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Nr. 24

Donnerstag, den 29. Januar 1903.

12. Jahrgang.

Ubo«*eme«tSpreiS : in Gießen, abgeholr monatlich sOPfg., in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

Gratisbeilage« : Qberhesftsche Familie«zeitu«q (râglich) Oberhesfische Zeitschrift für La«dwirtschaf1, Obst- a«d Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).

DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Oie Heiter

JusertiouSprei S» Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg.; Reklame» die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 2 8.

Ker»sprecha«schlust Nr. 362.

Deue^e DaHrichlen

(Gießener Ungeötatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießeirer Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die Legislaturperiode und die Neuwahlen.

CB. In einzelnen Blättern wird die Frage aufgeworfen, ob wohl die linksstehenden Parteien bei der Einzelberatung des Reichshaushalts ein beschlußfähiges Haus verlangen werden, wie dies eine zeitlang behauptet wurde. Das Gerücht gewinnt ja einige Glaubwürdigkeit bnrd) die Vor- gange vor der Weihnachtspause. Es märe nicht ganz aus­geschlossen, daß die Linke für die Veränderung der Ge­schäftsordnung durch die Erzwingung eines vollen bezw. beschlußfähigen Hauses Vergeltung übte. Allein, was könnte sie dabei gewinnen? Wenn der Haushalt bis zum Beginn des neuen Etatsjahres nicht fertig gestellt ist, dann wirkt das nicht blos auf die finanziellen Verhält­nisse im Reiche, auch die der Einzelstaat n werden, so'ange die Frage der Matrikularbeitrüge unb der Zuschußanleihe nicht geregelt ist, durchaus unsicher. Außerdem ab:r hat jedenfalls die Sozialdemokratie fein Interesse an einer unnötigen Verlängerung der Beratungszeit, weil sie ihre Abgeordneteii notwendig hat, nm sie für die Wahlvor­bereitung auf die Agitation zu schicken. Man könnte ja freilich annehmen, daß sie vielleicht einzelne ihrer Mit­glieder die Fahnenwacht im Parlamente halten läßt, die übrigen aber auf Reisen schickt. Allein solange eine Ta­gung dauert, ist sie and) fähig, Überraschungen zu bringen unb namentlich die Oppositionsparteien zum daucrnoen Kriegsdienst zu zwingen. Wir glauben also keineswegs barau, daß die Sozialdemokratie, die es im Augenblick aus ihre Parteidiäten am leichtesten anshalten könnte, auf eine Verlängerung der Debatten hinzielt. Unter diesen Umständen sonnte vielleicht die Periode fürs nach Pfing­sten zu Ende gehen. Die Regierung wird jedenfalls doch noch eine Durchberatung ihrer Vorlagen betr. .Kaufmanns­gerichte unb Sicherung des Wahlgeheimnisses wünschen. Ueber die letztgenannte Vorlage zeigt sich allerdings bb rechtsstehende Partei presse ziemlich unzufrieden und zwar anscheinend weniger deshalb, weil sie das Verfahren einer geheimen Wahl durch Einführung eines abge­schlossenen Raumes zur Kuvertierung des Stimmzettels für unzweckmäßig hält, als aus Gründen politischer Taktik. Die Vorlage entspricht nämlich einer liberalen Forderung; weil aber'die extremen Parteien während der Zolltarif- beratung gegen die Regierung eine sehr fcinbfelige Hal­tung eingenommen haben, hätte ihnen nad) der Ansicht ihrer Gegner die Regierung nicht entgegenkoinmen sollen. Sei dem, wie ihm mag. Das Schicksal dieses Gesetzes hängt vom Zentrum ab, und ob diese Partei, die gerne ihre Mitglieder unter der Beobachtung der Oeffentlichkeit hält, sich sehr damit befreunden kann, ist immerhin zweifel- liaft. Will aber die Regierung, daß die beiden Vorlagen durchberaten werden, dann taun der Reichstag nach Schluß der Eialbberatung nicht aufgelöst werden, sondern er muß baun solange lagen, bis sein Garn abgesponnen ist, und das dürfte wohl, luic gesagt, kurz vor ober nach Pfingsten sein. Die Neuwahlen werden demnach saunt im Hoch­sommer, sondern höchstwahrscheinlich im Frühherbst statt- finden.

Die Politik.

Reform der deutschen Feldartillcrie.

Tas deutsche Feldgeschütz Modell 96 soll, wie unser Berliner ^.-Mitarbeiter erfährt, nach bem Rohrrück­laussystem umgeändert und mit leichten Schutzschilden versehen werden. Die Wahl der Schutzschilde ist hauptsäch­lich auf die Tatsache zurückzuführen, daß die franzö­sische Feldartillerie mit solchen Schilden versehen ist. De­finitiv ist diese Entscheidung noch nicht, insbesondere sollen die Schutzschilde erst einige Zeit lang praktisch erprobt werden, ehe sie allgemein und dauernd einge­führt werden. Was die Umänderung der Geschütze in Rohrrücklaufgeschütze angeht, so erstreckt sie sich nur auf eine Neukonstruktion der Laffette und eine Aptie- rung des Rohres für diese Konstruktion. Tie innere Einrichtung des Rohres sowie die bisherige Munition sollen beibehalten werden. Falls nicht auch die Laf- fetten gepanzert werden, kann die Aenderung in sehr, kurzer Zeit und mit noch nicht 30 Millionen Mark Kosten durchgeführt werden.

Die Einigung mit Venezuela

macht anscheinend schnelle Fortschritte. Die Mächte ha­ben, wie aus Washington gemeldet wird, das Ange­bot der venezolanischen Regierung, als Garantie für die Innehaltung der Zahlungen an die drei Mächte 30 Prozent der Zölle in La Guaira und Puerto Cabello zu hinterlegen, im Prinzip angenommen. Mit Rücksicht auf die steigende Besorgnis über die Verlängerung der Blockade, welche in England und Amerika hervorgeru- ist, werden die Verhandlungen mit der größten Schnel­ligkeit gefördert. Es verlautet, die Strenge der Blockad' ^lle in dem Maße, wie die Verhandlungen fortschrei­

ten, allmählich gemildert tverden. Die Gerüchte, daß die Blockade schon am Mittwoch oder Donnerstag aufge­hoben werden würde, sind verfrüht. Falsch sind auch die Gerüchte, daß die Vertreter der Mächte bei den Ver Handlungen in Uneinigkeit geraten feien; sie halten üb! mehr, wie sie selbst offiziell erklären lassen, einander über alles, was Tag für Tag zwischen ihnen und Bo­wen vorgehe, auf dem Laufenden und gehen seit Be­ginn der Verhandlungen in vollständiger Uebereinstim­mung vor. Castro läßt natürlich die letzte ^Nieder­lage seiner Truppen als ganz harmlos hinstellen: Es habe nur ein kleines Scharmützel Uattgefunben, das un­entschieden geblieben sei.

Ueber das Vorgehen desPanthers" mad)t die Nordd. Allg. Ztg. jetzt offiziöse Angaben. Danach wurde das Feuer von bem Fort San Carlos eröffnet, das auf denPanther" schoß, als er in rechtmäßiger Ausübng der Blockade über die Barre laufen wollte. Tie deutsche Negierung hat diesen Tatbestand dem derzeitigen deutschen Geschäftsträ­ger in Washington, Quadt, übermittelt und dabei bemerft : Kein amerikanischer oder englischer Admiral würde mv ders als unser Kommodore gehandelt und nicht die Mög lichkeir der Wiederholung eines solchen Angriffs auf einen Teil seines Blockadegeschwaders in gleicher Weise ver­hindert haben. Ter venezolanische Besehlshaber hat wahr­scheinlich gerade den Zeitpunkt der Ankunft Bowens in Washington gewählt, um den Konflikt zu schärfen und Damit auf die amerikanische öffentliche Meinng zu wirken." Uebrigens hat derPanther" nicht einmal die Absicht gehabt, über die bei dem niedrigen Wasserstande für ihn überhaupt nicht passierbare innere Barre in die Lagune einzufahren, sondern er wollte nur in geschützterer Lage hinter der äußeren Barre vor Anker gehen, als er un­erwartet vom Fort San Carlos Feuer erhielt. DerPan­ther" hat keinerlei Verluste oder Beschädigungen erlitten.

Eine englisch-italienische Flottcnschau.

* König Eduards VII. Besuch in Italien wird Ver­anlassung zcz der größten Flottenschau geben, die man seit' JaMk^gesehen hat. Tas englische Mrttelmeer- geschwader, etwa 45 Schiffe, wird den Mönig im Golf von Neapel erwarten. Das italienische Mittelmeergeschwader wird dort ebenfalls Aufstellung nehmen. König Eouard wird mit dem Könige Viktor Emanuel an Bord der $ad)t Trinaeria" eine Revue über die beiden Geschwader ab­halten.

Kurze politische Rachrichten.

* Berlin, 28. Januar. (Hofberich t.) Ter Kai­ser nahni heute Vormittag im Schlosse die Vorträge des Justizmitlisters Schönstedt und des Geheimen Ober­baurats Thoemer entgegen.

* Unter den Teutsch-Amerikanern soll eine Samm­lung veranstaltet werden, um in Berlin ein Washing­ton-Standbild als Gegengeschenk für die Statue Friedrichs des Großen an die Vereinigten Staaten zu errichten. Die Anregung dazu ist von der deutschen Turn­gemeinde in Louisville ausgegangen.

* Den Burendelegierten in Europa, Wolma- rans und Fischer ist vom Londoner Kabinett die Erlaubnis zur Rückkehr nach Südafrika erteilt worden. Auch Prä­sident Krüger will angeblich die Erlaubnis zur Rück­kehr nach Südafrika nachsuchen.

* Das Todesurteil gegen den irischen Abgeordneten Lynch wegen Hochverrats, begangen durch Teilnahme am Burenkriege auf feiten der Feinde Englands, ist in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt worden. Nach zwei Jahren dürfte Lynch völlig begnadigt werden.

* Der italienische Schatzminister di Broglio hat aus Gesundheitsrücksichten sein Abschiedsgesuch eingerricht. Man nimmt aber an, daß er sich bald erholen wrrd, so daß sein Rücktritt nicht notwendig sein werde.

* Auf der Ueberführung der in Paris beigesetzten Leiche seines Schwagers Mahmud Pascha nach, der Türkei besteht der Sultan deshalb, weil er fürchtet, daß Mahmuds Grab als das eines jungtürkischen Märtyrers verehrt und zu einem Wallfahrtsort der jungtürkischen Propaganda gemacht werden könnte.

* In den chinesischen Provinzen Kwangsi und Kan­ton ist eine neue Boxerverschwörung entdeckt wordm In 5>ongkong wurden sieben Chinesen verhaftet, auck wurde eine Anzahl Fahnen und Geheimschriften beschlag­nahmt, aus denen hervorgeht, daß in Zwangst uaii in Kanton eine Erhebung geplant war.

Dausbaltungsscbulen.

Von der Gattin eines mittleren Beamten wird uns geschrieben: Tas Charlottenstift im Riesengebirge, das unter der Schirmherrschaft der Erbprinzessin von Mei­ningen, der Schwester unseres Kaisers, stehend, vor kurzem eröffnet wurde, hat die hauptsächlichste Aufgabe, die Töch­ter besserer Kreise für den Beruf als Hausfrau auszu­bilden. Damit wird ohne Zweifel für das sittliche und wirtschaftliche Gedeihen dieser Gesellschaftsklasse ein wich­

tiger Dienst geleistet. Mehr aber noch, als in den mitt­leren und höheren Ständen, scheint eine sorgfältige Er> ziehung zum Hausfrauenberufe in den unteren Volks­schichten notivenbig zu sein, denn in den wohlhabenderen Klassen leistet bereits das Familienleben einen Teil dieser Erziehungsarbeit. Anders aber liegen die Dinge in den Arbeiterhäusern, in denen der Mangel eines eigentlichen FaniilienlebenS mit den Einnahmec>erhältnissen in ur­sächlichem Zusammenhänge steht. Manche bedauerns­werten Kinder müssen fd)on früh auf eigenen Erwerb auSgthen und eine freudlose Jugend durchleben, und je älter sie werden, umsomehr tverden sie der Hausgemein­schaft entfremdet. Man muß sie sehen, die abgehärmten Gesichter jener Kinder, die in der Morgenfrühe mit Back­waren oder Zeitungen, oder, wie man es vor dem Verbot des Strahenyandels in den Großstädten sehen konnte, bis tief in die Nacht hinein mit Postkarten und Blumen- sträußchen durch die Straßen schleichen alle in die Orde des Lebens hineingestoßen und außerstande, später einen Haushalt zu führen und dadurch dem Gatten ein Beistand, den Kindern eine sorgsame Mutter zu werden. Vor der industriellen Entwicklung In Deutschland blieben wenigstens die meisten ländlicher. Arbeiterinnen auf der Scholle und lebten so immerhin unter dem Einfluß ihres Elternhauses, ober sie genossen als Dienstmädchen, wenn sie einiges Glück hatten, eine gediegenere Erziehung durch eine tüchtige Hausfrau, als sie ihnen das Elternhaus geben konnte. Heute aber blendet die Fabrikenarbeit mit ihrem lohnenderen Erträgnis und ihrer größeren Bewegungsfreiheit den Sinn der jungen Mädchen unb verschleiert ihnen b.ie Gefahr dieses Augenblickserfolgs. Eine Fabrikarbeiterin geht in den weitaus meisten Fällen für ein ruhiges und gedeihliches Familienleben verloren. Daß die Männer vielfach dem Trunke znneiben und sitten los werden, die Familieicgemeinschaft meiben und ihre Zeit im Kreise von guten Freunden auf der Zecherbant verbringen, ist nicht immer reine Böswilligkeit und P,licht Vergessenheit. Ein Mann, der sich in seinem Hause nicht wohl fühlt, sucht anderwärts seine Zerstreuung.

Aber diese Lockerung des Familienlebens h^t ihre Nachwirkungen auf die ganze nachfolgende Generation. Deshalb ist es eine weit wichtigere soziale Aufgabe, als es auf den ersten Blick scheint, daß man auch der Fabrik­arbeiterin Gelegenheit gibt, sich durch Ausbildung im Kochen und häuslicher ^Näharbeit für den Beruf als Ge­hilfin des Mannes und Erzieherin der kommenden Gene­ration auszubilden. Ten Damen der (Gesellschaft, ins­besondere den Gattinnen der Industriellen, eröffnet sich hier ein weites Feld sozialer Fürsorge, indem sie durch Vereinigung Haushaltungsschulen zur Erziehung im Kochen uno Ausbessern, Nähen, Waschen und Flicken einrichten. Mit einer derartigen Arbeit würde zur Lösung der Frauenfrage mehr getan, als mit Reden gegen die Unterdrückung des Weibes und mit einem Kampf für die unbedingte Gleichstellung von Mann und Frau im bürgerlichen Leben.

Preussischer Landtag.

Haus der Abgeordneten.

8. Sitzung. CB. Berlin, 28. Januar.

Zweite Beratung des Etats.

Präsident v. Kröcher teilte bei Eröffnung der Sitzung mit, daß das Präsidium gestern an der Gratu­lationscour teilgeuonunen habe. Dann wurde die zweite Beratung des Etats der landwirtschaftlichen Verwaltung fortgesetzt. Abg. Graf Praschma (Zentrum) begrüßte den Erlaß des Ministers über die Entschuldung des länd­lichen Grundbesitzes. Die Verschuldung sei eines der größ­ten Uebel der Landwirtschaft, sie betrage im Durchschnitt 38 Prozent, und wenn die Landschaft eingerechnet werde, 55 Prozent des Güterwertes. Bei den be­vorstehenden Handelsvertragsverhandlungen sollte sich die Regierung vor wirtschaftlichen Zugeständnissen gegen scheinbare politische Vorteile hüten. (Beifall.) Die Abag. Glatzel (nat.-lib.) und G ö r d e l e r (freik.) erklärten ihre Zustimmung zu dem Verfahren ihrer Parteigenossen im Reichstage. Abg. G ö r b e l e r verlang e Gewährung eines billigen Kredites für bäuerliche Besitzer. Abg. Dr. H e i s i g (Zentrum forderte, daß bie landwirtschaftlichen Wander­lehrer im Osten die polnische Sprache beherrschen müßten. Abg. Ring (kons.) trug verschiedene Wünsche des Ver­bandes preußischer Viehhändler vor auf Abänderung des Ausführungsgesetzes zum Reichsseuchengesetz. Abg. Pohl (freis. Berg.) wünschte den Ausbau des landwirtschaft­lichen Unterrichtswesens, während Abg. Macco (nat.- lib.) für Nichtermäßigung des Quebrachozo les bei Ab­schluß der Handelsverträge eintrat. Abg. Dr. Erüg t r (freif. Berg.) fragte den Landwirftchaftsminister nach dem Unterschied zwischen Malz- und Futtergerste. (Heiterkeit.) Abg. v. Wangenheim (kons.) hielt eine Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes nur für möglich, wenn bie« Landwirtschaftskammern zur Mithülfe herange^ogen wür­den. Die Hauptsache sei jetzt die möglichst günstige Ge­staltung der Handelsverträge. Abg. v. Kar dort f (freit)