Nr. 175.
Mittwoch, den 29. Juli 1903
12. Jahrgang
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vratiS-eilage«: Oberhesfische Familie«zeit««a (täglich) Vberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- ü»d Bartenba«, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).
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für Overhesien und die Kreise Marburg Ulid Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
fang und Mächtigkeit der Lager borliegen. Ilevrigens bat sich schon ein großer Schwarm von Goldsuchern nach dem neuen Goldlande ergossen. Hoffentlich bleiben ihnen ähm liehe Erfahrungen, wie sie die Klondyker Goldsucher machen mußten, erspart.
Vereiteltes Attentat auf König Eduard.
^ Aus der portugiesischen Hauptstadt kommt die &unbe, daß während des Besuches König Eduards in Lissabon ein
Bismarcks Geist.
— Zur fünften Wiederkehr seines Todestages. —
CB. An: 30. Juli vor fünf Jahren schied in der stillen Abgeschlossenheit des ^achsenwaldes Fürst Bismarck aus den: Veben; die alten Eichen, die seine Grabstätte um- rauschen, flüstern geheimnisvoll sich zu, daß er von Zeit zu Zeit dein Grabe entsteige, um inzwischen zu sehen, was aus Deutschlaiid geworden sei, und auch jetzt schwebe sein Geist wieder über die Fluren unb Gefilde. In der Zeit seit seinem Ableben hat sich ja anscheinend so wenig und doch so viel verändert. Noch heute, wie während seiner Wirksamkeit, lagert tiefer Friede auf der Welt und die Zahl der sichtbare:: Feinde ist nicht größer geworden, ihre Tonart auch kaum schärfer als damals. Die Probleme der Zeit aber sind trotzdem andere geworden. Die Zwistigkeiten auf den: Festlande sind hinter den großen Weltaufgabe:: zurückgetreten und diese fordern ein kräftiges Geschlecht. Jetzt wäre ein Titane von der besonnenen Kraft und Entschlossenheit des Fürsten Binares notwendiger als je. Es scheint, daß man außerhalb der Marken des Reiches das Deutschtum weniger fürchtet, seitdem dieser Necke von hinnen ging, denn während in früheren Zeiten Deutschland es war, das Licht und Sonne verteilte, ist in neuerer Zeit, namentlich in England, eine geradezu frivol kriegs lüsterne Haltung großgezogen worden. Daß die Eng länder uns, die wir bei den: geschäftlichen Wettbewerb ihre Konkurrenten sind, nicht lieben, weiß man lange schon und darin liegt auch nichts tragisches. Aber daß ein verant wortlicher Träger der englischen Politik die Deutschenhetze systematisch betreibt und die deutschfeindliche Stimmung des- britischen Volkes zum Vorspann für seine politischen Pläne macht, das ist ein charakteristisches Zeichen der Zeit, zugleich aber auch eine Bestätigung der Bismarckschen Politik, deren Ziel dahin ging: Befestigung des europäischen Friedens durch ein gutes Einvernehmen mit unseren östlichen Nachbarn und strengste Neutralität in unseren Beziehungen zu England. Fürst Bismarck selbst hat jenen nüchternen Nationalismus in der Politik großgezogen, der den Engländern so verhaßt ist, weil er sie der Möglichkeit beraubt, Deutschland gegen die Mächte, die ihm über See auf den Fersen sitzen, auszuspielen. Wenn Bismarcks Geist bei seiner Wanderung durch Deutschland es sehen kann, mit welcher Ruhe und Besonnenheit das Volk, der eigenen Stärke vertrauend, die Wutausbrüche der Engländer hinnimmt, dann wird er sein großes Werk der Volkserziehung für gelungen halten. Auch die junge Generation ist ein kräftiges Geschlecht, wie sehr uns der Pessimismus auch daran irre machen will.
Zwar gären im Innern des Reiches noch mancherlei Interessen und es scheint, daß augenblicklich der Kampf und der Gegensatz der Berufskategorien heftiger sei als je zuvor," aber je lauter der Felsbach rauscht, um so energischer treibt er die Räder der Mühle. Alle die scharfen Gegensätze, die scheinbar wild gegen einander stoßen, haben doch nur das gemeinsame Ziel, die nationalen Kräfte zur Lösung der großen Kulturaufgaben zu entfalten. Solch eine Titanennatur, wie der verstorbene Fürst Bismarck, wandelt nicht spurlos über die Erde, ^ein Geist bleibt bei seinem Volke zurück, auch wenn der Körper längst ni^ Staub und Asche zerfallen ist. Die alten Eichen des ^achsen- waldes, die Bismarcks Grabstätte umrauschen, sagen dic Wahrheit. Bismarck entsteigt von Zeit zu Zeit len: Grabe, und sein Geist manbett nicht nur über Fluren und Gefilde, er lebt auch in und mit dem Volke, das er so sehr geliebt und so groß und stark gemacht hat, groß im Denken, start im Selbstvertrauen. . ._____
Offene Geheimnisse,
t Rom, 28. Juli.
Wenn die Kardinäle, die Joachim Pecci zum Nachfolger des verstorbenen Pius IX. wählten, aus ihrem Grabe wie- verkehren könnten, sie würden oermunbert die Kopfe schütteln, wenn sie kaum eine halbe Stunde nach Schluß der täglichen Kongregationen schon in den römischen Blattern die gefaßten Beschlüsse lesen mürben. Manchmal mcht ganz genau wiedergegeben — das bringt die Eile mit sich — aber im Grunde doch mit dem übereinstimmend, was tn den „geheimen" Versammlungen beschlossen worden ist „Früher," so klagte in dieser Hinsicht eine bekannte ^vatikanische Persönlichkeit, „hat es manchmal mehrere Jahrc gedauert, ehe die Oeffentlichkeit genau erfuhr, was in den Kardinalkongregationen verhandelt wurde, jetzt aber weiß man 'S des Abends in allen Caf6s." In Journalistenkreisen erzählt man sich mit Behagen folgende Anekdote: Am Mittag des Tages, an den: in geheimer Beratung Monsignore Merry bet Val zum Sekretär des Konklave ernannt worden war, interviewte ein Berichterstatter einen ihm bekannten Kardinal über eben diese Wahl. Der Kirchenfürst fragte ganz erstaunt, mober der Journalist denn überhaupt wisse, daß Merry del Val erwählt sei. Der erwiderte, das könne er nicht verraten, aber es sei auch kein Geheimnis mehr, ganz Ron: wisse es schon. Der Kardinal war erstaunt über diese Schnelligkeit, mit der die moderne Presse arbeitet. Er soll darauf gesagt haben: „Wenn dem so ist so werde uè
miet) garmcyr varuver wunvern, wenn wayreno oes .Konklave römische Zeitungen täglich die Listen der Abstimmungen veröffentlichen." Ja, seit 1878 haben sich die Zeiten gründlich verändert.
So wird von den Zeitungen sogar genau mitgeteilt, was in den Kongregationen über Abänderungen in der Art der Abstimmungen vorgeschlagen worden sei. Kardinal Oreglia habe dagegen erklärt, entweder müsse das ganze Zeremoniell angenommen oder ein anderes geschaffen werden. Die end- giftige Entscheidung über das Zeremoniell wurde bis zu dem Zeitpunkte vertagt, wo alle Kardinäle in Rom sein werden. Ebenso weiß man schon jetzt genaueres über die Note, dic das heilige Kollegium an die Mächte geschickt haben soll. Die neuliche Meldung, daß sie in einem sehr milden Ton abgefaßt sei, bestätigt sich, doch ist darin gegen den bestehenden Zustand der Dinge immerhin energischer Protest erhoben. Dann erzählt man von großen Unordnungen, die sich bei bem Leichenbegängnis des Papstes zugetragen haben sollen. Kardinal Oreglia habe bereits die strengste Untersuchung zur Bestrafung der Schuldigen angeordnet.
Da die Kardinäle sehen, daß es bei dem heutigen Stande des Journalismus schwer ist vor der Oeffentlichkeit verborgen zu bleiben, so treten sie selbst wiederholt freiwillig mit Aeußerungen über die Lage hervor. Der ^arbinal Capecelatro, der als Papabile genannt wurde, sagte einem Interviewer gegenüber, Oreglia und Rampolla seien die Vertreter der politischen Gruppe, während die nichtpolitische Gruppe der Papabili in Vanutelli, Agliardi, Di Pietro und Sarto ihre hervorragendsten Repräsentanten besitze. Agliardi, dem große Chancen 311 gesprochen werden müßten, würde es sich zur Aufgabe machen, beu alten Streit zwischen Staat und Kirche zu schlichten. Kardinal Capecelatro habe 'war selbst nicht ausdrücklich auf eine Wahl Verzicht gelistet, würde jedoch im Hinblick auf sein hohes Alter und ne leidende Gesundheit das Pontifikat als eine zu schwere Jürbe empfinden.
* * *
Di? Stellung der teutschen Regierung zur Papstwahl wird in einer offenbar inspirierten Meldung aus Berlin als gänzlich unparteiisch charakterisiert. Auswärtige Blätter — w heißt es darin — haben mehrfach behauptet, daß Deutschland seinen Einfluß dahin verwende, die Wahl des Kardinals Rampolla zum Papste zu verhindern. Neuerdings hat auch Kardinal Nava, Erzbischof von Catania, der die Wahl Rampollas empfiehlt, sein Befremden darüber ausgesprochen, daß Rampolla von Berlin aus bekämpft ■erbe, während man doch für die Politik des verstorbenen lapstes, n it deren Durchführung der Name Rampollas uss engste. erbunden sei, nur Worte der Anerkennung habe. :icse Vorau Setzungen über die Tätigkeit Deutschlands bei w Papstwa H beruhen auf ganz falschen Annahmen, denn if deutscher Seite ist man fest entschlossen, keinen Einfluß uf die deutschen ober anderen Kardinäle auszuüben, keinen .anbibaten, wer es auch sei, zu bekämpfen ober zu fördern. £a§ gilt selbstverständlich ebenso für Rampolla, wie für eben anderen Kardinal, der als Bewerber um die Päpstliche Tiara aufgestellt werden könnte.
Aus Rom wird noch gemeldet, daß in der Sixtinischen Kapelle gestern der erste der drei von: Kardinalskollegium veranstalteten feierlichen Trauergottesdienste für Papst Leo llattfand. Bei der feierlichen Handlung celebrierte Kardinal Serafino Vanutelli die Trauermesse, alsdann vollzogen die Kardinäle Agliardi Vincenzo Vanutelli, Satolli und Richard nacheinander vor einem Prachtvollen Katafalk die Ceremonie der Absolution Außer 52 Kardinälen wohnten der Trauerfeier noch das diplomatische Korps, der Großmeister des Malteserordens, der altrömische Adel, somie I artige Geladene bei.
Die Politik.
Schutz der Manövertruppen gegen Anslcckima.
dËP Mit Rücksicht auf die alljährlich in der Armee währenk ober nach den Manövern auftretenden Fälle von ansteckem den Krankheiten, namentlich Typhus und Ruhr hat das Ministerium die Bezirksregierungen angewiesen, der Gefahr der Ansteckung mit allen Mitteln zu begegnen, zumal dic erkrankten Militärpersonen ihrerseits wieder zu Verschleppungen der Krankheit in die Garnisonorte Anlaß geben. Die Ortspolizeibehörden werden angewiesen, von jedem Falle einer Erkrankung an ansteckenden Krankheiten unter Angabe der Wohnung, in der die Krankheit aufgetreten, den vorgesetzten Behörden Anzeige zu erstatten.. Von infizierten Wohnstätten sind Einquartierungen fernzuhalten.
Gold im deutschen Wafrika!
^ Schon vor einiger Zeit berichteten wir über Goldfunde in Deutch-Ostafrika. Erfreulicherweise schemen stet die Erwartungen, die auf diese Entdeckung gesel^ wurden zu bestätigen: Eine genaue Untersuchung der bei Jkoma ge fundenen goldhaltigen Gesteinsproben in der Berliner Chemisch-technischen Versuchsanstalt hat einen so großen Gold und Silbergehalt ergeben, daß der Abbau der beiden Edelmetalle sich lohnt. Selbstverständlich wird man, ehe man sich ein endgiltiges Urteil über den Wert dieser Goldlager bildet, abwarten müssen, bis nähere Nachrichten, über Um-
Dynamirattentat auf ihn und König Carlos geplant mar. Ein Kloakenarbeiter will am Tage^vor der Ankunft des Königs in einer Kloake unter der Stelle, wo der Pavillon für den Enipfang des Königs stand, Stimmen gehört haben. Er ging ihnen nach, worauf die Eindringlinge verschwanden. Er benachrichtigte die Polizei, welche eine Dynamitmine femb. Die betreffenden Stimmen waren angeblich diejenigen von Spaniern. In der Tat scheint etwas Wahres an der Geschichte zu sein, da die Lissaboner Polizei ihr nicht widerspricht.
Der Aufruhr in Kroatien.
□ Den Dynamitkroaten, auf deren Konto die jüngsten Dynamitcurschläge in Agram zu setzen sind, ist die dortige Polizei jetzt endlich auf die Spur gekommen. Sie entdeckte einen förmlichen Dynamitklub und fand Beweise, daß dieser Silub der Urheber der letzten Attentate ist. Neun Mitglieder des Klubs wurden hinter Schloß und Riegel gesetzt. Uebrigens Hat die Erregung in Kroatien noch nicht nachgelassen; dic fanatisierten Bauern rotten sich zu Banden zusammen unk machen das ganze Land unsicher, fallen am hellen Tage über gairze Ortschaften her und drangsalieren die Bewohirer. Aus allen Ecken und Enden des Königreichs kommen an die Regierung Bitten um militärischen Schutz.
Der Todesmarsch in Bosnien.
4= Auf dem Marsch der bosnischen Truppen von Grebin je nach Bielek sind nicht nur 15 Soldaten gestorben, sondern viele bekamen Herzkrämpfe, andere wurden wahnsinnig imb mußten gebunden werden. Insgesamt wurden 800 Mann dienstunfähig. Beim Einmarsch in Bielek bestand die Üü sie Kompagnie des 12. Regiments, das während des ganzen Marsches kein Wasser erhalten und keine Rast gemacht hatte, ans fünf, die fünfte Kompagnie aus einem Mann, die zweite Kompagnie war unterwegs ganz liegen geblieben. Einen gräßlichen Kontrast bot der Einzug der Truppen in Bielek insofern, als vorne die von der Musik noch übrig ge- blwöenen sieben Mann lustige Weisen bliesen, um die Spannkraft der noch niarschfähigen Truppen wachzuhaltein während hinterdrein die Wagen mit den Ernten und Sterbenskranken
fahren kamen. Bei dem Begräbnis der 15 Opfer des i^odesmarsches schluchzte der fommanbicrenbe General laut, Ke anderen Offiziere weinten ebenfalls. In Trebinje mannte das Haus des Oberstleutnants, der den Marsch fom- nandiert hatte, nieder; offenbar ist das Feuer aus Rache mi: einem Angehörigen eines der Opfer angelegt worden.
Vom „tollen Mullah".
HE lieber die Vorgänge im Somalilande hat man lange nichts gehört. Wenn man aber etwas von ihnen hört, ist'ß nicht sehr erfreulich, wenigstens nicht für die Engländer. Die neuesten Nachrichten tun dar, daß die Lage im Somalilande höchst schmierig sei. Den Engländern sind die Hände ge- bimbcm sie müssen zusehen, wie der Mullah vor ihren Augen seine Streifzüge unternimmt, und müssen oben ein noch froh sein, wenn er sie in Ruhe läßt. Wie die eingeborenen Somalis berichten, führt der Mullah auf allen seinen Zügen die bei bem letzten Ueber® gemachten britischen Gefangenen mit sich herum; während er die gemeinen Soldaten bet- hältnismäßig gut behandelt, verfährt er gegen die Offiziere mit echt äthiopischer Grausamkeit: Er hat ihnen Ringe durch die Nase ziehen und sie je zwei und zwei durch Ketten, die an diesen Ringen befestigt sind, aneinander fesseln lassen!
Ein verbessertes Gewehr
wollen jetzt auch die V e r e i n i g t e n Staaten einführen. Das neue Gewehr ist seit einem Jahre erprobt, sein Lauf ist nur 4 Zoll lang, während der des bisher gebrauchten Krag-Jörgensen-Jnfanterie-Gewehres 30 Zoll und der des Kavalleriè-Karabiners 22 Zoll mißt. Es ist leichter als das alte und mit einem Ltichbajonett anstatt des jetzigen Hau- bajonetts versehen Auch in der Kriegsflotte soll die neue Waffe eingeführt werden. Innerhalb eines Jahres soll dic anzs Armee mit bem nmm WebM ausgerüstet Rin.
Kurze politische Nachrichten.
* Der Kaiser hat zu den Sammlungen für die Ueber- schwemmten in Schlesien 10 000 Mark gespendet.
* In Breslau beginnen die Sozial b e m 0 f r a teil bereits mit der Vorbereitung der Landtagswahlen. Su haben ein Wahlkomitee gebildet und bei hervorragenden Reichstagsabgeordneten angefragt, ob sie in Breslau zum Landtag kandidieren wollen.
* König Eduards Jrlandreise ist mm allerhand Pech begleitet. In Belfast drängte sich eine an. e Frau durch du spalierbildenden Soldaten und rannte vor den königlichen Wagen- sie wurde zu Boden gerissen, und die Rader des Wagens gingen über sie. Sie wurde schwer verletzt Hospital gebracht.