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Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

12. Zahrgarrg»

Mittwoch, 8. März 1922

Fernsprecher 951 und 952

Nummer 57

Fernsprecher 951 und 952

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WirlschaslsverbSude und Skeuersragen.

Berlin, 7. März.

Gestern nachmittag weilten die Vorstände des ReichSSerbandcs der Industrie, der Landwirt­schaft, des Großhandels und deS Handwerks im ReichswirtschastSministerium, um über Vie Frage der Zwangsanleihe gehört zu werden. Der Minister, der in letzter Stunde verhindert war, die Verhandlungen zu führen, wurde von den Staatssekretären Schröder und Zapp vertreten. Den Vertretern der deutschen Wirtschaft wurden bestimmte Fragen vorgelegt. Sie machten die verschiedensten Bedenken gelten*), so über die Art der Erhebung der Zwangsanleihe. Beschlüffc wurden nicht gefaßt. Beim Reichskanzler weilten gestern auch die Führer der Deutschen Volks- Partei Dr. Stresemann und Dr. Becker. Diese Beratungen galten dem Steuerkomvro- mitz. Im Augenblick ist über die finanzpoli­tische Lage soviel zu sagen, daß die Steucrkom- xromitz-Parteien nach wie vor gewillt find, auch die Zwangsanleihe zustande zu bringen.

Essen, 7. März.

I« einer Versammlung der Ortsgruppe der Reichsgewerkschast deutscher Eisenbahnbeamten und -Anwärter wurde folgende Entsckstießung gegen die fich nur- wenige Versammlungsteilneh­mer anssprachen, angenommen:Die Bcrsamm- lung fordert vom Reichskanzler die r e st l o s e Erfüllung der vor Abbruch des Streiks ge­troffenen Vereinbarungen. Dazu gehört vor alle» Dingen auch, daß dem Rachefeldzug des Ministers G r ö n e r ein Ende bereftet wird. Sic fordert Einstellung der Maßregelungen der Füh­rer der Reichsgewerkschast und gelobt Treue ge­genüber den Führern. Die Verfammlung er­teilt dem Vorstand die Ermächtigung, von dem letzten gewerkschaftlichen Mittel Gebrauch zu machen, wenn mcbt all diele FordervMk» restlos

Erspartes Geld.

MSndrlstchere Papiere und Rentnertum.

Von

Reichatagsbiblioihekar Dr. Paul Kirschner.

Wer ehedem sein erspartes Geld möglichst sicher anlegen wollte oder Vermögen zu verwal­ten hatte, das nicht der Spekulation oder dem

Segenbefirebungm.

Berlin, 7. März. (Privattelegramm.) Wie demZag" von parlamentarischer Seite mitge- kilt wird, find im finanzpolitischen Ausschuß dck Reichswirtschaftsratcs Bestrebungen im Gange, die auf eine A b l e h n u n g der Zwangs­anleihe hinzielen, teils aus wirtschaftspolitischen Gründen, teils auch auf Grund von Mitteilun­gen, die, da fie persönlicher Natur sind, jetzt der allgemeinen Beurteilung noch nicht unterstellt werden können. Die Rcichsministcr hielten ge­stern eine Sitzung ab, in der fie sich eingehend Mit dem Steuerproblem beschäftigten.

Französische Besorgnisse.

Paris, 7. März. (Eigene Drahtmeltzung) Das offiziöseJournal des Tebats" stellt die Frage an die Deputiertenkammer, ob sie es z u - lasse, daß die in Deutschland zur Erhebung gelungene Zwangsanleihe ohne die Kon­trolle der Alliierten etngezogen würde. Das Blatt nennt nochmals die bekannten Mil- liarden-Forderungen Frankreichs an Deutsch­land, für die eine erst greifbare Realisierung in der Zwangsanleihe gegeben sei.

Zwanosanieivr und Steuern Regierung «nd Wirtschaftsverbändr, (Privat-Telegramm.l

tr.cri'te gleich kam, heute aber erhalten die Zin- scnempsänger solche Werte, als ob man ehedem dem Staate nur minderwertiges Papiergeld übergeben hätte.

Man hat viel vom Staatsbankerott gesprochen: der Staat könnte naüirlich ebenso wie jedes Privatunternehmen seinen Bankerott anmelden, wird dies aber in den seltensten Fal­len tun. Wenn er nämlich Ausgaben zu beglei­chen hat und wenn seine Einnahmen aus Steuern oder Zöllen oder sonstigen Unter­nehmungen nicht reichen, so bedient er sich jetzt zur Leistung seiner Verpflichtungen des Mit­tels der N o r e n p r e s s e, die in der Woche so­gar bis zu fünf Mlliarden Mark auf den Markt wirst, und zwar Milliarden, nicht etwa Millio­nen, die ja heute keine Rolle mehr spielen. So betrug Ende Januar der Notenumlauf über 115 Milliarden gegen etwa zwei Milliarden der Frie- denSzeit. Wenn nun auch die Notenvermehruna nicht genau in dem neu ausgegebenen Betrage den Wert des vorhandenen Geldes verringert, so ist doch klar, daß jede Vermehrung der Kauf­kraft ohne gleichzeitige Vermehrung der zu kau­fenden Güter, tote es bei der Notcitschöpfung ge­schieht, den Wert des Geldes vermin- bern muß, also eine Teuerung hervorruft. Die zehn Warf Zinsen des alten mündelsichcr angelegten Geldes, für die man ehedam ein Paar Stiefel kaufen konnte, braucht man heute beinahe für den Erwerb der Schnürbänder. Somit sind alle schwer geschädigt, die nicht ihrerseits durch höhere Forderungen und Löhne sich schadlos bat­ten können, sondern mit einer Summe zufrieden sein müssen, die zwar den Namen der alten trägt, ihrem inneren Wesen und Werte nach nur noch einen Bruchteil darstellt und da leiden hauptsächlich die Rentenempfänger bei denen ebenfalls wie überall zehn Mark nur die Kaustraft von Fünfzig Pfennig des guten Geldes ausüben, ohne daß sie aber wie andere imstande sind, den Verlust durch Vermehrung der Zehn-Markscheine auszugleichen.

Der Staat gibt diesen Witzstand jetzt offen zu, weil er für 10 Mark in Gold wenigstens 360 Marx in Papier zahlt, da man beim Gold­stück nicht mehr das Geld wertet, sondern das Gold. Solches Goldgeld hatten aber ehedem die Rentner hingegeben und die Gerechtigkeit verlangt für sie ebenfalls einen Ausgleich, wie er für viele andere geschaffen wurde. Wenn der Staat, wenn die Gesamtheit in Not gerät, so müssen eben alle nach Maßgabe ihrer Kräfte diese Not tragen helfen, jetzt aber wird die Last ge­rade auf die Schultern der Schwächsten in erster Linie gelegt, die sich nicht wehren können, wäh­rend die stärksten und unlautersten Elemente oft nicht nur keinen Schaden leiden, sondern ans der Not der anderen große Gewinne erzielen. Man sollte sich' doch klar machen, daß durch die Notenpreffe der verzehrbare Gütervorrat auch nicht um einen Pfennig wächst, nicht um ein Gramm vermehrt wird. Der Staat eignet sich nur um die ausgegebene Rotenmenge Kauflrast an, die er der Gesamtheit entzieht, was er nur durch gerecht verteilte Steuern oder durch An­leihen tun dürste. Er müßte vor allem fein Augenmerk darauf lenken, jetzt endlich mal alles zu verutcidcn, was ein weiteres Entwerten des Geldes berdciführt.

Beträgt der Wert der Mark von heute nur ttzoch Zwei Stieauia van ebcdsm. io wird er bald

auf einen Pfennig sinken und die Vernunderung kann der Staat bis ins Unendliche fvrffetzen, >a der Bruchteil eines Pfennigs durch Teilung nie­mals Null werden kann, wofern überhaupt noch Menschen vorhanden sind, die mit-derartigen Werten rechnen mögen. Will aber den Staat endlich Ordnung schaffen, so muß die Grundlage (also das Geldwesen) eine feste wer­den. Werte kann der Staat durch Notendrücken nicht schaffen, er kann sich nur Kaufkraft aneig­nen. Dies aber darf er dann nur auf einem Wege erstreben, der nicht den Wert des Geldes weiter vermindert durch eine ungerechte Ver­mehrung seiner Kaufkraft, sondern durch Ver­minderung der Kaufkraft der jeweilig stärksten Glieder des Staates, d. h. durch Besteuerung des wirtschaftliche Starken durch Zölle, durch langfristige Anleihen. Dem Rentner aber muß endlich eine Entschädigung für die ihm zustechenden und seit lange entzogenen Be­träge gewährleistet werden, werigstens doch aber soweit, daß ein Existenzminimum gesichert ist.

Risiko ausgesetzt werden durfte, kaufte sogenannte , Mündels ichere Papiere, d. h. Werte, die : so sicher waren, daß man selbst das Geld der hilflosen Waisen in diesen Wertest anlegen , konnte. Der Staat verlangte überdies eine der- artige Anlage unter gewissen Umstünden und , verlangt dies auch heute noch als Schützer der - Schwachen und des Nachwuchses, wodurch er : seine eigene Zukunft sicher stellt. Diese Mündel- < sicheren Papiere waren aber auch ganz sicher, denn das angelegte Kapital war in der Hand des Staates, der es zudem meist werbend ange­legt hatte und der gewissenhafteste Zinszahler war. In der Zinsenzahlung hat auch heute noch der Staat das alte System der Regel­mäßigkeit beibehalten, jedoch mit dem Unter- , schied, daß die staatliche Gegenleistung dem Na­men nach zwar auf Heller und Pfennig genau ist, dem Wesen nach aber und dem Werte nach nur ein Zwanzigstel auch gar ein Fünfzigstel von 1 dem bedeutet, wozu er verpflichtet wäre. Ehe­dem hatten nämlich die Sparer, sagen wir die Eltern der jetzigen Waisen oder jene Leute, die sich ein kleines Renteneistkommen später sichern wollten, also kleine wirtschaftliche Existenzen, ihr gutes echtes vollwertiges Geld, sogenanntes Goldgeld hingegeben, dessen Kaufkraft dem entsprechenden Werte des Goldes auf dem Welt-

Dik Sisenbshnek-Bewegung

(Süte scharfe Entschließung.

(Privat-Telegramm.s

erfüllt werden." Die Entschließung wurde den Berliner zuständigen Stellen und dem Essener Eisenbahndirekttonspräsidenten Übergeben.

Kapp WM sich stellen.

Ein Antrag an das Reichsgericht.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 7. März.

Der Führer deS Aufstandes im Frühjahr 1930, Kapp hat dem Reichsgericht seine Bereitwillig­keit erklärt, fick unter Leistung einer Sicherheit von 100 000 Mark Gewährung des freien Ge­leites und Verschonung mit Untersuchungshaft zu stellen. Kapp bezeichnenden Urteilsspruch im Jagowprozeß als einen Fehlspruch. Sofort nach dem Eingang der Leipziger Meldung über das Ansuchen Kapps hat der Reichsjustizminister Dr. Radbruch Besprechungen in dieser An­gelegenheit abgehaften. Die Enffcheidung dar­über, ob das Gesuch Kapps abgelehnt oder ange­nommen wird, liegt jedoch nicht beim Justizmi­nister, sondern beim Untersuchungsrichter des Reichsgerichts in Leipzig, der die Untersuchung in der Angelegenheit des Mörz-Putsches geführt hat. In unterrichteten parlamentarischen Kreisen rechnet man damit, datz das Ersuchen Kapps angenommen wird.

Besprechung in Leipzig.

Berlin, 7. März. (Privattelegramm.) Es wird in parlamentarischen Kreisen darauf hinge- wiesen, daß, nachdem die Untersuchung gegen die Beteiligten an dem März-Pittsch 1920 bereits über eineinhalb Jahre gedauert hat, eine Unter­suchungshaft so wie so nur ganz kurze Zeit dauern könnte. Der Reichsjustizminister hat sich heute ftüh nach Leipzig begeben, wo er einem Besuch des Reichsgerichts durch den Reichs- Präsidenten beiwohnen wird. Bei dieser Gelegenheit wird auch mit dem Reichs-Ober­anwalt über die Kapp-Angelegenheii eine Aussprache stattfinden.

Die Genfer Verhandlungen. Entscheidung am 20. März?

(Privaü-Tslcgramm.)

Genf, 7. März.

Der Vorsitzende der deutsch-polnischen Konfe­renz in Genf, Präsident Calonder, wird sich auf fünf Tage nach Montreux begeben. Am 11. März werden ihm die noch vorhandenen Streit­punkte, etwa vierzehn an der Zahl, formuliert und begründet vorgelegt werden. Arn 20. März wird Präsident Calonder in öffentlicher Sitzung feinen Schiedsspruch in den strittigen Fra­gen fällen. Danach begibt sich der d e u t f ch e Be- vollmächttgte, Minister Schiffer, nach Berlin zurück. Das Redaftionskomitee wird indessen mit der Festlegung deS endgültigen Verttags- wortlauts noch mehrere Wochen in Genf zu tun haben. Zur Unterzeichnung des fcrtiggestelltcn VrrtragswcrkrS kehrt dann Minister Schiffer noch einmal nach Genf zurück.

Lloyd George bleibt. Die englische Arife ist beigelegt.

(Eigener Drahtbericht.s

Rotterdam, 7. März.

Courant" meldet aus London: Die Krife im englischen Kabinett kann als beendet gel­ten feit der Unterredung, die Lloyd George mit den konservativen Führern am Sonnrag gehabt hat. Im Anschluß daran fand eine Kabinetts- sitzung statt. Rack einer Rcutermeldung vom Sonntag hat sich das gefamte Kabinett für Lloyd George ausgesprochen. Zonnger hat versprochen, keine Fensterscheiben mehr einzuMagen. wenn die anderen Parteien gegen ihn keine Maßnah­men ergreifen würden. Das Kabinett kann alfo bis zur nächsten Wahl im H e r b st bestehen blei­ben. Balfour ist von feinen konservativen Kol­legen beauftragt worden, am Dienstag die mit Lloyd George getroffenen Vereinbarungen zu verkünden. Es kann heute fchon gefagt werden, daß Lloyd George ntckt von feinem Posten zu- rüdtreten wird. Damit hätte sich also der po- lttische Himmel in England geklärt.

Aus Erholungsurlaub.

London, 7. März. (Eigener Drahtbericht.) Einer Sondermcldnng zufolge ist Lloyd George, der feit längerer Zeit an Bronchialkatarrh leidet, aus Anraten feine-5 Arztes itm Urlaub für un­bestimmte Zett eingekommen. Er wird seinen Urlaub bereits «g Mstwos begimc«.

Milch für Kassel.

Kritik an der Städtischen Milchzentrals

Die Geavgenschast Kasseler Milchhandler Haiti aeftern nachmittag eine stark besucht« Versamm­lung im Evangelische« Veretnshause, der Der- trete» der Erzeuge» u«d Verbraucher, darunt«» auch deS Hausfrauen-Aeretas, beiwohnten.

Es wurde scharfe Klinge geführt. Die Städtische Milchzerttrale war in Verteidigungs­stellung. Der Kampf setzte ein mit einem Vor­trag des Stadtverordneten Müller-Fran­ken aus Berlin. Unmittelbaren Anlaß zur Kritik an der Milchzentrale gaben neben son­stigen Beschwerden Vorgänge bei der Mllchver- sorgung der Stadt Kassel während des Eisen­bahnerstreiks. Der Berliner Redner gab dann der Ansicht Ausdruck, daß die Zwangswirtschaft in der bisherigen Handhabung in Kassel ver­ewigt werden solle, so wie jetzt in Frankfurt eine Aktiengesellschaft für Milchversorgung gebildet worden ist. Der Vertreter der Milchzentrale, Städtobersekretär Striening, konnte über versichern, daß gar kein Mensch daran denke, irgend etwas derartiges zu tun. Ms rr behaup­tete. der Milchhandel werde bei allen Preisfest­setzungen hinzugezogen, wurde er berichtigt. Ver. fchiedentlich sei der Milchhandel vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Unrichtig fei, so er- klärte die Milchzentrale, daß die Stadt ein Ueberschußgeschäft mache. Die VerwaltungSkosten betrugen in Kassel rund 5 Pf«, pro Liter ... in Frnnckftrrt 60 Psg.! Die Unkosten des Kraft- Wagenverkehrs während deS Streiks wurden auf die allgemeine Verwaltung übernommen. Der Vorwurf des Städtv. MWer-Frauken, die Landwirtschaft werde durch die Milchzentrale cingeschläfert, zerschelle an der Wachsamkeit des LandibundeS. Uebereinstimmung mit der Mich- zentrale hatte der Hauptredner des Tages bet der Feststellung, daß vollkommen freie Wirtschaft erst dann möglich sei, wenn eine Organisation geschaffen sei, die ein« Versorgung der Kinder und Kranken sichere. Der Vorsitzende der Ge­nossenschaft, Herr Flohr, verlangte eine Er- Höhung des Preises für Milch. Er warf auch die Frage auf, ob früher den Landwitten die Kannen gestellt worden seien, und blieb dabei, daß die städtische Milchbewirtschaf, tun« nicht ganz einwandfrei sei. Wenn der Milchhändler, fo vnrrde weiter gesagt, auf das Milchamt gehe, habe er das Gefühl, datz sein Weg zum Friseur führt: »Jetzt wirst du eingeseift!" Wieder nahm der Hauptredner da- Wort und machte folgenden

VertrilungS-Vorschla«:

Bestehen bleiben die Milchkarten für Kinder und Kranke bestimmter Art; diese Milch, deren Preis niedrig gehalten werden kann, muß bis zu einer gewissen VormittagSstunde abgcholt wer- den. Was dann verbleibt, kann der Milchhänd- ler frei verkaufen zu einem Höchstpreise, der von einer Kommission ftstgrsetzi wird, in der Er­zeuger und Verbraucher vertrete» sind.

Der Handel, so wurde erklärt, wird bei einer solchen Verteilung infolge seiner guten Be­ziehungen zur Landwirtschaft genügend Milch in die Stadt hereinbekommen, und diese wird so reell mit Milch versorgt werden, wie das früher der Fall gewesen ist. Die ganze Milchfrage sei eine Preisfrage. Wer bezahlt, bekommt Milch Warum kann Kassel nickt genau soviel bezahlen wie andere Stäbi«? Obersekretär Striening ver­teidigte erneut die Stadt. Auch diese habe nur das eine Interesse, Milch nach Kassel hereinzu- schaffen, und der Frankfurter Redner wiederum legte Wert auf die Feststellung, daß die völlige Freigabe des Milchhandels innerhalb der Stadt erst erfolgen könne, wenn das Angebot der Nach­frage entspricht. Vertreter der Molkereien und der Landwirtschaft begründeten die jetzigen hohen Preise mit der schlechten Futterernte. Der Preis sei tatsächlich zu niedrig. Jeder ehr­liche Landwirt erstrebe einen Preis, mit dem er auskommen kann, aber auch nichts mehr. Es gab ein langes Hin und Her. Unter anberent er­klärte Herr Siebe, Vorsitzender des Milchvro» buzenten-Vereins in Giedenhof bei Grebenstein, daß es die Landwirtschaft selbst gewesen sei, die den Milchpreis für Kassel vor einiger Zeit nicht erhöhte, um Ruhe in der Bevölkerung zu erhalten. Die Stadt fei zum Nachgeben bereit gewesen. Einstimmig wurde dann eine Ent- schlietzuug angenommen, die dafür eintritt, daß die Kinder und Kranken unter allen Um­ständen mit billiger Milch beliefert werden, da- gegen wird ab gelehnt, daß die Milchzentrale wei­terhin die Milchversorgung betreibt. Milchhandel könne nicht Aufgabe einer Behörde kein. Als not­wendig erfannt wirb aber eine Aufsicht deS Milchhaubels durch die städtischen Behörden. Be­antragt wurde ferner, daß der städtischen Milch- KommMsu mindestens zwei Vertreter des Milchhandels angehoren sollen. Milchhandel und Landwirtschaft versicherten noch gegenseitig, Auf­klärungsarbeit leisten zu wollen, daß lediglich die städtische Bewirtschaftung die Milch verlerne.