Nr. 50 Erstes Blatt.
Bi»w«ewe«tt>teU : t» Air^ üttjik miMtlté » Bis, in^ H«u- gebracht « Ufa., durch die Post Kerogen viertel» jährlich Mk. L60.
«ratt-beilage» : Qberheffifche ^a«tlte»zett«,g (täglich OberhesKsche Zeitschrift ftt L««dwirtsch.ft, Obst- **b GaTteAHa«, sowie die •ieteett Teiseublase« wöchentlich).
Das Blatt erscheint an ein Särgen nachmittags.
Sam-tag, den 28. Februar 1903.^
Gießener
_________________12. Jahrgang.
J«sertt»»-pret -4 Die einspaltige Petcheile für Gietzcu wü ganz Oberh'efsen. die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psg sonst 15 Pfg : Reklame, die Petilreile 30 resp. 40 Psg
VoftzeitungSliste No WSS.
Redaktion und Expedition: Siebe» Neue «weg BS frenttrvdiewf*!»# Nr, Ml.
Deuefle Dachrichten
«Met»er Uagesratt) IlnaShângi-e Lagesjeitung (Lietzener Weitung)
für Oberhefieu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Hingebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Obersten.
Die Politik
Des Kronprinzen Abschied von Bonn.
|::| Die feierliche Exinatrikulation des Kronprinzen hat nunmehr in der Aula der Bonner Universität staltgc- funden Dem Akte wohnten von fürstlichen Persönlichseiten die Tante des Kronprinzen, Prinzessin Victoria Mi Schaumbnrg-Lippe, Prinz Eitel Friedrich und Prinz Aldols zu Schaumbura Lippe bei. Der Rektor der Universität, Geheimrat Zitelmann, richtete an den Aron- orinzen eine Anspract^e, auf lvelche dieser mit herzlichen Worten des Dankes für die Lehrerschaft und die Studie- enden antwortete. Ter Kronprinz sprach ferner sein Bedauern darüber aus, daß es ihm wegen Vertretungen mb anderer Verhinderungen nicht vergönnt ivar, derar- ig in die Wissenschaft cinzudringen, wie er es wohl Vivollt hätte. Er hoffe jedoch, burd) eifriges eigenes itubiuni diese Lücke 511 ersetzen Ter Kronprinz schloß hit Peru Wuu'che, daß seine liebe Universität Bonn oachse, blühe ui:b gedeihe für viele Jahrhunderte. — Abends verabschiedete sich der Kronprinz in einer of- iziellen Kneipe von seinem Korps. Inzwischen ist er int hem Prinzen Eitel Friedrich in Berlin eingetroffen, wn ,wo dieselben am Sonntag ihre Reise na cf) dem Trierst an treten. Tie Flihrt geht 'unächsl nach Korfu, 00 hie Ankunft am 5. März erfolgt. Die nächsten Sta- ionen sind Korinth, Athen, Konstantinopel.
Prinzregeut Luitpold rcgicrnngsmüdc?
) ( Aus politischen Kreisen in München wird uns ge- chriehen: Tie Gerüchte, daß der Prinzregent Vui tpotb ccgienmgsmüde sei und sich mit RücktrittSgedanken trage, vollen hier nicht verstummen. Den äußeren Anlaß für ^icse Gerüchte gibt der Uiusfaud, daß der Prinzregent HM ununttelbar nach dem Ab'chluß der jüngsten Mi- niperTvifc ins Hochgebirge begab und bei der Feier des bierÄgstündigell Gebets, einer Zeremonie, an der er bisher stets persönlich teilgenonnnen hat, durch den Prinzen Ludwig vertreten ließ. In Kreisen, die dem Hofe nahe eheu, wird erzählt, daß der Prinzregent entschlossen ! 'i, Ferrits an seinem Geburtstage, welcher auf den 12. März fällt, von der Regentschaft zurückzutreteu. Sollte sich dies bestätigen, so würde, wie man zuversichtlich glaub), eine hinreichende Mehrheit in der Kammer bereit sein, eine Versassnngsändernng zu bewirken, die eS er möglichte, dein Prinzen Ludwig die Königswürde zu üb^rttagen. Cb die AbdankungSgerüchte begründet sind, I Hft nicht mit Sicherheit 511 erfahren. Die Ungläubigen ueifen darauf hin, daß die Umwandlung der Regent schaff zum Kölngstum schon wiederholt zur Erörterung aestellt, aber regelmäßig an dem entschiedenen Wider Gruche des Prinzregemen gescheitert ist. Auch meint man, daß der von einem hohen Pflichtgefühl beseelte Re teilt, nachdem er nahezu 17 Jahre die Bürde seines AmteS getragen, jetzt noch an bern Ende seiner irdischen Laufbahn so schwer wiegende Veränderungen nicht wirb j herbeiführen wollen. Andererseits spricht gerade das Hoh? Alter des greisen Prinzen dafür, daß er das Bedürfnis 'Mpfindel, sein Leben in Ruhr zu beschließen. Im bah- lischen Volke ist der Gedanke der Umwaudluug der Regentschaft zum Königtum entschieden populär, um so uchr, als noch garnicht abzusehen ist, wann der unglück- iche König Cito von seinem Leiden erlöst werden wird.
Erkrankung des Papstes.
::: Der Papst ist infolge einer Erkältung nicht unerheb ich erkrankt. Trotz des Abmahnens des Leibarztes Lap poni bestand der Papst aus den Empfang des diplomatischen KorpS, dessen Dekan, der portugiesische Botschafter, eine Adresse verlas. Ter Papst, dem man die Abspannung 00hl ansah, wußte sich zu beherrschen und erwiderte ei nige Worte des Tankes. Professor Lapponi bestätigt, daß Der Papst erschöpft sei, glaubt aber nicht, daß ein Grund zur Beunruhigung vorliege. Cb indessen die Krönungsseier im 3. März stattfinden kann hängt ganz von deni weiteren Verlauf der Dinge ab.
^èochmals Babel und Bibel.
$ Ueber die Entstehungsgeschichte des kaiserlichen Brie red an Admiral Hollmann, in dem der Kaiser seine Stel üng zu der moderueu kritisch theologischen Forschung barlegt, werben jetzt nähere Einzelheiten bekannt. Des Kaisers Teilnahme an Delitzsch' Vorträgen hat in ' kirchlichen Kreisen von Anfang an lebhafte Besorgnisse ; Zweckt, und es verlautet, daß eine unbeschreibliche Hoch 1 stut von Anfragen, erschütterten Briefen, beweglichen ; Vorstellungen an den Kaiser und an die Kaisenn ge- angten, die als bibelgläubige Christin bekannt ist. Es )eißt sogar, die Kaiserin selbst habe schließlich ihren Ge naht gebeten, durch ein öffentliches Bekenntnis zum festen Glauben die Gemüter zu beruhigen. Schließlich ub der Kaiser die Gegenfüßler Delitzsch und Tryander j. s. w. zu einem Diskussionsabend ins Schloß. Nach 'Dieser Aussprache zwischen dem Cberhosprediger und dem Professor hat dann der Kaiser seinen Brief an Admiral Hollmann _ geschrieben. Kreise, die es wissen können, sa
gen, die Sache habe ibn außeroröcntltd) bewegt, bis er schließlich im Geiste damit fertig wurde und mehrere Stunden hintereinander in emsiger Arbeit seine Mei nungen 1111b Bekenntnisse zu Papier brachte, die bann in Form jenes Briefes an eine Anzahl ihm Näherste hender geschickt mürben.
Der neue Cbcrpräfibcnt von Posen.
0 Amtlich wird nunmehr ßemclbet, daß der Regierungspräsident v. Waldow in Königsberg zum Oberpräsi benten der Provinz Posen ernannt worben ist. Tie Wahl des Monarchen ist mithin auf keinen der hohen Beamten gefallen, die als Kandidaten für die Nachfolgerschaft des Herrn V. Bitter genannt worden sind, was nicht ausschließt, daß mit einem ober dem andern von ihnen verhandelt worden ist. Herr v. Waldoiv hat bis vor drei Jahren in Königsberg als Oberpräsidialrat und als Stellvertreter )es Oberpräsidenten fungiert, um dann an Stelle des Re- gierungspräsidenten Tieschowitz v. Tieschowa das dortigc Aegierungspräsidium zu übernehmen. Er steht im Rufe iues vorzüglichen Verwaltungsbeamten; politisch ist er kaum hervorgetreten.
Bleibt Wismar deutsch oder wird eS schwedisch?
^ Eine äußerst merkwürdige Frage, die von Zeit zu Zeit aiis dein Raritäteuschrank der Politik hervorgeholt unb den stauneiiden Völkern vor Augen geführt wirb, ist die Frage nach der Staats- oder Reichszugehörigkeit bei Stadt WiSmar. Wie, die wäre streitig? Wismar ist med lenburgisch unb Mecklenburg gehört zum Teutschen Reich^ also gehört Wismar zum Teutschen Reich. Mit nichten, es gehört 50 Schweden, denn bis vor einem Jahrhundert befand es sich in unanfechtbarem schwedischen Besitz und am 20. Juni 1803 hat Schweden Stadt unb Herrschaft Wismar, welche dem nordischen Königreich durch den tv?st- fälischen Friede)! zu-gefallen waren, nicht etwa an Mecklen bürg abgetreten, sondern für die Summe von 1 258 000 Taler verpfändet. Nnn sind die hundert Jahre abgelaufen, und was nun? Tem Berti ehmen nach sind Verhaiidlungen ini Zuge, welche daraus abzielen, daß Schweden gegen eine Entschädigung seitens Deutschlands auf jedes Rück- kaussrecht verzichtet. Wie mau versichert, ist es der junge Großherzog von Meckleiiburg-Schwerin, der bei seiner lep teil Anwesenheit am dänischen Hofe durch König Christian die Unterhandlungen mit Schweden eingeleitet hat. Letzteres soll vorgeschlagen haben, lMS Teutsche Reich möge als Entschädigung für den Verzicht Schlveden das Vorzugsrecht einräumen, daß während hundert Jahren der schwedische Handel in beii deutschen Kolonien die gleichen Rechte genießen solle, welche der deutsche Handel genießt. Auch Kaiser Wilhelm soll die Angelegenheit bereits mit dem Großherzog Friedrich Franz unb dem deutschen Gesandten in Kopenhagen besprochen haben. So ist denn alle Aussicht vorhaudeu, daß die Wismar-Frage in kurzem endlich ans der Welt geschafft wird.
Kurze politische Nachrichten.
♦ General v. Werd e r wurde aus Aulaß seines achtzigste)! Geburtstages vom Kaiser durch Verleihung bei Kette zum Großkomthurkreuz des Hohenzolleruschen Haus ordens ausgezeichnet. Ter Monarch überbrachte die Te toration mit seinen Glückwünschen bem General persönlich
* Kriegsminister v. Goßler erklärte in der Budget kommission des Reichstags, daß zur Einführung des Rohr rücklaussystems bei der Feldartillerie keine Veranlassung vorliegt.
* Aus Veranlassung des Kriegsministeriums werben fortgesetzt Versuche mit feldgrauen Tuch arten gc macht, die für eine Ncuunisormierung des Heeres geeignet sein könnten.
* Ans Peking wird gemeldet, daß der Kaiser und Die Kaiserin - W it w e zum erstenmale europäische Kleiber anlegten und erklärten, daß, wenn die Neuerung sich bewähre, der ganze Hofstaat solche Kleider tragen werde.
Deutscher Reichstag.
2GU. Sitzung. Eigener Bericht.
— Reform der Krankenversicherung. —
Die Kranlenversichevungsnovelle soll, wie der Staatssekretär Graf Posadowsky in seiner Begründung her- oorhob, lediglich eine Staffel auf beut Wege zu einer weiteren Vervollkommnung der Sozialreform sein. Es ist beabsichtigt, alle einzelnen Versicherungsarten — Kranten, Unfall und Jnvaliditätsversichernng in eine allgemeine Arbeiterfürforge umznwandeln. Ab?r hierzu sind die Vorarbeiten noch nicht weit genug gedie Heu und die Zeit ist noch nicht reif. Einstweilen sind folgende Verbesserungen vorgesehen: Ausdehnung der Un terstützungszeit für Kranke von 13 auf 26 Wochen, Ausdehnung der Unrerstützungszcit für Wöchnerinnen von 4 auf 6 Wochen unb schließlich Unterstützung von Geschlechtskranken. Abg. Gamp 'Ne ichs P., beschäftigt sich eingebend mit der geringen Besoldung der Aerzte in den Krankenkassen. Als er die Behauptung auf stellte, die Landwirtschaft trage die obligatorische Krankenversichc-
ini Herzen, antwortete die Sostalbcmauatie mu lautem E^lüchter. (Kamp rief ihnen deshalb zu, sie uiöch ten ihr törichtes Lachen sein lassen; er wurde aber von den! Präsidenten Grafen Bal lest rein belehrt, das Lachen von Mitgliedern dieses Hauses sei niemals töricht Der Abg. Dr. S pahn wäre mit der Vorlage ein verstau deu, wenn nicht die Geschlechtskranken ebenfalls unter' stützungsbercchtigt geworden wären Der Abg. Molken bu hr dagegen verlangt, daß die 'Ilpothe kerfrage geregelt werde und bestreitet die Proletarisierung der Aerzte binch die Krankenkassen. Der nationalliberale Abg. Ende- ina n r war der Ansicht, daß man bei der weiten Verbreitung der von Spahn erörterten Krankheit den Widerstand gegen die Unterstützung Geschlechtskranker nicht aufrecht erhalten könne. Tie weiteren Redner, die Abgg v. R ! cl) 11) 0 f c ii, Lenz 111 a n n, H 0 f m e i st er , v. E z a r li n s ki und H 0 f in a n n-Dillenburg waren im we sentlicheu mit dem Entwurf einverstanden. In der wei leren Debatte erklärte Graf Posadowsky, eine ein heitliche Organisation der ländlichen und der industriellen Arbeiter sei unmöglich. Die Geschlechtskranken mußten in das Gesetz einbezogen werden, durch weitergehrnbe Wün-sche könnte das Gesetz nur gefährdet werden. Das Gesetz wird baim an eine Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen.
preussischer Landtag.
Daus der Hbgeordneten.
32. Sitzung. 1 Eigener Bericht
— Die Repräsentationspflicht des Präjidruteu.
Bei ter Beratung des tzerrenhausetats bemerkt der Zcutruinsabg. Dr. H a u p t m auu , daß der Bilderschmuck zu wenig aus die Bedeutung dieses Hanfes hindente. Dann kam die Repräsentationspfllcht des Präsidenten des Abge ordnetenhanses zur Sprache, der nunmehr die neue Dienst Wohnung beziehen muß unb mit 15 Mark Tiätcn wohl uicht austommeu sönne. Sämtliche Abgeorduete, mit Aus uahme des Grafen L i mb u r g - Stiruni, waren mit der (Gewährung von höherer Entschädignng einverstanden. Zum Schluß tarnen (SingelWünsche betr. der Eisenbahnen zur Sprache. Daniil if^ der Eisenb»hnetat erledigt.
Hus dem Gerichtssaal.
§ Eine herzlose Wette. Vor dem Eharlottenburge! Schöffengericht hatte sich ein Student B. wegen Miß Wandlung zu verautworteu. Bei einem Biergospräch über Die Abhärtung, der sich die spartanische Jugend unter ziehen inußte, hatte er behauptet, es gebe auch jetzt noch Knaben, die freiwillig Züchtigungen über sich er zehen ließen; er wette, daß sich ein derartiges Kind fwibc. Man nahm die Werte an. Es gelang dem Studenten, einen Knaben aufzutreiben, der sich bereit er klärte, sich achtzehn Stockhiebe gegen Zahlnng von 2,5b Mark versetzen zu lassen. Diese Prügelei wurde angeblich in der vereinbarte)! Weise vollzogen, und B., der sich von dem miBhanbeltcn Knaben eine Quittung über d-as Geld geben ließ, gewann die Wette. Tie Sache gelangte aber zur Kenntuis des Vaters des Kindes, der sodaun Den Strafantrag stellte. Tas Schöffengericht verurteilte Den Stubeiiten zu 50 Mk. Geldstrafe.
§ Der Korvettenkapitän z. T. Keyser war in geheimem Verfahren von dem Kriegsgericht der zweiten Marine- Inspeltion zu Wilhelmshaven zu drei Monaten Festungshast verurteilt worben, weil er durch Ungehorsam gegen einen Befehl in dienstlichen Sachen Gefährdung ihni anvcr- trauter Gegenstände herbeigefüyrt habe. Nach dem „Hann. Sour." ist anzunehmen, daß es sich ursprünglich um mehr als ein einfaches Dienstvergehen gehandelt haben muß, Da in Wilhelmshaven während der Verhandlungen eine Ruffin (?) wohnte, die als Zeugin vorgeladen war.
^ab und fern. -
• Prinzessin Luise von Toskana soll, wie Mr on in Brüssel verbreitet, mit ihrer Familie Darüber einig fein, )aß die Entbindung auf einer der Vejtjun en ter Familie Toskana in Oesterreich ober Vapern erwartet weeben fo.l. Die Großherzogin von Toskana werbe ihrer Tochter nach deren Abreise aus der Heiland alt La Metairie entgegen* fahren. Dagegeu sei es nach wie vor aussichtslos, daß der sächsische Hof den Bitten der Prinzessin betreffs eines Wiedersehens mit ihren Kindern nach geben wird.
Ein deutscher „Todessnhrer" wirb sich von jetzt an im Berliner Zirkus Busch dem Publikun! zeigen. Nachdem oisher alle Versuche, die Fahrt in der Schleife looping the loop; nachzuahmen, mit der sich der Amerikaner Tiavolo auf her ganzen Erde berühmt gemacht hat, mit mehr oder weniger unglücklichem Ausgang für Die rollkühnen Fahrer gescheitert waren, ist es je^t dem nul'cheu Meisterfahrer Paul Mündner geglückt, den Tric Tiavolos r!achznahmen. Mündner hatte, trotzdem er sich bei einem ersten Versuche fest den Hals