Nr 124.
Freitag den 29.^Mai 1903M
12. Jahrgang
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Redaktion und Erveditton : Gießen Neuenweg 28.
Fer«sprecha«schl»st Nr. 868,
(Gießener Gagevtatt)
Flnabhängige Tageszeitung
(Gießener Ieitnng)
für Obevhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzelger für Gießen und Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Gin Gedenktag der preussischen Hrmee.
— Zu der Jubelfeier in Töberitz. —
Aus dem großen Truppenübungsplatz zu Döberitz be> Spandau wird heute in Gegenwart des Kaisers ein Denkstein enthüllt, der berufen ist, der preußischen Armee bit Blütezeit ihres Werdens vor Augen zu führen. Das Denk- mal, ein 11 Meter hoher Obelisk aus rotem schwedischen Granit, das acht Geschützrohre umgeben, gilt dem Ruhme des großen Friedrich, der in und um Töberitz durch eastlose Friedensarbeit den $runb zu der sprichwörtlichen Schlagfertigkeit der preußischen Stoppen legte. Vor 150 Jahren war es gerade, als zwischen Spandau, Tall ßow, Rohrbeck, Döberitz, Groß-Glinicke und der Havel — das ist ungefähr das Terrain des heutigen Truppen- übungsplatzes Döberitz — die gewaltigsten Manöver statt- janben, die der große König je abgehalten hat: Nicht weniger als 44,000 Mann operierten seldmäßig auf dem weiten Gelände, die passendste Vorbereitung zu dem sie- benjährigen Miege, dessen Wetterwolken schon ganz nahe am politischen Horizont sich zusammenballten.
Friedrich der Große hatte dieselbe Maxime als Richtschnur für die Ausbildung seines Heeres, die vor wenigen Tagen erst der scheidende Oberbefehlshaber des IG. Armeekorps, Graf Haeseler, in feinem Abschiedskorpsbe- fehl verkündete: Tie Friedensausbildung des Mannes muß kriegsmäßig sein- und die Manöver müssen ein möglichst genaues Bild der tatsächlichen Verhältnisse geben, wie sie im Ernstfälle eintreten und eintreten können.
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Denn: hat die Truppe im Frieden auf dem Exerzierplatz nur das gesehen und gelernt, was der Krieg erfordert, und beherrscht sie das alles vollkommen, so brauch! sie auf bem Schlachtfelde nicht erst „Scbulntäßiges" sich abzustreifeu und operiert int feindlichen Kugelregen mit derselben Ruhe wie iht bloßen Manöver-
Friedlich bet Große brachte auf diese Weise sein Heer
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zu einer seiner Zeitgenossen fast unbegreiflichen Höhe bar Ausbildung. Er sagt selbst darüber: „Bey einer Armee muß alles zur Vollkommenheit getrieben werdest." Die preußischen Manöver waren ja in jener Zeit, in der der Geist der Pedântetie in den europäischen Heeren herrschte, die einzigen kriegsgemäßen Uebungen. Zwar kannte man anderswo die sogenannten „Uebungstager", aber eigentliche Manöver im modernen Sinne hatte nur das Adlerauge des großen Königs als grundlegend für die Kriegs- ausbildnNg des Heeres erkannt.
Den großen Ahnen als den „Schulmeister" der Preu- gischen Armee feiert am heutigen Tage in ehrfurchtsvollem Gedenken unser Kaiser, nachdem er seinen Manen schon vorher im Berliner kgl. Opernbause durch das Festspiel „Döberitz" von Josef Laufs verdieuten Weihrauch hatte streuen lassen. Das Stück führte die Zuschauer — die außer den Vertretern der Presse nur aus Offizieren aller Grade, Chargierten und Manuschaften bestanden — in das Ma- 11 öd erleben jener denkwürdigen Uebungstage im Jahre 1753 ein. Wie „Wallensteins Lager" den Geist der Truppen des großen Feldherrn wiedergibt, so spiegelt „Töberitz" den kampfesfreudigen Geist der friedericianischen Offiziere und Mannschaften in einigen ernsten und heiteren Gesprächen wieder, denen zum Schluß der große König in Person durch ein paar in die Zukunft weisende Bemerkungen die Weihe gibt. Und in die Zukunft soll auch die heutige Gedenkfeier weisen und den preußischer Kriegern ans Herz legen, stets der großen Vergangenheit und der Lehren Friedrichs des Großen eingeben! rastlos an der Vervollkommnung der Armee weiterzuarbeiten. Diesem Gedanken gab der Kaiser dadurch der lebendigsten Ausdruck, daß er auf demselben Manöver getände, auf dem Friedrich der Große seine braven Gre^ tradiere und Reiter auf die Strapazen des siebenjährigen Krieges vorbereitete, zugleich mit der Denk- inalweihe heute eine große Uebung des Gardekorps abhält zu der alle Korpskommandeure und viele höhere Truppenführer geladen sind. Wie sein Ahn bivackierte auch der Kaiser die letzte Nacht auf dem Uebungsplatz und übernahm dann mit Morgengrauen das Kommando sei- ner Truppen. Ter Geist des alten Friedrich lebt weiter in toer Armee und im Herrscherhause.
Oie Politik.
Podbielskis Nachfolger.
G..) Als Nachfolger des Herrn v. Podbielski im prew zischen Landwirtschaftsministeriuni wird in politischer Kreisen, wie unser Berliner ^.-Mitarbeiter erfährt, Gra S ch w e r i n -Löwitz, der Vorsitzende des deutschen Land^ virtschastsrats, der deutschen Landwirtschastsgesellschaß and des preußischen Landesökvnonuekollegiums genannt Äraf Schwerin iit letzter Zeit bekanntlich in mehrfacher Gegensatz zum Burlde der Landwirte geraten, namentlick ouch was die Frage der landwirtschaftlichen Zölle an zing.
(:) Durch einen Traum wahnsinnig geworder ist in Berlin die seit längerer Zeit an hochgradiger Nervosität leidende Frau des Maurerpoliers Neumann. Sie hatte sich im Traume selbst auf dem Schafott gesehen, and das Grausen, von dem sie ergriffen wurde, scheint hre Nerven dergestalt alteriert zu haben, daß sie sich nnbildete, man wolle sie um eines vermeintlichen Mor- )es willen hinrichten. In ihrem Wahn versuchte sie aué )em Fenster ihrer Wohnung zu springen, konnte aber noch mran verhindert werden. Als man die Unglückliche fest- hielt, schrie sie unaufhörlich: „Ich war es nicht, ich war -'s nicht!" Um weiteres Unheil zu verhüten, wurde die Bedauernswerte, die mit ihrem Manne in glücklicher Ehe 'ebte, in eine Anstalt gebracht.
0 Arbeiterunruhen in Dresden. Streikende Bauhund- nerker versuchten an einem Neubau in der Luisenstraße zu Dresden mit Gewalt Arbeitswillige von dem Bau- zrundstück zu vertreiben. Zur Wiederherstellung der Nutze mußte die Gendarmerie mit der blanken Waffe wrgeheu. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgeuommen
(:) Späte Sühne. Als des Vatermordes verdächtig wurde der Besitzer Greinus in Galsdon-Joneiten bei Tilsi: verhaftet. Im Oktober 1899 wurde der Rentier Greinus ii Tilsit ermordet, ohne daß die Tat bis jetzt gesühnt worder ist. Verschiedene Personen haben dieser Sache wegen unschuldig in Untersuchungshaft gesessen. Auf Grund einiger Aeußerungen, die von der Frau des Ermordeten ausgc- stoßen sein sollen, lenkte sich jetzt endlich die Spur aus Den Sohn des Ermordeten.
(?) Eine aufsehenerregende Ehrung ist dem Gold schmied Rasumow: fi) zuteil geworden, der bekanntlich dic berühmte fatsche Tiara des Saitaphernes, die sich die Direktoren des Pariser Louvremuseums für eine große Summe ausschwatzen ließen, angefertigt hat: Die Gesellschaft französischer Künstler verlieh ihm die Ehrenmedaille dritter Klasse. Da es noch immer nicht klar ist, ob nicht Rasumowsky an dem Betrug wissentlich beteiligt war, ist das ein ziemlich leichtsinniger Schritt, wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß Rasumowsky ein Künstler
J) Die Lösung eines schrecklichen Rätsels ist der Kriminalpolizei von Genua gelungen. Dort wurde im Hafen ein Sack gefunden, der zerstückelte Teile einer Frauenleiche enthielt. Nach tnühevollen eifrigen Nachforschungen konstatierte die Behörde, daß die Ermordete Die Ehefrau eines Mailänder Beamten, Albert Olivo, sei, and nahm deren Gatten als mutmaßlichen Mörder in Haft. Olivo hat unter dem Schreck über die plötzliche Sistierung, die ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf, eingestanden, daß er seine Frau, mit der er häufig Streitigkeiten hatte, bei einem neuerlichen Zwiste nie- Dergeftochen, ihre Leiche in kleine Stücke zerschnitten, dieselben in einen Koffer gepackt habe und mit diesem schauerlichen Gepäck nach Genua gereist sei, wo er die Leichenteile dann, in einen Sack gehüllt, in den Hafen geworfen habe Olivo stammt aus guter Familie, während seine Frau den untersten Volksschichten angehörte und nicht ünmal lesen und schreiben konnte.
Zum amerikanischen Flottenbesuch !□ Mel.
0 Gerade sehr imposant wirb das amerikanische Ge« chwader, das in der Kieler Woche dem deutschen Reichs ^riegshafen an der Ostsee einen Besuch äbstatten soll licht sein. Es wird, wie jetzt bestimmt ist, aus vier Schif- en bestehen: Dem Linienschiff „Alabama", einem nich: gerade überwältigend imposanten Panzer Don 1152c können und 500 Mann Besatzung, den mittleren Kreu- ,ern „Chicago" und „San Franzisco", die nur 4951 iezw. 4100 Tonnen und 410 bezw. 381 Mann Besatzung laben, und dem mittleren Kreuzer „Machias", der gai lur 1180 Tonnen mit 150 Mann Besatzung hat. Das Geschwader ist sehr ungleichartig, auch was die Schnel- igkeit der einzelnen Schiff; angeht. Die „Alabuma", ins der neuesten Schiffe der amerikanischen Marine — ie ist 1898 in Dienst gestellt — läuft nur 16,5 Knoten Hroße Bilder werden die Pankees mit diesen Schiffen llso im Kieler §afen nicht herausstecken können.
Ansprüche deutscher Burenkämpser an England.
Zahlreiche frühere Burenkrieger deutscher Angehörig leit sind im Verlaufe der letzten Monate aus der englischer Kriegsgefangenschaft in die deutsche Heimat zurückgekehrt am hier wieder in Arbeit zu treten. Das bei der Gefan 3ennähme in ihrem Besitze befindlich gewesene Geld, zu- meist währenb des Krieges ausgefertigte Noten, wurbt ihnen Don der englischen Kriegsleitung nicht abgenommer aber umgetauscht. Vielmehr' wurde ihnen die amtlichl Versicherung gegeben, daß die englische Staatsregierunc päter die Noten einlösen werde. Darauf sind denn auck n letzter Zeit beim Reichskanzler Grafen Büloiv von den ehemaligen Burenkriegern Gesuche unter Beifügung solcher Noten eingelaufen, mit der Bitte um Vermittelung nbezug aus die Einlösung. Es ist zu hoffen, daß das auswärtige Amt die Interessen der deutschen Buren- iämpfer bei der englischen Regierung mit allem Nach- )ruck verficht. — Für die Geltendmachung der Schaden- ?rjatzansprüche an England, die von Teutschen aus Anlast
des südafrikanischen Krieges erhoben worden sind, hat nunmehr der Don der Staatsregierung zum Sachverwalter bestellte Rechtsanwalt Dr. Sieveking zu Hamburg die umfangreichen Vorarbeiten beendet und der Regierung )as Material zugestellt. Tas Auswärtige Amt hat den Derzeitigen Verweser des faiferL deutschen KWlulats in Johannesburg, Vizekonsul Reimer zu Prätoria, zum Äonn miss ar für die weitere Vertretung der deutschen Reklamationen, soweit sie sich auf den Transvaal- und den Drangefreiftaat beziehen, bestellt.
Aussöhnung zwi chen Rom und Lissabon.
O Seit einigen Jahren besteht zwischen den Herrscherhäusern Italiens und Portugals eine Spannung, die darin ihre Ursache hat, daß der s. Zt. in Rom offiziell angefünbigte Besuch des Königs Carlos von diesem Plötz- lich auf Betrieb des Vatikans aufgegeben wurde. Um diese Spannung zwischen den beiden verwandten Höfen aus Der Welt zu schaffen, will König Carlos seinen Vettel auf dem Throne Italiens ppt besuchen, und es finber ;. Zt. Verhandlungen wegen dieser Begegnung statt. Ob man sich über die Modalität des Besuch's einigen wird, steht noch dahin, als sicher gilt aber, daß demnächst bit Königinwitwe von Italien die Mutter des Königs Carol ihre Schwägerin, in Lissabon besuchen wird; beide wer Den dann nach vorübergehendem Aufenthalt in einem deutschen Bade nach Italien reisen. Ziveifellos ist bet Plan zu einer Versöhnung der beiden Dynastien eine Folge des Besuches König Eduards Don England an den Höfen von Lissabon unb Rom. -- Wie groß die Verstim mung zwischen den beiden Herrscherhäusern noch kürzlich war, geht daraus hervor, daß alle italienischen Hafenstädte, die die portugiesische Königin auf ihrer jüngsten Mittelmeerfahrt besuchte, von den Spitzen der Behörden ostentativ vorher verlassen wurden, und daß sich auch die Begrüßung der Fürstin durch den portugiesischen Gesandten unb die Konsuln in den engsten Grenzen halten mußte, um jeden offiziellen Anstrich zu vermeiden.
Nene Arbeiterempörungen in Nutzland.
)—( Die Arbeiterunruhen im heiligen Rußland Hörer trotz der drakonischen Maßnahmen gegen ihre Urheber nicht auf. Neuerdings ist im Gouvernement Werouesch eint große Arbeiterbewegung in Fluß gekommen; an einzelnen Orten kam es zu Krawallen. In einem Dorfe be: Weronesch haben sich 10,000 Arbeiter versammelt unb verbarrikadiert, und eine entsprechend große MUitärge- WaU ist aufgeboten worden, um die Arbeiter zur Ruhe'zr bringen. Die russischen Behörden versichern, die Vcwcguuc sei auf sozialistische Agitationen zurückzuführeu; die Wahv Heit ist aber wohl, daß auch die Not der Arbeitcrbevöl [crung Rußlands die Triebfeder für die Unruhen ist.
Amerikanische Handelssorgen.
)( Wie aus Newyork berichtet wird, hat die dortig Kammer für Handel und Verkehr einen Ausschuß eingesetzt welcher den derzeitigen beunruhigenden Stand der ame rikanischen Schiffahrt im Verkehr mit bem Aus lande prü seit, Mittel zur Hebung der amerikanischen Schiffahrt ii Vorschlag bringen und den kommerziellen Verbände! das Untersuchungsergebnis unterbreiten soll. Man muß der Amerikanern lassen, daß sie vor dem Eingeständnis be. gangener Fehler nicht zurückscheuen, wenn es gilt, eint Vesseruna herbeizuführen.
Kurze politische Nachrichten.
* Ter Bundesrat stimmte in seiner letzten Sitzung dem Anträge von Sachserr-Altenburg betreffend die Prägung von Denkmünzen aus Anlaß des fünfzigjährigen Regierungsjubiläums des Herzogs Ernst von Sachsen-Altenburg zu.
* Zum Nachfolger des ausscheidenden Regierungspräsi^ deuten in Trier zur Nedden ist der Oberregierungsrat Bakc »rnatmt worden.
* Im norwegischen Ministerium ist wegen der schwedisch-norwegischen Konsulatsfrage zwischen dem Minister Stang und den übrigen Mitgliedern des Kabinetts ein Konflikt ausgebrochen, der mit dem Rücktritt Stangs enden Dürfte.
* Die republikanische Konvention von Pennsylvanien hat die Wiederaufstellung Roosevelts zum Präsidentschaftskandidaten beschlossen und sich gegen jede Aenderung des gegenwärtigen Tarifsystems ausgesprochen.
F)of und Gesellschaft.
*** Prinz Heinrich von Preußen begab sich gestern in Begleitung des Königs Alfons von Spanien und des Prinzen von Asturien von Madrid aus nach Carabanchel, um dort mehrere Bataillone Revue passieren zu lassen. Nachmittags fand ein Stiergefecht statt, am Abend vorher ein Bankett auf der deutschen Botschaft. Heute verläßt der Prinz die gastliche Stadt und fährl nach Vigo zurück, wo inzwischen an Bord des Panzers .,Karl der Große" ein Fest stattfand, dem zahlreiche Familien der Stadt anwohnten.
*** Der König von Dänemark ist an Bord seiner Pacht „Tanebrog" in Lübeck eingetroffen, wo et ich mehrere Tage aufhalten wird.
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