Nr. 228.
Dienstag, den 29. Setztember 1903
2. Jahrgang
AaserttoitS Preis: Die einspaltige Petitreile für ganz Obcrhesscn 10 Pfg. fällst 1» Pfg.: Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste Po. 1888 a.
Redaktion und Ha 'pt« Expedition: Gießen, Neue'nweg 23.
Ler«fprecha»schluß No. 868.
WoLe
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Gratisbeilage«: Qberhessische Familieuzeiiung (3X wöchentl.)
Ferufprechanschluß Nr. 368,
aus dem
(HV-rH-sftsH-r M-svachter) LokrtkltttZeigev (M-te aus Hveryessen)
für die Kreise Alsfeld, Grünberg und Spotten
Anserate, Gekämitmachungen rc. aus dem Verbreitungsbezirk nimmt zu Originalpreisen entgegen: I. K. Eißseller, Generalvertreter des „Bân aus dem Ohm- und Feldathal in Groß-Felda."
■■■■^■■Mit^■■^■^^^■^^M■■■■■■mBB^B■ ihm— mm— o— 1 ct— ——in— MWan’w.KiwM'njyw—Hi—iMiiinw »imw—iTM diesen Teil der afrilanischen Küste gerichtet, weil wir Dorf große Handelstnteresse.n haben, so kommt nun noch Hinzn, daß der Ausweisungsbefehl in erster Linie und eigentlich ausschließlich Deutsche betrifft. Im ganzen handelt es sich um sechs Reichsangehörige, von denen zwei als Vertreter des Handelshauses Richter und als Verwalter des deutschen Postamts dauernd in. Fez ansässig sind. So scheint es also keineswegs ausgeschlossen, daß auch wir in die Frage aktiv Eingreifen müssen. Daß schließlich einmal ein ernstes Wort
Bekanntmachung.
Aetr.: Nebenbahn Butzbach—Lich.
Die Bahnarbeiten für die Nebenbahn Butzbach — Lich sind tun Lich aus soweit gediehen, daß vor einigen Tagen mit dem SSorftredErn des Gleises begonnen worden ist. Der Transport der Materialien wird auf der gesonnten Strecke nunmehr durch Materialzüge nvt Lokomotiv- betrieb erfolgen.
Indem wir dies zur öffentlichen Kenntnis bringen, machen wir gleichzeitig auf die Gefahren aufmerksam, welche dem Publikum beim Ueberschreiten der Bahnübergänge erwachsen können. Mit Rücksicht hierauf ist Anordnung getroffen, daß die Annäherung des Zuges an einen Wegübergang durch Läuten mit der Glocke angekündigt wird. Fuhrwerke, Fußgänger und sonstige Passruten haben alsdann in entsprechender Entfernung vom Gleise die Durchfahrt des Zuges abzuwarten und dann erst bm Uebergang zu überschreiten.
Gießen, b<n 24. September 1903.
Großhcrzogsiches Kreisamt Gießen.
J. V.: Dr. K r anz b ühler.
M*»^- Blinder Lärm.
— Die Alarmnachricht über Marokko Dementiert. —
Es war mit großer Sicherheit gemeldet worden, daß neulich von dem französischen Sozialistenführer Jaurös publizierte Enthüllungen über den bevorstehenden Vormarsch Frankreichs nach Marokko der Wahrheit entsprächen. Danach sollte zwischen Frankreich, England, Italien und Spanien ein Abkommen zur Regelung der marokkanischen Frage abgeschlossen worden sein, demzufolge Frankreich das Protektorat über Marokko übernehmen solle; nur ein Küstenstrich solle- neutralisiert werden. England würde dafür eine wichtige Kompensation in Egypten erhalten, Spanien und Italien würden gleichfalls entschädigt werden. Inzwischen erging seitens des französischen Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten die Erklärung, daß diese Gerüchte falsch seien, daß also zwischen den Mächten hinsichtlich Marokkos sein solches Abkommen getroffen sei. Auch sei von Anseinandersetzungen über die Errichtung eines französischen Protektorats über Marokko niemals die Rede gewesen.
Wie die Dinge nun auch liegen mögen, jedenfalls ist die Situation in Marokko eine derartige, daß sich jeden Augenblick ein europäisches Einschreiten nötig machen kann.
Die neue Situation in Marokko.
Unser G-Mitarbeiter, ein guter Kenner der Verhältnisse, schreibt uns darüber: Muley Abd el Aziz, der Sultan von Marokko, befindet sich in einer wenig beneidenswerten Lage. Seine Vorhut ist nach einem kurzen Siege blockiert worden, ja, es heißt sogar, daß sie inzwischen schon wieder einmal empfindliche Verluste erlitten habe. Ein andere Streitmacht von 2000 Streitern, die nach Fez aufgebrochen mnr, um den Zusammenschluß der Avantgarde mit der Hanptarmee herbeizu führen, iii in einen Hinterhalt gefallen und gänzlich aufgerieben. Nach Osten vorzurücken, ist also unmöglich, und) Fez zurückzugehen, nicht mehr erlaubt, da die Hauptstadt schon seit lange wider den Sultan in Gärung ist und ihn höchstens als Sieger wieder willkommen heißei: würde. Jin Norden und im Süden warten Berber nur auf eine günstige Gelegenheit, loszuschlagen. Ist es da ein Wunder, daß der arme Sultan rat- und hilflos nach allen Seiten ausspäht und Unterstützung sucht. Fünfundzwanzig Millionen Franks Schulden, die er in Frankreich, England imD Spanien seinerzeit ausgenommen hat, drücken empfindlich; außerdem aber kostet sein Hofstaat und seine Lage täglich erkleckliche Gelder. Da zeigte sich dem bedrängten Manne anscheinend ein gangbarer Ausweg. Die aufständische Aabyle Thut, einer der mächtigsten Berberstämme mit etwa 8000 Kriegern, erbot sich, durch Verrat den Prätendenten, also die Seele allen Aufruhrs, auszuliefern, wenn der Sultan sämtliche Christen ausweisen lasse. Und Muley Abd el Aziz ging aus den Leim. Er ließ dem Konsularkorps in Fez mitteilen, mit Rücksicht darauf, daß er sich gegenwärtig auf einem Kriegszuge befinde, fordere er sämtliche in Fez weilenden F r e m den mit Ausnahme der Konsuln auf, abzureisen und sich nach Tanger zu begeben. Für jeden, der die Verhältnisse kennt, ist klar ersichtlich, daß das nur ein Vorwand ist, da sich ja die marokkanischen Sultane eigentlich dauernd auf dem Kriegspfade befinden. Es fragt sich nun, ob dieser Befehl des Sultans eine Verletzung des im Jahre 1900 Dom Grafen Tatten bach abgeschlossenen Handelsvertrages darstellt. Ist das der Fall, wäre für die in Betracht kommenden Mächte geradezu leichtsinnig ein Rechtsmittel zum Einschreiten geschaffen. Auch mir in Deutschland find dabei keineswegs so unbeteiligt, wie es den Anschein bat. .Batten wir schon früher zu Zeiten unser Augenmerk ant
dort unten nötig merben wird, steht jedenfalls außer Zweifel.
"^ Ungarns Grossinquisitor. ^^
Aus Budcchest kommt die Nachricht, daß dort der Notar Mathias Laucsik gestorben ist. Diese Todesnachricht frischt die Erinnerung an jene Zeiten auf, da noch auf Ungarns weiten Puszten unb dichten Wäldern: die Räuberromantik florierte. Mathias Laucsik war es in erster Reihe, der der Unsicherheit im Lande den GarauS machen half. Er war die rechte Hand des Szegeder kgl. Kommissärs Grafen Gedeon R'aday, des gefürchteten Bezwingers der Räuberwelt. Laucsik, der Kaufmann war, als ihn Graf Naday zu sich nahm, entfaltete eine ungeheure Arbeitstätigkeit. Wochen hindurch blieben Naday und sein Helfer anscheinend müßig. Tage hindurch saßen sie im Szegediner Grundbuchsamte, wo man sie in den Einlagebogen blättern sehen konnte. Und Laucsik verstand die stumme Sprache vieler Blätter. Jem notierte sich nämlich die Namen aller jener Leute, bereit Immobilien sich im Laufe der letzten Jahre rapid verniehri Hallen. Ueber die Vergangenheit jener ließ er dann die genauesten Nachforschungen anstellen. Als dann Laucsik und Genosseu auch mit dieser Arbeit fertig waren, erschienen die Hajduken eines Tages bei den ahmmgslosen reichen Mitbürgern, die sie in Haft nahmen und die dann nach Szegedin in den Kerker geführt wurden.
Der schrecklichste und auch^rasch zur Berühmtheit gelangte Kerker war der sogenannte „Sternkerker", aus dem niemand sehr bald herauskam. Es bauerte Wochen, bis der betreffende zum ersten Verhör gelangte, und da war er schon ein gebrochener Mann.
Wie Laucsik dabei zu Werke ging, illustriert am besten folgende Geschichte: Auf der Kecskemeter Haide wurden ein alter Hirt namens Stephai: Simandi und dessen Sohn ermordet und die Herde, die sie hüteten, weggetrieben. Sauefit ließ einen Bauer namens Johann Gajdor verhaften, welcher im Verdachte stand, diese Verbrechen begangen zu haben. Drei Wochen hindurch verhörte Laucsik den Gajdor, ohlle ihn zu einem Geständnisse zu bringen. Eines Nachts ließ der Untersuchungsrichter aus bem Tische seines Amtszimmers vier Kerzen anzünden, das Kruzifix auf den Tisch stellen und daneben den Halfter hinlegen, mit dem man den alten Simandi erwürgt hatte. Dann ließ er den Johann Gajdor aus dem Kerker holen. „Janos, ich habe heute Nacht einen bösen Traum gehabt. Ich träumte, daß zwei blutende Menschen vor mir erschienen, ein alter Mann und ein jüngerer. Der Alte begann zu klagen imb sagte, ihn habe der Johann Gajdor umgebrad)t. Dabei übergab er mir diesen Halfter." .— „Was geht das mich an?" rief der Angeklagte trotzig. — „Ich weiß es nicht, Janos. Aber der Alte drohte mir, jede Nacht tviederzukoinmen, infolange ich nicht diesen Halfter bem Johann Gajdor um den Hals binden lasse." — „Aber ich bin ja nicht sein Mörder!" - „Das behaupte ich auch nicht. Aber ich muß dir diesen Halfter um den Hals legen lassen, sonst läßt das Gespenst mich nicht in Ruhe."
Gajdor wich entsetzt vor dem Strang zurück. Laucsik aber rief die Wächter herein: „Bindet ihm einen Strang um b^n Hals!" Die Wächter fesselten Gajdor die Hände nach rück wärts, machten aus dem Halfter eine Schlinge, legten ihm diese um den Hals und führten ihn dann in den Kerker zurück. Am folgenben Tage ließ Gajdor sich zum Untersuchungsrichter führen. „Ich sehe schon, gnädiger Herr, daß ich sterben muß. Ich kann den Strang um den Hals nicht ertragen, er erwürgt mich. Lassen Sie mir ihn abnehmen. Ich mist gestehen, daß ich die beiden Simandi umgebracht yabv . . /
Der „Sternkerker" füllte sich stets mit neuen Leuten darunter reiche Gutsbesitzer, Pächter, Wirte, zwei Bezirksrichter, ein Stadtbauptmann, vier Advokaten und etwa fünfzig Kommissare und Hajduken. Insgesamt hatten Radar und Laucsik 554 Verbrechen, durch 813 Individuen begangen, aufgedeckt und von den Tätern 425 in Haft genommen, darunter den berühmten Nüudcrhauvknianu Rozsa Sandor und seinen Genossen Wezel ka Joska. Laucsik wurde später Notar. Er war ein heiterer, gemütlicher Mann, der gut zu plaudern : erstand. Nur über DU Räuber und die Geheim iinfe des Szegeder „Strumaefängnisses" wollte er nie reden.
- j^V^-af^ ^^^ Die Politik. - ^S^-Ss ^>—^- ^ß^^^^'
# Für den schon seit längerer Zeit erörterten Plan eines Postabkommens zwischen Derttschland und Holland wird neuerdings im Reiche der Königin Wilhelmine wieder besonders lebhaft Stimmung gemacht. Man möchte dieses Abkommen ähnlich wie das deutsch-österreichische formuliert wissen und weist darauf hin, daß der Postverkchr Hollands mit Deutschland verhältnismäßig sehr viel erheblicher sei,
als der mit Oesterreich-Ungarn. Vielleicht sei es nur Die Schweiz, die einen noch lebhafteren Briefverkehr mit Deutschland unterhalte, als Holland. Die aus Holland nach Deutschland gejandten Briefe betrügen die größere Hälfte des gesamten holländische:: internationalen Verkehrs. Die in ungefähr gleicher Anzahl aus Deutschland nach Holland gehenden Briefe erreichten die Zahl von 70 000 auf jeden Tag. 9kach sorgfältiger Berechnung betrage das Wagnis, das die holländische Post im schlimmsten Falle laufen könne, nur 500 000 Gulden, was bei einem Reingewinn der holländischen Post von 2—2% Millionen Gulde:: nicht in Betracht kommen könne. — Man wird bei uns zu Lande erst sehr sorgsam prüfen müssen, ob unser Wagnis nicht doch vielleicht das größere ist, ehe man sich auf weitere Erörterungen einlassen kann.
. A Wie cs heißt, soll die neuerliche Einberufung des ungarischen Abgeordnetenhauses für den 29. September verlangt werden. Diese 9kotwendigkeit ergebe sich aus der in der letzten Zeit sich inehrenden Verfassnngsverlctzungen, besonders seitens des österreichischen Äèinisterpräsidenten, der sich fortgesetzt in die inneren ungarischen Angelegenheiten mische. Man sieht, daß den Ungarn der Kainpfesinut keineswegs gesunken ist. Sie lassen nichts unversucht, um ihre Macht zu zeigen. Tatkrästige Unterstützung finden sie bei ihren K o m m u n a l b e h ö r d en, die in großer Anzahl beschlossen haben, die Steuererhebung zu verweigern. Es soll eben offenbar alles auf die Spitze getrieben werden. Während der tschechische Abgeordnete Herold sein Mandat niederlegte, weil er sich über das Auftreten seiner Landsleute im Reichsrat entrüstete, kennt der wackere Ungar B a r a b a s solche Gefühle nicht. Er veranstaltet eine Extraausgabe seines Organs und versieht sie als Hebers Christ mit bem Wortlaut seines unqualisizierbaren Zwischenrufs über den Kaiser. Natürlich wurde das Blatt konfisziert und Klage tvMn Majestätsbeleidigung erhoben. Indessen ließ Barabas fünf Abgeordnete fordern, die ihn in jener denkwürdigen Litzung angeblich beleidigt haben. Auch der ehrsame Bürger Boni s aus MiSkptcz hielt es für seine Pflicht, unter den Augen der breitesten Oeffentlichkeit ein Duell mit einem HMptmann äuszufechten, der anderer Meinung war als er. Daß die Bürgerschaft Herrn Bonis einen Fackelzug brachte, nachdem dieser seinen Gegner zu Tode getroffen hatte, illustriert die Stimmung aufs beste.
^D Eine neue Ausweisung wird aus Finland gemeldet. Sie betrifft den ehemaligen Obergerichtsanwalt in Aabo, Lungenius. Es scheint, als wollte die russische Regierung mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die besten Männer aus Finland hinaustreiben. Auch Lungenius, in keiner Weise ein Aufrührer, zählte zu den wackersten Stützen seines Vaterlandes.
4= Die Neubildung des englischen Kabinetts begegnet großen Schwierigkeiten. Der König soll Balfours Minister- liste die Genehnngung versagt haben. Besonders wegen des Vorschlages Austen Chanlberlains als Finanznunister. SJJiib ner seinerseits soll es prinzipiell abgelehnt haben, in ein Ministerium Balfour einzutreten. Man wA wohl noch einige Zeit brauchen, ehe man mit der Frage des Tages zu Stande konunt.
£> Der Friedenskongreß in Rouen beschäftigte sich zur Abwechselung mal wieder mit der Frage der d c u t s ch - französischen Beziehungen und nahm eine Resolution au, in der besonders betont wird, daß eine Annäherung z:vi- schen den beiden Nachbarländern in hohem Grade wünschenswert wäre. Ein tapferer Delegierter von Rouen wollte bieten Gemeinplatz nicht gelten lassen und führte wider die Abrede die Debatte auf den Gegenstand Elsaß-Lothringen hinüber. Die Sache verlief natürlich wie das Hornberger Schießen.
>X Die türkisch-bulgarische Verständigung scheint Fortschritte. zu machen. Jedenfalls tritt das Sofioter Regie: ungs- ^rgan nach der Notifizierung des Jrade des Sultans über die Einstellungen der Verfolgungen in Mazedonien sehr ener- gisch für den Frieden ein, und zwar mit der verständigen Motivierung, daß nach der Diote der 9)?ächte an der Isolierung Bulgariens im Kriegsfälle kein Zweifel sein könne. Eine im Mdiz-.KioSk abgegebene gleichlautende, sehr bändige 9?ote der Botschafter hat zndem neuerdings auch die Lust am Streit in Konstautinopel weseutlich gedämpft, was natürlich einem zielbewußten und nicht einseitigen Vorgehen gegen die Insurgenten nur förderlich sein kann. Neuere Reibungen missen denn auch von größeren Erfolgen, besonders im Vila je! Monaslir Erfreuliches zu berichten. Die von der Pforte oer- iprodjene Anerkennung der serbischen Nationalität hat außer, den: auch in Belgrad die Stimmung wesentlich beschäftigt.
Der prozess gegen die frischer Offiziere.
OC Belgrad, 26. September.
Das Interesse für den Monstre-Prozeß, der die ganze zivilisierte Welt interessiert, ist seltsamerweise in unserer Stadt ein recht minimales. Man dentt, schreckn und spricht hier viel mehr von den Schwierigkeiten der KabinettMnlbung. Um so geschäftiger sind die Journalisten, d:e aus aller Welt herbeigeeckt sind. Der Prozeß ist zwar nicht öffentlich, das will aber gar nichts heißen. Man sann hier jedes Material erhalten, das man nur wünscht. Während der Mittaasvaute