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Nr. 147. Erstes Blatt

Freitag, den 26. Juni 190 T«, -^

12. Jahrgang

»•••metWreif: in Ließen, abaehslt monatlich 50 Pfg., M HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen Viertel- ILHrlich Mk. 1.50,

?*âl«sKeUaLe«: Oberkesfische Familtenzeitttua tzäglich) Vtsich elfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- ««d •eNwtt, sowie die Gießener Seifenblase« (wöchentlich).

Las Blatt erscheint o» elee Werktage« nachmitagS.

Gießener

Ansertisn-nrei -» Die einfpalttae Petitzeile für Gieße« wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3N8.

Redaktion und Expedition: Gießen Neneuweg 18.

Kernsprecha«fchl«ß Ar, -4».

Ieuege Wachrichlen

(#NklWt P«se0latt) Nnaöhângigr Iagrszettung (Gießener Deitn««-

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzelger für Gießen und Umgebung.

Enthilt alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffe«.

Ein prinzessinnen-Scbichsal.

Im Lande der Schwarzen Berge bereitet sich am Für­stenhof, wie ein offenes Geheimnis wissen will, eine große Veränderung vor: Der bisherige Erbprinz Danilo soll auf Drängen seines Vaters zu guusten seines Bruders Mirko auf die Krone Montenegros verzichten wollen. Der Erbprinz werde in dieser Absicht durch seine Gattin, die Prinzessin Jutta von Mecklenburg-Strelitz, bestärkt, die in Cetinje nicht recht heimisch werden könne. Sie habe sich mit Freuden bereit erklärt, gegen eine angemessene Apanage, die sie im Ausland verzehren dürfe, auf alle Ansprüche zu verzichten, die den Plänen ihres ehrgeizi­gen Schwagers und seines Vaters hinderlich seien. Von eingeweihter Seite wird un§ dazu geschrieben:

Vor wenigen Jahren erhob sich im Strelitzer Lande ein Geraune, das zwei Töchter des Fürstenhauses eines „Fehls" bezichtigte, der doch gerade den Neidern fürstlicher Vorrechte nicht verdammenswert hätte erschei­nen sollen: der Neigung zu einem Manne niederen Stau­des. Was half es, daß diese Gerüchte von beteiligter Seite bestritten wurden: Wo Rauch ist, da ist auch Feuer, sagte sich das Heer der Mißgünstigen, und das Geredc wollte nicht berftummeii. Und ob nun an der Sache etwas war oder nicht: Tie Gefühllosigkeit, die in jedem Falle in der Kritik lag, verleidete den Schwestern den Aufenthall in der Jugendheimat. Beide folgten Männern anderen Stammes in deren Vaterland.

Die, um die es sich hier handelt, tauschte schweren Her­zens das Land der schleppfüßigen Rinder und frucht­baren Aecker mit den düsteren Bergen der Tschernagorzen. Aber auch in der rauhen Heimat des Gemahls fand sic nicht- was sie ersehnt: Ruhe und vertrauende Neigung des Volkes. Sie blieb eine Fremde in dem fremden Lande, dessen Bewohner sie, die deutsche Fürstin, mit scheelen Augen sahen. Und so reifte im Herzen der unglücklichen Frau der Entschluß, dem Throne des ungastlichen Landes Valet zu sagen. Ein Trost ist ihr zu teil geworden: Der Mann, dem sie einst nicht ohne schwere Herzenskämpfe die Hand gereicht zum Lebensbunde, will ihr Schicksal teilen, auch er will auf den Thron seiner Väter verzichten. Erb­prinz Danilo will zu Gunsten seines jüngeren Bruders Mirko abdanken.

Ob ihm der Entschluß schwer oder leicht geworden ist, sympathisch berührt des Erbprinzen Haltung in jedem Falle. Es gehört nicht viel Ueberlegung dazu, auf das Duodezreich und die Herrscherwürde um einer glücklichen Häuslichkeit willen zu verzichten. Aber es gehört morali­scher Mut dazu, die unfreunolichen Kommentare, die eine solche Verzichtleistung in fürstlichen Kreisen wie auch in den Kreisen der berufsmäßigen Nörgler im Volke er­wecken wird, gleichmütig hinzunehmen. Ein Opfer bleibt es immer, das der Erbprinz seiner Gemahlin bringt, und es wäre zu wünschen, daß sein Opfer nicht vergebens sei; es wäre zu wünschen, daß ihm und der Prinzessin Jutta, frei von der künftigen Last der Tscheruagorzen krone, ein friedliches Dasein beschiedeu würde.

Uns Deutschen kann diese Wendung der Dinge nur willkommen sein; denn für uns ist es keine behagliche Vorstellung, die Tochter eines deutschen Fürstenhauses den Fährlichkeiten ausgesetzt zu wissen, die die Zugehörig­keit zu einer Balkandynastie mit sich bringt. Tie Tscher- nagorzen sind Serben, und was ein unbeliebter Herrscher vom serbischen Volke zu erwarten hat, hat die Mordnacht von Belgrad gezeigt. Auch die Dynastie Petrowitsch— Njegosch, der der Erbprinz Danilo entstammt, ist im Lande der schwarzen Berge nicht sehr beliebt — mit alleiniger Ausnahme des Prinzen Mirko. Nikita selbst, der regie­rende Herrscher, hat durch sein absolutistisches Regiment eine große Mißstimmung gegen sich erzeugt, dein Prinzen Danilo ist man wegen seiner Vermählung mit der Prin­zessin Jutta nicht wohlgesinnt, und nur Prinz Mirko, der eine Serbin geehelicht und den Tscheruagorzen als der Mann gilt, der einst die Throne Montenegros und Serbiens vereinigen könnte — bekanntlich ein Herzens­wunsch aller Serben — hat einige Aussicht auf ein ruhi­ges Leben unter der Tscheruagorzenkrone. Unter diesen Umständen ist es auch im Interesse der Dynastie am besten, wenn Prinz Mirko als Tyronanwärter gilt. Darum ist auch Fürst Nikita mit dem Verzicht seines erstgeborenen Sohnes, mit dem er sich ohnehin nicht gut steht, einver standen. Es handelt sich nur noch mm die Apanage für das erbprinzliche Paar, um den Entschluß zur Tatsache werden zu lassen. Dann mirb der heimatlosen deutschen Fürstentochter endlich zu teil werden, wonach sie sich sehnt: Ein still verborgenes Leben ohne Glanz und Prunk, aber voller innerlicher Zufriedenheit.

Die frobnknecbte.

Zu dem blutigen Zusammenstoß in Oberschlesien wird uns von dort geschrieben: Man wird das sachlich durchaus nicht genügend erklärte Auficbäumen der Volksleidenfchaf-

ten tm oberschlesischen Jn'düstriebezirk, das in den letz­ten Tagen zu einer blutigen Katastrophe führte, nicht rich­tig verstehen, wenn man nicht den geschichtlichen Werde­gang und die dadurch bedingte Charakterentwicklung der dortigen Polen genügend berücksichtigt. Tie Industriear­beiter, in deren Mitte durch die Agitatoren, wie Korfanty u. a., jetzt die großpolnische Propaganda hineingetragen wird, sind die Nachkommen der sog. Robotbauern, die bem Gutsherrn, der Gemeine, oder bem Staate frohnpflichtig varen und als erste Errungenschaft der Intelligenz ihre persönliche Abhängigkeit und die lebenslängliche Dienst­pflicht und Frohnknechtschaft verstehen lernten. Ein solch unfreies Geschlecht, dem das Bewußtsein der allgemeinen Menschenrechte und die freie Selbstbestimmung fehlte, kann m Laufe von zwei Generationen keine Herrennaturen her- porbringen. Die Aufhebung der Frohnknechtschaft, die )urch die Edikte vom 9. Oktober 1807, 12. Dezember 1808 rnd 5. März 1809 eingeleitet wurde, ist in ihrem vollen Imfangc erst durch das Ablösungsgesetz vorn 2. März L8ö0 für Preußen erfolgt.

Auch menn man den wissenschaftlichen Standpunkt )er Vererbung erworbener Eigenschaften aus bem Spiel äßt, kaun man es dennoch als eine rein naturgemäße Lntwicklung begreifen, daß die heutigen oberschlesischen Jn- mstriearbeiter noch ebenso sehr vom Geiste der Frohn- Mechtschaft beherrscht sind, wie ihre Urväter, die Robot- pauern von ehedem. Die Robot mar der Austausch von Arbeit unb Gegenleistung, nach dem Grundsatz der Na- urwirtschaft geregelt, ein Mittel, um die proletarische Bevölkerung an den Boden zu fesseln und^ sie an der Er- änguug höherer Kenntnisse, sowie an der Sammlung eige­ner Erfahrungen zu hindern. Erst ein Geschlecht, das ben Gebrauch des Geldes kennen gelernt hat und die darin lie­gende Macht Wirtlich zu verwenden weiß, ist innerlich, b. ). geistig und sittlich frei. Das trifft aber auf die polni- chen Industriearbeiter nicht zu, die heute noch, gefesselt )urch den Geist des Alkohols, in der Zinsknechtschaft ihrer Gläubiger schmachten. Die kärglichen Lebensverhältnisse hrer Vorfahren haben es verhütet, daß sie eine geeignete Lebensweise kennen lernten; die Männer wissen nichts von nner schlichten, aber zweckmäßigen Ernährungsweise, und Die Frauen verstehen keinen Haushalt zu führen. Sic haben e§ eben nicht erlernt, die Einführung der Geld­wirtschaft hat sie nicht auf eine höhere Kulturstufe geho­ben. Der Körper empfindet die unzureichende Ernäh­rungsweise und fordert gebieterisch etwas Besseres, aber die empörten Magennerven werden mit einem Einschläfe- rungsmittel beruhigt. Ter Alkohol täuscht die proleta­rische Bevölkerung Oberschlesiens über die Miuderwertig- keit ihrer Lebensweise hinlveg, er zehrt aber auch an ihren geistigen und sittlichen Kräften. Der heutige Industriear­beiter in Oberschlesien hat keine höhere Stufe an Erkennt­nis und Selbstl-cnvußtsein erreicht, als sein Großvater, der in harter F hnarbeit krumm gewordene Robotbauer. Wenn in eine solche Bevölkerung irgend ein Agitations­stoff hineingetragen wird und Boden faßt, sei es welcher Art es wolle, dann wird diese Agitation niemals in ru­higen Bahnen verlaufen, sondern stets einen explosiven Charakter annehmen. Die oberschlesische Polenbevölkerung ist eine dumpfe Masse, die nur zweierlei kennt, entweder • gehorchen, ober bie gewalttätige Auflehnung, das Prinzip Der Zerstörung. Durch die großpolnische Agitation sind die Freiheitsinstinkte der sklavisch denkenden Robotmänner geweckt worden und haben die Katastrophe herbeigeführt. Wenn es nicht gelingt, die Agitation bei Zeiten einzu­dämmen, dann wird es auch an Fortsezuugen nicht feh­len. Nie ist eine Bewegung gefährlicher, als wenn Frohn knechte sich erheben.

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Unter den wegen der Ausschreitungen in Laurahütte verhafteten Personen, deren Anzahl jetzt 30 beträgt, befin­den sich der Verantwortliche Redakteur des „Gornoslacak" Wicik und ein Bruder des Reichstagskandidaten Kvrfanty.

Die Politik.

Cine Vergünstigung für Volksschullehrer.

(::) Bezüglich der Kosten der Stellvertretung für Volks­schullehrer während ihrer Einberufung zu den für Offi ziersaspiranten vorgeschriebenen Uebungen hat der preu­ßische Kultusminister eine neue Verfügung erlassen; bau ad 'oll, wie es unzulässig ist, ben zu den Reserveoffizierübun gen einberufenen Beamten (Lehrern) die Kosten ihrer Stellvertretung aufzuerlegen, hiervon ferner auch be solchen Volksschullehrern abgesehen werden, die die füi Offiziersaspiranten vorgeschrcebenen Uebungen abzuleistei wünschen. Falls die betreffende Schulgemeinde so sehr be­lastet ist, daß ihr die Aufbringung der Stellvertretungs kosten nicht zugemuteb werden kann, so soll die Regiernnc mit Beihilfen eintreten.

Einigung der Deutschen in Oesterreich.

)( Eine hocherfreuliche Kunde kommt aus Wien: Dit Vereinigung der vier großen deutschen Parteien des Reichs- rates, her deutschen Fortschrittspartei, der. Volkspartei.

oes verfassungstreuen Großgnlndbesitzes, der cyristlich- sozialen Partei, ist zur Tatsache geworden. Vorläufig foO die Einigung nur nationalen Fragen gewidmet sein, dock gilt es als zn>eifellos, daß damit das Zusammengehen bei Deutschen auch in anderen Fragen gewährleistet ist. Uhl noch eins wäre damit verbürgt: das Deutschtnm in Oester reich, das bisher infolge seiner Zersplitterung der Spiel- ball seiner Gegner mar, wäre mit einem Schlage zu einen «nächtigen Faktor für die innere Politik Oesterreichs gc^ morden, dessen Wirksamkeit sich sehr bald zum Heile be^ Deutschtums und des Landes bemerklich machen würde

König Peters Eidesleistung.

)—( Der neue Serbenkönig hat am Donnerstag der Eid auf die serbische Verfassung geleistet. Er schwur, bü Verfassung des Landes unverletzt zu erhalten, nach biefei und nach den Gesetzen zu regieren und bei allen seiner Unternehmungen und Handlungen das Wohl des Volke- vor Augen haben zu loollen. Nach der Feierlichkeit fant eine Truppenparade statt. Am Tage vor der Eidesleistung machte Peter im offenen Waaen, ohne Eskorte, eine Rund­fahrt durch die Stadt. Abends war die Stadt illuminiert: Studenten und Landleute brachten dem König einen Fackel- zug. Als der Zug vor dem Konak Halt machte, erschien der König, umgeben von den Ministern, auf dem Balkon, mit stürmischen Ziviorufen begrüßt. Nachdenc mehrere Lieder vorgetragen worden waren, verlas der König eine Rede/ in der es hieß, er werde, gemäß den Traditionen der Karageorgiewitsch und gestillt auf 45jährige, im Aus­lande gemachte Erfahrungen, trachten, bem Volke zu ge­ben, was es benötige. Er schloß mit einem Hoch auf das , Volk, das mit begeisterten Ziviorufen erwiderte.

Tie Geschwister der Königin Draga sind nach der ^clpveiz abgereift und denken, vorläufig in Zürich Aufent­halt zu nehmen. Sie hatten ursprünglich die Absicht, von Wien aus ihre Rechtsansprüche auf ihren in Serbien be­findlichen Besitz und den ihnen rechtlich zusiehenden Nach­laß der Königin Draga geltend zu machen. Deshalb such­ten sie eine Audienz beim Grafen Goluchowski nach, die ihnen aber rundtveg verweigert wurde. Da sie fast ohne Geldmittel sind, verkaufte die älteste Schwester ihren Bril­lantschmuck für 1000 Gulden.

Die russische Regierung und die Juden.

0 Seit den Kischinewer Vorgängen ist bekannt, daß der russische Minister des Innern ein entschiedener Gegner der russischen Juden ist. Neuerdings hat der Minister erklärt, wenn die Juden nicht dafür sorgten, daß ihre Glaubens­genossen der Anteilnahme an den revolutionären Bestrebun­gen entsagten, so würde er Mittel und Wege finden, die Juden zur A n £ m a n b e r u n g aus Rußland zu zwingen.

Kalenderreform in Rnftland.

o% Die Spitzen der russischen Geistlichkeit planen ein all­gemeines Kirchenkonzil, das sich hauptsächlich über die in Rußland geplante K a l e n d e r r e f o r m unb das Ver- hältnis der griechisch-orthodoxen Kirche zu den Altkatho­liken atissprechen soll. Die Reform des julianischen Kalen­ders geht insofern die Kirche an, als durch eine solche Reform eine Verschiebung des russischen Osterfestes stattfinden würde, die in einem Widerspruch zu den Beschlüssen älterer Konzile steht.

Kurze politische Nachrichten.

* Dem Oberpräsidenten von Schlesien Herzog von Trachenberg ist nunmehr der nachgesuchte Abschied mit Pension zum 1. Juli erteilt worden, und zwar unter Ver­leihung des Verdienstordens der preußischen Krone.

* Graf Khuen-Hedervary ist jetzt vom Kaiser Franz Josef offiziell mit der' Bildllng eines neuen ungarischen Mi­nisteriums betraut worden.

* Papst Leo XIII. hat den neu ernannten Kardinalen Nocella, Cavicchioni und Fischer in einem feierlichen öffent­licher: Konsistorium den Kardinalhut aufgesetzt.

* Der erste Kabeldcpeschenwechsel um den Erdball herum soll am 4. Juli stattfinden. Präsident Roosevelt wird durch eine Depesche von der Station Oysterbery in Nordamerika an den Gouverneur Tafs in Manila das, Transpacifickabel eröffnen, und Mr. Tafs dann über Europa antworten.

* Die Truppen des Sultans von Marokko unter dem Kriegsminister El Menebhi, von deren siegreichem Vor- bringen jüngst berichtet wurde, haben bei Taza eine schwere Niederlage erlitten; ihr Verlust wird auf 300 Mann ge­schätzt.

Nab und fern.

)( Tie ehemalige sächsische Kronprinzessin hat nach Mitteilungen aus Wien vorläufig kein Recht, den ^nel „Prinzessin von Habsburg-Lothringen und Toskana" zu führen, da ihre vom Kaiser Fran^ Josef ausgesprochene Suspension von allen Rechten und Pflichten eines Mit­gliedes des kaiserlichen Hauses noch zu Recht besteht. Sie führt im Schloß Ronno den Namen einer Gräfin von Montignoso, der nach einem der Großherzogin Alice von Toskana gehörigen Schlosse gewählt wurde. Kronprinz Friedrich Augüst von Sachsen wird über alles, was die Prinzessin und ihr Töchterchen anbetrifft, genau auf dem Laufenden erhalten.