auch für die nächsten Jahre be­stimmt werden. England wünscht aber die Ver­

teilung unter den Alliierten von der deutschen ZahlungsfÄhigkeit abhängig zu machen. Nun, was die Verteilung der deutschen Zahlungen be­trifft, fo ist dies eine Frage, an der Deutsch­land nur mittÄbar interessiert ist. Sein vor- wiegendes Interesse zielt allein dcchin, daß das jetzige Provisorium endlich einmal einer festen Summe Platz macht, und daß es endgültig er­fährt, wie groß feine Verpflichtungen sind. Das deutsche Volk kann zu keiner stetigen Arbeit ge­langen und daher auch die Früchte seiner Arbeit nicht den Alliierten zukommen lassen, wenn ihm nicht die Höhe feiner Verpflichtungen bekannt ist, die für den Ausbau seiner Wirtschaft als Grund­lage zu gelten haben. Hg.

Fremde Finanzkontrolle.

Sicherung der deutschen Zahlungen.

tEigene Drcchttneldung.)

Paris, 13. Mürz.

Neber den Abschluß der Verhandlungen der alliierten Finanzminister wird durch die Agentur Havas eine halbamtliche Auslassung verbreitet, in der eS unter anderem heißt:Was die Kon. ».rolle der deutschen Finanzen betrifft, fo ist es wahrfcheinlich, daß die Machtbefngniffr des Garantieausschuffes verstärkt werden. Die deutfche Anleihe soll dazu dienen, das Kapital der deutfchen Schuld zu tilgen. Sie kann nicht dazu dienen, die Jahreszahlungcn zu decken, die Deutfchland zu entrichten hat, vielmehr foll fie, der Höhe ihrer Begebung entsprechend, der An- nullicrung bet Obligationen bet Serien A und B nutzbar gemacht werben. Auf biefe Weise wirb der Zahlungsplan aufrecht er­halten Als Psanb fallen bie bcntfchen Zoll- einnahmen bienen, bie in Gold entrichtet werben können, sowie bie fechsundzwauzigprozentige Ausfuhrabgabe. Die letztere hat im Jahre 1921 etwa eine Milliarde Goldmark ergeben, ein Be­trag, der angeblich ausreichend erscheint, um eine Anleihe in Höhe von 13 bis 14 Milliarden zu verbürgen. Die Operation wirb abhängig fein von einer allgemeinen Hypothek, dir auf den Einnahmen Deutfchlaubs ruht.

Kein Zutrauen zur Anlewe.

Paris, 13. März. (Eigene Drahtmrldnng.) Die gesamte Pariser Presse beurteilt die Entschei­dung der Finanzminister sehr zurückhaltend. Temps",Matin« und .Journal" schreiben, daß die in Aussicht genommene internationale Anleihe für Deutschland solange in bet Lust schwebt, bis Amerika sich zur Teilnahme herbeiläßt. Da bas aber zur Zeit ausgeschlos­sen sei, bleiben auch bie Befchlüfle über bie Ver­teilung ber Anleihe nur akademische Erörterun­gen, ohne unmittelbaren Erfolg.

tim einen Zahlungsaufschub.

Paris, 13. März. (Eigene Drahtmeldung.) DerTemps" schreibt: Die Denkschrift beS deut­sche» Reichskanzlers Dr. Wirth wurde offiziell der Reparationskonnnissson überwiesen. Die Kommission wird wahrscheinlich in kurzer Zeit Beschlich darüber fassen, ob Deutschland für 1921 ein Zahlungsaufschub gewährt werden soll und im bejahenden Falle, welche Garantien Sei einem solchen zu fordern wären-

Amerikas Gewforöemng.

tita bie erste deutsche Mrlliarl e (Eigene Drahtmeldun«.)

Paris, 13. März.

Rach amerikanischen Quellen scheint bie Wa­shingtoner Regierung entschlossen zu sein, auf ihrer Forberung mn Erstattung bet Besät- znngskosten zu beharren. Man will sogar amerikanischerseits eine Revision des Pariser Fi- nanzabwmmens vom L März 1921 verlangen, um eine anderweitge Verteilung ber ersten Mil­liarde Goldmark für 1921 hetbezuführen, wobei Amerika mit hundert Millionen Golbmark für die Besatzungskosten beteiligt sein soll' Anbrä Tarbieu bespricht imEcho Rationale" den Schritt Amerikas bei den Reparationsberatungen als ein unfreundliches Vorgehen, das bie Be­mühungen um bie Organisation Europas un­fruchtbar mache. Es sei unfreundlich, weil sich das reiche Amerika vor die Forderungen des armen Frankreich zu stellen beabsichtige. (Siehe auch bie Mclbuugen auf bet zweiten Seite.)

*

Eine fpfitere Konferenz.

Genf. 13. März. (Eigene Drahtmeldung.1 DerTemps" schreibt, baß bie Forberung nach Anteilzahlung von 241 Millionen Dollar Besat-

znngskosten aus bie Tagung bet nächsten Sitzung des Obersten Rates gesetzt würde, die kurz nach Genua stattfinbet. Bis dahin dürften auch bie übrigen, jetzt noch schwebenden Fragen geregelt sein, die auf bet Pariser Tagung ber Finanz­ministet zur Sprache gekommen find.

Der Mittelstand regt sich.

Große Kvndgebung in Berlin.

(Privat^elogrammö

Berlin, 13. März.

Zu einer großen Kundgebung bes Mittelstan­des kam es gestern in Berlin. Bor Tausenden «nb Abertanfenben von Handwerksmeistern und soustigen Vertretern beS Mittelstandes sprachen Vertreter bet Dtände-Organisatioiten, sowie Ver­tretet der mittelstänbisch jnteresfietten politischen Parteien. Die Kunbgebuug richtete sich inner« politisch gegen bie Verelenbung bestimm­ter Schichten unb gegen bie Mißwirtschaft in Reich, Lanb unb Gemeinden, außenpolitisch gegen die Versklavung einzelner Völker und gegen die Erfüllungspolttik. Es wurde eine Entschließung angenommen, bie diesem Gedanken Ausdruck gibt unb betont, baß bie Not bet Ze it ben Mittelstand jetzt zu einem Kartell zusammengeschlofsen hat. Der Mittel­stand sei fest entschlossen, den Kamps um feine Existenz mit allen ihm zu Gebote stehenden ge­setzlich zulässigen Mitteln zu führen

Ausschreitung der Jugend.

Berlin, 13. März. (Privat-Telegramm.) Rach D^utz bet gestrigen Mittelstanbskunb- gebung kam cs zu Zusammenstößen zwi­schen ben bemonftrierenben nationalen Jugenb- bünben unb ber Schutzpolizei. Die Polizei nahm verschiebene Verhaftungen vor«

Aus Oberschlesien.

Abermals beunruhigende Nachrichten.

(Eigener Bericht.)

Berlin, 13. März.

Rach derDeutschen Tageszeitung" find in ben letzten Tagen bei ben Berliner amtlichen Stellen auS Oberschleflen Nachrichten ringeg-In­gen die ziemlich beunruhigend lauten. Es ist ein Wiederaufleben des Terrors, be- sonders ht den Gebieten, dir an P 0 len ausge- liefcrt werden sollen, zu verspüren. Außer M i ß- hanblungen von Deutschgesinnten werben auch rohe Uebetgrifse französi- scherSolbate« ans Oppeln gemelbet, fobaß sich bie stäbtisckien Körpetschasten in Oppeln ge- nöliot sahen, bei bet interalliierten Kommission eine Verstärkung der Abstimmungspolizei zu beantragen zum Schutz der Deutschen.

Ablehnung der deutschen Mote.

Berlin, 13. März (Eigener Bericht.) Die interalliierte Kommission unb bie Botschafter» konferen, haben beide die deutsche Rote wegen der Erschießung des Wachtmeisters Rüsen- berg inPeterSbotfbei Gleiwitz in ableh­nendem Sinne beantwortet. Sie haben sich dabei auf ben formalen RechtSstanbpuntt gestellt, baß bie Interalliierte Kommission allein für baS oberschlesische Gebiet verantwortlich sei, nnb daß diese Frage nicht ber Zuständigkeit ber beutschen Regierung unterstehe. Hinzugefügt wirb in ber Note, baß bereits Vorbereitungen getroffen fei­en, um den Hinterbliebenen eine Entschädigung demnächst arrszuzahlen.

Lloyd Georges RiMiM.

Die britische SabinettSkrise.

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 13. März.

Trotz der Erklärung baß Lloyd George noch nicht zurücktreten wolle, schreibt bie Lonboner ZeittmgSaturday Review": Lloyb George hat in einer nicht-amtlichen Form bereitsdemif- fioniert, unb Chamberlain hat diese Demis­sion in ber Tasche, mn sich ihrer z« bebieiten, wenn die irische Vorlage Gesetz geworben ist. Lloyb George werde bie Konferenz von Genua nicht abwarten. Er habe angesichts der Vor­würfe des Führers ber Konservativen, Sir Jonnarb, begriffen, daß fein Ansehen als Mi- nistervräsident zu sehr mitgenommen sei.

(Am Voffsgefahk.

Kampf gegen Krankheiten.

Der gefährliche Seiet» im «Banteln, Bee an «* lerer DolkSgestrndheit zehrt unt> »ei ber nettoif- fentfett ber VevStkorerreg in erschreckender Weife wir», ist bie Geschlechtskrankheit, lieber ihre wckäenpfung toirb uns Folgendes geschrieben» Die Geschlechtskrankheiten aller Arten verder­ben die Lebcnsguelle des Volkes und treffen damit das Volk am Kern seines Daseins. Es ist leider nicht so, daß man diese schwerste nationale Gefahr schon allenthalben erkannt hätte. Erst in diesen Tagen ist ein G e se tz e n t w n r f zur Be-, käm-pftrng der Geschlechtskrankheiten dem Reichs­tag zur Beratung zugeangen, der endlich einmal energische Abwehr vorsieht. Seine Durchberatung ist in Kürze zu erwarten. Um die zum Glück scharfen Bestimmungen, die er entgäft, vor aller OÖffentlichkeit ins rechte Licht zu rük- ken, seien die wichtigsten Tatsachen kurz zusam- merigestellt. Schon vor dem Kriege hatten die Geschlechtskrankheiten einen großen Teil unseres Volkes ergriffen. Genau Erhebungen sind itn« möglich, da bei der Schweigepflicht der Aerzte keinerlei öffentliche Nachprüfung möglich war. Der Krieg hat dann den Gesäss echt skrankhciten eine unheimliche Ausdehnung gegeben. Jeder Soldat weiß, welche ungeheuere Ausdehnung die genannten Krankheiten im Heere allmählich be­kamen. Zweifellos haben auch die Folgen des Zusammenbruchs und die Lockerung Mer Ord­nung schon seit dem Winter 1917 hier geradezu verheerend gewirkt. Im Jahre 1919 wurde im gesamten Reichsgebiet

eine Zählung der Kranken veranstaltet, bie in der Zeit vom 15. November bis 14. Dezember, also während eines einzigen Monats, wegen einer Geschiechtskrawcheit ober wegen Folgckrankheiten der Syphilis in ärzt­licher Behandlung gestanden haben. Es kamen auf je 10 000 Einwohner 22,3 Kranke. Diese Zählung ist e rs ch r e ck e n d, aber ganz un­zureichend, da die allermeisten Geschlechtskran­ken ihr Leiden verheimlichen und verWwiegene Behandlung oder gar eine solche durch die sehr zahlreichen Quacksalber vorziehen. Ist nun bis­her von Staatswegen nichts gegen diese Gefah­ren geschehen? Eine großzügige Ab Wehr - Maßnahme ist während des Krieges von der Heeresverwaltung vorgesehen worden. Für je­den geschtechtIkranken Soldaten wurde eine Krankenkarte angelegt, welche den Mann genau so wie sein Paß von einer militärischen Stelle zur anderen begleitete. Mit dem ErWschen der MdbilmachinngAbestirMnung sollte diese Karte dann an die provinzielle Beratungsstellen gelei­tet werden; diesen sollte die ärztlicye Versorgung der Kranken durch Weiterbehandlung, Nachun­tersuchung und dergl. obliegen. Em Gesetzent­wurf, der dieses ganze Svftem sichern sollte, lag im Jahre 1918 dem Reichstag vor, kam indessen nicht zur Verabschiedung. Trotzdem ist ein

Ausbau der provinziellen Beratungsstellen gelungen. Bei den Landesversicherungsanstalten bestanden Ende 1920 bereits 164 Beratungsstel­len, bei denen im selben Jahre insgesamt 107 985 Personen gemeldet wurden und 184551 Beratungen stattfanden. Das sind gute Ergeb­nisse, die hoffen lassen, daß auch daö neue Gesetz wirksam werben wird. Dieses Gesetz macht es jedem ansteckend Geschlechtskranken, der die- weiß oder den Umständen nach annehmen mutz, jur Pflicht, sich in ärztliche Behandlung zu be­geben. Widerspenstige kann die Gesundhettsbe- hörde anhalten, ein ärztliches Gesundheitszeug­nis vorzulegen oder sich untersuchen zu lassen; ia sie können einem Heilverfahren unterworfen in ein Krankenhaus »erbracht und dazu unmit­telbar gezwungen Weeden. Wer wissentlich krank ist und trotzdem geschlechtlichen Verkehr pflegt» wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren, unter Umständen noch härter bestraft. Bei Ehe­gatten ober Verlobten tritt die Verfolgung, die übrigens in sechs Slcnaten verjährt, nur auf Antrag ein, um unnötige Eingriffe in das Fa­milienleben zu vermeiden. Ebenfalls mit Ge» fängnis bis zu drei Jahren wird auf Antrag be­straft, wenn ein solcher Kranker eine Ehe ein» geht, ebne dem anderen Teil vorher von feiner Krankheit Mitteilung gemacht zu habe«. Ange­sichts der Schweigepflicht der Aerzte, die bisher manchen Arzt in schwerste Gewissenskonflikte ge­würzt hat, ist ein brauchbarer Ausweg gefunden; im ganzen Reichsgebiete müssen öffentliche Be­ratungsstellen vorhanden sein, denen die Aerzte

Anzeige zu erstatten

haben, wenn ein Kranker sich der ärztlichen Be­handlung oder Beobachtung entzieht oder an­dere gefährdet. Kommt ein Kranker den An­weisungen der Beratungsstelle nicht nach, so hat diese der zuständigen Gsfundhettsbehörde An­zeige zu erstatten. Nun haben zwar die Beam­ten oder Angestellten dieser beiden Stellen ihrer­seits bie Schweigepflicht, bei deren Ueber- tretung sie ans Antrag mit Geldstrafe bis zu 109000 Mark tze'ängnis bis zu drei Mv- »natrn bestraft Y;r;:u£.:. Diese KÄvngepKcht gitz