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Nummer 12.

Fernsprecher 951 und 952

Sonnabend, 14. Januar 1922.

12. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952

Verschärfte Politik der Franzosen.

BedrohteHoffnungen.

Chauvinist«« an der Front.

Während der französische Ministerpräsident in Cannes mit seinem englischen Kollegen ver­handelte, und bereits die Aussicht auf eine nahe Verständigung zwischen den beiden führenden Männern des Feindendes greifbare Formen angenommen hatte, ereignetcu sich in Frank­reichs Hauptstadt Dinge, die mit einem Schlage die gesamte Situation, die sich auf dem inter­nationalen diplomatischen Theater infolge der Ereignisse der letzter« Tage entwickelt hatte, ver- ärtbeite. Der Garantie- oder Schutzvertrag zwischen England und Frankreich, der ja im Vordergründe des öffentlichen Interesses stand, scheint ins Wasser zu fallen, die Widerstände unter den einzelnen Delegationen mehren sich in bedenklicher Weise, sodaß es heute sogar frag­lich erscheinen mag, ob man eine geeignete Grundlage für die Einberufung der internatio­nalen Wirtschaftskonferenz in Genua finden wird, die die Welt mit so großen Hoffnungen erwartete.

Wie ist dies so Plötzlich gekommen? Nun, der Einsichtige mußte sich bereits vor der Ab­reise Briands nach Cannes sagen, daß die nationalistische Opposition unter der Führung Poincarss nicht während des ganzen Ver­laufes der kommenden Konferenz den Mund halten werde, sondern daß sie nur aus den Augenblick warte, um mit schärfsten Waffen di« Taktik des französischen Ministerpräsidenten an­zugreifen, sobald sich auch nur die geringste Ge­legenheit dazu bot. Diese Gelegenheit ist jetzt gekoulmen. Die Gerüchte, die über den abzu- schließenden Garantievertrag zwischen England und Frankreich im Umlauf waren, genügten, um in Paris einen Sturm ohne gleichen hervor­zurufen, der sich in gleich starker Weise in der französischen Kammer und im französischen Se­nat austobte. England hatte bekanntlich vorge- schlagen, daß es mit Frankreich nur dann ein Bündnis eingehen könne, falls dieses sich dazu verpflichtete, erst einmal seine See- und Land- streitkräfte auf ein einigermaßen vertretbares Maß zurückzufirhren, und außerdem auf einige .Garantien', d. h. Gewaltmaßnahmen, die sich aus dem Versailler Vertrag und seinen Folge­erscheinungen ergeben, zu verzichten. Gedacht war da wohl an die teilweise oder völlige Räu­mung der Rheinlandc. Dieser Standpunkt wäre auch in wirtschaftlichem Sinne durchaus von England vertretbar, da man wohl gar kein weiteres Wort darüber zu verlieren brauchte, was eine Aufhebung der Besetzung in West­deutschland für die deutsche Wirtschaft bedeu­ten würde. Im Verhältnis zu den finanztech­nischen Machinationen, mit denen einige Hyste­riker an der Seine unsere Valuta gesund machen wollen, bedeutete die Räumung der Rheinlande einen wirklichen, greifbaren Grund für eine Sta­bilisierung des Markwertes, der sich unter sol­chen Umständen mit einem Male völlig ändern würde. Man würde in Deutschland wieder Mut schöpfen, die völlig unorganische Trennung, Zertrümmerung eines eng ineinander verwach­senen Wirtschaftsgebietes würde aufhören, und das wirtschaftlich wieder vereinte Deutschland könnte wieder zur Blüte gelangen.

Das soll jedoch nicht fein. Damit können sich namentlich die Pariser Chauvinisten nicht ein­verstanden erklären, die ja von vornherein auf eine Zertrümmerung des Deutschen Rei­ches spekulierten, und die nicht eher ruhen noch rasten wollen, bis ihre diesbezüglichen Ideale in Erfüllung gegangen sind. Ihrer Meinung nach wird die Erhöhung der Eisenbahn- und Posttarise in Deutschland, die Anpassung des deutschen Kohleninlandpreises an den Welt­marktpreis sowie eine Reorganisation der Reichsban'k genügen, um die Mark so zu heben, daß die unliebsamsten Folgeerscheimingen des deutschen Fiuanzchaos ftir die Weltwirtschaft verschwinden. Soweit das Balutaproblern. Die­ses steht jedoch in der politischen Gedankenwelt der Pariser Nationalisten erst an zweiter Stelle. Vor allem handelt es sich für sie darum, alle Errungenschaften" aus dem Versailler Frir- densdiktate zu erhalten und so in Wirklichkeit eine Garantie dafür zu haben, daß sich Frank­reichs östlicher Nachbarstaat nie wieder von den furchtbaren Schlägen, die ihm das Schicksal zu­gefügt, erholt. Deshalb darf auch Briand keine sogefährlichen" Zugeständnisse an Lloyd Ge­orge macken. Also:Chauvinisten an die Front!" Die Clemenceau. Poincarä, Klotz, Tardieu und wie sie alle heißen mögen, stim­men nun zusammen mit den französischen Mo- narchisten unter der Führung Daudets wie auf ein gegebenes Zeichen in ein vielstimmiges »Meder init Briand'" ein

Und der französische Ministervräfidem ist auch gleich mit dem Oel bei der Hand, das er auf die aufg-pcttschien Wogen gießt. Er erläßtbe­ruhigende" Erklärungen, worin er feinem Er­staunen darüber Ausdruck verleiht daß man.

ihm auch nur im Entferntesten zumutet, solche ihm angedichteien Konzessionen an England zu machen. Er spielt jetzt den Nafionalisten, den Verteidiger der französischen Ehre, den Mann, der das Schmachdokument von Versailles alle Zeit hochhält. Die nattonalistische Offensive in Paris hat also ihren Zweck erreicht. Die un­mittelbare Folge ist aber auch davon zugleich, daß der erwartete Garantie- und Schu^ertrag, der zwischen England und Frankreich zustande kommen sollte, unmöglich geworden ist. Eng­land hat sofort den Rückzug angetreten. Lloyd George wird kaum mit einem Briand, der vom Geiste Poincarss beseelt ist, einen Vertrag äbschließen. Wenn jetzt der englische Minister­präsident erklärt, daß das Bündnis mit Frank­reich darum nicht möglich wäre, weil Italien dadurch verärgert würde, so weiß man, was map davon zu halten, hat ...

NemsKabMett MFmMreW.

Poinearee als Briands Nachfolger.

(Eigene Drcchtmeldnng.)

Paris, 13. Januar.

Ministerpräsident Briand ist mit dem ge­samten Kabinett zurückgetreten, weil er nicht mehr das Vertrauen der Kammer. Mehrheit hatte. Angeblich war et zu nachgiebig in den Verhandlungen mit England wegen der deutschen Zahlungen und der englischen Ruß­land-Politik. Millerand hat bereits eine Unter­redung mit Poincarö, dem schlimmsten Deutschenhasser und Kriegstreiber, gehabt, der die neue Kabinettsbildung überneh­men wird. Man spricht hier von einer Kombi- nation PoincarS-Doumergue. Poincars will Doumetgue ins Kabinett bringen, um die Linke des Senats zu befriedigen, doch hat et für das Portefeuille des Ministeriums des In- netn einen Bcrtreter der Rechten vorgesehen. Füt das Finanzministerium im Kabinett Poin- care wird de Lasteytie genannt.Der Kriegs- Minister aus dem bisherigen Kabinett, Bor- thou, dem die Politik Briands schon immer zumilde" war, soll ins neue Kabinett über­nommen werden. Auch wird für diefen Posten der ehemalige Kriegsministet Lese»re ge­nannt. Dieser Kabinettswechsel stellt sich als eine verschärfte deutsch . feindliche Richtung dar, wie sie früher bestand.

Briand« Abgang.

Paris, 13. Januar. (Eigene Drahtmelvung.) Briand hat sofort nach seinem Rücktritt die ausländischen Journalisten empfangen und ihnen den ersten Teil des englisch-französischen Bündnisprogramms vorgelesen, der, wir et meinte, beweise, daß beide Länder in diesem Projekt mit gleichen Rechten anftreten. Man nimmt an, daß Poincars die Ministetptä- stdcntschast übernehmen und Biviani zu sei­nem Außenminister ernennen wird, der als sol- chet nach Cannes gehen wird. Weitet meldet Echo de Paris": Bereits vor der Abreise aus Cannes war sich der Ministerrat über die De­mission Briands schlüssig geworden. Von der Kammer aus begab sich Briand sofort ins Elyss. Er überreichte Präsident MiLrrand seinen Rück­trittsentschluß. Wenn auch in den Wanbelgän- gen der Kommet die Meinung vorherrscht, Bri­and habe auch diefesmal nut ein strategisches Manöver gemacht, so erklärte doch Btiand, sein Entschluß sei unwiderruflich.

Die Rarifer Krise.

Der erste Eindruck in England« (Eigene Drahtmeldung.)

London, 13. Januar.

In London betrachtet man die Pariser Krise Mit ziemlicher Ruhe, aber mit Ernst.Daily Chrontcle" hält dir Auflösung des französischen Parlaments in Anbetracht der Haltung des Sr- natS für kaum möglich und erinnert Frankreich daran, daß die r n g l i f ck e Negierung nötigen­falls die nngestrcbten Ziele auch ohne Frank­reich weiter verfolgen würde, insbesondere be­züglich Rußlands. Nach englischer Beurteilung ist die Krise weniger zurückzufühten auf die Rc- parationsfrage, in der Frankreich besser gcftellt sei als bisher, als vielmehr auf die Bedingun­gen, die Lloyd George für den Garantie- vertrag stellte und durch seine Rußland- Politik.' DieTimes" schreiben; Ter Scha­den, der d«tch den Zusamm-nütnch die­ses ersten Versuches in Car? cs eine sichere Grundlage füt Europa zu schaffen, könne schwer­lich übertrieben werden. Die Krise würde auch

auf die Washingtoner Konferenz Schatten wer­fen und das Mißtrauen erneuern, das in Ame­rika durch die Franzosen in der U-Bvotstage vor einigen Wochen erzeugt worden fei.

Die Auffassung in Berkin.

Berlin, 13. Januar. (PrivattelegranAw) Während man sich in neutralen diplomatischen Kreisen zur Tatsache von Briands Sturz noch abwartend verhält, namentlich, da man die Nachfolgerschaft PoineareS noch keineswegs als gesichert anfieht, ist, wie wir erfechten, in En- tentekreisen die Auffassung seht ernst. Man glaubt, nicht daran zweifeln zu dürfen, daß auf jeden Fall die nationalistische Richtung in Frankreich versuchen wird, durch Opposition ge­gen den Obersten Rat die genaue Durchführung des Versailer Vertrages zu erzwin­gen. Andererseits scheint es, daß England nicht mehr gewillt ist, Frankreich neue Zugeständnisse zu uiachen, sondern daß matt Lloyd Georges Plan des Wiederaufbaues Europas unter allen Umständen weiter verfolgen wolle. Man steht also vor der Möglichkeit eines scharfen eng­lisch-französischen Gegensatzes, der eine Isolie­rung Fratüreichs zur Folge habe« kann.

3n der Washingtoner Konferenz.

London, 13. Januar. (Eigene Drahtmeh düng.) Aus Washington wird berichtet: Die Nachricht vom Rücktritt Briands wurde in hie­sigen Konferenzkteifen mit großer Bestür­zung -nfg-nommen. Dir Tatsache wtnche von Hughes bektmnigegeSen, der gerade mit Balfour, Baron Kato mit Sarraut und Schanzer verhan­delt hatte. Die Mitglieder der amerikanischen Delegation erklärten Über diese neue Entwick­lung der Dinge ihr größtes Bedauern.

Die Konferenz in Cannes.

Dkathsnans neue Vorschläge.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 13. Januar.

In der gestrigen Sitzung des Obersten Rates in Cannes sprach Dr. Rathrnau in französischer Sprache. Er übersetzte seine Rede gleich Satz für Satz ins Englische. Er teilte zunächst mit. daß Deutschland am 15. Januar sünsundsicbzig und am 15. Februar dreinndncunzig Millionen zah­le n k ö n n e, obwohl diese Zahlungen die wirt­schaftliche Lage sehr ungünstig beeinflussen müß­ten. Die deuffche Regierung sei weiter bereit, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Finanzen in Ordnung zu bringen. Sie fei bereit, die Steuern für 1921/22 zu verdoppeln. Ob aber solche Maßnahmen zu dem von den Mi- iertcn gewünschten Ergebnis fuhren würden, sei zweifelhaft, da man immer wieder mit Schwan­kungen der deutschen Valuta rechnen müsse.

* *

Weitere BefpreGungen.

Genf, 12. Januar. (Eigene DrahtmeldunA) Bon der Konferenz in Cannes wird weiter be­richtet: Die deutschen Vertreter legten das D e - fizit der deutschen Handelsbilanz und die daraus folgenden SchwreriKeiten für die Beschaffung der Devifen dar, die nur durch Pro- duttionssteigerung und Exportvermehrung beho­ben werden könnten. Dies wiederum wäre erst nach Abbau der Zollschranken und Ein­führung einer neuen Weltwirtfchastspolitik mög­lich. Sodann erklärte Rathenan noch: Einige der Garantien, die die Alliierten für das Mora­torium forderten, könne Deutschland annehmen. Zum Schluß forderte er, vom Obersten Rat gehört zu werden. Diesem Wunsche Rathenaus wurde bann auch entsprochen.

*

Beurteilung in Varis.

Paris, 13. Januar. (Eigener Trahtbericht.) DasJournal" meldet aus Cannes, die Deut­schen hatten ausgezeichnete Dispositionen gezeigt. Die Zahlen, die man ihnen genannt habe, schie­nen sie nicht übermäßig zu erschrecken. Sie wür­den ihre These auck vor dem Obersten Rat ver­teidigen. TasEcho Nationale" des Herrn Tardieu erklärt, daß Rathenan und Bergmann mit Loucheur und Hörne verhandelten. Auch der Pcttt yarificn" erwähnt diese Unterredung Rack» den Erklärungen Hornes und Loucheurs zeigte sich die deuffche Delegationsehr vernünf- iig". Die Personen, die Dr. Rathenan kennen, wissen, daß er ausführliche Auseinandersetzungen liebt. Man nimmt cm, daß er zwei Sitzungen brauchen wirb, um sich vollkommen auszu- sprechcn, das wären also die zwei Tage, an denen Briand nicht in Cannes ist.Petit Jour­nal" bringt keine eigenen Berichte sondern aus­führliche H av aStele tzrmnme, in denen gesagt wird, Rathenan habe von dem guten Willen der deuffchcn Regierung Zeugnis abgelegt.

3m Hungerland.

Erlebnisse eines Arztes.

98te jetzt bekannt wird ist in Maska» ein eng­lischer Arzt Dr. Farar an Flecktyphus gestorben den er sich in den -irngergebieten durch An. stecknng zngezogen hatte. Der ärztliche Mär» ehre» hat die Eindrücke, die er in beit von der Hungersnot furchtbar yeinrgesnchten Distrikten gewan in der solgenbenden erschütternden Schitserung niedergelegt t

Man müßte die Feder Zolas besitzen, so schreibt Dr. F a r r a r, um die Hungersnot in diesen Gebieten in ihrer ganzen furchtbaren Wirklichkeit zn schildern. Sie wird noch ständig schlimmer und breitet sich immer weiter nach nach Westen ans, dem Strom der Flüchtlinge folgend, di?, nachdem sie ihre letzten Vorräte verzehrt, und jedes Stück, für das man noch ein Aschen Brot bekommen konnte, verkauft halben, einem unbekannten Ziele entgegenwandern. Mr suchen in Saratow zwei »Zufluchtsstätten" für die Heimatlosen; die eine war ein aÄcs Militär­lager, ohne jede hygienische Einrichtung, in dem die Flüchtlinge ans den südlichen und östlichen Provinzen, zusammengepfercht in der Dunkel­heit, die langen Mnternächte im größten Schmutz und unter den jämmerlichsten Beding­ungen zubrachten. In einem dieser Lager, in dem täglich mehrere Insassen sterben, sah ich die Körper, oder vielmehr die Gerippe eines Man­nes, einer Frau und eines Kindes aus der deut­schen Kolonie Markstadt, wo die Hungersnot be­sonders schlimm ist. Die Frau, die buchstäblich nichts als ein Mieder und einen Rock am Leibe trug, hatte den Brand an beiden Füßen bis obrrbM» des KnSchsG, b<ö, dem Mann waren Hände und Füße brandig, und das Kind war nur noch Haut und Knochen. Dergleichen furchtbare Bilder können mit Leichtigkeit vermehrt werden. Um von der Verödung vieler dieser Dörfer eine Vorstellung zu geben, will ich erwähnen, daß das Dorf Kano im MarkMdter Distrikt, das früher eine Bevölkerungsziffer von mehr als dreitausend chatte, jetzt nur noch elKundert Eina wahner besitzt.

Eine der traurigsten Erscheinungen der Hun­gersnot ist die große Zahl der von ihren Eltern verlassenen Kinder, die man auf den Straßen steht. Sie sind alle in einem furchtbaren Zu­stande der Abzehrung. Ich sah in Markstadt ein Lager, das für hundert dieser Kinder Betten ent« HM; 42 davon waren in den letzten vierund­zwanzig Stunden gestorben, aber ihre Plätze haben sich rasch wieder gefüllt. Ich sah die Leichen von solchen Kindern und photogra­phierte einige. Möhr als fünfzig Prozent die­ser unglücklichen Findelkinder gehen trotz der Sorgfalt, die man auf sie bewendet, zugrunde, dliber, wenn die Kleinen richtige Pflege erhal­ten, werden doch viele, die völlig abgemagert. hühläugig und teilnahmskos waren, nach vier­zehn Tagen guter Ernährung wieder ganz rundlich und beginnen wieder zu lachen und zu singen. Was geleistet werden müßte, um wirk- ich zu helfen, sieht man daraus, daß im Distrift von Markstadt, der eine Bevölkerung von hun- dertzwanzigtausend Personen besitzt, etwa zwei- undzwanzigtausend von der Regierung Station nen erhalten, die ungefähr 1 Pfund öder noch weniger täglich betragen, während die übrigen Hunger leiden und nicht unterstützt werden kön­nen. Dalbei werden die Zustände eher schlim­mer als Lesser. Seitdem ich diesen Brief zu schreiben anfing, bin ich mit Nansen im Di­strikt von Samara gewesen, wo die Verhält­nisse noch furchtbarer sind, trotz der tatkräftigen Hilfe, die von verschiedenen Seiten, besonders vom amerikanischen Hilfswerk für Samara, ge­leistet wird. In den Dörfern in der Nähe Sa­maras fasten wir viele Leute ruhig in ihre» Häusern liegen und den Tod erwarten- nachdem sie ihre Vorräte vollständig aufgezehrk hatten. Ich sende Ihnen Proben des Brotes,- das die Bauern dort essen; ich sammelte sie in verschleimen Häusern. Die Hauptbestandteils sind Grassamen, Eicbenblätter und Stroh, zu- bereitet mit Knochenmehl, Lehm oder Pferdemist In einem Hause lag ein Muschi!, der früher ein Wohlhabender Mann gewesen war, mit seiner ganzen Familie, feinem Tod entgegensehend. Sie hatten ihre Pferde aufgegeffen, und nur die SSenkelknochen waren noch itorig. die sie zu einer Art von Mehl zerstießen. T«S War ihrs letzte Nahrung.

. Furchtbare Verhältnisse fanden wir auch in Buzuluk, wo von einer Bevölkerung von füufunddreißigtausend Seelen täglich etwa hun­dert sterben, sodaß die Stadt, wenn es so wei- i er geht, in einem Jahr ausgestorben fein wird. Jeden Tag werden Tote gefunden und die Mordtaten sind häufig. Mr sahen auf dem Friedhof einen Hansen von sechzig bis siebzig^ Leichen, die in zwei Tagen zusammengekom- men waren, wobei die privaten Beerdigungen noch nicht gerechnet sind; sie warteten darauf, in eine große Grube geworfen zu werden. Wir- sahen auch in der Hauptstraße den Körper einer Frau, die bereits von Hunden benagt war; bte Leute fangen an, sich vor den Hunden zu furcht