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Nr. 48.

Donnerstag, den 26. Februar 1903.

12. Jahrgang.

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Wtot**mtaii>ttU: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Psg., tn's SauS gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierrel- jührlich Mt. 1.50.

«ratiSbeUaze« : Qberhesftsche $<milteMiettu«a (täglich' Qberhefstfche Zettschrtkl fit Sexbtoirtfjaft, Cb ft- ««d G«Lte»b«M, sowie die Gießeuer Eeifeublasc, wöchentlich). Da- Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

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Postzeitungsliste No. 8t68.

Rcbaftion unb Expedition: Gießen Neueiweß LS. &eref>rtdiewf*Iw* Jh, Ml.

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(^Meiur t^eiUft)

AnaShängige Tageszeitung

(Hießener Zeitung)

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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gietzen und Unrqcbnng.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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6ine ägyptische Prinzessin Luise.

Zur Flucht der Schwester des Kyedive.

HK. Bor einigen Tagen verschwand aus Kairo, wie wohl erinnerlich, die Schwester des Kl)ecive, Prinzessin Nemet Allah Hauern unter Verhältnissen, die dem Drama in der sächsischen Kroupriuzenfamilie aufs Haar gleichen. Die Prinzessin hat ihren Gatten Prinzen Toussoun und chr vierjähriges Söhnchen im Stich gelassen, um sich über Trieft nach Wien zu begeben, wo sie sich mit ihrem Geliebten, einem österreichischen Grafen, verbinden will.

Prinz Djemil Toussoun Pascha, Botschaftsrat bei der türkischen Gesandtschaft am österreichischen Hofe, und seine Gemahlin lebten seit 4 Jahren in Di.n itnb erfreuten sich in der Gesellschaft großer Sympathien. Der Prinz ist ungefähr 30 Jahre alt, die Prinzes'in um zehn Jahre jünger. Sie gilt als eine ideale orientalische Schönheit. Ihre, faszinierende Erscheinung und i m ausgesuchte Pa­riser Eleganz, mit der sie sich zu tlciben verstand, er- regte überall das größte Aufsehen. Prinzessin Weinet Allah Hanem heiratete schon im Alter von 11 Jahren den Prinzen Djemil Toustoun, der übrigens ihr Kousin unb der des BizelönigS von Aegypten ist. Der Prinz ist zehr reich; seine Räubereien bringen ihm eine Jahres­revenue von 600 000 Francs. Er lebte demgeinäß auch als Grandseigneur.

In ihrer mit größtem orientalischem LuxnS ansge- slatteten Wohnung am Franzensring sahen sie häufig Mste, und zlvar sowohl Mitglieder der diplonmtischen, lute auch der aristokratischen Kreise. In diplomatischen Kreisen wurde lviederholt erzählt, daß es im Pildizkiost ivie auch am Hofe des Khedivc unangenehm berühre, daß die Prinzessin entgegen aller heimatlichen Tradition sich frei in Gesellschaft bewege und sich vollständig den üropäischen Sitten unterordne. Während sonst die Da^ men der türkischeil Botschaft in den Empfangslisten der >splomatischen- Welt nicht figurieren, sah man die Prin­zessin gleichwohl sehr häufig bei den Empfängen. Sie teilte sich über diese Sepranfe hinweggesetzt. Man sah 'ie auch sehr viel in den Salons bekannter Aristokratin aen. Das Prinzenpaar verbrachte alljährlich viele Wo- fien teils in Paris, teils in Kairo.

Vor zwei Jahren weilte die Prinzessin längere Zeit rfnt Hofe ihres Brnbers, der, wie erzählt wurde, seiner Schwester über ihre Hausführung in Wien ernste Vor­stellungen gemacht hatte. Man sprach auch davon, daß Die Ehe, die früher so glücklich war, damals bereits nicht wehr frei von einem Mißton gewesen sei. Es hätte auch öfS Einwirkens des Khedive bedurft, um die alte Har­monie wieder herzustellen. Als das Prinzenp-aar im herbste vorigen Jahres die Wohnung auf dem Frau- zenSring verließ und in ein vornehmes Hotel auf der Ringstraße übersiedelte, führte man die Auflösung des Haushaltes auf c^elidyc Zwistigkeiten zurück. Kurz nach­her reifte die Prinzessin allein nach Paris, wo sie eine verheiratete Schwester hat, kam aber bald wieder nach i^ien zurück, wo sie sich aber nur sehr wenige Tage allfhielt. Mitte Dezember vorigen Jahris reifte sie mit ihrem Söhnchen Aziz nach Kairo, wohin ihr der Gatte aachfolgen sollte. Der Prinz hatte bereits Urlaub genom­men, als ihm plötzlich bedeutet wrlrde, bis auf weiteres uif seinem Posten in Wien zu verharren, weil die ma­kedonische Angelegenheit, ferner die Ankunft des russi- ichen Ministers Grafen Lambsdorff in Wien seine An­wesenheit dort nötig machen. So begab sich der Prinz vft vor drei Wochen nach Kairo. Er hatte seine Rückreise für Mitte April angetünbigt In der diplomatischen !belt wird wohl der Name des Grafen, der die Prin- essin nach der Trennung ihrer Ehe angeblich heiraten wolle, genannt, doch liegt eine authentische Mitteilung buS Kairo über diesen Umstand bis zum Augenblick j richt vor.

Während solveit, von den Reben um ständen abgesehen, He Romane der Prinzessinnen von To-Mana und Aegypten (sich gleichen, wie ein Ei dem andern, besteht in einem Punkte ein großer Unterschied. Während die Prinzessin Luise arm und gänzlich auf die Gnade ihrer Verwandten angewiesen ist, hat ihre ägyptische Schicksalsschwester Ober ein ungeheures Vermögen zu verfügen und kann, Iba der Prinz sie nicht verfolgt und ohne weiteres in die Scheidung gewilligt hat, ruhig ihren Launen folgen, ko eilte sie, frei von Sorgen, ihrem vermeintlichen Glück, entgegen und achtete nicht auf die Reisegefährtin, die Über das blaue Mittelmeer begleitete und ungesehen den Ltpreßzug nach Wien bestieg. Erst wenn sie nach fliichti- pent Liebesrausch zum Bewußtsein dessen kommen wird, was sie als Mutter unb als Frau verloren, wird sie gewahr werden, daß das Gespenst der bitteren Reue jhon jetzt neben ihr gesessen hat.

Volksvertrefer nicht, mit immer neuen Dteuerprojekten herauszurücken, und das umsoniehr, je zurückhaltender die Regierung mit neuen Steuerwünschen ist.

Der unerfreuliche Stand der Reichsfinanzen hat lvieder eine neue Steueridee gezeitigt: Es besteht die Absicht, beim Reichsmilitäretat eine Resolution einzubringen, die die Einführung einer Wehrsteuer fordert.

Aus den ersten Blick hat der Gedanke etivas Bestechen des. Warum sollen diejenigen, die durch irgend einen llmftanb vom Heeresdienst befreit geblieben sind, nicht als Ausgleich für die Vorteile, die sie dadurch gegenüber den Dienstpflichtigen haben, 'ne Steuer zahlen'? Man denke Wer zum Dienst eingezogen wird, muß dem Staate Lpfer an Zeit, Kraft und Geld bringen, er muß seine bürgerliche Berufstätigkeit unterbrechen, vielleicht eine schon gewonnene Stellung im Erwerbsleben aufgeben, er verliert die Fühlung mit seinem Beruf und hat, wenn er seiner Dienstpflicht genügt hat, vielleicht zunächst große Schtvierigkeiten, wieder einen Erwerb zu finden. Die ,,Arnwekrüppel" dagegen, die voni Dienst befreiten, sind in ihrem Beruf nicht gestört worden, haben sich inzwischen bessere Stellungen erarbeiten können und sind oben ein von den Anstrengungen und Unbehaglichkeiten des Dienstes verschont geblieben. Und während im Kriegsfälle der Ge diente Gesundheit, Blut und Leben, vielleicht die Zukunft seiner Familie dran wagen inuß, bleibt der Militärfreie behaglich 511 Hause und geht lohnendem Erwerbe nach.

Wie gesagt, auf den ersten Blick scheint eine Wehrsteuer ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Bei näherem Zusehen aber stellt sie sich ganz anders dar. Zunächst wird in Deutschland so gut wie jeder waffenfähige Mann aus gehoben: wer für dienstuntauglich erklärt wird, ist es auch. Diese Untauglichen, bte durch körperliche Mängel am Dienen gehindert werden, für diese von ihnen nicht verschuldeten Mängel noch durch eine Steuer zu bestrafen, geht nicht an. Daß sie in wirtschaftlicher Hinsicht den Dienstpslichtigen gegenüber im Vorteil sind, muß man in den Kauf nehmen: das ist die unausbleibliche Folge des vortrefflichen Prinzips unserer Armeerekrutierung, daß nur die körperlich entwickeltsten Männer zum Dienst in der Arnree genommen iverben. Darin liegt ja eben eine der Hauptursachen der sieghaften Kraft unseres Heeres.

Weiter: wer soll die Steuer zahlen, meint der Dienst untaugliche noch seinen eigenen Erwerb ha ? Eine Vo Tage von 1881 wollte diese Last den Eltern ausbürden. Diese sollten also den dienstuntauglichen Sohn unterhalten und dann noch für ihn Wehrsteuer entrichten. Das wäre eine große Ungerechtigkeit und eine schwere Belastung weiter Kreise, namentlich des Mittelstandes.

Aber selbst wenn das umgangen würde, selbst wenn nur erwerbsfähige Ticnstun augliche besteuert wür- deu, ein durchschlagender Grund spricht doch gegen jeden Versuch einer Wehrsteuereinführung: (Sine Strafsteuer aus die Dienstuufähigkeit widerspricht der im deutschen Volte gottlob allgemein verbreiteten Anschauung, daß der Dienst im Heere nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine Ehre ist. Der Pflicht, sich beut Vaterlande zur Verfügung zn stellen, genügen and) die Dienstuntauglichen; wenn sie nicht ausgehoben koerden, ist es nicht ihre Schuld, und mancher von ihnen mag das schmerzlich bedauern. Und wenn sie durch die UntaualichGitserklärnng der Ehre, dem Vaterlande mit her Waffe zu die neu, nicht teilhaftig werden können, so darf man sie baür nicht noch bestrafen.

Aus diesen Erwägungen har beim auch der Reichs­tag 1881 die damals eingebrachte Wehrsteuervorlage a limine einstimmig ab gelehnt. Kein Geringerer als der größte deutsche Soldat hat sich gegen sie erklärt. Moltke, der danrals Abgeordneter war, verließ vor der Abstim­mung den Saal, weil er es nicht über sich gern in neu konnte, für die Vorlage einzntreten, und weit er -an­dererseits nicht gegen die Regierung stimmen tvollte. Und Heinrich v. Treitschke, der glühende Patriot, erklärte sich mit flammenden Worten dagegen, daß durch eine solche Steuer im deutschen Volke die Anschauung groß­gezogen werden könnte, als sei der Dienst fürs Vater­land etwas, das auf gleicher Stufe stände mit einer Geldzahlung an den Staat. Diese beiden treuen deut­schen Männer sind die besten Kronzeugen gegen beu jetzt wieder auf gefrischten Plan, und es ist zu hoffen, daß das Gewicht ihrer Persönlichkeit für die Regierung maßgebend sein wird in ihrer Stellungannahme zudem neuesten Steuerplane, der den Teufel durch Beelzebub austreiben will.

ci sann eher Jingoblätter, die Rückgabe der Schiffe werde von Deutschland gefiissentlich verzögert, um auf Vene­zuela einen Druck zur Erfüllung der der Republik Ob­liegenheit finanziellen Verpflichtungen ausüben zu kön­nen, erweist sich also als eine tendenziöse Untvohrheit. Unter den an Venezuela ausgelieserteu Schiffen befand jid) auch der viel genannteRestanrador". Präsident Castro ist nun in den Siand gesetzt durch die wiederer­langte Flotte der während des Konflikts mit ben europäi­schen Mächten von den Insurgenten ungehinbert betrie­benen Landung von Proviant und Munition Einhalt zu tun.

Die HeereSreforn» in England gesichert.

Die Debatte im englischen Unterhause über die von dem Kriegsminister Brodrick beantragte Reorganisation der englischen Armee hat mit einem Siege der Regierung geendet. Möglicherweise hätte die Sache einen an bereu Ausgang genommen, wenn nicht der Premierminister Bal spur seinem Kollegen vom Kriegsdepartement 511 Hilfe gekommen wäre. Er wies daraus hin, daß der Schlüssel zu der militärischen Lage Englands nicht im Mutterlands, sondern in Indien sei. Die Frage ob die gegenmärtige englische Armee für die Verteidigung Indiens in einem Kriege mit Rußland ausreichend sei oder nicht, müsse für die Frage her Heeresreorganisatiou entscheidend sein. Die Regierung mürbe sich aufs äußerste verächtlich machen, wenn sie infolge eines Umschlags der öffentlichen Meinung, die vor den uotmeubigcu Mehrkosten zurückscheue, ihre Ansicht über die Heeresreform ändern würde.

still AC politische Rachrichten.

* Berlin, 25. Februar. (H 0 s b e r i ch 1. Dee Kaiser hatte hätte eine Konferenz mit dem Reichskanzler und yörre dann im Königlichen Schlosse die Vorträge des Hausministers h. n Dem deutschen Kronprinzen hat die Stadt Bonn aus Anlaß seines bevorstehenden Schei­dens von üp zur Erinnerung an seinen dortigen Studiem aufeiiihalt ein Album in kostbarern Einband gestiftet. Dk^S Geschenk wird ihm morgen, am Tage seiner Ex­matrikulation durch eine besondere Abordnung in Bonrr überreicht merbeu.

* Die Unterrichtskommissi-on des preußischen Abge­ordnetenhauses faßte einen Beschluß zu gunsten der Umwandlung der Gestütsschuleu in öffentliche Volks­schulen.

* Minister Chamberlai u stellte in Kapstadt den baldigen Erlaß einer Amnestie zu ginnten der Rebellen in Aussicht.

Die dehrsteuer.

CB. Einen Zeitgenossen, der gern Steuern zahlt, kann Mn am helllichten Tage mit der Laterne suchen. Aber diele Abneigung gegen das Steiterzahlen hindert unsere

Die Politik.

Die Rückgabe der venezolanischen Schiffe.

) Durch eine Meldung des den Befehl über das Deutsche Geschwader in den venezolanischen Gewässern führenden Kommodore Seeber wird nunmehr amtlich bestätigt, daß die von den deutschen Seestreitkräfren wey­genommenen venezolanischen Kriegs- und Hclndelsfahr- ^enge zurückgegeven worden sind. Die Ausstreuung ame-

Hufmarsch der türkischen Hrmee.

Die allgemeine Ansicht der in Sofia lebenden Ma­zedonier geht, wie uns gemeldet mirb, dahin, daß ein Konflikt zwischen der Türkei und ^Bulgarien unvermeid­lich ist. Die Türken haben jetzt ztvei Vorpostelllinien an der Grenze gezogen. Die erste Linie zieht sich dicht an der Grenze entlang und besteht aus Gruppeu von 30 bis 40 Mann, welche in Zwischenräumen von drei Meilen po­stiert sind. Die zweite Linie ist in einiger Entfernung von dec ersten ausgestellt, und zwar in Posten von je 100 Mann. Die Türken der ersten Linie , heuen sich, die aiifftänbijchen mazedonischen Banden zu behelligen und gestatten ihnen, die Vorpostenkette zu passieren.

Der bulgarische Oberst Kusses erklärt öffentlich, daß, men 11 die revolutionären Bauden sich darauf beschränk- teu, als Guerillas auszutreteu, sie unbesiegbar wä­ren. Und ein hervorragender Mazedottter versicherte, daß die Dinge in nächster Zeit die ernsteste Wendung u e h in e n würden.

Nach weiteren Berichten aus Sofia hat der bul­garische Mriegsminifter die Registrierung und Prüfung aller in Bulgarien befindlichen Pferde zu militärischen Zwecken angeordnet. Der Befehl wurde an den Straßen­ecken in Sofia augeschlagen und die Kommissionen für die Erhebungen sind bereits bestellt worden.

Das Rcforuiprograulttl für Mazedonien.

Das von der türkischen Regierung angenommene Weformproje.tr für Mazedonien liegt nun im Wortlaute vor. Es entspricht im wesentlichen den darüber in der Presse bereits gemachten Mit.. ..gen; nur das sei noch erwähnt, daß die Pforte, um die Rückkehr zu normalen Zuständen zu beschleunigen, sich verpflichtet, allen Per­sonen in Mazedonien, mefche wegen politischer Vergehen augeklagl ober verurteilt sind, sowie den Ausgewan­derten eine Amnestie zu gewähren.

Tie Stimmung hüben und drüben.

Ueber ben Eindruck, welchen die Neformvorschläge und deren unerwartet catche Wnn.rbm ^vd) den SuP ran in den zunächst beteiligten Bälkautändern und vor allem in Mazedonien selbst hecvorgerrrfeu haben, liegen noch feine Nachrichten vor. In Konstantinopel gibt sich eine große Enttäuicüuna kund, und rwar kowobt bei.