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Freitag, den 27. November 1903.

12. Iabrqang.

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GMtzIlt «Ke amtliche» Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden Wi Oberheßev

^acbhlänge zum Kwikchi prozess.

Kss. Berlin, 26. November.

Volkes Stimme, Gottes Stimme! Das Wort wird viel siliert lind fast ebenso oft mißbräuchlich angewendet. Aber raemi es jemals zutraf, so in dem Prozeß, der eben nach ztzMztgtägiger Verhandlung int Moabiter JustiKälast zu Ende gegangen ist, im Prozeß Kwilecki. Hier deckt sich die Wfvftimnie, die den Freispruch gebieterisch forderte, die MMmnie, die in dem Spruch der zwölf Männer auf der ^schworen enbank zum Ausdruck tarn, auf8 Haar mit dein Waich, den unparteiische Gerechtigkeit erheischte. Tie Un- )oW der Angeklagten, namentlich der Gräfin, ist nicht er- tut efen. Aber ebensowenig ihre Schuld, und was zu Gunsten dlvr Angeklagten sprach, wiegt schwerer als das, was sie be leistete. Deshalb war es Gewissenspflicht der Geschworenen, ton Angeklagten die Freiheit wiederzugeben.

Man muß die Szenen gesehen haben, die sich bei der Serbin billig des Urteils im Gerichtssaale, die sich draußen Mr beut Hause, auf dem Platze, wo der Löwe „Recht" bi3 Schlange „Verbrechen" zertritt, abspielten, wenn man einen Megriff von dem Begeisterungsstürme haben will, ben dieser Freispruch der Geschworenen hervorrief. Im Saale bot die UlrtMVerkündigung ein dramatisch bewegtes Bild: Fast drei ^hinben, nachdem sich die Tür des Beratungszimmers hinter teilen geschlossen, schritten die zwölf Richter aus dem Volle rFjeder zu der Bank, auf der sie so lange, um die Ermittelung Les/Rechts bemüht, ausgeharrt. Atemlose Spannung im frugen Saale, selbst auf den Gesichtern der Richter und der SMsanwälte malt sich die innere Erregung. Und auch > ie Verteidigung verrät Spannung und Nervosität. Nur ehe siebt gleichmütig, seelenruhig, gelassen drein, als ginge fU^et Spruch nicht das mindeste an: die Hauptperson des ' &ow8, die Gräfin. Diese Frau kennt keine Wernen; der UMblick, b?r über ihr und ihres Hauses Schicksal ent * äeibd, findet sie, die Lorgnette auf den Gerichtshof riägend, ^.vollster Selbstbeherrschung und keine Miene verziehend. Oie am deren Angeklagten sind etwas nervöser, nur die alte Lisowska, die sich selbst des Meineids bezichtigt hat, sieht iHicHmlos und stumpfsinnig wie immer vor sich hin.

Tü spricht der Obmann der Geschworenen das erlösende C:rjte „Nein!", und die ungeheure Spannung, b? atem- Ännnenb auf beni Publikum lag, macht sich in einem viel- h'Ndgrtstimmigen donnernden „Bravo!" Luft. Der Vor- Wltde führt mit scharfen Worten dazwischen, aber erst als öit Obmann zur Beantwortung dèr weiteren Schuldfragen dün-Mund öffnet, wird es stille im Saale. Und ein Nein lut) dem anderen kommt von den Lippen des Geschworenen- Mchers, unterbrochen von donnernden Jubelrusen der i»Pußen auf dem Platze harrenden Menge, der ein fixer Mgraphenbote das Ergebnis mitgeteilt hat^

Ler Obmann bat geendet, und der Vorsitzende Richter Mijndet das Urteil: Freisprechung sämtlicher Angeklagten, die Kosten trägt die Staatskasse! Nun geht es an eine eifrige Mückwünschung der Freigesprochenen: Don all'n Seiten isinfen die Verwandten des gräflichen Paares im Zm fataler raum ihnen zu, mit stolzem, freudigem Lächeln winkt iüie Gräfin, das Taschentuch in der Hand, zurück, der Graf wirft — etwas bonvivantmäßig — den Zeugen Kußhände s^und stolz mit freudestrahlenden Gesichtern stehen die Ver- Mger. Nur eine von den Hauptfiguren des Prozesses iHltâ Gxaf Hektor Kwilecki. Er hat das Urteil nicht erst chewartet . . . Ging er vielleicht die Zeugengebühren- Mnung aufstellen, die er gleich nach der Verhandlung in minutiösester Liquidation dem Gericht einsandte? Er, der Ras Hektor Kwilecki-Kwiltsch, war der einzige von den zur Fiinè Kwilecki gehörigen Zeugen, der sich für seine Zeugen Dslicht. entschädigen ließ von bemielbcn ^taat, dem Haupt- Ml ich er diesen Prozeß und damit eine Kostenlast von j30 000 Mark aufgebürdet hat! Noblesse oblige:

Mit artiger Verbeugung vor Richtern und Staatsanwälten imläßt das gräfliche Paar den dumpfen Saal, hinein in die nutze, regenfeuchte Novemberluft! Aber wie köstlich dünkt teil zehn Monate Ein gekerkerten diese Luft, die Luft der jolbenen Freiheit!

* ♦ *

Mit dem freisprechenden Urteil, das sich mit logischer 'liühücnbtgteif auch auf die angeklagte Ossowska -- trotz ihrer ZelLstèezichtigung — erstreckte, sind — mit einer Ausnahme selbstverständlich auch alle weiteren, in dieser Sache noch [incebenben Verfahren und Untersuchungen erledigt. So dds Verfahren wegen Begünstigung gegen die Freundinnen her Gräfin, Frau v. Kaczorowska und Frau v. Moczenska. Gadzyk und wie diese polnischen Damen alle heißen. Auch )er von! Grafen Hektor Kwllecki geplante Zivilprozeß gegen k Wensierski-Kwileckis. der eigentliche „Kampf um das Nsjorat" ist bei diesem Ausgang der Sache ins Wasser g.e- faUcn Nur eine bleibt als Opfer dieser tragikomischen Mion zurück- die verhaftete Wiensczkowska, die selbst er- flänt hat daß sie in der Voruntersuchung einen Meineid ge- itoren habe. Aber auch ihre Strafe wird, wenn sie uber- hauipt ein tritt nrilde ausfallen. Es kann sich bei ihr nur »M einen fahrlässigen Meineid handeln, für den ihr mildernde llnnijiänbc nicht versagt werden können. . .

Graf Hektor K w i t e e k i hat übrigens in einem «riete.

den Berliner Blätter veröffentlichen, einen beiderseitigen Verwandten beauftragt, der freigesprochenen Gräfin zu er Hären : d^ach dem Erg 'bnis der Beiveisaufnahme bebaute : r , sie auf die A n kl a g eb ank gebracht zu haben.

Berliner Blätter wissen von der Verletzung des Staatsanwalts Dr. M ü ller nach Elberfeld zu be­richten und bringen sie mit Dr. Müllers Auftreten in diesem Prozeß in Zusammenhang. Richtig ist daran, wie unser Ber­liner ^.-Mitarbeiter hört, daß Dr. Möller nach Elberfeld geht. Falsch aber in die Darstellung, als hinge diese Per -etzung mit diesem Prozeß zusammen. Dr. Müllers Versetzung nach Elberfeld war schon lange v o r-bimem Prozeß beschlossene Sache und wurde dem noch sehr jugendlichen Staatsanwalt, der vor ganz kurzer Zeit noch Assessor war, als besondere Aus­zeichnung zuteil. Indessen wird Staatsanwalt Dr. Müller diese Stellung nicht an treten. Er ist vielmehr um seinen A b - schied eingekommen. Und dies ist allerdings eine Folge des Prozesses.

Der fall Scbönburg-^laldenburg.

^ Dresden, 26. November.

Die hiesige Frauenwelt hat wieder einmal ein schier un­erschöpfliches Gesprächsthema, das in aristokratischen Fünf uhr Tees denselben Anklang findet, nne beim fleinbürger lirfum „Memchenkaffee": die neueste fürstliche Ebeirrung iul prinzlichen Hause Schönburg Waldenburg. Was du flinken Zungen da nicht alles zu verarbeiten haben! Bände ließen sich mit dem pikanten Moss füllen. Zwar hat die angebliche Flucht der Prinzessin Alice mittlerweile ein gut Teil von ihrem romantischen NUmbus eingebüßt. sollte sie doch — ein richtiges Kapitel aus einem Hintertreppen rem an ihr Auge aus den schmucken Kutscher geworden haben und mit diesem bei Wacht und Nebel durchgegangen sein. Diese Lesart hat sich nun allerdings als die theatra­lisch aufgeputzte Neuausgabe der alten Tatsache erwiesen, daß die Prinzessin ihren Gemahl verlassen hat schon im August dieses Jahres — und mit ihm in Scheidung liegt.

Trotz dieser Reduktion des Stoffes bleibt doch immer noch des Pikaltten genug übrig. Tie Prinzessin weilt z. St in Sori an der italienischen Riviera, zusanunen mit ihrem einjährigen Söhnchen und in Begleitung einer Baronin Nostiz und . . . eines $emi, der italienischer Offizier ist und schon seit längeren Jahren als der Herzenserwählte der Prinzessin gilt. Dvr Kutswer hat nur das Recht, seine Herrin imb ihren' Galan spazieren zu fahren. Die Geschichte der Ehe des Paares ist von Anfang an recht unglücklich. Prinz Friedrich V. Schönbrirg-Waldenburg trat entgegen dem Willen seiner Familie 1895 zum katholischen Glauben über, wie die böse Welt behauptet, nicht aus innerem Drang, son bern um eine reiche Heirat im österreichischen Hochadel gi machen. Dieser Plan mißlang. Erst 1897 verlobte er sich mit der jüngsten Tochter des in Venedig residierenden Don Carlos, der Prinzessin Alice v. Bourbon, Infantin von Spanien. Schon im Anfang der Ehe soll das Verhältnis der beiden Ehegatten nicht das idealste gewesen sein, wozu auch der große Geiz des Schwiegervaters, der die Schulden des Schwiegersohnes nicht bezahlen wollte, das ieinige bei trug. Die Prinzessin hat die Scheidung ihrer Ehe auch eifrig in Rom betrieben. Es soll Aussicht vorhanden sein, daß die Trennung auch nach katholischem Recht ausgesprochen wird.

So harrt sie frohen Mutes an den anmutigen Gestaden der Riviera einem neuen Liebesfrühling entgegen, während sie — und das ist der Humor von der Sache — von ihrem gestrengen Herrn Papa offiziell für tot erklärt worden ist. Don Carlos, der in Venedig auf seine Berufung zum spa­nischen Thron wartet, teilte in einem Schreiben an die Häupter der Carlistenpartei ihr Ableben mit. Nun hat der unglückliche Vater schon ztvei lebende verstorbene Töchter, denn auch seine Tochter Elvira, die mit dem römischen Maler Folchi durchging, läßt er für tot gelten. Ter einzige Trost beiru Anblick dieses unendlichen Jammers ist für den Zu­schauer die männliche Festigkeit, mit der der edle Don Carlos dem schweren Geschick die Stirn bietet. Er besucht mit seiner Frau das Theater, lustwandelt auf dem Markusplatz, macht Dampferpartien, kurz, er zeigt, daß man es. wenn man nur mit dem nötigen bieten Fell begabt ist, den Verlust einer Tochter nicht schwerer zu empfinden braucht, als den eines Königreichs.

Die Politik.

0 Dern Bundesrat ist der Entwurf einer Neuregelung des Servis-Tarifs und der Klasseneinteilung der Orre zu gegangen Bekanntlich hat der letzte Reichstag in dieser Be Ziehung ein Jrtterimsgesetz angenommen, dessen Geltung am 31 März 1904 abläuft Bis dahin muß die betreffende Materie" gesetzlich und zwar endgültig neu geregelt werden.

^ Das Kammergericht, das in neuerer Zeit mehr­fach entschieden hatte, daß das Tragen und der Berkaus v-u Waffen in Preußen durch P o l i ze i ve r o rdn un g e n nicht geregelt werden dürfe, hat in einem Urtette vom 5 Oktober d. J. nunmehr anertannt, daß das Verbot w wohl wie eine Beschränkung des Tragens und bei Verkaufs von Waffen in Preußen durch PoliLeiverordnung

rechtslvirksam erfolgen kann. Diese Auffassung entsprich!

auch derjenigen des Reichsgerichts.

□ Die neuerdings auf getauchte Meldung, die Regierung plane die Erhebung von Schiffahrtsabgaben auf den uatür licheu Wasserstraßen, gibt den ^wirtschaftlichen Verbänden Veranlassung, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Zu nächst hat die Handelskanuuer für Frankfurt a. M. eine Re­solution gegen das Projekt angenommen. Der „Zentral- oerein für Hebung der deutschen Fluß- und Kanalschiffahrt" hat auf den 9. Dezember eine außerordentliche Hauptver fammlung’ einberufen, um zu der Frage Stellung zu nehmen. Ilebrigens wäre zu einer Erhebung von Schiffahrtsabgabev auf deutschen Stromläufen die Zustimmung des Auslandes nötig, da zwischen Preußen und verschiedenen anderen Liv ton 1868 ein unkündbarer und nur mit allseitiger Ge­nehmigung veränderlicher Vertrag geschlossen wurde, der bie Abgabenfreiheit der deutscher! Ströme festsetzt.

£) In Kapstadt ist eine Nachricht eingetroffen, wonach die Hottentottenhmrpttmge Hendrick Wikboi, Beersiba und Beth an i in Keetmanshoop die Ankunft des deutschen Gorwerneurs Oberst Leut w e i n erwarten, um die ganze Angelegenheit des Hottentotten-Aufstandes zu regeln. Man erwartet, daß eine befriedigen d e Regelung erfolgen werde. Es wird gemeibet, daß nur in Warmbad ein A n f st and gewesen ist.

Z Tor Schmerz der Franzosen nm Elsaß-Lothringen zei tigt immer wunderlichere Dinge. In dem loht tagenden Genera trat des Seinedepartements wurde ein Antrag am genommen, in dem gefordert wird, daß der Wortlaut des im Jahre 1871 von den elsaß-lothringischen Deputierten bei der Nationalversanunlung von Bordeaux erhobenen/Protestes gegen die Einverleibung der Reichslande in Deutschland in dèn Schulen angeschlagen werde. Ebenso fand auch ein wei terer Antrag Annahme, wonach das Votum der National- oerfammlung von Bordeaux, wonach die Verantwortung für den Krieg von 1^70 71 dem K a i f er r e i ch zur Last ge legt wird, in den Schulen angeschlagen werben soll.

0 Im ö sk e r r e i ch i s ch e n R e i ch s r a t und zugleich auch im ungarischen A b g e o r d n e t e n h a u s e ist es wieder zu großen Radauszencn gekommen. Während einer Rede des Ministerpräsidenten v. Koerber machten im Wiener Reichsrat einige tschechische Radikale wiederholt Zwischen rufe. Plötzlich rief der Alldeutsche Stein dem Tschechen Fresl zu: „Seien Sie ruhig, Sie Uhrendieb, Sie haben im Bel­grader Konak Uhren gestohlen." Einige Freunde Fresls fragten Stein darauf, wie er seine Behauptung beweisen könne. Stein erklärte, er werde den Wahrheitsbeweis für seinen Zwischenruf antreten. Uebrigens hätten zwei Jour­nalisten gleichfalls gemeldet, daß Fresl Wertgegenstände aus dem Konak gestohlen habe. Fresl erklärte hierauf, daß er die Journalisten gerichtlich belangen werde. Daraus kann sich ja noch ein hübscher politischer Skandal entwickeln!

Noch arger war der parlamentarische Krawall in Budapest. Dort beginnt Tisza jetzt mit der Niederwerfung der Ob- jtruftion. Er hat eine Verlängerung der Sitzungen bean­tragen lassen. Als der Präsident den Antrag für zulässig er klärte, in dem die Obstruktion eine Beschneidung der Rede freiheit sieht, wurde ihm zugerufen: „Der Präsident ist ein Bandit!" „Wir werden den Präsidenten noch hinaus räuchern." Die äußerste Linke lärmte und tobte während der ganzen Sitzung.

A Ter Präsident von Mexiko, Porfirio Diaz, plant seinen Rücktritt. Sein Nachfolger soll der jetzige Finanz- und Handelsminister Limantonrs werden. Diaz gedenkt Anfang f904 eine Reise nach Europa anzutreten.

A Gar zu gern möchten die Engländer Japan in einen Krieg mit Rußland hineinhetzen. So läßt sich die „Times" — angeblich aus Peking melden: Obgleich unleugbar bie Russen ihre Besatzungstruppen in der Mandschurei beträcht­lich verstärkt hätten, so gingen doch die russischen Rüstungen in überstürzter Weise vor sich und seien weniger weit ge­fördert. als Rußlcnid die Welt glauben sehen möchte; augen­scheinlich sei von den Mächten Japan allein nicht getäuscht. Der Statthalter Alexejeff habe den bei der jüngsten Truppen­schau anwesenden Fremden mitgeteilt, daß 100 000 Mann an derselben teilgenommen hätten, und als Zweifel auf getaucht seien, eine Erklärung veröffentlicht, wonach es 76 000 Mann waren. Jetzt ergebe sich aus authentischen Nachrichten, daß es nur 21 000 gewesen seien. Die ge famte russische Streitmacht in dem gepachteten Gebiet umfasst 32 000 Mann, und sie werde jetzt auf 50 000 Mann ge­bracht. Die Japaner werden gut tun, mit eigenen Augen zu sehen. An Menschemnaterial hat es den Russen.noch nie gemangelt, und tatsächlich stehen an 200 000 Russen in der Mandschurei. •

beer und flotte.

Eine einschneidende Maßregel gegen die Sotdatenunß- Handlungen ist von der bayerischen Kammer der Abgeordneten unter Zustimmung des Kriegsministers General v. Asch beschlossen worden: Wer Soldaten mißhandelt oder .durch Nachlässigkeit Mißhandlungen initverschuldet, soll aus dem aktiven Heere ausgestoßen tverden.