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Nr. 202. Zweites Blatt

Samstag, den 29. August 1903.

12. Jahrgang.

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AbonnementspretS: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., ^^

in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- A

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Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich). \

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitags.

InsertionStzrei Sr Die einspaltige Petitzeile für Gießen wi, ® Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg.

15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 rèsp. 4« Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gi.eßen Neuenweg 28.

Feriisprechanschlnh Nr. 368.

Weiteste Wachrichtm

(Gießener Vagevtatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Ieitnng)

für Overhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhefsea.

Bekanntmachung.

Die Lieferung von 100 Zentner Kornstroh (Maschinen- drusch) für das städtische Schlachthaus ist zu vergeben. An­gebote sind bis zum 5. September verschlossen mit entsprechen­der Aufschrift auf Zimmer Nr. 15 der Bürgermeisterei einzu­reichen.

Gießen, den 27. August 1903.

Der Oberbürgermeister.

Mecum.

Bekanntmachung.

Die Westaulage, zwischen Bahnhofstraße und Unter* sühruno bet Ma'n-Weser-Bahn nach der Hammstraße, wird wegen Vornahme von Sielbauarbeiken von Montag, den 30. d. Mts. an bis auf weiteres für den Fuhrwerks- und Fahr­radverkehr gesperrt.

Gießen, den 29. August 1903.

Großh. Polizeiamt Gießen.

J. V.: Noth.

Bekanntmachung.

Die Feldbereinigung in der Gemarkung Gießen rechts der Lahn betreffend.

Die nachstehende Bekanntmachung des Großh. Feld- bereinigungskommiffäcs zu Fciedberg bringe ich hiermit zur Kenntnis der beteiligten Grundbesitzer.

Gießen, den 28. August 1903.

Der Oberbürgermeister Mecum.

Bekanntmachung.

Betr.: Wie oben

In dec Zeit vom 1. September ds Js. bis ein­schließlich 14. September ds. Js. liegen auf dem Bureau Großherzoglichec Bürgermeisterei Gießen die Arbeiten des III. Abschnittes von den Fluren 32 und 33, sowie von Teilen der Fluren 28, 29 und 30 obigec Ge-

markung, nämlich:

Heft Zuteilungsveczeichnis,

1.

2.

1

4

Zuteilungskarten,

0. ± Band Gütecgescboß,

4. 1 Heft Zusammenstellung der Gütergeschoße, Heft Geldausgleichungsverzeichnis.

Heft Verzeichnis dec Dcainagekosten zur

3.

1

5. 1

6. 1

Einsicht der Beteiligten offen.

Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hiergegen findet statt

Dierstag, 15. September l Js., vormittags von 10l/4 Uhr bis ll1^ Uhr,

im Bureau Grostherzoalicher Bürgermeisterei Gießen, wozu ich die Beteiligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen, zu begründen und auf Papier in Aktengröße lmindestens ^2 Bogen) einzureichen.

Friedberg, den 26. August 1903.

Dec Großherzogliche Feldbereinigungskommissär : gez. Spamer, Kreisamtmann.

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Bekanntmachung.

Unter dem Schweinebestand des KüfermeisterS Dörflein, Rodheimerstraße 36 ist die Rotlausseuche auSgebrochen.

Stallsperre ist angeordnet. 1 ^'&^

Gießen, den 29. August 1903.

Großh. Polizeiamt Gießen.

________________ I. V.: Roth. _____________________

Dissidenten.

lP 0 l i t i s ch e W 0 ch e n s ch a u4

Jni wörtlichen Sinne versteht man, obgleich dieser Aus- druck im Laufe der Jahrhunderte eine Bezeichnung für reli­giöse Anschauungen geworden ist, unter Dissidenten Getrennte. In diesen! ursprünglichen Sinne haben wir denn in letzter Woche Kongresse der Dissidenten, der Getrennten, in reicher Zahl gehabt. Die Katholiken hielten ihre alljährliche Heeres­schau ab, die evangelischen Pastoren waren zu einc^r Kirchen- konferenz zusanunengetreten und die zionistischen, Juden be­rieten über Mittel und Wege zur Rückkehr in die Stanun- Heimat des Volkes. Allen diesen Erörterungen wohnte neben dein religiösen, vor allem ein stark soziales Moment inne; sie sind insbesondere darauf bedacht gewesen, die materielle Lebenslage der Glaubensgenossen zu verbessern, ein neuer Beweis dafür, wie sehr die junge Zeit nach neuen Sonnen ringt und wie sich auch im Laufe der Jahre die Ziele und Aufgaben der Religionsgenteinschaften ändern, ohne daß aber die ideale Tendenz einer möglichst glücklichen Gestaltung des Lebensloses der Religionsgenosseit dadurch berührt wird. Darin sind trotz der Verschiedenheit der dogmatischen Lehren und der Kulturformen die einzelnen Religionsgemeinschaften keine Dissidenten.

Das Gleiche kann man auch von den politischen Parteien sagen, und das ist schließlich das versöhnende Moment in dem manchmal sehr heftigen Kampfe der politischen Dissidenten, daß hoch über dem Wirrwarr der Meinungen schließlich doch die Fürsorge für das Vaterland schwebt. Man ntnß die Par- teien niemals nach ihrem Wirken, sondern nach ihrem Wollen moralisch qualifizieren, dann wird manches ungerechte Ur teil vermieden und die Verständigung erleichtert merben.

Freilich, die Menschennatur verlangt im Kampfe die Ent faltung starker Mittel und neigt hierbei nicht selten zu schroffen Formen So ist es nur zu verstehen, das; die inne ren Kämpfe bei den Freisinnigen und bei der Sozialdemo­kratie teilweise sehr heftig sind. Von Seiten der freisinnigen Volkspartei mürbe dieser Tage dem Herausgeber derNa­tion", Dr. Barth, auf Grund einiger Aeußerungen ein Wechsel der Meinungen nachgewiesen, wofür sich denn die Presse der Vereinigung durch eine scharfe Kanonade gegen den Abgeordneten Richter revanchierte. Die Verschmelzungs­politik der Linken spielt sich wie eine Auseinandersetzung zwi­schen Dissidenten ab, mit das alles verspricht einen lebhaften Wahlkampf.

Aber auch bei der Sozialdemokratie tauchen Dissidenten auf. Allerorts hielten die Wahlkreise Versammlungen ab, wobei bem Abgeordneten Bernstein ob derelenden Vize­präsidenten frage" fch^ harte Wo*lle gesagt wurden, wobei aber auch die gesamte Reichstagsfraktion einen Angriff erlebte. Denn allenthalben wurde verlangt, daß diese nur einen Ver­treter auf dem Parteitage haben sollte, anstatt diesen durch ihre Zahl zu beherrschen. Die Meinungen über die Vize­präsidentenfrage waren immer noch geteilt, aber man einigte sich dahin, daß die Hauptwortsirhr"r v. Vollmar, der Revi sionist. und Bebel, der Orthodoxe, auf bem Parteitag ihren Standpunkt vertreten sollen. Dieser verspricht also durch dieses Rededuell der Dissidenten sehr interessant zu werden.

Dos Ende aber Fann man trotzdem heute schon voraussehen: eine Auflösung der Disharmoni'' in die Mollakkorde der Einigkeit gegenüber ben übrigen Parteien.

In Oesterreich-Ungarn aber spielt sich der Kampf der Dissidenten in weniger gefälligen formen ab. Was dem König von Ungarn annehmbar wäre, muß der Kaiser von Oesterreich ablehnen. Fionz Josef wollte nämlich einen Rück­fluß der ungarischen Offiziere in das heimische Heer zugeben und auch bezüglich der Embleme Zugeständnisse machen, so­fort aber hob der Ministerpräsident Oesterreichs warnend den Arm in die Höhe, da dadurch die Vorniachtsteltung des deutschen Staates verloren gegangen wäre, und so haben mir denn die seltsame politische Situation, daß der österreichische Doppeladler nicht nur rwei Köpfe in eftigie, sondern auch politisch zwei eigene Köpfe hat, die sich als Dissidenten gegen- überstehen. Die Sache ist verfahren und läuft früher oder später einer Katastrophe zu.

Dagegen sind im Balkan die Verhältnisse ruhiger ge- worden. Zwar arbeiten dort die politischen und religiösen Dissidenten noch mit den drastischsten Mitteln gegeneinander, mit Pulver und Blei, mit Dolch und Dynamit, aber man merkt doch allmählich einen Fortgang in der Unterdrückung der Aufstandsbewegung. Ebenso scheint König Peter von Serbien allmählich die Dissidenten in seiner Umgebung, die Vernichter der Dynastie Obrenowitsch, in ihre Schranken zurück zu verweisen.

Dagegen züngelt an einer anderen Stelle leise, leise ein Flätumlein auf. Die muhamedanische Geistlichkeit in Per­sien predigt den heiligen Krieg gegen Rußland offenbar geschürt durch englischen Einfluß und englisches Geld. Der Besitz Persiens, seiner Häfen und Kohlenstationen, ist das Tor zuin Besitz von Indien, wohin die Stuften streben, um England au^urufen: Erhebe dich, damit ich mich setze. Man fühlt es ordentlich, wie der Uhrzeiger der Weltgeschichte einen Ruck vorwärts macht, wie sich der Gegensatz zwischen England und Rußland verschärft, denn diese beiden Mächte sind augen­blicklich in der Welt die unpersönlichsten Dissidenten.

Hus dem Gericbts^al.

§ Der Liebesroman eines Kapitäns der Heilsarmee be­schäftigte das Schöffengericht in Danzig. Der Heilsarmee- Kapitän Heinzelmann war vor einiger Zeit mit der Ehefrau eines Danziger Gewerbetreibenden, die ihrem Manne 1700 Mark entwendet hatte, flüchtig geworden. Das Liebespaar wurde später in Amerika festgenommen und nach der Heimat zurückgebracht. Nunmehr hatte sich der Kapitän wegen Hehlerei vor Gericht *u verantworten; er wurde zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt.

§ Ein raffinierter Heiratsschwindler, der neben seiner Frau nicht weniger als sechsBräutens" hat, hatte sich in der Person des 45jährigen Geschäftsreisenden Jungmann aus Berlin vor der Strafkammer in Neu-Nuppin zu verant­worten. Der Angeklagte ist seit 10 Jahren verheiratet und Vater von vier Kindern. Es wurden ihm sechs einzelne Fälle nachgewiesen, in denen er heiratslustigen jungen Mäd­chen die Ehe versprochen und die Betörten um ihre Spar­gelder betrogen hat. Zu der Verhandlung waren außer den sechs Bräuten auch die Ehefrau des Angeklagten geladen. Der Don Juan, dessen Verhaftung seinerzeit in Gransee er­folgte, wurde zu 2% Jahren Gefängnis und den üblichen Rebenstrafen verurteilt.

Bunte Chronik. Auf dem Budapester Südbahnhof würd«

durch eine Feuersbrunst der Dachstuhl der Haupthalle, die .1 Restaurationsräume und die Wartesäle erster und zweiter Klasse eingeäschert. Drei Feuerwehrleute erlitten schwere Verletzungen. J

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