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Mittwoch, den 28, Oktober 1903
12. Jahrgang
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Das Blatt erscheint an tüt* Werktagen nachmitags.
S«sLrtto«Spre1 8t Die einspaltige PetttzeUe für Gießen W »Oberhessen, die Kreise Wetzlar unb Raârg 10 Pfg.
16 Pfg.; Reklame« die P'etitzelle 30 rtsp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste Ro. 3869.
Redaktion unb Expedition: Gießen benennte 38.
Fer^sprech««schtMh Nr. 369.
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(Gießener Uageöfail)
Flnaöhängige Tageszeitung
(Gießener KettimO
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für Overhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzelger für Gießen und Umgebung Euchttt alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden Von Oberheff«.
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Hekanntmachung.
Betr. Herbstkontrollversammlun gen.
Bei den diesjährigen Herbst-Koutrollversamm- langen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Haciptmeldeamt Gießen gehörigen:
1. Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamte der Reserve. (Kleiner Dienstanzug: Mütze, Waffenrock oder Ueberrock, Achselstücke, lange Hosen oder hohe Stiesel beliebig, bei schlechter Witterung Paletot);
2. Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppe n- teiL und der Ersatzbehörden Entlassenen aller Waffen;
3. Diejenigen, der Landwehr 1. Aufgebots angehörigen Mannschaften, welchen ein besonderer Gestellungsbefehl zum Erscheinen bei der Herbstkontrollversammlung zugeht.
Die Ersatzreservisten haben bei den Herbstkontrollver- sammlungen nicht zu erscheinen.
Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Züt die Kontrollpflichtigen anzutreten haben.
A. zu Gießen
im Hofe der alten Kaserne am Brand
für die Bewohner von Annerod, Allendorf a. d. Lahn, Alt^n-Buseck, Beuern, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffen- bkrg und Herrnwald, Großen-Buseck, Großen 'Linden, Heuchelheim, Klein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Oppenrod, Röd'gen, Trohe, Watzenborn und Steinberg, Hausen, Wieseck, unb zwar:
Am 6* November 1903:
L Appell vormittags 9 Uhr.
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Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamte der Reserve, sowie sämtliche Reservisten der Infanterie, welche
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Zahlen 1896 und 1897 eingetreten sind.
2. Appell nachmittags 2 Uhr.
Sämtliche Reservisten der Infanterie, welche Zahren 1898 und 1899 eingetreten sind.
Am 7. November 1903:
1. Appell vormittags 9 Uhr.
Sämtliche Reservisten der Infanterie, welche Zahren 1900, 1901 und 1903 eingetreten sind.
2. Appell nachmittags 2 Uhr.
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Sämtliche zur Disposition der Truppenteile und
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Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften der Infanterie, vie sämtliche Reservisten der Garde, Jäger, Kavallerie,
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gelb* und Fußartillerie, Pioniere, Eisenbahn-, Telegraphen- unb Luftschiffertruppen.
Am S. November 1903, vormittags 9 Uhr
Sämtliche R fervisten des Trains (einschließlich Krankenträger), Sanitäts- und Beterinärpersonals, Büchfenmacher- gchilfen, Ockonomiehandwerker und Marine-Mannschaften, sowie zur Disposition der Truppenteile und Ersatz-Behörden tnllassenen Mannschaften aller Waffen, ausschließlich Infanterie unb die durch besondere Gestellungsbefehle dazu befohlenen
Wehrleute.
8. zu Lollar
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Am 9 November 1903, nachmittags 3^2 Uhr,
an dem Hahnhof,
für die Bewohner von
Windorf a. d. Lda., Climbach, Daubringen mit Heiberts- hausen, Lollar, Mainzlar, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda.
Cm Zu Hungen.
Am 16, Novbr. 1903, vormittags 9 Uhr 15 Min ,
an der Post,
fiiw die Bewohner von
Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Lanos- dorf, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringels- ha.asen, Rodheim mit Hof Grah, Röthges^Steinheim, Trais- Horloff, Utphe, Villingen.
D. 3« Lich.
Am 10. November 1903, nachmittags 3 Uhr,
jin der Amtsgerichtsstraße,
füü die Bewohner von
A lbach, Birklar, Dorf-Gill, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher Hoos, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Muschenheim nu Hof-Güll, Nieder-Bessiitgen, Ober-Bessingen, Ober- Hörgern, Steinbach.
E. Zu Grünberg.
Am 11. Novbr 1903, vsrmitt. 9 Uhr 15 Min., am westlichen Ausgange auf der Straße nach Gießen für die Bewohner von Allertshausen, Beltershain, BerSrod, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Ober- und Untere Ziegelhütte, Latzmühle Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Kesselbach mit der Rabenauischen Papiermühle, Lauter mit der Artzmühle, Bingmühle, Georgenhammer, StrelleSmühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmittmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein ), Odenhausen mit Appenbörner Hof, Queckborn, Reinhardshain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bollenbach, BeitSberg und Wirberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, Weitershain mit dem Hainer-Hof, Winnerod.
Befreiungsgesttchs sind bis langem 8 Tage vor dem Appell auf dem Dienstwege (durch das Hauptmeldeamt) einzureichen und müssen duech die Bürgermeisterei, be;w. bei grämte 1 durch die vorgesetzte Kehörde beglaubigt sein, werden aber nur im dringendsten DotsaUe genehmigt.
Die Leute haben in bürgerlicher Kleidung zu erscheinen.
Stöcke, Schirme, Pfeifen und Zigarren sind vorher wegzulegen.
DielMiLitärpapiere (Paß mit eingeklebter Kriegsbeordttttug und Führungszeugnis) müssen zur Stelle sein.
Sämtliche Mannschaften stehen im Laufe des ganzen Kontrolltages bis einschließlich Mitternacht unter dem Mili- tärgesetz.
Gießen, den 20. Oktober 1903.
Großherzogliches Bezirks-Kommando Gießen, v. Mosch,
Oberstleutnant und Kommandeur des Londwehrbezirks Gießen.
Erster deutscher Hrbeiterhongress.
Der erste deutsche Arbeiterkongreß, dessen Tagung soeben in Frankfurt geschlossen toiirbc, hat gewissermaßen in Zu- fainmenfaffung aller seiner Absichten und Hoffnungen an den Kaiser folgendes Telegramm gesandt:
„Ew. Majestät bringt der erste deutsche Arbeiterkongreß, der von 200 Vertretern aus allen Gauen des Reiches, von verschiedenen Berufen und Konfessionen beschickt ist, seine Huldigung dar und versichert seine unwandelbare monarchische Treue und vaterländische Gesinnung. Die hier vertretenen, mehr als 600 000 Arbeiter stehen treu zu Kaiser und Reich, Fürst und Vaterland. Gestützt auf diese Grundsätze, erstreben sie unter dankbarer Anerkennung des bisher Geschehenen die Weiterführung der Sozialreform unter gesetzlicher Mitwirkung und Betätigung der Selbsthilfe."
Darauf hat der Monarch, dessen arbeiterfreundliche Gesinnungen ja schon im Februar-Erlasse von 1890 hinreichend zu Tage traten, wie folgt erwidert:
„Ich spreche den zum ersten deutschen Arbeiterkongreß dort vereinten Vertretern der deutschen Arbeiterschaft für den Huldigungsgruß und die Versicherung ihrer monarchischen Treue und vaterländischen Gesinnung meinen herzlichsten Dank aus. Ich werde die Beratungen des Kongresses mit meinem Interesse begleiten und auch in Zukunft allen Anregungen und Maßnahmen, welche geeignet erscheinen, das mir und meiner Regierung am Herzen liegende Wohl der deutschen Arbeiter zu fördern, gern meinen Schutz und Beistand zuteil werden lassen. Wilhelm, I. R."
Der Kongreß selbst war getragen von warmer Begeisterung und patriotischer Gesinnung. Aus den Verhandlungen, die sich ganz im Rahmen des Programms belegten, ist folgendes herauszugreifen. Fust vier Stunden nahm die Beratung des ersten Gegenstandes der Tagesordnung: Koalitionsrecht und Vereins- und Versammlungswesen" in Anspruch. Der Kongreß verlangte in einer Resolution freies Koalitionsrecht ohne subjektive oder objektive Einschränkungen, Schutz der freien Ausübung des Koalitionsrechts und ein Reichsvereinsgesetz. Gegen diese Resolution stimmten bezeichnenderweise nur die Vertreter des „Verbandes der katholischen Arbeitervereine, Sitz Berlin", die sich für ein Koalitionsrecht ohne Einschränkungen in keiner Weise erwärmen konnten. Der zweite Gegenstand, „Die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine", führte zu einer einstimmigen Resolution im Sinne des Referates, dem zufolge die Verleihung der Rechtsfähigkeit an die Berufsvereine zur Sicherstellung ihrer Vermögensrechte ohne Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit gefordert wird. Die dritte Frage schließlich, deren Theina die „Arbeiterkammern" bildete, erregte die lebhafteste Debatte, weil darin die Anschauungen am weitesten auseinander gingen. Man fand sich schließlich auf dem Boden einer
Erklärung, die in paritätischen VI rbeitefammern ein wichtiges Mittel erblickt, der Verschärfung der Klassengegensätze und der damit verbundenen wachsenden Verbitterung unb Entfremdung von Arbeiter lind Arbeitgeber Einhalt zu tun durch Beratung und Verständigung über gemeinsame Angelegenheiten, insbesondere aus dem Arbeitsverhältnis, — und weiter ein Mittel, die Rechte unb Interessen der Arbeiter sicher zu stellen unb zu fördern. Die Schaffung solcher Arbeitskammern sei deshalb als eine der nächsten und wich- tigsten Aufgaben der deutschen Sozialpolitik anzusehen. Und es sei tief zu beklagen, daß die in den Kaiserlichen Erlassen vom Februar 1890 in Aussicht genommenen gesetzlichen Institutionen noch nicht verwirklicht seien.
Alles in allem gewährte der Kongreß ein hocherquickliches Bild nationaler Schaffensfreude. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die in Frankfurt erzielter Resultate weiter wirken und segensreiche Folgen nach sich ziehen werden. Im Interesse der deutsch-gesinnten Arbeiterschaft und einer ersprießlichen Sozialrefornl wäre das jedenfalls dringend zu wünschen.
Deutsche Schulidylle in Süd-Russland.
Odessa, 27. Oktober.
Die deutschen Kolonien Süd-Rußlands werden demnächst ein Jubiläum feiern können: Im Jahre 1904 werden hundert Jahre verflossen sein, seitdem deutsche Ansiedler au.' Württemberg, Baden und Bayern sich in der fruchtbaren Ebene an der Molotschnaja niedergelassen haben und dort eine zweite Heimat fanden. Von den zirka 900 deutschen Dörfern und Ansiedelungen Süd-Rußlands sind die Anpede- hmgen des Molotschna-Bezirks die blühendsten. A. Stach, einer der trefflichsten Kenner der deutschen Kolonien in Rußland, hat als eine Art Festschrift zu der bevorstehenden Gedächtnisfeier eine „Geschichte der Kolonien im Cherssonschen, Tallrischen unb Jekatecinoßlawschen Gouvernement" erscheinen lassen. Er ist bei seinen Forschungen zu dem Ergebnis gekommen, daß die innere Kraft der Kolonialbevölkerung Süd-Rußlands sich in den hundert Jahren bewährt hat. Die Kolonisten haben es verstanden, sich den russischen Lebensbedingungen anzupassen. Stach hebt aber auch die Mängel der deutschen Kolonisten rücksichtslos hervor und inamt vor allem vor Hochmut und Hader. „In Glaubensund Schulsachen," schreibt er, „werden separatistische Neigungen noch immer mit der den Deutschen eigenen Beharrlichkeit gepflegt."
Bei dieser Gelegenheit soll noch erwähnt werden, wie und wo sich die deutschen Kolonisten Hauslehrer für ihre Kinder suchen. Die Kolonisten sind ebenso praktisch, wie erfinderisch. Um auf möglichst billigem Wege zu einem Hauslehrer zu kommen, vereinigen sich mehrere Familien und „mieten", wie der landläufige Ausdruck lautet, den Lehrer auf gemeinschaftliche Kosten. Die Schule beginnt nach der Beendigung der Feldarbeiten, im Oktober oder November und dauert bis zum März. Der Hauslehrer erhält in den meisten Fällen nicht mehr als 8 bis 10 Rubel monatlich bei vollständiger Verpflegung. Dafür muß er aber auch im Schweiße seines Angesichts arbeiten und von 8 Uhr morgens mit kurzen Unterbrechungen bis 4, ja bis 6 Uhr nachmittags Unterricht erteilen. Es versteht sich unter diesen Umständen von selbst, daß sich selbst hier in Odessa, das an gebildetein Proletariat einen Ueberfluß besitzt, nur schwer ein Kandidat für den Posten eines Hauslehrers bei einem deutschen Kolonisten findet. Da holt sich denn der Kolonist seinen Hauslehrer aus der Zahl der „Barfüßler". In allen Nachtasylen des hiesigen Hafenbezirks lassen sich gegenwärtig täglich überaus interessante und charakteristische Szenen beobachten. Um 8 oder 9 Uhr abends, wenn sich das Nachtasyl gefüllt hat, erscheint ein biederer Kolonist in Begleitung eines Vermittlers und bittet den Aufseher, ihm eine geeignete Persönlichkeit als Lehrer zu empfehlen. Der Aufseher läßt sofort die im Asyl befindlichen Deutschen antreten, und der Kolonist trifft die Wahl. Der Kandidat wird dann in eine Droschke gesetzt und zunächst in einer Badestube einer gründlichen Reinigung unterworfen, darauf mit billiger Wäsche, mit Kleidern und Schuhwerk versehen, rasiert, frisiert und endlich auf die Kolonie gebracht. De^ „Barfüßler" ist nun wieder für einige Monate „aus den Tiefen" aufgetaucht, und nicht selten bedeutet diese Rückkehr zu einem geordneter: Leben den ersten Schritt zur dauernden Besserung. In den meisten Fällen jedoch erwacht in den: „Lehrer", wenn die Tage wärmer zu werden beginnen, die alte Lust zum ungebundenen Leben. Nachdem er womöglich sein Gehalt vorweg genommen hat, verschwindet er plötzlich auf Nimmerwiedersehen, um die weite Steppe bettelnd zu durchwandern und im Herbst, von Kälte und Hunger getrieben, wieder in der Großstadt zu stranden.
Der Streit um Korea — eine Komödie?
CB. Berlin, 27. Oktober.
Die britische Presse zeigt sich andauernd beflissen, den Teufel an die Wand zu malen und einen nahen russtsch- lapanischen Krieg zu prophezeien. Nach ihrer Darstellung kämpfen in Japan zur Zeit eine ausgesprochene K r reg s - Partei und eine Friedenspartei um den beberr-