^Nr. 125. Erstes Blatt.? ^ Samstag, den 30. Mai 1903.
12. Jahrgang
(Hietzerrer Dageötatt)
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
Fernsprechanschlnß Nr. 868,
Nnaöhängige Tageszeitung (Gießener Ieilnng)
für Oberhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Obertassen.
Die Ausgiessung des Geistes.
^Politische Wochenschau.^
CB. Das letzte der drei großen Feste des christlichen Kir« chenjahres, das fröhliche Pfingstfest, ist wieder erschienen. In bräutlichem Schmucke zeigt sich die Welt, der- gefiederte Sängerchor im Walde begrüßt den jungen Tag mit rinenl jubelnden Lied. Für den gläubigen Christen ist der Tag das Weihefest der innigsten Bereinigung mit seinem Schöpfer, denn am ersten Pfingstfeste, 50 Tage nach Christi Auferstehung, wurde der hl. Geist über die Jünger aus- Negossen. Sie wurden mit einem Strahl göttlichen Lichtes erfüllt, so daß sie die letzten Dinge erkennen nnb den Zweck der Welt, den sie begriffen, in allen Zungen predigen konnten. Das Erkenntnisvermögen ist ja überhaupt ein Abglanz der göttlichen Vollkommenheit, nnb auch ohne Lin wundertätiges Eingreifen des Schöpfers findet unablässig ein Ausgießen des Geistes über die Menschheit statt, Isolange sie an der Erweiterung ihrer Erkenntnis, der Bereicherung des Wissens und der Vervollkommnung der sittlichen Anschauungen arbeitet.
In gewissem Sinne ist auch die augenblickliche Wohltätigkeit, die aller Orten stattfindet, ein Ausgießen des Äeistes besserer Erkenntnis, denn die Parteien wollen Die Wähler befähigen, sich in dem Wirrsal der widerstreitenden öffentlichen Interessen zurechtzufinden und ihre Vertreter auszuwählen. Aus diesen: Grunde ist es notwendig, daß sie sein Programm kennen lernen und es billigen. Vielfach aber wird von einzelnen Parteigruppen eine vollständige Festlegung der Kandidaten cub gestrebt, die während ihrer ganzen Parlamentstätigkeil von dem Willen und der Instruktion ihrer Wähler abhängig sein sollen. Die Versuchung, an die Stelle des eigenen Urteils bei dem Kandidaten den unverlöscheNden Ein- sluß der Wühlermehrheit zu setzen, ist um so größer, als rs an einer Parole fehlt, die hypnotisch die gesamte Anf- nerksamkeit auf einen einzigen Punkt hinlenkt; außer- Dein fehlt es auch bei der raschen Entwicklung Unseres öffentlichen Lebens an der Uebersicht über die Einzelfragen, Die im Laufe der Gesetzgebungsperiode auf die Tagesordnung kommen können. Menschlich begreiflich ist es, daß Die an dem öffentlichen Leben teilnehmenden Wähler nach Der (Shuidjtung einer Art Volksreferendum streben, d. F nach der in der Schweiz bestehenden Gepflogenheit, daß Die gesamte Volksgemeinde über jeden Neuen tikfehenttonri ab stimmt. Alleilt eine derartige Einrichtung würde in ?inem größeren Staate polnische Zustände Heraufbeschwö- cen und die gesetzgeberische Arbeit zum Stillstand bringen.
Wir sehen ja in den außerdeutschen Staaten, wohin die Ausgießung eines neuen Geistes und die Einflußnahme der Wählerschaft führt. Unter dem Einfluß solcher Zustände sind in Oesterreich die unerquicklichsten nationalen Verhältnisse geschaffen worden, nnb neuerdings regen sich auch in Kroatien die Absynderungsbestrebungen. Denn während dor die Bauern lediglich für eine Erleichterung der Steuern kämpfen, wollen die (gebildeten nichts an-- bereS, als die Schaffung eines selbständigen Königreichs Kroatien. Da die ungarische Monarchie den Titel führt: .„Königreich Ungarn und Kroatien", so halten sie ihr Sanb für einen besonderen und unabhängigen Bestandteil der Gesamtmonarchie, in der Ungarn die Führung hat. Die kroatische Bewegung wird übrigens mit besonderer Schürfe von den Dalmatinern geführt, obgleich diese italienischer Nationalität sind und daher nur soweit an der Schaffung eines selbständigen Staates interessiert s in dürften, als sie selbst darin die Führung haben. So birgt auch diese Bewegung wieder den Keim einer neuen Verwicklung und abermaligen Verästelung des Nationalitätenstrei- tes. Die österreichische Regierung verkennt die Gefahr dieser italienischen Bewegung durchaus nicht nnb nimmt deshalb auch zu ber Universitätsfrage eine durchaus zurückhaltende Stellung ein. Bekanntlich verlangen die italienischen Studierenden eine eigene Universität in Triest, Trient ober Görz. Die Regierung aber will kein wissenschaftliches Zentrum im Herzen ihrer italienischen Lande schaffen, von dem aus die Ausgießung des nationalen Geistes bewirkt werden könnte, und errichtet deshalb einen Lehrstuhl um den andern in Innsbruck, womit die Tiroler ebenso unzufrieden sind wie die Italiener. Tie italienische Bewegung nimmt bereits berariige Dimensionen an, daß die Universitäten des .Königreichs Italien Stellung zur Frage nehmen und die italienische Regierung wegen lärmender Kundgebungen gegen Oesterreich der Wiener Regierung ihre Entschuldigung aussprechen mußte. Sobald das Volk als Gesamtheit sich einer Angelegenheit bemächtigt, nimmt diese stets Mesendimensionen an. Wir sehen das insbesonders wieder an Frankreich, dessen Parlament sich in den letzten zwei Tagen mit den häßlichsten Volksgerüchten gegen den Sohn des Ministers Combes und gegen den Marineminister Pelletan befaßte. Ersterer sollte gegen ein Douceur eine Spielerlaubnis erwirkt haben, letzterer sollte in einer Wahlsiege ein Söldling der Humberts getuesen sein. Indessen vermochten beide für die Grundlosigkeit der Gerüchte so viele Gründe vorzu- bringen, daß mit einer erdrückenden Mehrheit die Miß- billigung über die Angriffe ausgesprochen wurde.
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In dieser Wirrnis der Zeiten, in denen kein Mini- ster vor Angriffen sicher ist, bietet England ein Bild straffster Disziplin. Kaum zwei Wochen sind verflossen, als Chamberlain den Geist des Imperialismus in Birmingham über das Volk ausgoß, und jetzt hat schon der Ministerpräsident Balfour unter dem starken Druck der öffentlichen Meinung seine Uebereinstimmung dazu ausgesprochen. Damit ist das Schicksal des Freihandels besiegelt, denn auch seine letzte Hochburg wird in absehbarer Zeit kapitulieren.
Die Politik.
Gegen die Steuerklageu.
0 Angesichts der immer häufiger werdenden Beschwerden der Steuerzahler über zu hohe Veranlagung und über die Belästigungen, denen sie bei der Prüfung ihrer Reklamationen ausgesetzt sind, hat der preußische Finanzminister eine bemerkenswerte Verfügung erlassen. Bekanntlich ist es Vorschrift, daß Reklamanten gegen eine Steuerveranlagung dem mit der Prüfung der Reklamationen beauftragten Beamten ihre Geschäftsbücher, Bilanzen und ihre jährlichen Gewinn- und Verlustrechnungen vorlegen. Die Beamten sind, da sie dem kaufmännischen und industriellen Leben fern stehen, selten in der Lage, sich in diesen Ausweisen zurechtzufinden, und so gibt es unaufhörliche Rückfragen, die sowohl den Reklamanten wie den Beamten viele Scherereien machen. Um dem abzuhelfen, hat der preußische Finanzminister eine Verfügung erlassen, in der er die Unterweisung der Staatsbeamten in der kaufmännischen Buch- führung anregt die dazu erforderlichen Mittel zur Verfügung stellt und gleichzeitig die Teilnahme der Gemeindebeamten an einem solchen fachmännischen Unterrichte gegen Uebernahme der Kosten seitens der Gkmeüibe empfiehlt. In Ruhrort ist mit der Ausführung dieses Erlasses durch den dortigen Landrat bereits begonnen worden: Es ist ein Unterrichtskursus für die betr. Beamten eingerichtet worden, der von einem praktischen Kaufmann, einem vereidigten Bücherrevisor, geleitet wird. In ähnlicher Weise dürfte sich die Ausführung der Verfügung auch an anderen Orten empfehlen.
Lehrerkandidatur für den Reichstag.
::: Unter den bisher für den Reichstag ausgestellten Kandidaten finden sich auch 28 Lehrer. Davon sind 13 von den Freisinnigen, 5 von den Nationalliberalen, 3 von den Antisemiten, 2 von den Sozialdemokraten und je einer von den Nationalsozialen, den Welfen, dem Zentrum, der süddeutschen Volkspartei und dem Bayerischen Bauernbund aufgestellt. Unter diesen Kandidaten, die überwiegend noch im Lehramt tätig sind, finden sich eine ganze Anzahl bekannter .Herren, die namentlich auch im Lehrerwesen sich hervorgehoben haben.
Uaukecpech.
)( Geradezu komisch wirkt nachgerade das Pech, das die Amerikaner bei dem Flottenbesuch in Kiel entwickeln. Aus Wa'hington wird gemeldet, die „Alabama", die als Renomm.erschiff das amerikanische Europageschwader nach Kiel begleiten sollte, könne nicht niitfahren, weil sie nicht rechtzeitig segelfertig gemacht werden könne! Statt ihrer wird das Linienschiff „Kearsarge" als Flaggschiff nach Kiel gehen. Es muß eine merfinürbige Wirtschaft in der amerikanischen Marineverwaltung herrschen, wenn der Staatssekretär der Marine immer wieder die Erfahrung machen muß, daß Schiffe, die er segelfertig glaubt, nicht in Dienst zu stellen sind! Bekanntlich hat sich schon neulich, als drei andere Schiffe für die Fahrt nach Kiel bestimmt waren, herausgestellt, daß sie in so jämmerlichem Zustande waren, daß an ihre Entsendung nicht zu denken war. Angesichts solcher Zustände sollten die 9)am kees etwas weniger Wesens von ihrer Marine machen.
Die Affäre Pettetan.
(—) Herr Pelletan, der französische Morineminister, hat sich vor der französischen Teputiertenkammer zu den Angriffen geäußert, die der „Figaro" auf ihn gerichtet hat. Der Minister bestritt aufs entschiedenste, auch nur einen Pfennig von der Familie Humbert erhalten zu haben; er bestritt, den ominösen Brief Parayres, des Sekretärs der Humberts, der ihn der Bestechlichkeit zeiht, erhalten zu haben, und er bestritt schließlich, daß ein solcher Brief bei der Post überhaupt aufgegeben sei. Die Kammer quittierte diese Erklärungen mit einer Vertrauenskundgebung, die sie mit 39 gegen 3 Stimmen annahm. Aber der „Figaro" gibt sich noch nicht zufrieden. Zwar erklärt er, dem Minister zu glauben, wenn dieser den Empfang irgendwelcher Bestechungsgelder in Abrede stelle. Aber er bleibt dabei, daß der fragliche Brief Parayres, entgegen der Behauptung Pel- letans, tatsächlich abgesandt und auch im Marinemini- steriunc eingegangen sei. Ter Brief sei eingeschrieben gewesen und auf dem Postamt in der Avenue de la Grande Armee am 25. September, abends 8 Uhr 15 Minuten aufgegeben. Tie Empfeblungsbescheilligung, die beweise daß im Ministerium der Brief abaenommen
Postzeitungsliste No. 3269.
ivorden sei, trage die Nummer 706. Angesichts der Erklärung Pelletans, die Nachforschungen bei der Post hätten ergeben, daß der Brief überhaupt nicht abgesandt worden sei, sind diese genauen Angaben des „Figaro" doppelt nterhuürbig. Der Regierung wird es ein leichtes sein, festzustellen, ob der „Figaro" recht fyat. Ist das der Fall, so erhebt sich die Frage: Wo ist der Brief geblieben ? Die Antwort wird das Kabinett nicht schuldig bleiben dürfen.
^rnrzc politische Nachrichten.
* Bei der Feier des fünfzigjährigen Bestehens des erzbischöflichen Konvikts in Nenß hielt der Kölner Erzbischof Fischer eine Rede, in der er die Zöglinge des Konvikts auf die Notwendigkeit einer gründlichen Kenntnis der klassischen Sprachen hinwies. Unter anderem erklärte er: Tie preußischen Gymnasien seien Musteranstalten vor aller Welt. Er hoffe, daß das gute Einveruehmeu zlvischen Kirche und Staat ungestört bestehen bleiben werde.
* In Paris verlautet, die französische Regierung solle demnächst von London aus eingeladen werden, ein französisches Geschwader zur Bekräftigung der freundlichen Beziehungen in einen englischen Hafen zu entsenden. Ferner verlautet in Paris, daß auch Deutschland binnen kurzem die Entsendung eines Geschnwders in die englischen Gewässer beabsichtige. Wie unser Berliner CB.^Mitarbeiter erfährt, ist dieses Gerücht un begrün bet.
* Der Petersburger Korrespondent der Londoner Times ist wegen seiner Berichte über die Metzeleien in Kischenew aus Rußland ausgewiesen worben.
* Ter Bruder des Sultans von Marokko soll durch Gift getötet worden sein.
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Döberitzer Kaisertage.
(Eigener Bericht.)
Hohenz-ollernwetter! Die Sonne strahlt blendend über das Weite Terrain, auf dem sich heute das große Manöver des Gardekorps zum Andenken an die Truppenübungen Friedrichs des Großen vor 150 Jahren abspielte. Wie Sie bereits erfuhren, übernachtete der Kaiser in dem Döberitzer Barackenlager, das zu seinem Empfange reich geschmückt war, in einem eigens für ihn hergerichteten Zelt. Am Abend entfaltete sich die ganze Poesie des Lagerlebens. Um 9 Uhr begann der große Zapfenstreich, mit dem nielodiösen Gebet, ausgeführt von sämtlichen Kapellen, der einen wahrhaft überwältigenden Eindruck machte. Jln Kasino farib dann ein Festmahl statt, bei bem fridericianische Musik die Speiseu würzte. Nach kurzer Ruhe ging es dann heute in aller Frühe — der Kaiser stellte sich schon um 6 Uhr an die Spitze seiner Truppen — an die großen Aufgaben des Tages.
Unter dem Befehl des Kaisers staub der größte Teil des Gardekorps als blaue Westarmee; den Rest bildete als markierter Feind eine rote Ostarmee, welche von Prinz Friedrich Leopold kommaudiert mürbe. Der Uebung wohnten der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich, sowie die Kaiserin bei, welche im Wagen von Potsdam eingetroffen war. Den Hauptteil der Uebung bildete ein gewaltiger Angriff auf das alte Dorf Dö- beritz, den den Kaiser vonr Westrande des Bebungsplatzes aus ansetzen ließ. Der Feind hatte hinter dem Hasen- heideberge, auf dem jetzt der Denkstein sich erhebt, eine recht feste Stellung eingenommen. Nach kurzen Plänkeleien war um 8 Uhr das Gefecht in bollem Gange. Ein furchtbares Artilleriefeuer erschütterte die Position der feindlichen Armee immer mehr, so daß nach weiteren anderthalb Stunden der cigcniliäbe Sturm folgen konnte, der Zvon drei Seiten zugleich erfolgreich aus geführt mur^e. In der Nähe des Hafen Heideberges kam die Bewegung zum Stehen und wurde vom Kaiser anschließend eine Kritik abgehalten.
Dann folgte die Denknialweihe, zu der die Truppen im Viereck um den Obelisken herum Aufstellung genommen hatten. Der Kaiser, der zu Pferde inmitten seiner Truppen hielt, während dicht neben ihm die Kaiserin mit dem Prinzen Joachim und der Prinzessin Luise im Vierspänner des Augenblicks harrte, wo die Hülle fallen sollte, sprach mit hallender Stimme längere Worte der Weihe, dann zeigte sich das Denkmal in seinen graziösen Formen den Augen der unter Trommelwirbel präsentierenden Truppen. Nachdem die Artillerie den üblichen Salut abgegeben, umritt der Kaiser das Denkmal und nahm dann den Vorbeimarsch des Armeekorps ab, den die Infanterie in Negimentskolonnen, die Artillerie und Kavallerie im Trabe arisführte.
Im Anschluß an die Feier fand unter einem gewaltigen Zelt ein Frühstück beim Kaiser statt, zu dem 360 Zuladungen ergangen waren. Vielen der Geladenen wurden Rmcgcrhöhungen zuteil, unter anderen dem kommandierenden General des Gardekorps (Generalleutnant v. Kessel und dem Generalleutnant v. Deines, die beide zu Generalen der Infanterie ernannt würben.