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JHF Ausgabe für den Amtsgerichtsbezirk Hungen. *H

Kr. 254. Donnerstag, den 29. Oktober 1903. 12. Jahrgang.

toe**eme*W<eV: in Gießen, abgehglt monatltch dO Pfg., In'« HâuS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen Viertel- jährlich Mt. 1-50.

ßretiS-etlaaeU: Oherhesfifche Familienrxitnug (täglich) Oberhesstsche Z-AchSt für Lx^wirtschaft, Obst- nnd Vartenba», sowie die Girßexer Eeifrnblase« (wöchentlich).

DaS Blatt erscheint an tüt« Werktagen nachmitags-

Gießener

IasertionSprei 6t Die einspaltige Petitzeile für Gießen wir »Oberhessen, die Steife Wetzlar und Marburg 10 Pfg.

15 Pfg.; Reklamen die PrtitzeUc 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3869.

Redaktion und Exvedition: Gießen Neuenweg 98.

FernsprechünschlNÜ Nr. 869.

Meuche Machrichien

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für

Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. ttetiâU aße amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden wa Oberheffeo.

jVlaäe in Germany.

- Lobrede Chamberlains auf Deutschlands Industrie. Chamberlain hat für die Propagandierung seiner Ideen einen neuen Trumpf gefunden: Deutschland. Der ver­sierte Diplomat weiß, daß die schwarz-weiß-rote Flagge auf die Briten wirkt, wie das rote Tuch auf den Stier. Darum läßt er sich auch diesen Trick nicht entgehen, der seine Wirk­ung nicht verfehlen wird. Ueber die letzten rhetorischen toten des Exministers berichtet unser G-Mitarbeiter:

Chamberlain zieht weiter im Lande umher und wirbt für seine Ideen. Erst jetzt wieder hat er in Liverpool vor 6000 Personen unter stürmischem Jubel gesprochen. Immer bildet den Grundton seines Themas die These: Die Einigung hf den Gebieten des Handels sei die notwendige Vorbeding- ühfl für die Einheit des Reiches. Diesmal gab der große $ sogar sein Wort daraus, daß durch ferne Vorschläge die Lebensmittelpreise nicht erhöht werden würden. Ueber- Hsiupt appelliert der Exminister neuerdings besonders an die arbeitenden Klassen, von denen er das Heil erhofft. Snlsvur imb er seien sich darüber einig, daß man einen Weg finbcri müsse, sich mit den Ausländern mit einigen. Wenn England es seinen Kolonien selbst überlasse,. sich anderswo ein Entgegenkommen zu suchen, so könne er das Zerbröckeln des großen Reiches für früher oder später Voraussagen. Man solle sich nicht einreden, daß England noch in allen Dingen an der Spitze marschiere. Erst jetzt habe der Londoner Graf- idiaitârat für 41000 Pfund Strastenbahnmaterial in Deutschland angekauft. Wie darin, so sei es allerwegen. Ned er Englands Seehandel noch feine Schiffahrt wüchsen in dem Maste, wie im Auslande. Das käme daher, daß dos Ausland Prämien und Subventionen zahle. Diese Er­fahrungen habe er ant eigenen Leibe gemacht. Aus seiner Reise nach Sansibar habe er gesehen, wie große FortschrLte dort unten der deutsche Handel mache. Dies sei nicht auf die Güte der Ware zurückzuführen, man habe ihm im Veg-enteil bestätigt, daß qualitativ England große Fortschritte mache, sondern auf eben jene Subventionen der Dampfer- linftn, die infolge dessen auch weniger lukrative Routen ständig beführen und niedrigere Sätze nehmen könnten, als die englischen Rheder, die ganz auf die eigene Straft ange­wiesen wären. Immer aber folge der Handel der Flagge .... Gut gebrüllt, Löwe! Das Armutzeugnis, das Englands tüchtigster Staatsmann seinem Lande âusstellt, indem er unsere junge Schiffahrt über jene der größten kee macht der Erde stellt, kann für iin§ nur eine bedeutsame Ermunterung sein, auf dem betretenen Wege fortzufahren. Das einst so schimpfliche made in Germany ist längst zum Ehrentitel geworden. And Chamberlain hat offenbar die brennende Angst, daß auch auf anderen Gebieten der deutsche Michel seinen britischen Vetter mit starkem Ellenbogen lang­sam aber sicher beiseite schiebt.

Das JVIartyrtum des Kurenvolkes.

Die Burenbevölkerung in beiden südafrikanischen Kolo­nien ist dem Hungertod? Nahe! So heißt es jetzt auch in gewiß unverdächtigen englischen Blätternachrichten. Fami­lien, die früher reich und wohlhabend waren, seien jetzt a u f Mimosen angewiesen. Häuser besitze die Mehrzahl der Familien überhaupt nicht mehr, und sie seien gezwun­gen, Pferde und Maulesel zu schlachten. Außerdem aber I schleiche die Seuche ununterbrochen im Lande umher und fordere ihre Opfer.

Endlich dringt also doch eine Stimme über die Wahr- heit an die breite OeffenUichkeit. Endlich zeigt sich also doch mit unverkennbarer. Klarheit, daß die britische Regierung fortgesetzt falsche Berichte veröffentlicht hat, in denen zwar bauernd von der loyalen Haltung der Bevölkerung und der befriedigenden Lage die Rede war, niemals aber davon, daß die neu erworbenen Kolonien unter englischem Joche schwer seufzen, ja daß sie in den letzten Zügen liegen. Selbst Lord Milner, doch gewiß ein Gemütsmensch im verwegensten ^rnne des Wortes, soll schwer unzufrieden sein mit dem Londoner Auswärtigen Amte, das an die Dinge mit selt­samer Laschheit herantrete. Auch die wichtige Frage der I Beschaffung von Arbeitern für die Minen werde dauernd verschleppt. Alle Minenbesitzer seien sich darüber einig, daß tveiße Arbeiter den Minen, viel nützlicher wären als Far­bige. Aber sie sehen sich unter dem Drucke der Regierung ge.zwungen, Kulis zu verwenden, weil man angeblich die Befürchtung hege, daß sich, wenn eine so große Anzahl Wei­ser als Arbeiter am Rande beschäftigt werde, dieselben lästi- ge il Verhältnisse entwickeln könnten, wie in Australien, daß diese Arbeiter mit anderen Sorten nicht nur in Lohn-, son- inn auch in politischen Fragen eine ausschlaggebende Macht erlangen könnten. Nach der Veröffentlichung so schwerer Beschuldigungen durch die Presse wird sich die englische Re- ,giicrung nun wohl oder übel gezwungen sehen, ein auf- sklärendes Wort zu sprechen. Humanität war nie Englands Lrnche, obgleich oder vielleicht besser: weil alle britischen Er- ârungszüge unter diesem Beinen inszeniert wurden. Auch ter Burenkrrea sollte bekanntlich zrrm großen Teile ein zivi­

lisatorischer Feldzug sein. Eine schöne Zivilisation, die Eng­land Predigt, eine herrliche Kultur, die Albion in die Fremde trägt. Da sind dieWilden" denn dochbessere Menschen".

Die politih.

0% Nachdem nun auch die liberale Partei durch den Mund des Abgeordneten Casselmann im bayerischen Landtage ihre Zustimmung zu der Gesetzesvorlage für Schaffung eines neuen Verkchrsministeriums gegeben hat, ist die Annahme des Entwurfes gegen die Stimmen der Bauernbündler ge­sichert.

G Unsere Schutztruppe in Dentsch-Ostafrika hat Arbeit be­kommen. Bezirksamtmann Mayer sah sich genötigt, mit einem Unteroffizier und 20 Askaris einen Zug gegen die Massai im Paregebirge zu unternehmen, da diese wieder un­ruhig geworden sind und durch Viehraub und Bedrückung der Nachbarstämme ihr Dasein zu dokumentieren suchen.

cf Der russische Minister des Aeustern, Graf Lamsdorff, ist ttumehr in Paris eingetroffen und hat mit Telcass^ eine Kan- ferenz gehabt. Gegenstand dieser Besprechung ist die Gesamt­lage, betrachtet unter dem Spektrum des russisch-französischen Bündnisses. Natürlich wird man auch über den französisch­englischen Schiedsgerichtsvertrag sprechen, über die Lage in Astasien und die Dinge auf dem Balkan. Es wäre aber ver­fehlt, schon daraus auf neue Ueberraschungen schließen zu wollen.

»i< Es gilt als absolut sicher, daß die Mächte vollkommen einig sind in der Unterstützung des österreichisch-rilssischen Reformplanes für Mazedonien. Daher ist auch zu erwarten, daß die Pforte ihre abwartende Haltung aufgeben und ihre Einwilligung notifizieren wird. Auch dürften die für einen Augenblick sistierten Truppenabrüstungen ihren weiteren Fortgang nehmen. In Bulgarien, wo fortgesetzt scharen von Flüchtlingen eintreffen, steht man der^Reform noch immer sehr skeptisch gegenüber. Man hat in ^ofia den Eindruck, als ob es Rußland und Oesterreich niehr darauf ankomme, ihre eigene Stellung auf dem Balkan zu festigen, als das Loos der Mazedonier zu bessern. Bulgarischer Fanatismus mißt eben auch fremde Dinge nur mit landesüblichem Maße.

# Auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Mexico, Porfirio Diaz, einen Staatsmann, dem das Land unendlich viel zu danken hat, ist ein Attentat verübt worden. Ein Individuum, Namens Toscana, offenbar wieder­ein Italiener, hat fünf Nevolverschüsse auf ihn abgegeben, ohne ihn zu verletzen. Es heißt, Toscana sei ein berüchtigter Einbrecher, der eben ëtft eine Kerkerstrafe wegen Mordes abgesessen hatte. Offenbar ist der Bursche ein Anarchist. Jdenfalls werden die Sympathien der ganzen zivilisierten Welt mit dem Präsidenten sein, der es so trefflich verstanden hat, Mexico aus unhaltbaren Zuständen herauszuheben und unter die Kulturländer ein^ureihen.

+ Die schon lange angekündigte Krisis in Mittelamerika nimmt ernste Färbung an. Me Sezessionsbewegung der Staaten Panama und C a u c a, die bekanntlich durch die llastetigkeit des columbischen Kongresses in der Kanal- frage veranlaßt wurde, ist in vollem Gange. Die Re bellengenerale Lugo und Barresa sind bereits gelandet und der columbische Minister Herran erwartet noch die Ankunft weiterer Jnsurgentenkorps imb den Vormarsch auf den nur schwach verteidigten Isthmus. Die Vereinigten Staa­ten, die offenbar schon lange auf einen plausiblen Grund warten, ihre Auslegung der Monroe-Doktrin Praktisch zu er­proben, dürften mit einer Truppenlandung nicht allzulange märten lassen. Als Vorwand gilt der Schutz der Eisenbahn auf Grund des Vertrages mit Neu-Granada.

= Während es heißt, daß die Verhandlungen zwischen dem russischen Gesandten Baron v. Rosen und dem japa­nischen Minister des Auswärtigen, Komura, beide Teile allmählich näher brächten, erfährt der Stand der ostasia- tischen Frage durch eine andere Meldung denn doch weniger friedliche Beleuchtung. Danach wird das größte der Trans­portschiffe der Hamburg-Amerika-Linie, dieBatavia", mit forcierter Arbeit in Dienst gestellt, um für russische Rech­nung aus London 10 000 Tonnen Kohle nach Ostasien zu bringen. Zur höheren Ehre des Friedens geschieht das wohl kaum.

Rof und Gesellschaft.

Das Kaiserpaar macht jetzt bei dem schönen Wetter wieder täglich seinen gewohnten Spaziergang im Park von Sanssouci oder Ausritte in die Umgebung. Der Kaiser empfing außer den zum Vortrag befohlenen Ministern den neuernannten Präsidenten des Reichsgerichts, Wirkt. Geh. Rat Dr. Gutbrodt und dessen Nachfolger im Reichs- juslizamt, Direktor Dr. Hoffmann.

Prinz Adalbertvon Preußen hat gestern von Genua aus an Bord desKönig Albert" seine Reise nach Ost- asien angetreten. Die Genueser deutsche Kolonie veranstaltete zu Ehren des Prinzen ein Festmahl.

Der Kindesunter sebiebungs-proze ss.

(3. Verhandlungstag.) RK Berlin, 28. Oktober.

Die heutige Verhandlung fördert keinerlei Sensation zu­tage, wie etwa die gestrige, durch das Geständnis der Heb­amme Ossowska und die Aussage der Mitangeklagten 78jäh- rigen Dienerin

Jvsesa Knoska.

Diese, die Mutter der gleichnamigen Zeugin, mit dem schwachen Gedächtnis", hat ihre frühere Aussage wider­rufen, die dahin ging, daß sie bei der Geburt des Knaben zugegen gewesen sei. Jetzt gibt sie an, daß sie zwei Tage vor dem 27. Januar mit ihrer Tochter nach Berlin gereist sei und im Hause Kaiserin Augustastraße 74 die Vorbereit­ungen für die Ankunft der Gräfin getroffen habe. Diese sei am folgenden Tage eingetroffen. Ihr, der Knoska, unb ihrer Tochter sei ein Zinrmer im vierten Stock angewiesen worden, und hier habe sie sich zumeist aufgehalten, da die Gräfin, die die Hebamme mitgebracht hatte, ihrer nicht be­durfte. In der Nacht zum 27. Januar sei sie hinunter- gerufen worden unb habe den Auftrag erhalten, Kamillen­tee zu kochen. Die Hebamme habe den Tee in Empfang genommen und der Gräfin hineingetragen. Die Angeklagte sei gleich aufgeblieben.. Gegen 6 Uhr sei die Hebamme in die Küche gekommen unb habe ihr dort die Mitteilung ge­macht:Soeben ist ein Knabe geboren worden." Sie habe das Zimmer, in dem die Gräfin lag, während der ganzen Nacht nicht betreten. Daß am Vorabend eine fremde Dame angekommen sei, habe sie nicht bemerkt, von ihrem Zimmer aus auch nicht bemerken können. Soviel zur Ergänzung des gestrigen Berichtes. Heute tritt

Graf Hektor Kwilecki-Kwiltsch

als erster Zeuge vor die Schranken. Auf ihn würde das Majorat übergehen, falls der angeklagte Graf ohne männ­liche Nachkommen sterben sollte. Zeuge erklärt, daß die Agnaten die Geschichte von der Geburt im vorhinein nicht geglaubt hätten; sie schwiegen jedoch, um kein Aufsehen zu erregen. Und auch als das Kind geboren war, glaubte nie­mand an die Geschichte. In Posen gab es überhaupt sehr wenig Leute, die an die Richtigkeit der Geburt glaubten. Erst als die Angeklagten in Untersuchungshaft genommen wurden, trat ein Umschwung ein. Da war die opinio publica mit eineinmal gegen uns Agnaten eingenommen und machte sich mit großem Eifer gegen uns geltend. Da erhielt ich eines Tages den Brief eines Mannes aus Rus­sisch-Polen, worin er mir schrieb, daß er mir wichtige Dinge mitzuteilen hätte. Ich legte erst gar kein Gewicht darauf, als aber nochmals ein Brief des Mannes kam, trug ich kein Bedenken, den Schreiber zu empfangen. Er fragte mich, ob es wahr sei, daß die Ossowska in Posen beschworen habe, daß die Gräfin tatsächlich in anderen Umständen ge­wesen sei. Als ich dies bejahte, erklärte er, dies sei nicht wahr, denn die Ossowska habe selbst die Unwahrheit einge­standen. Später schrieb mir ein Kaufmann Hechelski, daß er wisse, woher der Knabe stamme. Ich depeschierte ihm, daß ich ihn empfangen wolle, und er erschien eines Tages in Kwiltsch. Ich ließ mir die Sache vortragen, wollte mich aber darauf nicht einlassen, sagte aber, daß, falls er die Sache selbst in die Hand nehmen wolle, ich dabei gern be­hilflich sein wolle, um die Wahrheit zu ermitteln, und auch für die Kosten aufkommen wolle. Hechelski ist bann nach Krakau gereist, wo er die Tatsachen ermittelte, welche die Basis der Anklage bilden. In langen Darlegungen sucht Zeuge die Ansicht zu entkräften, al,s habe er außerdem noch irgendwie gegen die Angeklagten intrigiert, ober in dieser Sache mit unfairen Mitteln manipuliert. In gleichem Sinne sagt auch der Vater des Vorzeilgen

Graf Miecislaus Kwielecki

aus. Er habe seinerzeit den Angeklagten in dieser Sache um eine Unterredung unter vier Augen ersucht diese sei ihm aber abgeschlagen worden. Er habe dem Grafen in Aussicht gestellt, daß, wenn er ihm reinen Wein einschenken würde, dies Geheimnis von ihm zehn Jahre lang bewahrt werden würde, da alsdann die Strafverfolgung verjährt sein würde. Er habe das gräfliche Paar nicht in das Ge­fängnis bringen wollen.

Eine Entlastungs-Zeugin.

Die nächste Zeugin, Fräulein Falkowska, war seinerzeit in Stellung bei dem gräflich Kwileckischen Ehepaar. Sre wird bom Präsidenten gefragt, ob sie des öfteren Zeuge von Zwistigkeiten zwischen den beiden Angeklagten Kwileckr ge­wesen ist. Sie kann sich dessen nicht entsinnen; nach ihrer Meinung sei das Verhältnis zwischen beiden Ehegatten sehr gut gewesen. Erst nach 1899 habe sich dies geändert. Sre erklärt ferner, daß der angeklagte Graf Kwileckr mrt rhrer Schwester, die jetzt in Posen wohnt, mehrfach verkehrt habe Die Schwester Hab^ ihr, der Zeugin, erzählt, daß der Graf ihrer Schwester unter Schwüren versichert habe, daß das vielinnstrittene, im Jahre 1896 geborene Kind sern eheliche, sei. Darauf wird der

Distriktskommissar Lertlof-Wronke

vernommen. Er bat als erster, bei den Vorermittelunaen