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Nr 26

Zweites Blatt

Samstag, den 31. Januar 1903.

12. Jahrgang.

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«rtiPbeiUge* : Oberhesfische Familte«zeitu«g (täglich) Oberhesftsche Zeitschrift für La«dwirtfchaft, Obft- »«d «arteebae, sowie die Gietzeser Te1fe«blase« (wöchentlich).

DaS Blatt afdefnt an ave« Werktagen nachmittags.

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3wferti0«dprei Sr Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg., Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg

PoNzeirungSlifte No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.

Fer«sprecha«schluk Nr. 362.

Neuelle Dachrichlen

(Gießener Pagevtatt)

Nnaökängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung»

für Oberyessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gictze» und ibmybumi.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Hus der Reichshauptstadt.

Wandelbilder von Spectator.

(Nachdruck verböten.)

Die Straße „Unter den Linden", die „gute Stube" Berlins, die im vergangeueu Jahr vollständig renoviert worben ist, wurde in dieser Woche wieder einmal bc sonders schmnck für ihre repräsentativen Zivecke herge richtet. Gäste waren gekommen, Fürsten und Bauern, Ausländer und Leute der nächsten Nachbarschaft: sie alle waren gefommen, um Kaisers Geburtstag mitzufeiern und wurden in der guten Stube feierlich ausgenommen. Frei­lich gab es auch in allen anderen Stadtgegenden zahl- reiche Feiern; in jedem Restaurant hatte lvohl ein Verein rine patriotische Festsitzung: in den hohen, höheren und rnderen Schulen fehlten nicht erhebende Festakte. Alle Straßen und besonders die großen Magazine hatten üppi gen Festschmuck angelegt; aber der Brennpunkt der Feier bleibt doch immer das Leben in der Fcststraßc der Resi venzstadt, in der es den ganzen Tag über etwas zu sehen und zu bewundern gab. Erst das Wecken mit dem feierlich fröhlichen „Freut Euch des Lebefis", das für die Feier des Tages a'ls Motto bleibt; dann die Galaauffahrt der inländischen und ausländischen Gratulanten, ein abwechse lungsvolles und farbenreiches Bild; mittags die Parole- liilsgabe im Zeughause, zu der sich der Kaiser zu Fuß beaiebt; und so ist den ganzen Tag über für Unterhaltung gesorgt bis aur abendlichen Illumination. Diese freilich veranstaltet in allen Straßen ein wahres Volksfest; dabei geht es natürlich ohne das beliebte „Drängeln" nicht ab. Wer aber das Glück hat, beim Nachhausekommen noch an­

nähernd so viel Gliedmaßen sein eigen zu nennen, wie beim Antritt dieser Inspektionsreise durch das dichte Men schengcwühl, der hat sich auch amüsiert. Nicht etwa die bnntglübcnden, umfangreichen, elektrischen Lichtdekoratio neu selbst sind es, die den Berliner in Entzücken versetzen;

diesen LeiststUgcu gegenüber ist er ziemlich blasiert, wie er sich ja überhaupt uicht zu leicht imponieren läßt: es ist mehr das innere Festtagsgefühl, das freilich durch den Lichterglanz gehoben wird, und das den Vergnügungs­süchtigen zu allerlei Ulf reizt, auch wenn er eingekeilt in drangvoll fürchterliche Enge ist. Man kann häufig die Beobachtnng machen, daß der Berliner im Gedräuge am ehesten seinen Junior zeigt; er ist wie eine Zitrone, die, je mehr sie gepreßt wird, desto mehr Saft von sich gibt.

Die festliche Beleuchtung, so grandios sie auch sein mag, imponiert dem Passanten der Hauptstraßen schon deshalb nicht so sehr, weil die Geschäftsleute auch an den gewöhnlichen Wochentagen ihr Licht vor den Leuten ^"V Wurmn hi in einer imposanten Weise leuchten lassen. Die Leipziger cklverke w , )lufl^p beispielsweise bietet allabendlich mit ihrer Fülle oder getr-nnt « _ ..

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dern Richtern in den verschiedensten Farben, mit den bc weglichen und sich fortmäbrenb verändernden elektrischen Lichtreklamen an den Häusergiebeln eine ständige Jllumi Nation Diese weithin leuchtenden Annoncen zeugen noch in den geschnftssreien Abendstunden und an den Sonn lagen (für sie gibt es feine Sonntagsruhe) von dem reg samen, indnstriösen Geiste der Berliner Geschäftswelt: denn daß die Reklame in jener Gegend iiid)t unwirksam sein dann, beweist eine Verkehrsstatistik, die feststellte, daß den Potsdamer Platz in einer Stunde durchschnittlich 320 Straßenbahnwagen, 142 Omnibusse, 1275 sonstige Fuhr werke und 9130 Fußgnäger passieren.

Diese Statistik, die für andere Kreuzungspunkte ähn liche Resultate anführte, weist deutlich darauf hin, daß die Znknnft unserer Verkehrsverbindnngen unter dem Straßenpflaster liegt. Der Straßenverkehr, der sich nicht nur durch die Zunahme der Bevölkerung, sondern auch durch die Umwandlung des Zentrums in eine reine Ge ichäftsstadt, eines schnellen Wachstums erfreut, muß in irgend einer Weise, die das Pflaster nicht noch inehr be lastet, abgelenkt werden. Das Verkehrswesen schreit nach Reformen. Wenn jedoch welche kommen, wie jetzt die Einführung einer neuen Livree für die Droschkenkutscher, so sind sie nicht immer dazn angetan, dem vorerwähnten Mißstande abzuhelfen. Man milß indessen für alles dank bar sein. Vielleicht trägt die neue Uniformierung dazu bei, unseren Droschkenkutschern ein schmuckeres, geschick teres Aussehen zu geben. Vielleicht auch bringt diese Verschönerung der Droschkenführer in Anbetracht der leicht entflammten Herzeti der Großstädterinnen sogar eine wei­tere Verkehrsbelebung mit sich und damit, wie es bei einer Verkehrszunahme ja stets der Fall ist, eine Vermehrung der Unglücksfälle, die hier freilich unter die standesamt­lichen Nachrichten rangieren würden.

Die Liebe hat in letzter Zeit ziemlich viel schwere Un­glücksfälle auf ;hr weites Gewissen geladen. So erfreu* (ich es ist zu fonftatieren, daß die Romantik in der Groß stadt nicht ausgestorben ist, so sehr sind die Beweise da­für zu beklagen, die durch ihren Selbstmord jene jungen Leute erbringen, die das Wort Goethes:

„Segen jenen, die gefunden Früher Liebe Rosenstrinden," auf so traurige Weise Lügen strafen. Es ist eigentümlich, daß die Eltern, die solche Liebe durch ihr Veto nicht nur zur „unglücklichen" stempeln, sondern auch wider ihren Willen befestigen, durch die Zeitungsberichte über frühere Fälle nicht vorsichtiger geworden sind, und Maßregeln treffen, solche Tragödien zu verhüten.

Wie wenig überhaupt aus den Zeitungen gelernt wird, beweisen auch die sonstigen Unglücksfälle dieses Winters; zahlreiche blühende Menschenleben sind durch Kohtengas- oergiftung und durch Einbrechen beim Eisläufen dahin- aerafft worden. Die ersten Fälle, die die Zeitungen brach -

ton, Hütten Düst) — pure man anneymen zur Vorsicht mahnen müssen. Nichtsdestoweniger folgte eine lange Kette ähnlicher Unfälle, die eine große Anzahl Menschen- leben kosteten. Es scheint als), daß noch immer zu wenig Zeitung gelesen wird. _________„

Vermischtes

|::| sEinc Episode aus Bismarcks Lebcui wird gelegent­lich eines furchtbaren Vorfalls in Biarritz in Erinnerung gebracht. Dort sind bekanntlich drei Schauspieler von einer über den frafenbamm schlagenden Sturzwelle hinwegge spült tvopden und ertrunken. Der Ganlois erzählt ^nun, Graf Bismarck sei in Biarritz fast an der gleichen Stelle nur dank der Warnung anderer Badegäste einem ähnlichen Schicksale entgangen. Er hatte mit seinen Hunden einen Spaziergang längs der Allste tinte^^iominen und sich in der Nähe von zwei Franzosen auf Strandsteiue gesetzt, um das Kommen und Gehen der Flut besser zu beobachten. Es machte ihni Spaß zu sehen, daß feine \)undc dem Wellenfckwum nachliefen und vor der heran brausen den Flut erschrocken zurückwichen. Plötzlich rief einer der^Fran zoseii dem fremden Diplomaten zu: Fort, fort! eine Sturz­welle'. Graf Bismarck erhob sich und leistete der Warnung Folge. Es war hohe Zeit: eine hohe Welle brauste heran und zerschelltes« der Stelle, wo er gesessen hatte. Der Schaum zerfloß vor seinen Füßen. Er wäre unrettbar ver loren gewesen, wenn er nicht auf die warnende Stimme gehört hätte.

V sDie Gefahren der phonetischen Schreibweise, j Ein junges Dieustmädchen in Metz schrieb vor fünf Monaten eine Postkarte an eine Bekannte in Avricourt. Diese Karte ging zuerst nach Egypten, von dort nach dem Kaplande und gelangte erst, nachdem sie fünf Monate den schwarzen Erdteil durchwandert hatte, in die Hände der Adressatin in Avricourt. Wie kam das? Einfach dadurch, daß das Mädchen, eine geborene Elsässerin, den elsässischen Accent, den es spricht, auch in seiner Korrespondenz anivendet und statt „Avricourt" „Africon" so spricht man das Wort im Elsaß tatsächlich aus> schrieb. Die Post aber las „Africa"! Man sieht die phonetische Schreibweise hat auch ihre Gefahren.

— In einer der Southern Ear ano ^ounory Company gehörigen Gießerei in Jnniston (Alabama) flog ein Kessel in die Lust. Hierbei wurden 6 Personen getötet und 20 verletzt.

15 Meilen östlich von Xucf an (Arizona) stießen zwei Pcosonenzüge zusammen. Elf Wagen aerieten in Brand: unter den Trümmern wurden 8 Leichen gefun­den, 17 Pe offnen erlitten Verletzungen.

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