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Nr 74. Erstes Blatt
Samstag, den 28. März 1903.
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8b»«»e»e«tspreis : in Gießen, tbgebeU monatlich 60 Pfg., in's HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
SrxH^betlxgex : Oberhesstsche Fswilte«reit»»» (täglich) Qderhesstsche Zeitschrift fir Laudwirtschoft, Qbst- eeb ««o1e»b«>, sowie die Gießener Gef»;«bl«se« (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an alle» Werktagen nochmittags.
3*irrilex#>tct »1 Die einspaltige Petitjkile für Gieß« ganz Oderdcffen. die Kreise Wetzlar unb Marburg 10 Pfg sonst 16 Pfg. - Reklame« die PetitzeUe 30 resp- W Psg.
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Boft-eitungSliste No. M6f.
Rebahion und Ervedition : Gieße» Ne«en»eß>â frcnifNrt**ef*le* Nr. MS,
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(Oie--«-r A«ge»r«U)
Nnaßöänzig, Lag,szn1ung
(Gießener §eit««g)
für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Cberljefffn.
Missstimmung.
J o l i t i s ch t Cü o di t n sch a u.)
(Von unserem ständigen ('L. Mitarbeiter.)
Nachdem es feststeht, daß uns kaum ein Vierteljahr Don ben Neuwahlen zum Reichstag trennt, wird wohl inner- ta.b der Wählerschaft die Mißstimmung zum Ausdruck onimen, die sich während der fünfjährigen Legislatur- Zveciode aufgetürmt hat. Tenn man braucht nur in bit bürgerliche Presse t iminzusehen, um die herrschende Miß minmuny über das letzte Parlament zu erkennen. Vor Aüm ivirb über den Niedergang des geistigen Stand Punktes geklagt — mit Recht und mit Unrecht, wie mau rill. Jene Zeiten, als Teulschland aus der Hand eines süligen Schicksals seine neue Mission für das neue Kultur- icben der Gegenlvarl empfing, waren natürlich besser ge pguet, ein Geschlecht von Herren zu erzeugen und gaben be’ ^ni idealen Schwung des damaligen Geschlechts'den Par äincnlsreden einen anderen Resonanzboden. Heute klingt manches Wort, das dainals Begeisterung w ck e, hohl mit ilhaltslos. Damals durchzuckte ein Funke heiliger Be jeifterüng das ganje Volk und heute müht sich eine nem ekueration, in einen öden Materialismus und in bit Aufgaben des Alltagslebens versunken, die Interessen- jsgenfäpe der Berufsschichten und Klassen gegen einander ruszugleichen.
Da aber, lvo wirklich nationale Gegensätze auftauchen, sind sie das Produkt einer niedergerungenen Miß üriimung zwischen den verwandten Botksstämmen inner üalö der verschiedenekl Staaten; insbesondere sind es bit tliocii, die nach einer Volkseinheit streben, die sie, selbst wiin sie für eine Stunde erreicht wird, nie werden be- hanpten können. Allein cs macht sich in diesem Volkc ver neue Geist einer unter deutschem Einfluß erniöglichteu höheren VolkserAehling bemerkbar. Während in bem pol Eschen Nalionalstaate nur zwei Klassen das Staatsruder il ber Hand hatten, während die übrigen Bcvöltcrungs- lassen für das satte Wohlbehagen der Bevorrechtigten j landen mussten, sind in den Gegenden mit polnischer ^uiuge die schlafenden Geister der Intelligenz geweckt wor Kn.; das Volk sträubt sich gegen die Gemeinschaft mit mimt Volkstum, das in der Erlösung und Befr.iung des Mistes allerdings auch die Rechte des stärkeren Kultur- .'Icinenles geltend machte und die geistige Unterwerfung ve politisch bereits bezwungenen Volkes erlangte. Anßer- ^u gibt es keinen reinen Slavenstaat, der sich für die Bestrebungen der Slaven intendieren würde. Die in Ruß- llnid anfgetanchten Panslavisten sind schnell ausgestorben, kenn -eine Befestigung der slavischen Rassebestrebungen Hin der Ruin Rußlands. Tas klingt wie ein Widerspruch, i't aber keiner, denn Rußland ist ein bunter Flicklappen ™,i Völkerschaften, wie Oesterreich. Wenn einmal in dem östlichen Nachbarreich die konstitutionelle Verfassung ein» geführt werden sollte, dann wird man das mit Deutlich- Mt erfahren; dann merben in bem Staate die nationalen ^cgenfötie auflodern und auf diesen Zeitpunkt warten migcstandenermaßen die Polen. Tenn sie sind trotz ihrer Verteilung unter den Völkern das stärkste slavische Volks- tlcment und wegen ihrer Grenzlage in der Nähe bei pesteuropäischen MiHturgebiete das geistig überlegene kolkstum, bedeutender vor allen Dingen, als die orienta« Eschen Slaven.
Anders aber liegen die Tinge in dem Verhältnis wischen Magyaren und Teutschen, die nach der alldeut scheu Auslassung von der den schen Regierung n. uerbin]5 Wvein Schicksal preisgegeben werden. Die Teutschen in Ungarn haben ihren geistigen Mittelpunkt in dem großen deutsche Reiche unb dieses sollte ihnen daher auch ein Etüppumt sein. Wenn and) eine Einmischung in die inne len Verhältnisse nicht möglich und nicht wünschenswert hl, so kann man doch v)n deutscher Seite immerhin zu dunsten der bedrängten Stammesgenossen den politischen Einfluß geltend machen, indem man den Herren in Pest lii verstehen gibt, daß ber Dreibund durch keine Miß- ümmnng erschüttert werden darf, sondern als ein ernst lbes Freundschafts- und Schntzverhältnis zu erhalten ist, -lü dem sich die Verfolgung unserer wackeren und ehren- varten Volksgenossen durchaus nicht verträgt. Das beut« jd)e Reich hat die Aufgabe übernommen, die idealen Güter pi schützen unb nicht blos, wie beispielsweise in Venezuela, für gefährdet materielle Interessen einzutreten.
Im übriaen könnten uns die Amerikaner ein Muster Inn in der Pflege der nationalen Interessen. Trotz bei rißstimmnng des „alten Europa" setzen sie sich in Süd merifa fest und suchen sich ihre Leute aus. Zu den wirk- Inniftcn Partisanen ber allamerikauischen Politik gehört Der Halbindianer Castro, der in ber letzten Woche ein trenig Komödie spielte, der sein Amt niederlegte, um sich bei bem Parlament und Washington ein Vertrauensvotum m holen und der neuerdings wieder seinem Amte mit der Tüchtigkeit des Bockes vorsteht, den man zum Gärtner gemacht hat. Castro ist vergnügt; nur die Gegner poli- .tischer Komödien sind mißgestimmt.
Die Politik.
Delegierteutag der konservativen Partei.
Der in Berlin abgehobene Telegiertcutag der Fon* -ervatwen Partei war sehr zahlreich beschickt. Frhr. v. .lanteufsel grossen eröffnete die Verhandlungen mit 'iner Ansprache, in der er, unter Hinweis auf den be vor stehenden Wahlkampf, beklagte, daß die Regierung )er Sozialdemokratie nicht mit der nötigen Energie be- -]cgnc und der Linken durch das „Klosettgesetz" u. a. rntgegcugekommen sei. Graf Limburg-Stirum erörterte )ie Stellung der Beamten zur konservativen Partei und zur Regierung und erntete brausenden Beifall, als 'r den lvegen ihres Votums gegen die Kanalvorlage gema^regelten Beamten Tank unb Anerkennung aus iprasl). Ueber die Wirtschaftspolitik referierte Graf Mirbach ^orquilten. Hierzu gelangte eine Resolution zur Annahme, welche die besonnten Forderungen der Konservativen wiederholt. „Arbeiterfürsorge und Mittel- Itanb lautete das Thema des Schliißvortrags von -,ihr. v. Richthofen-Men 1 schütz. (Sine hierzu angenommene Resolution betont die Notwendigkeit der Ausdehnung der Sck)litz- und Versichcrungsgesetze auf den Mit- lelstaud in ^tabt und Land, sowie der weiteren Ausge- stall iliig des Arbeiterschutzes, namentlich in bezug auf Die Frauen- und Kinderarbeit.
Glückliches England!
£ Während in allen Ländern Europas die Steuerschraube beständig angezogen wird, hat der englische Steuerzahler eine nicht unerhebliche Entlastung zu erwarten. Wie die „Pall Mall Gazette" erfährt, hat der Seba ' Fungier über genügende Uebe rschüsse zu verfügen, um eine Ermäßigung der Einkommensteuer um 3 Pence und die Abschaffung der Tor- oder Kornsteuer durchführen zu können. Tie genannten Steuern waren erst im noriaen
können. Tie genannten Steuern waren erst im vorigen Sommer infolge der riesigen Kosten des Burenkrieges erhöi t bezw. neu eingeführt worden. Wenn nun die englische Finanzverwaltung auf das Plus an Abgaben verzichten zu können glaubt, so muß, da die Staatseinnahmen nicht vermindert, sondern bei einzelnen Trenstzweigcn, wie namentlich bei Heer und Flotte, sogar größer geworden sind, eine bedeutende Vermehrung der Staats.innahmen eingetreten sein. In erster Reihe ist dieser Ueberschuß wahrscheinlich durch einen unerwartet hoben Er rag der Kornsteuer sowie durch eine Zunahme der anderen Zolleinnahmen erzielt. Taß jc;t der englische Schatztanzler mit Ueberschüssen rechnen kann, wird seine an Defizit gewöhnten Kollegen im übrigen Europa mit stillem Nerde erfüllen.
^ommer in
Ter Qrbenskrieg in Frankreich.
) Auch der Karthänser-Orden, in Frankreich, der in seinem bei Grenoble gelegenen herrlichen Kloster den berühmten Chartreuse-Likör fabrizierte, ist nunmehr durch die Deputierteilkammer endgiltig unterdrückt worden. Damit ist die Kampagne gegen die Orden zum Ab schluß gebracht. Tie Ordensgeistlichkeit wird die bisher befolgte Taktik weiter fortsetzen. Zwanzig Generalprioren der Orden wollen eine Erklärung veröffentlichen, in welcher dagegen protestiert wird, daß die Orden Politik treiben. Im übrigen sollen die Ordensgeistlichen auch ferner passiven Widerstand leisten, sich von ben Gerichten verurteilen und aus den Klöstern mit Gewalt vertreiben lassen. Gegen die Verwerfung der Ermächtigungsgesuche veranstalteten Studenten vor der Kammer eine unbedeutende Kundgebung. Auch zu gunsten der wegen Uebertretung des Vereinsgesetzes zu Geldstrafen verurteilten „Schwestern der Armen" wurde
demonstriert. Der bekannte Dichter Copps bei die Regierung heftig an.
griff da.
Ein Kriegsminister gesucht.
m )—(®uj9«ten befind sich augenblicklich in großer Not. Es fehlt nicht an Geld und nicht an Brot, auch nW °» Kanonen, aber man kann keinen Kriegsmi- mner finden. Paprikow, der Heißsporn, der gern den Mazedoniern zu Hilfe kommen und gegen die Türken zu Felde ziehen möchte, wurde bekanntlich vor mehr als acht Lagen genötigt, seine Demission zu geben Seit- dem suchte man in allen Winkeln Bulgariens nach einem Nachfolger für ihn und konnte ihn nicht finden. Endlich glaubte man ihn in dem General Sawow entdeckt zu haben, einem außerordentlich befähigten Mili- Ar, der bie ihm unterstellte Kadettenanstalt' ?u einem ^uiterinjtitut gemacht hat. Im letzten Augenblicke je- doch scheiterte auch diese Kombination. Fürst Ferdinand nämlich, der im Grunde mit Paprikow sympathisiert, stellte die Forderung, daß Sawow den bisherigen Kriegsminister als Generalstabschef behalten solle, worauf der erstere jedoch nicht einging. Ta sich sonach schlechter- dings die Unmöglichkeit ergab, einen Inhaber für das Kriegsportefeuille zu ermitteln, gab das gesamte Kabinett seine Entlassung, welche der Fürst auch sofort angenommen hat. Es gibt Leute in Sofia, welche meinen, daß der Fürst auf den Sturz des Kabinetts hingearbeitet $at.
Kurze politische vtamncurcw,
* Ter Kaiser hat dem Komitee des Newyork Nachtklubs für seine Ernennung zum Ehrenmitglied« telegraphisch gedankt.
* In Lemberg wurde ein Oberkommissar bei Landesdirektion, Dr. v Ossolinski, unter dem Verdacht der Spionage für Rußland verhaftet. Tr. v. Cf so« linski wurde vor einigen Monaten wegen Veruntreuun- gen vom Dienst suspendiert.
* Auch die Regierung von Sachsen-Meiningen wird gegen die Aufhebung des Paragraphen 2 der Jesuitengesetzes stimmen.
♦ 43 finländische Geistliche sind verabschiedet wor- den, weil sie sich weigerten, bei der Durchführung des neuen Wehrpflichtgesetzes mitzuwirken. Das Volks- schullehrerseminar in Sordavola wurde geschlossen.
* Ter Sultan hat dem Apothekerlehrling Aaoj; Hatschckian, welcher wegen des Mordversuchs gegen den armenischen Patriarchen Ormanian zum Tode verurteilt.. war, die Todesstrafe erlassen.
preussischer Landrag.
baue der Abgeordneten.
52. Sitzung. Eigener Bericht.
— Eisenbahnvorlagen. —
Tie Einleitung zu der heutigen Sitznng bildete die Wahl des ersten Vizepräsidenten an Stelle des verstorbenen Frhrn. v. Heereman. Sie fiel, wie nicht anders zu erwarten mar, auf den Zent rumsabgeordneten Dr. Porsch, der die Wahl mit warmen Worten zum Gedächtnisse seines Vorgängers und des Tankes gegen das Haus annaym. Die daun folgende erste Beratung des Gesetzentwurfs über den Erwerb der ostpreußischen Südbahn für den Staat gab dem Eisenbahnminister Budde Oblegenheit zu einer hirjen Tarlegung der Gründe, welche die Verstaatlichung ber noch existierenden Privatbahncn im allgemeinen und ber Süd bahn im besonderen rechtfertigten. Die Vorlage ging nach längerer, aber wenig interessanter Debatte an bie Budgets Immission, ber auch der Gesetzentwurf wegen des Erwcrvs der Bahnen Marienburg—Mlawka u. f. w. überwiesen wurde. Tie Fortsetzung der Verhandlung über die Sckuudärbahnvorlage entfesselte wieder eine Flut von Spezial- und Lokaltvünschen.
Das „ßlumenmedium" vor Gericht.
Nachdruck verboten.
Hg. Berlin, 27. März.
Fünfter Verhandlungstag.
Als erster Zenge wird heute der Schriftsteller und Spiritist Dr. Spatzier vernommen. Er hat mehreren Sitzungen der Angeklagten beigewohnt und für jede derselben fünf Mark bezahlt.
Der schwebende Tisch.
Während der Zeuge in den ersten beiden Sitzungen nichts auf Betrug deutendes bemerkte und die Rothe wunderbare Apporte zu staube brachte, war ihr Verhalten in der dritten nicht einwandsfrei. Ter Zenge hat Blumen und Zweige in ihrem Mermel bemerkt, auch gesehen, wie iie unter dem Stuhle mit den Füßen herumwirischaf.ete. Sie entschuldigte sich damit, daß die Geister so arg arbeiteten. Einen Vorfall aber könne er sich nicht erklären: in seiner Wohnung stehe ein zwei Zentner schwerer Tisch mit vier Auszugplatten. Frau Rothe stand daneben. Ter Tisch hob sich dreimal ohne jedes Geräusch. Feau Rothe konnte es nicht gewesen sein, auch Jentzsch komme nicht in Betracht. Zeuge hat es versucht, den T^sch zu heben, es ist ihm aber nicht möglich gewesen. Ein ähnliches Wunder mit dem schwebenden Tisch ist auch dem Zeugen Fabrikant Reinke passiert, allerdings nicht mit der Rothe als Medium, sondern mit seinem fünfzehnjährigen Neffen. Mit diesem als Medium habe man überhaupt die wunderbarsten Resultate erzielt. Gasflammen hätten sich von selbst entzündet, Taschentücher feien durch die Luft geflogen, der Junge habe sich auf Wunsch eines Anwesenden mit einem 60 Meter langen Seil fest einwickeln lassen, sei aber von den Geistern in wenigen Sekunden befreit worden. Nach diesen Erscheinungen habe er sich an die Rothe bewandt und sie zu einer Sitzung aus Chemnitz kommen lassen. Sie habe, trotzdem sie genau untersucht worden sei, brillante Apporte, unter anderem einen 38 Zentimeter langen Eukalyptus- ;weig geliefert. Eine „Intelligenz" habe auch einmal vermittels seines Neffen einen Buntstift durch bie verschlossene Tür nach der Gartenlaube verschwinden lassen.
Ter hellsehende Briefträger.
In der Wohnung des Zeugen passieren überhaupt sonderbare Dinge. Äm einem Abend sei die Tür wohl ^wölfmal hintereinander aufgegangen, und ein „hellsehen- oer" Briefträger habe jedesmal einen Matrosen darin stehen sehen. Nach einer Photographie hätte er bann