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Montag, den 30. März 1903.

Nr. 75.

12. Jahrgang

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Bleibt noch die Frage: Wie wird es sein? Vielleicht sehen das auch irgendwo, wenn wir nur gut hinschauen.

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Nbo«»cme»tspre1- : in Sietzen, abgehslt mOnatlich 50 Pfg., tn'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen tierttk jährlich Mk. 1.50.

reH^beUegew : Oberheffische Familie»zeit»»â (täglich) Qberhesftsche Zeitschrift für L«»dwtrtsch>tt, Obst- » d G»rte«ba», sowie die ©iefceeer Sesle«bl«se» (wöchentlich).

DaS Blatt erscheint an eDn Werkragen nachmittags.

Weiteste

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3«frrtt»M6»rH tu Die dripaitifle ^ettyeile für Gietzen wi< ganz Cbcrbeffen, die Kreilc Weilar und Marburg 10 Pfg sonst 15 Pfg. .- Neklsme« die PetitzeUe 30 resp. *0 Pfg.

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und ülnnednng

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Giegen und anderer Behörden von Oberhessen.

Gntergebende Gleiten.

t vulkanische Studie von Dr. Karl Mischke. (Nackdruck verboten.

Nach ^den schrecklichen Ausbrüchen des Mont Pelèe und der Coufrlère durfte man sich der Hoffnung hin­geben, das; eine Diu bereit eintreten würde. Pflegt doch der Vesuv z. B. Jahrhunderte lang nichts von sich hö­ren zu lassen, wenn er seine aufgespeicherten Lava- massen einmal energisch von sich geschüttelt hat. Das Altertum hatte ganz vergessen, daß der Vesuv ein Vul­kan ist, eine Vergeßlichkeit, die drei blühenden Städten die Existenz kostete. llnd den Stromboli hielten wir jetzt, in der Neuzeit, für erloschen, für einen erstarrten Nest aus der Tertiärzeit da meldete er sich plötzlich im vorigen Herbst, und zwar sehr lebendig.

Aus den schönen Antillen-Inseln aber kam die schlimmste Kunde, Tausende von Menschen waren vom Vulkanstaub verschüttet, von den heißen giftigen Dämpfen erstickt, ganze Ortschaften in Flammen aufge- gangen und vom Erdbeben vernichtet, blühende Kul­turen waren ein Opfer des Todes geworden. Eine Schar von Mulatten trieb sich darauf in Europa alsUeber» lebende von Martinique" umher und ließ sich für Geld sehen, und die amerikanischen Vergnügungsdampfer von Boston, Galveston, Trinidad, machten an den Küsten der zerstörten Insel Station, damit die Reisenden sich Andenken an das Unglück mitnehmen könnten. Besonders beliebt ist darunter die halbgeschmolzene Weckeruhr man sieht an der Zeigerstellung noch genau, wann der Ausbruch erfolgt ist. Solcher Uhren gibt es viele; ob eine davon echt ist?

Wir erleben eine Szene aus einem groß ange­legten Drama, eine ganz kleine Szene nur, einen Teil Teil einer Szene. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, lvas vorgeht, was seit Jahrtausenden vorgeht, und läßt uns ahnen, was das Ende in ferner Zukunft sein wird. Diese Inselchen, die sich wie eine Perlenschnur, auf einem Bogen, den der Zirkel geschlagen haben könnte, zlvischen Portorico und Südamerika hinziehen, Saba, St. Eustatius, San Christopher, Nevis, Plymouth und lvie sie alle heißen, sieht man es ihnen nicht an, daß sie zusammen gehören? Ja, das war einmal eine einzige große Insel, und ehe es eine Insel wurde, hing das Land im Süden mit Südamerika und im Norden mit Portorico, Haiti und Kuba zusammen und bildete eine feste Landbrücke nach Florida, d. h. Nord-Amerika. Das war eine Verbindung, wie sie jetzt im Westen noch von Columbia über Panama, Costarica, Nicaragua usw. nach Mexiko besteht. Damals war das karaibische Meer ein Binnensee, vielleicht durch einen Golf im Osten zu­gänglich, im Westen aber verschlossen, und großer Um­wälzungen hat es bedurft, um diese massive Land- brücke langsam, allmählich, Stück für Stück abzu­bröckeln. Aber noch früher war auch die karaibische See nicht, und beide Brücken, die noch jetzt bestehende im Westen und die zertrümmerte im Osten, deren letzte Brocken wir zerfallen sehen, bildeten mit dem dazwischen liegenden Lande einen Kontinent, der das heutige Nord- und Südamerika zu einem einzigen Festlande verband.

Dieser Kontinent ist versunken, und nur die Rän­der stehen noch. Unbekannte Vorgänge im Erdeninnern führten dort eine Schrumpfung herbei; der Erdboden sank und sank, und das Meer strömte hinein. An den Rändern entstanden Sprünge, wie wenn man in eine Eierschale eine kleine Vertiefung drücken will, und in diese Cpr'" ge drang von unten her die GHutUüffigfcit des Erdinnern. Sie steckt noch jetzt drinnen, und ab und zu, wenn die Spannung der Dämpfe kräftiger ist als die schwache Last der dünnen Erdfchale, dann pufft sie hier und da heraus und streut Asche und Steine und glühende Bomben und flüssige Lava in die Lust, ins Meer, auf Städte und Dörfer. Beide Ränder des ehemaligen Festlandes, der Köstliche wie der Rest des östlichen, sind mit Vulkanen gespickt, die lang­sam, langsam, aber sicher, sicher an der endgültigen Freilegung arbeiten. Tie Antillen Jnselreihe zeigt uns, wie in fernen Jahrtausenden Zentral-Amerika aus­sehen wird: wie wirb aber dann die Antillen-Reihe aussehen? Sie wird garnicht mehr aussehen.

Tie Yankees haben Glück. Diese Inselchen sind teils englisch, teils französisch, ein paar gehören sogar den Dünen. Das lieben die Herren von der Monroe-Dok­trin nicht. Amerika den Amerikanern! Die vierte dor­tige Kolonialmacht, das morsche Spanien, haben sie glücklich hinausgeworfen. Mit Frankreich und England dürste das nicht so leicht gehen. Aber seit Jahrzehnten gehen die Verhandlungen mit Dänemark, um gegen klingende Münze den Dänen die paar Inselchen abzukau­fen. Die Sache war im vorigen Jahre schon beinahe perfekt, da lehnte der Folkthing in Kopenhagen in plötz­licher patriotischer Begeisterung das Geschäft ab. Ob es klug war? Vielleicht dauert es nicht mehr lange, und Dänemark wird überhaupt nichts mehr dort drüben zu verkaufen haben. Santa Cruz, St. John und Char­lotte Amalie sind ebenso ju.enia vor dem Unteraana

schon der Panamakanal verschlungen? Niemand weiß e ? Wie viele wird et noch verschlingen, ehe die große See. Verbindung des Atlantik und des Pacific hcrgcstellt sein wird? Und wenn die Nicaragua-Linie mit dem schönen großen See in der Mitte vorgezogen wird, billig wirb sie auch sein. Ja, wenn die Menschen warten könnten! (Sin Milliönchen Jahre vielleicht, und man wird zwischen den Inseln Costarica, Nicaragua und Panama ebenso be quem hindurchfahren können, wie heute zwischen Kuba und Haiti oder durch die Mona-Passage.

Aber der Mensch kann nicht warten. Er hat feine Zeit, wie er feinen Raum hat. Er wird die Landenge im Westen durchstechet!, und er ivird weiter die dem Unter gang geweihten Inseln im Osten besiedeln. Das milde SceNima, die unvergleichliche Fruchtbarkeit des vulkani­schen Bodens, den jeder Ausbruch von selbst wieder düngt, wird den gefahrbedrohten Menschen noch lange das beste Zuckerrohr, den edelsten Kaffee, den aroma ischsten Tabak spenden, neben den Brotfrüchten und Genußfrüchten der Tropen.

Es ist nicht der einzige Punkt auf der Erde, auf dem wir diese Entwicklung beobachten können. Irr ganz ähnlicher Lage, nur in einem etwas älteren Stadium, be­finden sich die Sunda-Jnseln, der Gürtel von Smaragd, der sich um den Aequator schmiegt, einst eine feste Ver­bindung von Indien nach Australien, und nicht anders ist es auf den Inseln des japanischen Kaiserreiches. U<nb das allerälteste Stadium erleben wir gleichfalls in Zentralasien, von wo die Namen Schemacha und Kaschgar wohl noch in frischer Erinnerung sind. Diese Erdbeben, die Städte auf Städte zerstören, sino weiter nichts als die ersten Wirkungen von Schrumpfungen an jener Stelle des Erdinnern.

So fing es an so geht es weiter so ist es jetzt das alles zeigt uns ein Blick auf den Globus.

Nachdem das halbamtliche Organ der Negierung 16. - Juni als denvoraussichtlichen" Termin für Neichstagsivahlen bezeichnet hat, werden die Er­örterungen und Vermutungen über die Frage des Wahl­tages mit verstärktem Eifer fortgesetzt und es fehlt nicht an mannigfachen Prophezeiungen, daß die Ausschrei­bung der Wahlen doch schließlich zu einem früheren Termin erfolgen werde, als zu dem von offiziöser Seite genannten. Tas leitende Blatt der Sozialdemokratie will sogar wissen, daß der 17. Mai für die Wahl in Aus­sicht genommen sei. Diese Angabe erscheint deshalb sehr wenig glaubwürdig, weil der 17. Mai auf einen Sonntag fällt, und es den deutschen Gepflogenheiten und Anschauungen völlig widersprechen würde, ein mit

mancherlei Aufregung und Geräusch verbundenes pro­fanes Geschäft an einem Sonntag vornehmen zu lassen. Ter Hinweis auf Frankreich, wo die öffentlichen Wah­len allerdings an den Sonntagen stattfinden, ist nicht stichhaltig, weil dort die Verhältnisse doch ganz anders beschaffen sind, als bei uns. Inzwischen ruft die im­merhin etwas auffällige Hinausschiebung der offiziellen Bekanntmachung des Wahltermins Gerüchte hervor, die der Regierung nicht erwünscht sein können. So wird natürlich ganz ohne Grund von einer beabsichtigten Uebcrrumpelung der Parteien gesprochen und was des Geredes mehr ist. Im Hinblick hierauf dürfte es aller­dings geraten sein, das; die Regierung der Preßdebatte uiib der allgemeinen Ungewißheit durch die Anberau­mung der Reichstagswahlen ein Ende macht.

Eine amerikanische Herausforderung Deutschlands.

::: Tie zweifelhaften Verdienste, welche die ameri- tauische Jingopresse sich durch ihre Angriffe und Hetze­reien gegen Deutschland erworben hat, haben den Admiral Tewey, den in Amerika wohl etwas über Ge­bühr gefeierten Sieger in der Seeschlacht bei Cavite, zur Nacheiferung gereizt. Seine von demNewyork Herald" verbreiteten herausfordernden und abfälligen Aeußerun­gen über die deutsche Presse sind ein würdiges Seiten­stück zu dem von Beleidigungen gegen Deutschland «trotzenden Trinkspruch, den vor etwa drei Jahren der Kapitän Coghlan in einem Newyorker Klub ausbrachte. Zs wäre jedoch sehr gefehlt, wenn man deutscherseits an die Washingtoner Regierung das Ansuchen stellen würde, den großsprecherischen Admiral zu rektifizieren. Tie Auslassungen Deweys über die deutsche Flotte sind eine Ungehörigkeit und Taktlosigkeit, die man im In­teresse des guten Einvernehmens zwischen den beiden Ländern bedauern kann, welche uns jedoch zu diploma-

tischen Reklamationen keinen Anlaß bieten. In sach­licher Beziehung lohnt es sich kaum, auf die Aus­führungen des Admirals näher einzugehen. Wenn er agt, die amerikanischen Manöver in den westindischen Gewässern hätten gezeigt, daß Amerika weit eher im stande sei, in kurzer Zeit eine größere Streitmacht zur See zu versammeln, wie Deutschland, so stößt er offene Türen ein. Bei der Aktion gegen Venezuela kam es uns ücht auf eine große Schisssansammlung an, viel- nehr auf die Durchführung einer einfachen Blockade, lnd dafür genügten die wenigen Kriegsfahrzeuge, die vir dorthin entsandten.

Die ^rankcnvcrsicherungsnovellc gescheitert?

)( Die Aussichten auf das Zustandekommen der Novelle zum Krankenversicherungsgesetz in der zu Ende gehenden Reichstagssefsion, welche ohnehin sch)n kein: großen waren, sind nach dem Verlauf der zweiten Lesung in der Kommission auf ein Mindestmaß zusammenge­schrumpft. Ein zur Annahme gelangter Antrag des Zentrumsabgeordneten v. Savigny, wonach die Manken- lassen eine der (^nehmigung der Aufsichtsbehörden unter* liegende Dienstordnung zu beschließen haben, weid)? die Rechtsverhältnisse der Kassenbeamten regelt, hat nämlich den höchsten Unwillen der Sozialdemokratie erregt, welche darin eine unerträgliche Beschränkung der Selbstverwal­tung, eine die Interessen der Arbeiter schloer schädigende behördliche Bevormundung erblickt und offen erklärt hat, bei der zweiten Lesung im Plenum alles daran zu setzen, um das ganze Gesetz zu Falle zu bringen. Wenn nun auch die Ausführung dieses Vorhabens aus regelmäßigem Wege säum gelingen würde, so würbe dies auf dein Wege der Obstruktion um so leichter sein, da in der Majorität und überhaupt im ganzen Hause niemand Lust verspüren würde, kurz vor Reichstagsschluß dagegen anzukämpfen.

Arbciterrevolte in Rußland.

Die revolutionäre Strömung in Rußland hat auch die Arbeiterbevölkerung ergriffen, wie sich seit einer Reihe von Jahren bei Streiks und anderen Vorkommnissen deut­lich gezeigt hat. Angriffe auf Polizei und Militär, die Entfaltung der roten Fahne, das Absingen revolutionärer Lieder u. s. w. war keine Seltenheit; die Wühlarbeit der Agitatoren trägt eben Früchte. Von einem neuen Vor­fall dieser Art, bei welchem leider viel Blut geflossen ist, macht jetzt das russische Amtsblatt Mitteilung. In den Kronseisenfabriken in Slatonst im Gouvernement Ufa) streikten die Arbeiter, weil sie mit den neuen Arbeits­bedingungen nicht einverstanden waren. Sie verlangten die Freilassung dreier verhafteter Kameraden, belager­ten das Polizeigebäude und bedrängten den Gouverneur und den Staatsanwalt. Nachdem der Gehülfe des Bür- germeisters und ein Gendarm von der Menge durch Re- vvlverschüsse verwundet worden waren, ließ der Ba- laillonskommandeur die Truppen einschreiten, wobei durch eine Salve achtundzwanzig Personen getötet und über 50 verwundet wurden. Nunmehr zerstreute sich die Menge und der Ausstand war am nächsten Tage beendet. Der Vorfall ist an sich ohne Bedeutung. Krawalle wie diese und ähnliche werden von der russischen Regierung un­schwer niedergeschlagen werden, aber sie sind symptomatisch für die Gärung der Geister im russischen Volk,

Kurze politische 9tachrichten.

* Von neuem, und zwar in bestimmterer Form, tritt oie Nachricht auf, daß der Kriegsminister General v. Goßler demnächst zurücktreten wird. Als sein Nach­folger wird der Kommandeur des 1. Armeekorps, General Lolmar v. d. G o l tz, bezeichnet, mit dem der jetzige Kriegsminister den Posten tauschen würde.

* Aus Mazedonien werden neue Kämpfe zwi­schen Türken und Aufständischen gemeldet. Bei Wladi­mirow wurden 29 Bulgaren getötet. Bei Raslowi hatte sich eine bulgarische Bande im Gebirge versteckt, wurde aber von einem Bulgarenweib an die Türken verraten. In dem Kampfe fielen 13 Aufständische.

hof und Gesellschaft.

*** Tas Befinden der Kaiserin ist zufrieden­stellend. Nach dem vom Leibarzt Dr. Auncker heraus- gegebenen Bulletin ist die Bruchstelle im Verband« schmerzlos. Man rechnet mit einer normalen und glatter Heilung. Der Verband soll Mitte nächster Woche abge- nommen werden und die Kaiserin, die bisher im Berliner Schlüsse weilt, wird dann nach Schloß Bellevue übersiedeln. Ter Sturz soll nach einer Version dadurch hervorgerufen worden sein, daß das Pferd vor einem Reh scheute, nach einer anderen, daß es einfach über eine Baumwurzel ge­stolpert ist. Auf der italienischen Reise im Mai dürfte die Kaiserin ihren Gemahl sicher völlig geheilt begleiten. Ter König von Italien, die Königin sowie die Königin- Mutter Margherita sprachen sofort, nachdem sie die Nach­richt von dem Unfall der Kaiferin erhallen hatten, tele- graphisch ihre Teilnahme aus. Ter Ministerpräsident Barnabelli gab persönlich seine Karte bei dem deutschen Botschafter Grafen von Monts ab.