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Nr. 23 Erstes Blatt. Mittwoch, den 28. Januar 1903.

12. Jahrgang.

Sbon«emr«töprciö : in Gießen, abgehott monatlich ö0 Pfg., n'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­jährlich Mt. 1 50.

SratlSbellazcu: Oberhesfische ^amiliewieitneq (täglich) DLerheffifche Zeitschrift für LasLwirtschaft, Obst- **b Sarteaba», sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).

DaS Blatt nid eint an allen Werttagen nachmittag-.

3*fertiDx»ptei S: Tie einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen. die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg wnst 15 Pfg.,- Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

(Gießener Tageökatt)

H1n«lb!iängige Tageszeitung

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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeèger für Grefieu und Uingedimg.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oborhesen.

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Die lex Köhler-Langcdorf.

Dec Zweiten hessischen Kammer liegt bekanntlich 1 in Antrag des Herrn Abgeordneten K o h l e c. L a n q s - ; ) o rf vor, wonach die Staatsregiecnng aufgesordcet i vied, neben der bisherigen ordentlichen Professur für Qationülöfonoinie an dec Landesuniversität eine zweite ,u errichten und diese mit einem Gelehrten zu besetzen, )er agrarische Anschauungen im Sinne des Bundes der Landwirte vertritt. Es ist nichts Neues, baß in unseren )eutschen Parlalnenten von bestimmten Jnteresscnten- 1 nippen die Ecrichtung po litischer Professurcn gefordert wird. Unter Anderem ist das wiederholt luch im Preußischen Landtage geschehen Dort hat dec etzt verstorbene, sreikonservative Großindustrielle Frei- lerr von Stumm wiederholt verlangt, daß den berliner Nationnlbkonomcn Adolph Wagner und Z u st a v S ch m oller, die zu arbeitevfreiinblidi seien, Professoren zur Seite gestellt wurden, die den Unten lehmcrstandpunkt dec rheinisch - westfälischen Groß­industrie zu vertreten versprächen. In der Bayrischen Kammer haben die Bauernbündlec die Münchener Pro­fessoren Brentano und Lotz auf das heftigste an­gegriffen und von'der Regierung verlangt, daß bei der Berufung von Dozenten deren wirtschaftspolitische Stellung genauer als bisher geprüft werden möge. In Baden sind die Vorschläge dec Fakultäten, die den Breslauer Nationalökonomen Sombart in erster Linie nominierten, an dem Widerstand der Regierung gescheitert. Aehnliche Vorgänge der Art sind in Fach­kreisen ein öffentliches Geheimnis. Sie betreffen im klebrigen nicht nur das besonders exponierte Fach der Nationalökonomie, sondern auch die Disziplin des Staats rechts, der Philosophie und die gesamte protestantische Theologie. Was die Theologie an betrifft, so haben bestimmte rechtsstehende Parteirichtungen bereits große Erfolge zu verzeichnen, namentlich in Preußen. Dort hat man „Stra f.- p r o f c f f u r e n" geschaffen, um kirchlich liberal gerichtete Fakultäten in Schach zu halten. Die Fakultäten, die immer wieder nur die wissenschaftliche Befähigung für die Besetzung der Lehrstuhle ausschlaggebend fein lassen wollten, haben es nicht verhindern können, daß man ihnen Professoren einfach octroyiert hat.

Insofern politische und kirchliche Richtungen die Freiheit der Wissenschaft zu untergraben suchten, ist also der Antrag Köbler-Langsdorf, der demnächst die Zweite hessische Kammer beschäftigen soll, nichts Neues. Dieser Vorstoß ist vielmehr nur ein Glied einer langen Kette parlamentarischer Hebelgriffe in die historisch altbewährten Rechte der deutschen Universitäten und in das verfassungsmäßige SelbstbestimmungScecht der vor­gesetzten Ministerien. Indessen ist Herr Köchler- Langsdorf nicht dabei stehen geblieben, der Staats- regierung nur eine bestimmte Richtung, die sie zu be­rücksichtigen habe, vorzuschreiben, sondern ec ist noch einen Schritt weiter gegangen. Einmal hat er die beiden Gießener nationalökonomischen Dozenten als im Händler- und Börsenstandpunkte befangen Eingestellt, ec hat sie ferner bei dec Studentenschaft als einseitig- Verbohrt denunziert und sogar den Versuch gemacht, die Schüler gegen die Lehrer auszuspiclen. Auch dabei hat er sich noch nicht begnügt ; denn er hat dec hessischen Stoatsregierung und dec Kammec einen bestimmten, mit vollen! Namen genannten Kandidaten, Herrn Pro­fessor Dr. Ruhland, früher Privatdozenten an der Universität Zürich, dann Professor an dec Dominikaner­lehranstalt zu Freiburg in der Schweiz und national- ökonomischer Experten beim Direktorium des Bundes der Landwirte, als besonders qualifizierten Gelehrten und Dozenten für den neuen Lehrstuhl in Vorschlag ge­bracht. Es ist also dem hessischen Parlament Vor­behalten geblieben, sich mit einem Anträge beschäftigen zu müssen, der nicht nur in der Schaffung einer aus­gesprochen politischen Professur, sondern auch in dec Berufung einer ganz bestimmten Persönlichkeit gipfelt.

Es liegt uns fern, auf die hier gestellte Personen' frage einzugehen. Was uns und weitere Kreise interes­siert, ist nur die Feststellung der Thatsache, ob Professor B i e r m e c wirklich „b mecnfeindlich-manchesterlich" und Herr Professor Ruhland wirklich ausgesprochen agrac- schutzzöllnerisch im Sinne Köhlers und seiner Partei sind. Wir können uns bei der Festlegung dieses Tat­bestandes von einer ausfallenden persönlichen Polemik frei halten; denn beide Autoren, B i e r m c r und R u h land, Haden zudem Getceidezollproblem, das ja gegenwärtig im

Mittelpunkt der Diskussion steht und für die lex Köhler- Langsdorf ausschlaggebend war, litterarisch Stellung genommen.

Professor Dr. Bier m c r - Gießen hat v o r z w e i Jahren im Mittelrhcinischcn Fabrikantenverein zu : Mainz über die Getreidezölle einen Vortrag gehalten, der in Druck vorliegt. Wir geben hier den wich­tigsten Passus wörtlich wieder. Obgleich sich feit jenem Vortrag in unserer zollpolitischen Situation sehr Vieles geändert hat, verdienen die Ausführungen BiermerS auch heute noch Beachtung, umsomehr, wenn man sic mit denjenigen Ruhlands, die wir nachher ab­drucken, in Vergleich stellt.

Professor Biermer sagte am 17. Januar 1901 in feinem Mainzer Vortrag wörtlich Folgendes:

Uhr hat noch Niemand bewiesen, daß die AgrarkrinS. soweit sie sich alS Folge deS russischen und tranSoceanischen Wettbewerbs leigt, auch in Zukunft in gleicher Stärke erweisen wird. Aber auch wenn daS amun hmen wäre, wüidc ich dock. zumal auch der Bauernstand in Mitleidenschaft g wgen und in großem Umfange proletarjsiert würde, die allerernstesten volkswirtschaftlichen Bedenken Nagen zu einer solchen Wirtschaftspolitik, die das landwirttchastlicke Olewerbe mit seiner großen sozialen Bedeutung seinem Schicksal überließe, zuzustimmen Wenu rS Mittel giebt, eine Klasse zu retten, ohne daß b'efe die gesamte volkswirtschaftliche Eutwickelung stören unb a^shalten, so dürfen dieseMrt'el nickt unversucht bleiben. Die brit.sche wir fckuftliche Entmickel ng ist tür mich kein unb.- dingteS Ideal Ich sehe in einer Nation, die einen landwiltscha'!- licken Grunddesitzerstand hat, der mit der Scholle verwachsen i t und der Träger listor'scher Traditionen ist, ein gesundes Gegen - ewicht gegenüber den Mächten deS allzu stürmischen Fortschritt S. Dtir scheint, unsere nächste Aufgabe kann nicht sein, die Flinte in'S Korn zu werfen. Zum minbeften gilt eS. Zeit zu gewinnen für daS g oße We>k der inneren Kolonisation, und für diese Zeit bedürf n wir • inen Krisenschutz, der langsam in die neuen wirtschaftli den Verhältnisse überleitet. Ist eS erwiesen, daß seit den Cap » wischt n HandelSve»tragen mir der Ermäßigung der Getrridèjölle biv Vnar unserer Landwirte sich w'i'e'HIn ve schlechtert hat, so «mft — daS ist die Oaup'thcsiS. die ich hie eei treten will — wenigstens der Be such gemacht werden ^b wir brauchbare Handelsverträge zu Stande bringen mit einer mäßigen Erhöhung der Getieidezölle.

Der Zollsatz von 3 50 Mk. wird heute vielfach wie >iuc heilige Zahl angesehen. Selbst ein Abgeordneter, der zur süddeutsch,» VolkSpa^tei gehört, also zu derjenigen bürgerlichen Partei, die bic wei'gebendsten sozialpoliiischsn Forden'ngen in ihr Programm auf aenommen hat, erklärte vor Jahresfrist in euer öffentl chen V r s 'mmlung. daß er ni! t einzusehen vermöge, w rrum der durch die E qnivischen HandelSverträae oeschaftene Zollsatz der unverrückbare Punkt hin müsse, um den sich die handelspolitische Diskussion drehe Bei einem Zollsatz von 5 Mk in der Aera deS autonomen Sari so ' hatten wir längere Zeit annehmbare handelspolitische Beziehungen n it unseren Nachbarn. Unleidlich war daS Verhältnis eigentlich nur mit den Vereinigten Staaten von Ainerika geworden. Daß sich ein solches unleidliches Verhältnis wiederholt, daß i' Union es wieder mit Prohibitivzöllen versuchen wird, ist auch bei der bloßen Erneuerung der Handelsverträge keineswegs ausgeschlossen. Die Meiftbegünstiflungöklausel hindert die ame> ikâni'chen Staatsmänner nach seiner Richtung hin, wiederum zum extremen Schutzzolltarif überzugehen. Und wie ist denn der Zollkrieg mit Rußland ent­standen? Doch hauptsächlich dadurch, daß sich Deutschland Har f genug fühlte, den russischen Koloß zu differenzieren, d. h. zollpo'itisch anders zu behandeln wie Oesterreich-Ungarn.

Ist eS rittig, daß Rußland und Oesterreich-Ungarn den Zoll- fü^ von 3,50 Mk., ricfit als condicio sine qua non betrachten, so nt co auch nicht ausgeschlossen, daß annehmbare Handelsverträge zu Stande kommen, zuinal da bet Handelsveiträgen auch politische Momente mitzuspielen rflegen Wir wissen über die gegenwärtige auswärtige Politik freilich so gut wie nichts. Auf Uebenaschungen müssen wir tagtäglich aeiaßt sein, auch auf demjenigen Gebiete, wo handelspolitische und weltpolit scke Gesichtspunkte zusammen treff n. Auß'tdenr hat sich an der Thatsache nichts geändert ban d'e russischen und ungarischen Ko ntammern auf den Absatz in Deutscklond angewiesen sind "

^Selbstverständlich kann nur von einer mäßigen Tariferhöhung die Rede sein. Einen Getreidezoll von Mk. 7.50, wie ihn unsere Agrarier heute verlangen, würde mit tödlicher Sicherheit zum Zollkriege führen, wenigstens mar das der Satz, mit dem wir den letzten Zoll­krieg mit Rußland auszufechten suchten. Tic grundsätzliche Forderung der Landwirte, daß der Agrarschutz so kräftig sein müsse, daß er wieder die Inlandspreise der 70er und 80er Jahre bringe und damit eine willkürlich festgesetzte Rentabilität eines tatsächlich fiktiven Gnlnd- wertes gewährleiste, ist natürlich schlankweg von der Hand zu weisen. Ein Programm, das solche Postulate acceptirt, verkennt alle ©runb- lagen der deutschen Volkswirtschaft, verlangt von der Diplomatie Unmögliches und tritt geflissentlich den sozialpolitischen Zug unserer Zeit mit Füßen.

.Bei einem 5 Mark-Zoll -- das ist ja der Satz in beni in alle Himmel gehobenen autonomen Tarif von 1887 — wird sich die be­sonnene Minorität der landwirtschaftlichen Interessenten zufrieden geben müssen. Er bessert unter sonst gleich bleibenden Verhältnissen die Getteidepreise auf, ohne daß co wahrscheinlich ist, daß sofort auch der Grundwert wieder steigt. Der höhere Zoll heilt natürlich die Agrar­krisis nicht. Unter den jetzigen Besitzverhältnissen ist diese Krisis über­haupt unheilbar. Er stellt nur eine Konzession der Gesamtheit zu Gunsten eines notleidenden Teils dar auf Kosten der Gesamtheit. Wenn diese Konzession erkauft werden kann durch eine gleichzeitige Verkehrsreform im großen Stil, so ist sie wahrscheinlich nicht zu teuer ersauft. Ader auch in dem Falle, daß die Landwirte das belfere Ge­schäft machen, der Osten zu Gunsten des Westens profitin, den land­wirtschaftlichen Produzenten zu Ungunsten der Masse der Konsumenten geholfen wird, vermag ich den Kompromiß nicht von der Hand zu weisen. Es gibt Perroden, wo der Wohlfahrtsstaat einem Teile nur dadurch unter die Arme greifen kann, indem er die Uebrigen voniber-

Postzeitungsliste No 3269.

Redaktion und ^yebition : Gießen Neue u w e g 2 8.

fsernsprrchanschluß Nr, 362.

(Gießener Bettung)

gchcnd schädigt. Auch bei den industriellen Schutzzöllen ist das an­fänglich der Fall. Ter JndnstriczoU lind der Agrarzoll sind, wie all­gemein besannt, sehr verschiedene Tinge. Tas eine ist eine Enichungs maßregel, das andere eine Notftandsmaßregel Verwandt sind beide nur dadurch, daß sie vorübergehend gedacht sind. Ten agrarischen Krisenschutz brauchen mir so lange, bis mir über bic dauernden Ursachen der Agrarkrisis unterridjet sind Einen plötzlichen Ansturm des aus ländischen LLettbewerbS sind mir berechtigt abzuwehren. Zeigt sich, daß die ausländischen Produktionskosten so niedrig bemessen sind unb dauernd niedrig bleiben, so daß sie trotz erhöhten Zolls den Markt beherrschen, so merben wir wohl oder übel ben Wettbewerb aufgeben müssen. Aber auch in dem Falle, daß bic ausländische Konkurrenz in der nächsten Zeit ganz von selbst nachläßt, ist der Agrarschutz nur ein vorübergehendes Mittel.

Ich meifi sehr wohl, daß ich mit meinen bisherigen Erörterungen gegen zwei Grundlehren, die ich in meinen theoretischen Vorlesungen den Studenten oortrage, verstoße. Tic eine Grundlehre ist bic: Ein wirk­lich wirksamer Agrarschutz, der die Rentabilität des landwirtschaftliche» Betriebs steigert, nützt den Grundbesitzern nur so lange, als der durch diese Maßnahme erhöhte Grundwert bei Kauf ober Erbteilung noch nicht 311 Tage tritt. Tcr zweite Lehrsatz gehört dem Gebiete der Sozialpolitik' an unb lautet: Der Agrarschntz, wenn er wirksam fein soll, verteuert ben Preis der wichtigsten Nahrungsmittel nub ist des wegen sozialpolftisch unihobmi unb bedenklich.

Was ben ersten Verstoß aubetrifft, ja ist er von viel weniger aktuellem Interesse als b* r zweite. Das wirtschaft icke Gesetz, daß eine steigende Rente den Wert der ProdumonSsiättc erhöht, ist un­zweifelhaft richtig. Das gilt sowohl non der Grundrente als von der Fabrikrente. Der Industrie,zoll führt aber zur Vergrößerung des Betriebs, zur.Verbesserung desselben und zur Erweiterung des Absatzes. Ter Agrarzoll tut das der Natur der Sache nach nicht, sondern macht nur das Produkt absatzfähiger. Nun ist nachweislich der Bodenwert, soweit derselbe für den landwirtschaftlichen Betrieb in Frage kommt, nach einer langen Periode rapider Steigerung nickt weiter gestiegen. Er wäre wahrscheinlich längst gesunken, wenn co einen bewegliche» Markt für große Güter gäbe, wenn der Besitz wechsel größer wäre, wenn die Landwirte kaufmännisch besser zu rechnen verständen, unb wenn mit der Tatsache des Grundbesitzes nicht zahlreiche politische unb gesellschaftliche Vorrechte verknüpft wären, die man als Affektionswert kapitalisiert. Inzwischen entsteht im industriellen Westen eine neue Aristokratie, bic ihre überschüssigen Kräfte bem höheren Staatsbeamte»!»»! zu führt. Der waschechte Ostelbier sieht in ihr den Konkurrenten, Schlotbarone, Parvenüs. Der vonvärts strebende Staat, der sich zunehmeiid modernisiert selbst der preußische Staat tut das rezipiert die neuen westlichen Familien. Demi nicht alle Vorfahren können bei Lenthe» gcfoditcu haben. Infolge dieser eigentümlichen Wandlnng verliert die AffcktionspreiSsteigerung der östlichen und nordöstliche» Rittergüter an Bedeutung. Ich möchte annehmen, daß die (yrunbwcrtbcwcgung dort aus dein Beharrungsstaildplinktc angelangt ist und daß, wenn ei »'Loch im Portemonnaie der Großgrundbesitzer zugcstopft wird, nicht gleich, wahr­scheinlich überhaupt nicht, der auch bann noch viel z» hohe Grundivert wieber in die Höhe schnellt. Höchstens wirb ein Fallen der Gr»nd- preife, das schon längst hätte eilt treten müssen, verhütet.

Ich gebe den theoretisch gewonnenen Satz von der Wechsclivirkniig 3wifd)cn Rente und Kapitalwcrt nicht auf. Ich glaube nur, daß die Nutzanwendung in unserem Falle nur mit äußerster Vorsicht gezogen weiden darf. Bei einer mäßigen Erhöhung des Getreidezollcs versagt wahrscheinlich die theoretische Regel. Bei einem Satz von Mk. 7.50 wirkt sic dagegen unzweifelhaft in voller Kraft.

Ganz anbei» ist dec Standpunkt des Herrn Prof. Dr. Ruhland. Dieser Hccc hat 1894 einen „Leit­faden zur Einführung in dos Studium dec Agrar­politik" hecausgegeben. Auf Seite 28 desselben be­handelt Herr Ruhland die Getceidezollfcage mit folgenden Worten:

„In der Hauptsache verbleiben uns jene Maßregeln, welche auf eine Steigerung des landwirtschaftlichen Einkommens abzielen: sei co durch Steigerung der Prodnklenprcise mittelst Schutzzolls und Doppel­währung, sei es durch Mindcnmg der Lasten mittelst Steuernachlässe und Verbilligung des ftrebito.

Nehmen wir nun wirklich einmal an, daß sich all diese Forder­ungen im einzelnen als berechtigt begründen ließen und daß sie von feiten der gesetzgebenden Körperschaften zur Annahme gelangten, was wäre damit erreicht'^ Zunächst natürlich eine entsprechende Steigerung des landwirtschaftlichen Einkommens. Und nachher? Nun, alle Welt weiß es ja eigentlich. Atan mißt den Vorteil einer jeden einzelnen landwirtschaftlichen Maßnahme ganz allgemein an dem Einfluß auf die Preissteigerung der Grundstücke, in. a. W-, jeder Zuwacks am Einkommen oer Landwirte erhöht in dem entsprechenden Maße den Grundpreis. Und da nach dem übereinstimmenden Urteil sämtlicher landwirtschaftlichen Erhebungen mit dem MuiidpreiS mindestens gleich­mäßig fortschreitend die Verschuldung wächst, ist bic letzte Wirkung all dieser cinkommensteigernden Maßregeln eine entsprechende Erhöhung der Schuldenlast des landwirtschaftlichen Besitzes. Wir sind also vor­aussichtlich in der nächsten Generation genau so weit, wie heute. Unb wenn bic Schutzzöllner konsequent sein wollen, io müssen sie dann eine abermalige verstärkte Auflage ihrer Mittel fordern. Ist auch diese Quote der Einkommenssteigerung von den Grundverpflichtungen verschluckt, dann wäre eine dritte Verstärkung der gleichen Mittel vor­zunehmen u. s. w. ohne Ende. Man sieht: bic L 0gik der Tatsachen führt hier ad absurdum.

Tas Urteil über diese Maßregeln wird nicht günstiger, wenn wir sie im einzelnen betrachten. Für die Schutzzölle ist seit dem Tezembcrvertrag von 1891 die Zeit vorbei, wo man an eine Er­höhung denken konnte. Selbst die Schutzzöllner beschränken sich heute auf die Erhaltung des Bestehenden. Tie Verstaatlichung des Hypo­thekenkredits ist ein zweischneidiges Schwert, denn der Bauer würbe sofort seinen vollen Kredit ausnützen, und, wenn dann magere Jahre kommen, steht der allgemeine Bankrott vor der Türe. Selbst gegen die mit Recht so viel gerühmten Raifieisenschen Tarlehnskassenvereine bestehen unter den heutigen Verhältnissen Bedenken allgemeiner Art, wie die Erfahrungen mit den ritterschafflichen Kreditvereinen im Qsten der preußischen Monarchie zeigen. Tie sehr billige .Kreditgewährung bewirkt, daß bei jeder Handändernng bic ntterschaftlichcn Hypotheken