Nr. 201,
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KratiSbeilagr«: Oberhessische Familieuzettu«g (täglich) Oberhèsfifche Zeitschrift für Laudtoirtschaft, Obst- u«d Gartenbau, sowie die Gietzeuer Seifenblase» (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an alle» Werttagen nachmitagS.
Freitag, den 28. August 1903.
Gießener
__________________12. Jahrgang.
InjertionSprei S, Tie einspaltige Petttzeile für Gießen w .t ganz Oberhesien, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. soâst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 rèsv. $* Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gi.eßen Neuenweg 2«.
Ferusprechanschluß Rr. SSL.
Deueke Wachrichten
(Gi-ß-n-r Gagevkatt) Wnabhängige Tageszeitung (Hießener Zeitung)
für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gieße« und Umgebung.
_____Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhefsea.
Bekanntmachung.
Betr.: Die allgemeine Faselschau in 1903.
Wir bringen hiermit zur Kenntnis der Beteiligte, daß die diesjährige Hauptkörung in den Körbezirken Gießen, Lich-Hungen und Grünberg an den nachst'hend genannten Tagen, jeweils vormittags um 8 Uhr beginnend, in den einzelnen genannten Gemeinden stattfinden wird:
I. Körbezirk Gießen und Lich-Hungen:
1. Donnerstag den 17. September: Langsdorf, Betftnhausen, Bellersheim, Obbornhofen, Utphe, Trais- Horloff, Inheiden.
2. Samstag den 19. September: Hungen, Steinheim, Rodheinl, Rabertshausen, Langd.
3. Montag den 21 September: Lich, Birklar,Muschen- Heim, Dorfg'll, Eberstadt Oberbörgern.
4. Mittwoch den 23. Septemb r : Holzheim, Grüningen Watzenborn, Ste nberg, Hausen, Garbenteich.
5. Freitag den 25. September: Annerod, Steinbach, Albacb, Oppenrod, Burkhardsfelden, Reiskirchen.
6. Dienstag den 29. September: Rödgen Trohe, Großen-Buseck, Alten-Buseck, Wieseck.
7. Donnerstag den 1. Oktober: Gießen, Daubringen, Mainzlar, Staufenberg, Ruttershausen, Lollar.
8. Samstag den 3. Oktober: Heuchelheim, Klein- Linden, Allendorf, Großen-Linden, Lang-Göns und Leihgestern.
H Körbezirk Grünberg.
1. Montag den 21. September: Göbelnrod, Saasen, Lindenstruth, Hattenrod, Harbach.
2. Mittwoch den 23 September: Allendorf, Treis, Climbach, Londorf, Kesselbach
3. Freitag den 25. September: Röthges, Billingeu, Nounenrod, Oher- und Niederbessingen.
4. Montag den 28. September: Allertshausen, Beuern, Bersrod, Winnerod, Reinhardshain, Beltershain.
5. Mittwoch den 30. September: Lumda, Weiters- Hain, Rüddingshauseu, Odenhausen, Geilshausen.
6. Freitag den 2. Oktober: Lauter, Queckborn, Ettinashausen, Münster.
7. Montag den 5. Oktober: Weickartshain, Stockhausen, Stangcurod, Grünberg.
Gießen , den 26. August 1903.
Großherzogliches Kreisamt Gießen Dr. B re i d c rt.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß der im hessischen Landkalender für Dienstag, den 15. unb Mittwoch, den 16. September vorgesehene Bieh- markt im Anschluß an die landwirtschaftliche Ausstellung bereits am Moutag, den 14. und Dienstag, den 15. Scptemben, an e sterem Tag auf dem Tcicb statlsindet. Ter Krämermarkt bleibt auf Mittwoch, 16. September bestehen.
Gießen, 24. August 1903.
Der Oberbürgermeister
Mecum
Bekanntmachung.
Die am 20. Juli l. Js. angeordnete Sperre der Schanzenstraße wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 26. August 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
___I. V.: Roth. ______________________
Bekanntmachung.
Bei der hiesigen Stadtkasse ist die Stelle des zweit n Stad kafsegehilfen
auf 1 Oktober anderweit zu besetzen. Bei zufriedenstellenden Leistungen kann nach 6mouatlicher Probe- dienstzeit Anstellung erfolgen. Mit der Stelle ist ein pensionsfähiger Gehalt von 1480 Mack, steigend um jährlich 40 Mark b S zum Höchstbetrag von 2200 Mark, sowie Witwen- und Waisenversorgung verbunden.
Im Rechnungswesen bewanderte Bewerbec wollen Ihre Meldung mit Lebenslauf, Zeugnissen und Gesundheitsschein' bis zum 20. September hiechec einreichen.
Gießen, den 24. August 1903.
Dec Oberbürgermeister.
Mecum.
Vie Politik.
<Ä Der französische Botschafter in Berlin hat beut deni- schen Auswärtigen Amt im Namen des Präsidenten Loubet als Beitrag zur Linderung der schlesischen Hochwassernot 5000 Frcs. übergeben.
l^ Neutral-Moresnet, in dessen Hauptort Altenberg die Spielbank jetzt eröffnet ist, wirb nicht an Belgien abgetreten. Die Nachricht, daß dies gegen eine große Geldentschädigung von Preußen geschehen werde, wird halbamtlich für völlig unzutreffend erklärt.
_□ Hofmarschall v. Trotha hat bei der Staatsanwaltschaft Strafantrag wegen Beleidigung gegen den „Vorwärts" gestellt. Das sozialdemokratische Blatt hatte, wie erinnerlich, behauptet, Herr v. Trotha wisse um den Plan der Errichtung eines Kaiserschlosses auf der Havelinsel Pichelswerder bei Spandau, unb hatte diese Behauptung auch aufrecht erhalten, nachdem Herr v. Trotha öffentlich erklärt hatte, er wisse nichts von der Sache.
^ Der Deutsche Fenerwchrnnsschuß, beni die Vertreter der Landesverbände deutscher Feuerwehren in Deutschland imb Oesterreich angehören, hat grundsätzlich seine Auflösung imb die Gründung eines „Reichsverbandes deutscher freiwilliger und organisierter Pflichtfeuerwehren" beschlossen, der sich nur über das deutsche Reich erstrecken soll. Um aber auch in Zukunft einen engeren Verkehr mit den österreichischen Wehren zu ermöglichen, soll neben dem reiche deutschen Verbände ein gemeinsamer Ausschuß weiter bestehen. Die Hauptaufgabe des reichsdeutschen Sonderverbandes ist nicht in der Lösung fachtechnischer, sondern in der von Verwaltungsfragen zu suchen: die erstere füllt den BeruGfeuer wehren zu. Der Ausschußbeschluß bedarf noch der Genehmigung des deutschen Feuerwehrtages 1904. Beim Bundesrat und Reichstag soll erneut die Entschädigung von Personen, die bei Rettungsarbeiten verunglücken, beantragt werden.
Die Solidarität der deutschen Krieger in Amerika hat jetzt zu dem beabsichtigten Verbände sämtlicher deutsch- amerikanischer Krieg ervereine geführt. Auf einem allgemeinen Kongreß in Terre Haute wurde offiziell ein Nativ- nalbund gegründet und die Errichtung eines Soldatenheims beschlossen.
£3 Die Hafenarbeiter West-Frankreichs machen den französischen Behörden viele Mühe. Kaum ist der große Streik in Hamebant und L'orient mit hinüber Not beigelegt, da kommt aus beiden Orten schon wieder die Nachricht, daß der Streik wieder auszubrechen drohe. Ein paar Arbeiter sind wegen der Streikkrawalle zu leichten Strafen verurteilt worden. Fetzt sollen diese ihre Strafen abbüßen Die übrigen Arbeiter haben nun erklärt, wenn die Verurteilten nicht begnadigt und wenn nicht der ihnen mißliebige Staatsanwalt und der General-Hafeninspektor versetzt würden, in den Streik zu treten. Außerdem fordern sie die Verlegung des 32. Infanterieregiments, das gegen sie während der Un- ruhen eingeschritten ist. Auf diese Forderungen wird die Regierung fcmm eingehen, und der Streik dürste danach wieder ausbrechen. — Auch in B r e st ist es wieder zu Miß- Helligkeiten zwischen Arbeitern und Behörden gekommen.
1" Eine neue Episode aus dem französischen Kulturkampf ist heute zu verzeichnen: In Sables d'Olonne haben die Behörden mit Hilfe von Militär und Gendarmerie die Redemptoristen zu vertreiben begonnen. Die im Garten des Redemptorisleuklosters zahlreich versammelten Personen wurden nach lebhaftein Widerstand hinausgedrängt. Die Mönche weigerten sich, das Kloster zu verlassen; sie hoben alle Zugänge verbarrikadiert. Freilich wird ihnen dieser Widerstand uif die Dauer nichts nützen.
# Von einem neuen mazedonischen Dn namitanschlag auf Ulten Crientgug bei der Station KuleluBurgas wird aus Konstantinopel berichtet. Der Zug wurde in die Luft gesprengt, ^chs Personen fanden dabei ihren Tod, 15 wurden verwundet. Aus Adrianopel wird ferner berichtet: Eeine mazedonische Bande überfiel das Dorf Hamsibegli, steckte •200 Häuser in Brand und sprengte das Wachthaus mit 250 Baschibozuks in d i e Luft. Im Vilajet Nonastir geht das Gerücht von Massenmetzeleien herum.
OC Wie überall in Asien, so suchen die Engländer auch n Persien dem Vordringen des russischen Einflusses durch Ulerhmib heimliche Intriguen Halt zu gebieten. Sie haben )ie persische Prieslerschast für sich gewonnen, und diese treibt jetzt allerorten im Reiche des Königs der Könige russen feindliche Propaganda. Ter persische Oberpriester hat die gesamte niedere Priesterschaft angewiesen, die fremden — russischen — Zollbeamten und überhaupt alle Russen feindselig zu behandeln, nötigenfalls auch vor Gewaltmaßregeln gegen sie nicht zurückzuschrecken. Neue Unruhen in Persien werden infolge dessen erwartet. Die Engländer sehen offenbar noch immer nicht ein, daß diese Politik der Nadelstiche auf die Dauer zwecklos ist und Rußlands Vordringen höchstens noch beschleunigt.
^ Die russische Regierung hat ein neues Gesetz über die Ausweisung von Ausländern ans Rußland erlassen. Die unbefugte Rückkehr wird mit Gefängnishaft von acht bis sechzehn Monaten bestraft.
^^^v vof und ('ksdlicbatt.
*** Der Kaiser, Der nach WUhelmshHhe zurückgekehrt ist, machte dort mit Örn anwesenden Prinzen und dem Herzog von Coburg einen Spazierritt. Später hörte der Kaiser den Vortrag des Kriegsministers Generalleut- nant v. Einem und des Chefs des MiUtärkabinetts Generalleutnants Grafen HüljewHnseler. Der junge Herzog von Coburg, der mit seinem ©tubiengcuuüen Prinz Eitel Friedrich einen Teil seiner Ferien in WUhelshöhe verlebt, wird, wie erinnerlich, auf Einladung des Kaisers an den Kaiser manöveru teilnehmen.
Der deutsche Kronprinz ist wieder in Potsdam eingetroffen.
*** Das russische Zarenpaar wird in der dritten Woche des September in Darmstadt erwartet.
Herrn v. Stengels finanz-programw
Freiherr Henn an n von Stengel, der wie Reichsschatz. Hüter, hat Gelegenheit genommen, sich über sein Programm als Verweser der Reichsfinarpzen ^n öufwriL Hst es immer schon interessant, aus teiln Munde eines in ein wichtiges Staat samt berufenen Mannes zu vernehmen, wie er sich seine Tätigkeit und seine Aufgaben bei ist so ist das im dop. pellen Maße der Fall, wenn es sich um eine politische Per- sönlichkeit ww Herrn v. ©tmqel und um ein Reichsamt von der Wichtigkeit Hatideli, die dem Reichsschatzamt inne- wohnt. Ganz abgesehen davon, daß diesem Amt eine noch größere Bedeutung für das Reich eben dadurch gegeben werden soll, trag sein neue, Leiter mit einer der wichtigsten Aufgaben h-’hout werden soll, die der deutschen Regierung auf den Nageln brennen, mit bei Reichsfinanzreform.
Die Reform der Neichsfinanzen ist angesichts der finan- zielten Lage des Reiches, angesichts der naturgemäß stetigen Steigerung der Ausgaben und angesichts der Abneigung der Bevölkerung und der ^oirsuerhetung grgen neue Steuern für denjenigen, dem sie übertragen wird, eine wahre Herkul erarbeit. Aber es will scheinen, als fühle der neue Reichsschatzsekrekar nicht nur die Kraft zur Bewältigung dieser Aufgabe in sich, sandeln al5 besitze er sie auch. "Vor allem berührt la den Darlegungen, die Herr v. Stengel diesem Gegen'tanü widmete sehr erfreulich, daß er nicht ' Hals über K^ps, ohne Vorbereitung und sorgfältig erwäge ‘ neu Plan an hh Lösung des Problems gehen will. Er ' erkenn^ die Notwendigkeit einer möglichst schleunigen Reichs- finanareforru an, aber er verhehlt sich auch nicht, daß man nur fdirntweUc, nicht aus einnml, zu dieser Reformierung der Finanzen gelangen sönne. Er sei nicht im Besitze einer Wünschelrute, sagt er mit leichter Ironie, um dann fortzu- fahren: Das nächstliegende^ sei, ein Einverständnis unter ben gesetzgebenden Faktoren über die Beseitigung der schlimmsten Uebelstände herb-izuführen, die im Laufe der Jahre allmählich hrn^eirettn feien Jasbesolidere handle es sich zunächst darum, die Verwickeltei, H-. ankerten Beziehungen zwischen dem Reich und den Eli^elstatcken klarer zu ordnen und im R e i ch s h a u s h a l t dic ,-kwünschte größere Stetig« seit herbelzuführen. Es mü)fe auch bald dèr Anfang mut einer planmäßigen Schul den tilg ung in größerem Stile als bisher genmcbt werden. Und noch dringlicher sei die Sanierung des Reichs I u v a l i d e n f o n d s
Ueber die Wege, die mi dies«»,, Ziele führen, ist der neue Reichsschatzsekretär einstweilen i.ucb nicht völlig mit sich im Reinen. Ganz natürlich, ec kann noch nicht wissen, wie sich der ReichsL»»czler und der Reichstag zu den verschiedenen Methoden, mittels bereu eine Relchsfinanzreform bewerkstelligt werden kann, verhalten werden. Auch betont er mit Recht, daß man, ehe man sich über den eiii^ufd)fagenben Weg schlüssig mache, erst wissen müsse, welche Mehrerträge die BoUrmabmen auf Grund des neuen Tarifs abwerfen.
Soviel scheint aber auch Herrn v. Stengel heute schon festzustehen: Um neue Steuern fommen wir nicht herum, wenn wir unsere Reichsfinanzen auf eine gesunde Grundlage stellen wollen. Diese Erkenntnis ist freilich Ge- meingut aller Parteien; berfdrieben ist nur das Urteil darüber, welche Art Steuern sich mehr empfiehlt: direkte — etwa ein Reithseinkommen- und eine Reichserbschaftssteuer — i oder indirekte. Freiherr v. Stengel scheint mit der ' Mehrheit des Reichstags und der Regierung den indirekten Steuern den Vorzug zu geben: Als solche kommen zunächst I Erhöhungen der T a b a k st e u e r und der B i e r st e u e r in j Betracht. »Der Tabak muß bluten", hat schon Bismarck ge- ; sagt und vom Grafen Posadowskp existiert das geflügelte Wort, daß die Bierschlange ihr drohendes Haupt immer ' wieder erheben werde. Dieselbe Ansicht ist noch heute in Negierungskreisen maßgebend, und so ist es denn nicht un- : wahrscheinlich, daß die künftige Reichsfinanzreform sich auf diese Steuern gründen werde.
Wenn der neue Reichsschatzsekretär mit einer solchen Steuerpolitik zweifellos auch einen lebhaften Widerspruch in Parlament und Presse begegnen wird, so kann er doch andererseits allseitiger Zustimmrmg sicher sem, wenn er sagt Sparsamkeit sei das oberste V^' 'W, dem er im Reiche huldigen werde. Daß die Sparsa. ü, die er vertritt, keine falsche sein wird, dessen darf man bei der politischen Vergangenheit des neuen «eichsjäckclbewahrers gewiß sein.