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Nr. 176,

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Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung (täglich) Oberheffische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- ü«d Bartenba«, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitagS.

Donnerstag, den 30. Juli 1903.

Gießener

_________________12. Jahrgang

J«sertto«Sprei St Die einspaltige Petttzelle für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pst, sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3869.

Redaktion und Expeditton: Gießen Neuenweg 88.

Fernfprecha«fchl«ß Rr, SSI.

Deuche Wachrichten

(Gießener Gngevratt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Ieitnng)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhefsen.

selbst zugegen gewesen, noch hat er sich vertreten lassen. An

Bekanntmachung.

Betr.: Fleischbeschau; hier: Unterrichtskurse.

Wir bringen hiermit den Beteiligten zur Kenntnis, daß die Unterrichtskurse in der Fleischbeschau in dem hiesigen Schlachthause voraussichtlich nicht vor dem 1. Oktober l. I. beginnen werden.

Gießen, den 27. Juli 1903

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

J. V.: Dr. Heinrichs.

Gießen, den 28. Juli 1903.

Betr.: Urlaub der Lehrer und Ferien.

Die Gr. Kreisschulkommission Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Um Störungen in der Beaufsichtigung der Schulen zu verhüten, beauftragen wir Sie, Beurlaubungen der Lehrer so zeitig wie nur irgend angängig bei uns anzu­zeigen. In besonders eiligen Fällen genügt Anzeige durch eine seitens des Lehrers an den Groh. Kceisschul- inspektor zu richtende Postkarte.

Bei Berechnung der Ferien, deren Lage Sie be­stimmen dürfen, wollen Sie festhalten, daß die in die betreffenden Ferienwochen fallenden Sonntage in die Zahl der Ferientage einzurechnen sind. Wird also z. B. der Unterricht an einem Samstage geschloffen, so ist der darauf folgende Sonntag der erste Fecientag; beginnt dec Unterricht an einem Montage wieder, so ist der vor­ausgehende Samstag dec letzte Fecientag In diesem Falle ist als Tag des Ferieubegiuns dec Sonntag als Tag des Ferienschlusses der betr. Samstag anzugeben. Die Ferien sind mindestens 3 Tage vor Beginn bei uns anzuzeigen.

I. V.: Dr. Wagner. ______

Aufforderung.

Die Besitzer von Mietwohnungen, die aus drei oder weniger Räumen bestehen, oder aus nicht unter­kellerten Räumen, deren Fußboden nicht mindestens 0,25 Meter über Erde gelegen ist, und solche, die un­mittelbar unter dem Dache ohne Zwischendecke sich be­finden, werden aufgefordert, bei Meldung der im Gesetz angedrohten Strafe, innerhalb 14 Tage hiervon bei dec unterzeichneten Stelle Meldung zu machen.

Grünberg, 29. Juli 1903.

Größtmögliche Hürgermeisterei Grünberg. Z i m m er.

Die Deleikungsgrenre der Grundstücke.

Eine Lehre aus bem Pommernbank-Prozeß.

Von unserem vo lksw i rtsctza s t l icheu Mitarbeiter wird uns geschrieben: In bem Pommernbank-Prozeß hat sich so recht wieber gezeigt, daß unsere gesamte Rechtsauffassung doch vorwiegend formaler Natur ist. Hätten bie inzwischen frei­gelassenen Direktoren Schultz und Romeick nicht mit Hilfe eines sinnreich ausgedachten Schwiudelmechanismus me fremden Gelder so lange hin- unb hergeschoben, bis die Wegspur für sie verloren ging und der Weg in die eigene Tasche verschleiert wurde, dann würde sich kaum jemand ernstlich gegen sie gewendet haben, obgleich ihre Tätigkeit auch ohne die Zutat irgend welcher Betrügereien auf bie Ausbeutung hinzielte. Sie konnten nur dann an die Aktio­näre gute Dividenden zahlen, trenn sie die Grundstucks­preise in die Höhe trieben, mit andereil Worten also ge­rade die weniger gut gestellten Volksklassen bei der Be­friedigung des Wohnungsbedürfnisses zu höheren Leistungen heranzogen. Aber darin allein liegt nicht die Verfehlung, die wir als eine soziale bezeichnen wollen; verwerflich ist vielmehr die Verfehlung gegen die Tendenz der Hypotheken­banken. Diese sollen dem Grundbesitz den Kredit zur Aus­führung von Meliorationen iinb zur Ueberwindung von Krisenjahren erleichtern. Die Landschaften, die zudem mehr auf das platte Land und den großen Grundbesitz zuge- schnitten sind, ziehen vielfach die Beleihungsgrenzen zu eng, so daß tatsächlich Hypothekenbanken eine Notwendigkeit sind. Aber die Pommernbank hat nicht den Hausbesitzern den Kredit verschafft, fonbern den Spekulanten und sich dadurch in doppelter Hinsicht gegen ihre eigentliche Mission vergan­gen. Wenn die Wertsteigerung der Grundstücke tatsächlich durch ein Zusammentreffen natürlicher Verhältnisse entstan­den ist, bann nullte sie ben eigentlichen Inhabern das Fest­halten erleichtern; in Wirklichkeit aber hat sie ihnen ihren Besitz entzogen, und nicht genug damit, hat sie die Preise selbst kiinstlich in die Höhe getrieben, um die Ueberbelei- hungen zu rechtfertigen. Die Käufer der Obligationen aber glaubten ihr Geld nicfit für Konjunkturwerte, sondern für stabile Werte hinzugeben. Die ganze Politik von Schultz und Roineick war unmöglich, wenn sich Taxatoren fanden, die ihnen die hierfür erforderlichen Abschätzungen lieferten;

diese Taxatoren waren da, aver es ist schwer, ihnen die be­trügerische Absicht nachzuweisen, weil die Schätzung der mutmaßlichen Wertsieigernngen schließlich nichts anbereë als persönliche Ansichtssache ist. Bei der Wertbemessung des Pankower Geländes, das innerhalb eines Jahres um das Siebenfache erhöht wurde, machte der Taxator während der Verhandlungen zu seiner Rechtfertigung geltend, daß in der Nähe die Bautätigkeit gestiegen sei und daß ein Güter­bahnhof dort angelegt wurde. Darum eine Preissteige­rung um 700 Prozent. In Charlottenburg, das doch von Wohnungssuchenden viel mehr begünstigt wird als Pankow ist in dem Zeitraum von 1898 bis 1901, J*o in der kri­tischen Zeit der Pankower Spekulation, der Bodenwert um 100 Prozent seines damaligen Preises gestiegen. Der Quadratmeter galt 1898 113%, im Jahre 1901 aber 125% Mark. Und in Pankow stieg der Preis um das Siebenfache nach den Schätzungen der Taxatoren. Kann man da noch an die bona fides glauben? Da aber bei den weitgehenden Rechten der Hypothekenbanken und in­folge des Bestehens der Staatskontrolle gerade fohOe Werte in den Augen des Publikums ein großes Ansehen genießen, so muß der Staat der Omnipotenz der Schätzungen einen Riegel vorschieben. Seither hatte der staatliche Aufsichts- beamte nur zu prüfen, ob die Beleihungsgrenze nicht über­schritten war. In Zukunft sollte von Zeit zu Zeit eine Taxation vorgenommen, und übermäßige Schätzungen müß­tet: beanstandet werden. In Baden finden, da man dort den Grundbesitz nach dem Verkehrswert besteuert, alle Jahre Nenabschätzungen Don Grund und Boden statt unb dort hat sich eine derartige Wperulationstätigkeit bei den Hypothekenbanken nicht entwickelt. Die Rheinische Hypo­thekenbank in Mannheim beispielsweise hat aitscheittend' libe­rale Bestimmungen bei der Festsetzung der Beleihungsgrenze, trotzdem aber gewährt sie geringere Hypothekengeloer, weil im Anschluß an die staatlichen Grundstücksschätzungeu die Wertbemessung geringer ist, als es bei der Pommernbank der Fall war. Hier muß die Axt an die Wurzel gelegt werden.

Die Politik. /

> e e . Deutsche Flottenmanöver 1903. *

+ Ueber die diesjährigen großen Herbstmanöver der Flotü wird jetzt Näheres bekannt. Die Manövrierflotte wird sick am 15. August vor Wilhelmshaven einsinden, sie wird 60 Schiffe und Fahrzeuge zählen, 311 denen am 31. August noch 2 Kreuzer, ein Hafenschiff und ein Spezialschiff treten. Flottenchef ist Admiral V. Köster, der seine Flagge auf ben Kaiser Wilhelm II." setzt. Nach den üblichen Besichtigungen der Schiffe beginnen am 20. August die taktischen Uebungen in der deutschen Nordseebucht, die mit einer Ausrüstungs­übung in Wilhelmshaven abschließen. Am 25. August treten bie Schiffe die Fahrt durch die Nordsee, das Skagerrak unt das Kattegat an und erreichen am 5. September Kiel. ©5 werden unterwegs die üblichen taktischen Uebungen vorge­nommen. Am 6. September ist Ruhetag in Kiel. An- 7. September beginnt die kriegsmäßige Kohlenbunkerung, und in den nächsten Tagen treffen die Schiffe ihre Vor­bereitungen 311m Einnehmen der Positionen für die großer ftrategifchen Schluß- und Hauptmanöver. Es sind Blockade­übungen und eine Festungst'riegsübnng am 10., 11. und 12. September beziehungsweise 14. September Vorgesetzer! Die durch die Reservisteneinziehung auf Kriegsstärke ge­brachte Marineinfanterie und erste Matrosenartillerie­abteilung besetzen den Kieler Kriegshafen. Die Schlacht­flotte sucht mit Unterstützung der Torpedobootsflottille bie Einfahrt in den Hafen zu erzwingen. Am 15. September wird die Flotte in Kiel aufgelöst.

Das Ende des Nationalsozialismus.

# Auf dem Gebiet des deutschen Parteiwesens vollzieht sich gegenwärtig ein bemerkenswertes Ereignis: die Ver­schmelzung zweier Parteien. Die Nationalsozialen, durch den Ausgang ihres Reichstagswahlkampfes entmutigt, holen die eigene Parteifahne nieder und hissen die Flagge der Frei­sinnigen Vereinigung. Sie danken als selbständige Partei ab, um in der freisinnigen Vereinigung aufzugehen. Die Führer der Nationalsozialen haben kürzlich eine Anfrage an die Parteiorganisation der Vereinigung gerichtet, ob diese die Nationalsoziale Partei in sich aufnehmen wolle. Die Ver­einigung hat bejahend geantwortet, und die nationalsozialen Führer haben jetzt beschlossen, bei dem in Göttingen Ende August stattfindenden nationalsozialen Parteitag die Auf­lösung ihrer .Partei und die Verschinelzung mit der Frei­sinnigen Vereinigung zu beantragen. Es steht völlig außer Zweisel, daß dieser Antrag angenommen wird. Auch wenn er nicht Annahme fände, würde die Partei auffliegen, da die Führer entschlossen sind, sich der Vereinigung anzuschließen, und ohne die Führer ist die Partei nichts. Der Zuwachs, den die Freisinnige Vereinigung durch diese Angliederung oer Nationalsozialen erfährt, ist, nebenbei gesagt, nicht be­deutend.

Herd Combes und die Papstgedcnkfeier.

0% Der Ministerpräsident der französischen Republik, der erstgeborenen Tochter der Kirche", ist bei der Trauerfeier für den Vavst in der Notre Dame-Kircke au Paris weder

bere Minister dagegen waren erschienen oder hatten Ver­treter entsandt. Die französische Presse geht jetzt mit Mr. Combes wegen dieses seines Verhaltens scharf ins Gericht; allgemein tritt in den Blättern die Anschauung auf, daß in dem jetzige!: Kabinett ein Zwiespalt bestehe, und z:var ein Zwiespalt über die Hauptfrage der Politik des Kabinetts, die bekanntlich vor allem sich gegen ben katholische!: Klerus richtet. Zweifellos tuirb Combes' Verfahren noch zu er­regten Debatten in der Kammer führen, wenn diese im Herbst wieder Zusammentritt.

Ein Korrttptivnssknttdnl in Ungarn.

^ Im ungarischen Abgeordnetenhause erklärte am Mitt­woch der Abgeordnete Zoltan Papp, Mitglied der Unab­hängigkeitspartei, ihm feien 10 000 Kronen zur Fürsorge für seine Fanlilie angeboten worden, wenn er an der Ob- Üruffion nicht weiter teilnehme. Er legte die Summe aus den Tisch des Hauses nieder. Das Geld sei ihm von einem Ver­trauensmann der Regierung überbracht worden sei. Ein ungeheurer Lärm folgte dieser Mitteilung. Eine Unter- suchuugskouunission wurde eingesetzt. Die Sache dürfte noch 311 großen parlamentarischen Kämpfen führen.

Fürst Ferdinand als Ankläger.

0 Zu den Gerüchten über eine bevorstehende Revolution in Bulgarien hat nun auch der Nächstbeteiligte, Fürst Ferdinand, das Wort ergriffen. Ein thüringer Blatt ließ ihm während seines Aufenthalts in Coburg ein Privat- telegramm vorlegen, in dem es hieß, die bulgarische Regie­rung verlange auf diplomatischem Wege die Ermittelung unb Bestrafung der Persönlichkeiten, die die Gerüchte van einer ai:geblichen Flucht des Fürsten weiter verbreitet haben. Fürst Ferdinand erklärte, er halte das Telegramm für richtig, und äußerte, die Urheber der über ihn von Serbien aus Der« breiteten böswilligen Gerüchte seien unter Personen in un­mittelbarer Umgebung des Königs Peter zu suchen. Man begreift nicht recht, was die Serben für einen Anlaß haben können, über den Fürsten unwahre Gerüchte auszusprengen.

Fremdenfeindliches aus Marokko.

^ Marokko ist noch immer im Aufstande, und um die Bevölkerung wieder für sich zu gewinnen, sammt der Sultan auf allerhand ausgefallene Mittelchen. Bekanntlich wurde als Veraillassung zu dem Aufstande Bu Hamaras der Um« stand bezeichnet, daß der Sultai: mehr, als bem fanatischen marokkanischen Sultan recht war, die Europäer begünstigte. Jetzt sucht er die Marokkaner zu der Ansicht zu bekehren, daß er die Europäer ebensowenig leiben möge, wie sie selber. Er hat zur Zeit ein Feldlager 5 Kilometer vor Tanger be« zogen. Von dort aus hat er feinem in Tanger befindlichen europäischen Berater, bem englischen Festungsinstrukteur Sir Harry Mmlean und allen anderen fremden Beamten ver­boten, die Stadt in der Richtung des Zeltlagers zu verlassen. Die Europäer beginnen abzureisen, um der befürchteten Ausweisung zuvorzukonnnen. Die Stellung der euro­päischen Hofbeamten gilt für erschüttert. Möglich, daß bet Sultan mit diesen Maßnahmen bei seinen widerspenstigen Untertanen Anklang findet. Dafür hetzt er sich aber auf bei anderen Seite b^ Mächte auf den HaA -

ftrKiudte in Fulda.

(0 In Fuld a gab es dieser Tage große Aufregung. In­folge mehrerer Schlägereien konsignierte der Landrat Lteffens abends das Militär. I:: der Stadt hieß es, bei Belagerungszustand solle über Fulda verhängt werden. Du betreffende!: Plakate waren auch schon gedruckt, wurden aber nicht angeschlagen. Der Regierungspräsident traf am am deren Morgen ein. Wahrscheinlich wird der Landrat wegen hochgradiger Nervosität beurlaubt werden.

Kurze politische Nachrichten.

* In einer Sitzung des preußischen Staatsministeriums, an der auch Posener Nëgierungsbeamte teilnahmen, wurdt gestern < Mittwoch) beschlossen, zur Unterstützung der Po­sener Ueberschmemmten zunächst 270 000 Mark von Staats- roegen sofort zur Verfügung zu stellen, mäOrenb die Provinz 30 000 Mark aufbringt. Wegen der Hochlvasserschäden in Brandenburg findet am Donnerstag eine weitere Minister- sitzung statt.

* Zur Lage in Ostasien wird bekannt, Rußland habe Amerika und Japan gegenüber wichtige Zugeständnisse ge­macht, ebenso England gegenüber, das alles erlangt habe, was es gewünscht habe. Der englisch-chinesische Handels- oertrag ist endgültig abgeschlossen worden.

* Bei dein Todesmarsch in Bosnien betrug die Zahl der Koten weit über 20. Von 1200 Mann des Regiments stnè nur 100 gesund. Viele Soldaten sind tobsüchtig.

f^of und Gesellfcbaft.

V Die Kaiserin wird in Begleitung ihrer zur Zeit in Cadinen weilenden Kinder am 10. August mittels Sonder Wges in Kiel eingetroffen, um an Bord der Schoonerjachl Iduna" am Wettsegeln von Kiel nach Glücksburg teilzu- lehmen. Im Anschluß hieran gedenkt die Kaiserin mehr- ägige Seeausflüge nach Alsen und der Küste von Nord- chleswig zu unternehmen.