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Nr. 72.

Donnerstag, den 26. März 1903.

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Abo»»e»e«tSpret- : tn Gießen, abgebelt monatlich 50 Pfg., tv'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- V " jährlich Mr. 150.

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Das Blatt erscheint an eilte Werktagen nachmittags.

Gießener

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Postzeitungsliste No. M6I.

Sebastian und Expedition: Gießen Ne«e«»eß Rs» Fer« sprech »«sch l«^ Nr, LOL.

Aeueste Aachrrchten

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(Klehener Jägevtatt) MnaShängig, Jag,sz<itung (Gießener Peilung)

für Qberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

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_________Enthält alle amtlidxn Bekanntmacb

Die Kxichstags-pausc.

Pou unserm parlamentarischen Mitarbeiter wird un­geschrieben: Als ich am Dienstag pflichtgemäß nach bem Reichstage ging, begegnete mir im Tiergarten eine Ka­valkade von Spurt ?(eilten lind Trainern, die ihre Shinft übten, Kar.'sscn jagten iibcr bic Charlottenburger Chaussee daS schnaufende Töff tösf machte sich mehr als sonst be­merkbar, und auf den Promenadenwegen zeigte sich zum erstenmale die bunte Farbenpracht der neuen Saisontmlet- leu. Es war so recht ein Tag zum Geniesten, ein Taa, an dem man die Arme ausbreiten und aus voller Brust in die erwachende und sich zu neuem Glanz verjüngende Welt Hinausrusen möchte: Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus. Und nun musste man noch stundenlang in ben Hallen des Reichstags auf die Worte der Reichs­boten lauschen, die bereits die Parole Heimat ausgegeben aber noch einige Pflichtreden vor den Wahlen zu erledigen batten. Es lässt sich nicht beschreiben, lvclch unnennbarer Schrecken bei den Journalisten entstand, als Stadthagen W Tribüne schritt. Stadthagen, der gesürchtctste unter den Dauerrednern. Es ging gnädig ab; auch die übrigen Redner fassten sich kurz, so daß ich bald wieder unter den knospenden Baumwipfeln des Tiergartens nach meinem Heim dahinschritt, als das Haus bis zum 21. April ver^ tagt lvar.

Fleißig ist er gewesen, der alte Reichstag, das muß man ihm lassen. Denn trotzdem die Zolltarifvorlage alle gesetzgeberische Tätigkeit beschränkt und vor allem die ^tatsberatung bis zum neuen Jahre hinausgedrängt hatte, ind doch nod) alle Vorlagen, sogar einschließlich des Kin­derschutzgesetzes, erledigt tvorden. So bleibt nur noch das ,Klosettgesetz", une seine Gegner es spöttisch nennen, nach der Pause zu erledigen.

Bei allem Fleiße aber kann man bem Reichstage nicht nachrühmen, daß er besonders produktiv gewesen wäre. Mile Pläne mit neuen sozialen Gesichtspunkten sind nicht vom Flecke gekommen; die Frage der kaufmännischen Schiedsgerichte, die Sicherung der Bauhandwerkerforde­rungen und die Frage der bedingten Verurteilung sind über die eigentlichen Borstadien kaum gediehen. In der Sozialpolitik ist entschieden ein Stillstand eingetreten. In politischer Hinsicht hat sich eine stärkere Krystallisation einerseits unter den kirchlich gesinnten, andererseits unter ben auf einer freien Weltanschauung beruhenden Par­teien bemerkbar gemacht, unb auf wirtschaftlichem Gebiete ist der Schutzzollgedanke allmählich das herrschende Priu zip geworden. So deutet denn am Schluß des Reichstags der Kompaß auf geringe Schwankungen hin. Das kom­mende Parlament ivirb bis in die Einzelheiten bem alten gleichen.

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Die Politik.

Deutschland und die mazedonische Bewegung.

) Trotz der Auflösung deS urazed-nischen Komitees, trotz des Rücktritts be^ kriegslustigen Kriegsministers Paprikow und trotz der ivieberbotten Beteuerungen ihrer Friedensliebe traut man der bulgarifd)eii Regierung nicht recht, weder in Konstantinopel noch seitens der Groß- rnächte. Man glaubt, daß die Staatsmänner in Sofi.) insgeheim die mazedonische Belvegung begünstigen und ein von Berlin nach Sofia gerichteter kalter Wasserslrstst N'ird die Regierung des Fürsten Ferdinand darüber be­lehren, daß man, une anderwärts, so auch in'Deutschland, ihr zweideutiges Verhalten durchschaut und es für sic gewaltsamer sein dürfte, gegenüber Den Wirren in Maze­donien eine Politik der Loyalität "nd Neutralität zu be­obachten, statt burd) heimliche E^ ^igung und still­schweigende Duldung den Aufstand -\u deru. Ein offen­bar aus amtlichen Berliner Quellen i. .pirierter Artikel eines rheinischen Blattes wendet sich in auffallend scharfem Tone gegen die bulgarische Regierung, in dem es aus- führt, die Tatsache, daß gegenwärtig etwa 50 kleinere bulgarische Banden in Mazedonien ihr Unwesen treiben, beweise, daß die Regierung entweder zu schlaff sei oder e^ an gutem Willen fehlen lasse. Der Umstand, daß ihre Haltung selbst die Unzufriedenheit des Berliner Kabinets erregt, sollte den bulgarischen Regierungsmännern zu d.n len geben. Inzwischen fährt die deutsche Reichsregierung fort, in Konstantinopel ihren Einfluß im beschwichtigen­dem Sinne auszuüben. Nach einem Telegramm von dort sachte der deutsche Botschafter Frhr. v. Marschall die I ökonomischen Pairiarchen und Exarchen auf und legte ihnen nahe, alles aufzubieten, um die Ruhe aufrecht zu er­halten.

Russische Willkiir in Finland.

::: Tie Untergrabung und Ze trümmerung von Fin- lands Freiheiten und Rechten wird von der russischen Regierung in beschleunigtem Tembo mit einem fast fieber­haften Eifer fortgesetzt. Nachdem eine Reihe der wich­tigsten Satzungen der finnischen Verfassung aufgehoben oder außer Kraft gesetzt waren, begann die Ersetzung der selbständigen Beamten durch waschechte, rücksichts- und i skrupellose Moskowiter. Selbst aus Sibirien wurden — bas war charakteristisch — b* ^nae bet Gewalt unb

ungen her Großh. Bürgermeisterei Gienen und

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Unterdrückung herbeigeholt, um mit ihrer Hilfe die Russi- fizierung des seine llnabf)ängigreü mit dem Mu e der Verzweiflung verteidigenden Groß Fürstentums zu voll­enden. Vor einigen Tagen wurde die Absetzung einer Anzahl von Polizeichefs gemeldet und jetzt kommt die Nach­richt von einem neuen, inicber gegen die Hofgerichte ge­führten Schlag. Auf Befehl des Kaisers — so berichtet ein Petersburger Telegramm — sind dreizehn Beamte der Hosgerichte in Wiborg und Wasa ohne Pension verabschie­det worden. Ter Grund der Entla sung ist die Weigerung der Beamten, den kaiserlichen Erlaß über die gerichtliche Verfolgung von Amtsvergehen ge'e mäßig an uc Fenn n. Eine drastische Illustration zu der ruilischen Schreckens­herrschaft in Finland liefert ein Vorfall, der sich in Wi­borg zutrug. Tort ivar ein Mitglied der ruf ischen Gen- darnlerie vom Gericht wegen Diebstahls verurteilt worden, ein anwesender russischer Po. i', eibeamter verlangte jedoch die Freilassung des Verurteilten. Als nun der Vor inende dem Polizeibeamten das Unpassende seines Benehmens vorhielt, ließ der letztere einen Pfiff ertönen und es stürz­ten eine Menge Polizisten in den Gerichtssaal, die den Verurteilten den Händen der Gc^ichtsdiener en rissen und ihn im Triumph hinausführten.

Die Afrikareise Loubets.

^' Das Programm für die Afrikareise des Präsidenten Loubet ist nunmehr festgestellt. Danach wird der Prä­sident, der sich au Bord der „Jeanne d'Arc" einschifft, am 13. April in Algier eintreffen und sowohl dort wie bei dem Antritt seiner Fahrt nach Tunis von dem fran­zösischen Mittelmeergeschwader begrüßt werden. Der Prä­sident der Republik wird auf diesen Fahrten von den Präsidenten der beiden Kammern, vom Ministerpräsiden­ten, sowie den Ministern für Ackerbau und öffentlichen Arbeiten begleitet sein. Ter Marineminister Pelletan be­gibt sich aus einem Geschwaders ch:fse nach-Afgier. Herr Loubet sicht seine Anwesenheit daselbst nicht gern, da der Marineminister nach den bekannten rednerischen Ent­gleisungen von Ajaccio und Tunis als Reisender ge­fürchtet ist, doch dürfte Herr Pelletan kann: die Gelegen­heit geboten < verbell, das Wort zu nehmen. Atlßer einem spanischen Kriegsschiff soll auch eine italienische Schiffs- vivision unter dem Befehl des Admirals Mirabello zur Be­grüßung des Präsidenten nach den Gewässern Van Algier entsendet werden. Die Grüße und Wünsche des Sultans von Marokko überbringt eine Sondergesandtschaft Sr. Scherisianischen Majestät.

Die Finanzspekutationen Kaiser Meneliks.

O Henri Rochefort erzählt in seinem „Jntransigeant" eine merhuürbige Geschichte, wie es kam, daß Kaiser Mene- lik von Abessinien aus einem warmen Freunde Frank­reichs dessen Gegner geworden ist. In der Umgebung,bc3 Kaisers — so heißt es da — befand sich ein französischer Deputierter D., der den abessinischen Herrscher überredete, sich an zwei Unternehmungen zu beteiligen, welche auf der letzten Pariser Weltausstellung die Schaulust des Pu­blikums befriedigen und, nach der Behauptung der Grün­der, einen ungeheuren Gewinn abiverfeu sollten. „Der Mond auf einen Meter" sollte sich das eine, „die Welt­kugel" das andere betiteln. Menelik, in seiner Unkenntnis europäischer Schwindelgeschäfte, entnahm große Partien von Aktien, beide Gesellschaften verkrachten jedoch, bevor sie eigentlich ins Leben getreten waren, und der „Negus" sah sich um 1600 000 Francs „gekränkt". Daher sein Groll gegen Frankreich.

Das Ende des „grünen Banners" in China.

O Der Gouverneur der chinesischen Provinz Schantung, Tschoufou, hat beantragt, die Truppen des „grünen Ban­ners" aufzulösen und durch eine Gendarmerie zu ersetzen, und der Kaiser bezw. die Kaiserin-Regentin hat diesen Antrag genehmigt. Die Truppen des „grünen Banners" sind bie Ueberreste der alten regulären Armee. In jeder Provinz befindet sich ein selbständiges Korps. Daß diese Truppen, die mit Luntenflinten und Speeren ausgerüstet sind, keinerlei W<rt haben, hatte man in China schon längst erkannt. Nachdem jetzt Tschoufou den Anfang ge­macht hat, werden vermutlich andere Provinzgouverneure Nachfolgen. So bröckelt ein Stück nach dem andern von dem alten Chinesentum ab, was außer den an der Erhal­tung der verrotteten Zustände interessierten Mandarinen niemand zu bedauern haben wird.

Kurze politische 9kachrichten.

* Nach dem Monatsausweise des kaiserlichen Sta­tistischen Amtes über den auswärtigen Handel beirua in den Monaten Januar und Februar d. I. die Einfuhr in Tonnen zu 1000 Kilogr. 6 238 869 gegen 5 490 077 und 5 72' 623 in den beiden Vorjahren, daher mehr 748 792 und 512 346; die Ausfuhr in Tonnen zu lOCO Kilogr. 5 910184 gegen 4 862 5^2 unö 4 663 577 in den beiden Vorjahren, daher mehr 1017 612 und 1 246 607.

* Tas preußische Kriegsministerium läßt zur Zeit eine Zählung derVeteranen aus den Kriegen von 1848, 1864, 1866 und 1870/71 vornehmen. Diese Zählung wird mit den vom Reichstage geforderten Pensionserhöhungen für die alten Krieger in Verbindung gebracht.

anderer Behörden von CberMfen.

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♦ Wie bestimmt verlautet, wird beabsichtigt, tue o n u - I eIb1a u e n U e b e r r ö d c der I n f a n t e r i c o j f i - ziere durch solche von hellerem Bbau, etwa von der Farbe der jetzigen Waffenröcke, zu ersetzen. Probeweise sollen Ucberröde neuerer Art bereits voreinzelt getragen werden.

* Major a. D. En dell, der vielgenannte Vorsitzende des Posener Provinzialverbandes des Bundes der Land wirte, hat von der Provinzialversammlung des Bundes ein Bertrauensvotllm erhalten.

* General Macdonald, Höchst kommandierender auf Ceylon, hvird sich wegen Mißhandlungen an gefange­nen Buren und anderer Verfehlungen vor einem Kriegs­gericht 311 verantworten haben.

lâof und Gesellschaft.

Tas Mais er paar unternahm gestern f üb mit dem Prinzen Adalbert den gewohnten Spa teegang. Nach einem kurzen Besuch b im Reicksia izlec G asm v. Bü olv empfing der Kaiser im königlichen Schloß von 10 U r ab den Minister der öffentlichen Arbeiten Budde uns den Kriegsminister v. Goßler zum Vortrag und um 12'4 Uhr den Regierungspräsidenten Fromme. Zur Frühstii siasel bei den Majestäten waren geladen Gesandter v. Birow und Gouverneur von Dftafiilä, Graf Goetzen und Ge­mahlin.

♦*♦ Ter König von Schweden ivirb in Kopen­hagen gleichzeitig mit dem Teutschen Kaiser zum Besuch erwartet.

Das „Blumenmedium" vor Gericht.

Nachdruck verboten. Hg. Berlin, 25. März.

Dritter V e r h a n d l u n g s t a g.

Als dritter Sachverständiger ist, wie der Slaats- anwalt mitteilt, noch der Professor der Phy iologic an der Berliner Universität, Dr. Dessoir, hinzugezogen wor­den. Ein freiwilliger Verteidiger bat sich für die Rothe angeboten, der Spiritist Dr. med. Langsdorfs, doch lehnt der Gerichthof den Antrag des Herrn kurzerhand ab, da er nicht Jurist sei.

Die schwarzen (bestatten.

Als erste Zeugin wird heu.c Frau Beyer, die Frau eines früheren Amtsanwalts am Landgericht Sedin ver­nommen. Sie hat dem Spiritiftcnvcrein „Psyche" an ge­hört und einer Sitzung der Rothe beigewohnt. Trotzdein sie nicht annahm, daß sie Tafd) nfpielcrtün je sehen sollte, beobachtete sie scharf zusammen mit dem Pastor Riemann von der Nikolaikirche. Sie hatte nur einen Platz in der zweiten Reihe erhalten können, während der Pastor in der ersten saß. Toch wurde er aleich daraus entfernt, denn die Rothe rief: „Ich kann nicht an den Blumen'orb her­ankommen, ich sehë schwarze Gestalten, die mich hindern." Kaum war der unbequeme Beobachter fort, begann der Blumenregen. Weiln jemand näher Herangehen wol te, verbot es der Impresario Jentzsch, „weil die Harmonie nicht gestört werden dürfe." Später, als sich die Zuschau * zur Garderobe entfernten, kamen trotz gestörter Harmonie Bleistift, Notizbücher ufiv. angejogeit. . . .

Tas harmonische Band.

Die „Harmonie" spielte überhaupt bei den Sitzun­gen eine große Rolle. Die Zeugin hatte, um der Sache aus ben Grund zu gehen, die Rothe zu einer Vorstellung in eigenem Hause eingeladen, wobei diese angeblich den Geist der Schwiegermutter der Zeuain zitierte und Trauer­reden hielt. Untersuchungen ließ die Rothe nicht mit sich anstelle», unb als der Gatte der Zeugin, um besser zu sehen, aufstehen wollte, hieß es gleich wieder: „Sie stören die Harmonie". Allerdings muß diese großartig gewesen sein, denn ein als Medium besonnter Spiritist, der der Sitzung beiwohnte, sah „ein buntes br.iles Band, das die An­wesenden vereinigte. Tie Rothe sagte der Zeugin dann noch ein großes Unglück voraus, das nicht ein getroffen sei, während sie mit einer anderen Warnung recht behielt. „Ich hätte eine schlechte Freundin, vor dec solle ich mich in acht nehmen. Na, darin hatte sie ja recht, sie hatte einen schärferen Blick als ich." (Heiterkeit.) In dec Si ung war auch der Zeuge Groll anwesend. Ter S aatsanwall stagt die Zeugin, ob sie den Erndruk gehabt habe, daß zwischen diesem und der Angeklagten ein Einverständnis geherrscht habe. Tie Zeugin hat nichts in dieser Hinsicht bemertt. Tie Angeklagte erklärt, sie habe sich deshalb nicht unter­suchen lassen, damit man ihr nicht etwa böswillig etwas unter den Rock stecken konnte.

Ein alter Trick.

Ein weiterer geuge, Schlomke, Sekretär der Landes- versicherun^sanstalr, ist gläubiger Spiritist, doch fin) ihm jetzt über bte Apporte dec Rothe gelinde Zweifel glommen. Sie hat ihm Teller mit angeblichen Geisterinschristen ge- zeigt, beim Q^fen statt der Brötchen Blumen gereicht und