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Nr. 225.
Freitag, den 25. September 1903
Redaktion und Expedition: Gi.eßen Neuen Weg 28.
Fer »sprech»«schl«ß Rr. 80.
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ganz Oberliessen, bie Kreise Wetzlar und Martturg 10 Pfg. wüst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3869.
(Gießener KenimM
Hlnaiü-ängige Tageszeitung
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Ab»N«eme«t-pretO: in Gießen, abgehslt monatlich tu Wg., in's HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierlei- jShrlich Mk. 1.50.
Gratisbeilage«: Oberhesfische Familienzeitnag (täglich) Oberhèsfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Vartenbatt, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchenNich).
DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitagè
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lökülanzeèger für Gießen und Umgebung» E»thtilt alle amtlichen Bekanntmachungen der Grosch. Bürgermeiftrrei Gie^n und anderer Behörden von Oberhesset».
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Des Sommers Ende
ist herangekommen; die Abende werden länger und damit erwacht das Bedürfnis nach anregendem, bildenden Lesestoff zu neuer Stärkung. Wo aber fände dieses Bedürfnis ausgiebigere Befriedigung als durch eine tä-lich erscheinende, von allem Wissenswerten aufs schnellste unterrichteten Zeitung? Gerade die Ereignisse des vergangenen Sommers und der Gegenwart haben es wiederum schlagend bewiesen, daß heutzutage Niemand, sei er Landmann oder Städter, der seine Zeit mit klarem Blick erfaßt, ohne den tägliche« Führer durch die einander überstürzenden Ereignisse des politischen, kommunalen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens sein kann.
Wenn wir daher zum B i e r t e l j a h r s w e ch's e l den Weiter- und Reubezug der
„Giessener neueste Nachrichten" angelegentlichst empfehlen, so geschieht dies mit der Versicherung, daß es auch in Zukunft unser unablässiges Bestreben sein soll, uuseren zahlreichen Lesern einen gediegenen, alle Gebiete des öffentlichen Lebens in erschöpfender Weise behandelnden und aus varzüglichen Quellen stammenden Lesestoff zu bieten.
Insbesondere werden wir unsere Aufmerksamkeit der jcht wieder in lebhaften Fluß kommenden Politik des In- und Auslandes zuwenden und dabei die in den Vordergrund tretenden wichtigen politischen Fragen zu beantworten suchen. Wir können hierbei unseren Lesern die Versicherung geben, daß die von uns gebrachten politischen Nachrichten, Leitartikel oder Berichte auf autentischen Unterlagen aufgebaut sind und darum auch immer das Richtige treffn.
In gleicher Weise werden wir bemüht bleiben, g e- stützt auf zuverlässige und unterrichtete Mitarbeiter, die lokalen Nachrichten in jeder Beziehung auszubauen, sowohl die Nachrichten aus der engeren Heimat, wie der angrenzenden Gebiete.
Die Unterhaltungsbeilage wird, wie bisher, Orginal-Romane und Erzählungen aus nur gediegener Feder bringen und die Gunst der geneigten Leserinnen und Leser erhalten. Besonders an den langen Winterabenden wird die Unterhaltungsbeilage eine gern gesehene Lektüre sein.
Der Verbreitungsbezirk der „Gießener Neueste Nachrichten" hat sich durch Hinzutreten zahlreicher neuer Abonnenten ganz bedeutend vergrößert, Inserate finden darum die weiteste Verbreitung und sichern d.m Inserenten guten Ersolg.
Indem wir die „Gießener Neueste Nachrichten" somit auch ferner der Gunst des verehrlichen Publikums empfehlen, bem rken wir, das neu hinzutretenden Beziehern bis zum Schluß des Monats von j'tzt ab die Zeitung kostenlos zugestellt wird.
Verlag und Redaktion.
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Der Kampf gegen die Tuberkuloie.
CB. Wenn die Menschen sich untereinander von Kriegen unb Schlachten erzählen, so lvissen sie nicht genug davon zu berichten, wie viele blühende Leben der Würgeengel -tob dahin gerafft. Unb doch hat die Statistik überzeugend gelehrt, daß diese Zahlen verschwindend gering sind jenen gegen- über, die alljährlich künden, wie viele Opfer das schleichende Gift der Schwindsucht gefordert hat. Man ist m ^aientrepcn noch immer zn sorglos unb will die Gefahr nicht lehen, welme drohend über der Menschheit ihr Haupt erhebt. Und doch sollte schon die eifrige Beschäftigung unserer ersten ärztlichen Kapazitäten mit dieser Frage hinlänglich betäuben, wie ernst die Sache liegt und daß es höchste Zeit ist, daß ein Mittel gefunden wird, die tödliche Wirkung dieser mörderischen Krankheit zu beseitigen ober besser noch, ihr überhaupt vorzubeugen.
Wanner wie Virchow, Koch und Behring haben diel er wichtigen Frage den größten Teil ihres Lebens geopfert. Es Fann nicht unsere Ausgabe sein, abzuwägen, welcher von ihnen nm weitesten gekommen ist. Es bleibt allein der Wisseu- ftaft Vorbehalten, das zu entscheiden, und dieser Entscheid mirb erst dann möglich sein, wenn wirklich Positives erreich! wurde. Daß es heute noch nicht so weit ist, ergibt sich zm Evidenz aus den Ausführungen Prof Dr. V. Behrings vor
der Versammlung veinher Varursoricyer und Aerzte. Dieser hochverdiente Mann sprach eingehend von den Ergebnissen seiner Forschungen und Experimente und zog Folgerungei daraus, die mancherlei neue Hoffnungen aufkommen lassen Ausgehend von der These, daß tuberkulöse Infektion noch lange nicht tuberWöse Schwindsucht bedeute, gipfelte feim. Lehre in dem Satze, daß die Hanptquelle für die Schwind suchtsentstehung die SäugWgsmilch sei, — weil nämAcl der menschliche Säugling, gleich allen tierischen Säuglingen in seinem Verdauungsapparat der Schutzeinrichtungen entbehre, die im erwachsenen Zustande normalerweise das Ein- bringen von Krankheitserregern in die Gewebssäfte vorhin bern. Behring erhärtet diese Behauptung durch eine Anzahl von Beispielen fachwissenschaftlicher Art, die sich der Prüfung durch Laien natürlich ohne weiteres entziehen. Jedenfalls ergibt sich daraus, daß die frühzeitige Tuberkuloseansteckung bei Mensch und Tier das Hauptaugenmerk erfordert, daß hier die Wissenschaft einzusetzen hat, will anders sie Resultate erzielen, die für die gesamte Menschheit eine heilsame Wir hing haben. Behring berichtet dann par exemple über die Ergebnisse feine- Schutzimpfung für Rinder, die sich durcl^Nls bewährt hat, ins leitet daraus zu dein Bekenntnis hinüber, daß die Schutzimpfung für Menschen noch nicht so weit gediehen sei, daß sich ernsthaft darüber diskutieren ließe. Jeden falls aber hätten seine Experimente ergeben, daß die Möglichkeit einer Prohibitivmaßregel and) hier vorhanden wäre unb daß der Weg, auf bem sich seine Forschung befinde, der hoffnungsreichste und gangbarste wäre.
Hat also auch dieser- Wann uns nichts positiv Freudiges zu sagen, so läßt er doch wenigstens die Tür der Hoffnung offen und deutet eine Zukunft au, da die Seuche Schwindsucht nicht mehr wie heute in jedem Hause Rast hält und der Würgengel Tod auf ihren Spuren einherschleicht. Jedenfalls haben wir Ursache, stolz darauf zu sein, wie tapfer sich unsere wissen schaftlichen Koryphäen mit dieser vitalen Frage beschäftigen unb wie große Erfolge sie immerhin schon zu verzeichnen haben. Die Lungenheilstätten, die ihr Entstehen einer spon tonen Volksbewegung verdanken, sollen zwar praktisch zur Zeit nur die Bedeutung von Schtvindsuchtsschutzstätten haben, beweisen aber doch, wie rühriges Interesse bei uns zu Lande dafür vorhanden ist. Erst dieser Tage noch bürsten wir um von bem Berichterstatter der französischen Parlamentarischen Tuberkulosekommission das warmherzige Kompliment sagen lassen, daß unsere Einrichtungen besonders in Bezug auf die Schlachthäuser, die in Fankreich geradezu die Verbreitnugs- pätten der Tuberkulose darstellen, einzigartig praktisch und über jeden Zweifel erhaben wären. So können wir also immerhin aus unsere bisherigen Fortschritte in hygienischer Beziehung mit einigem Stolze blicken und haben keinen Grund, ein einer- besseren Zukunft zu verzweifeln. Das ist nicht viel, aber immerhin genug, wenn man bedenkt, daß erst in neuester Zeit die Wissenschaft die Wichtigkeit b^r Tuhöpkulose-o^äe voll erkannt hat.
Sine Dou cbe für Bulgaren und Türken,
Ein kalter Wasserstrahl, der vielleicht doch twch den glimmenden Zunder auf dem Balkan zum Erlöschen bringen, wird, ist von Petersburg nach Sofia und Konstantinopel gerichtet worden. Der Petersburger „Regierungsbote" veröffentlicht den Inhalt einer Note der russischen Regierung an Bulgarien und die Türkei, in der beide Staaten, vornehmlich aber Bulgarien, vor der Eröffnung von Feindseligkeiten streng gewartet werden.
Die Note beginnt mit einer scharfen Verurteilung des Treibens der Komitatschis. „Indem sie Schutz der Glaubensgenossen gegen die türkische Bedrückung auf ihre Fahne schreiben," heißt es, „bezwecken die Komitees in Wirklichkeit in eigennützigster Absicht die. Umwandlung der Provinz in ein „Bulgarisches Mazedonien" mit Beeinträchtigung der Rechte und Vorrechte anderer christlicher Völker. Da die Leiter der Bewegung bei den nichtbulgarischen Elementen Mazedoniens für ihre 'politischen Pläne keine Unterstützung fanden, beul i'chten sie sich, durch grausame Gewalttaten und Terrorismus im Lande einen allgemeinen Aufstand hervorzurufen, um die Einführung der geplanten Reform zu verhindern."
Nach dieser Brandmarkung der mazedonischen „Freiheits- kämpfer" erhält die bulgarische Regierung einen scharfen Rüffel, weil sie die Komitatschis unterstützt habe. Beiden, den Komitatschis wie dem Sofioter Kabinett, sei es zuzuschreiben, wenn jetzt die Christen der türkischen Vilajets in schwerer Bedrängnis seien. Dieser ein Ende zu machen sei lediglich möglich durch Verhinderung des Uebertritts neuer Banden aus Bulgarien in die Türkei und durch Einstellung der revolutionären Tätigkeit der Komitees.
Die Note teilt weiter mit daß sämtliche europäischen Mächte mit Rußland in dieser Auffassung der Lage eines Sinnes seien, und erklärt zum Schluß kategorisch, weder die Türkei noch Bulgarien könne auf die U n t e r st ü tz u n g einer Macht im Falle einer Auflehnung gegen Rußlands und der übrigen Mächte Willen oder im Falle eines bulgarischtürkischen Krieges rechnen.
Als ein Erfolg der Note darf es bereits angesehen werden, daß zwischen_der Türkei und Bulgarien eine gemeinsame
12. Jahrgang
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Aktion zur Beseitigung der Wirren in Mazedonwn vereinbart worden ist. Eine zu gleichen Teilen aus Türken und Bulgaren bestehende Kommission soll auf Grund der bestehender Gesetze Vorschläge zur Einführung einer weitgehenden Autonomie der bulgarischen Gemeinden Mazedoniens in Polizei- und Steuersachen, sowie betr. die Tätigkeit von Friedensrichtern ausarbeiten, welche die Rückkehr der Flüchtlinge beaufsichtigen sollen. Zugleich mit der Ernennung dieser Kommission verpflichtell sich beide Teile zur Zuriickziehung der Truppen von der Grenze.
Die Politik.
□ Von einer Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem Zaren ist wieder einmal die Rede. Aus Wiesbaden wird berichtet, anfangs Oktober stattfinden solle, getroffen. Unser Berdort würden Vorbereitungen für eine solche Begegnung, bic liner ^S.-Mitarbeiter begleitet die Wiedergabe dieser Meldung mit der Mitteilung, daß über eine solche Zusammen- kunft an aaitlicher Stelle einstweilen noch nichts bekannt sei. Immerhin hält man in amtlichen Kreisen eine solche Zwei- taiserzusammeukunft nicht für unwahrscheinlich.
*- Der Termin für die preußischen Landtagswahlen ist jetzt festgesetzt: Die Wahl der Wahlmänner wird am 12. November dieses Jahres, die Wahl der Abgeordneten am 20. November dieses Jahres statlfindeu.
*J< Die Gerüchte von einer bayerischen Ministerkrisis wollen nicht verstummen. Vor allein mirb behauptet, der K r i e g s - mini st er, der Finanz m inister und der M i n ist e r des Innern seien amtsmüde. demgegenüber wird jetzt aus München von bestunterrichteter Seite versichert, daß weder der Kriegsminister noch der Minister des Innern sich mit Rücktrittsabsichten tragen. Was den Finanzminister angeht so beschäftigt er sich in der Tat mit der Frage seines Rücktritts; indessen tut der Prinz-Regent sein Möglichstes, den Minister wenigstens noch so lange zum Bleiben zu bewegen, bis die gegenwärtige Landtagsperiode beendet ist.
öè Die vom Grafen Khuen in der liberalen Partei Ungarns verlesene Erklärung Kaiser Franz Josefs hat versöhnlich gewirkt: Die Liberalen erklärten sich davon im allgemeinen befriedigt. Die SToffuthianer setzen dagegen ihre heftige Opposition fort, unb bereits in der ersten Sitzung des Reichsrats am Donnerstag kam es zu sehr stürmischen Auftritten hauptsächlich zwischen ihnen und bem Grafen Khuen- Hedervary. Die Kossuthianer verlangen die Absendung einer in scharfem Ton gehaltenen Adresse an Kaiser Franz Josef, die den Armeebefehl zurückweist.
A Lakonisch wird aus Rouen gemeldet: „Der hier tagende Welt-Fncdcnokongreß lehnte auf V e r a n l a s s u n g der französis ch e n Delegierten den Antrag der deut s ch en Friedensliga ab, den internationalen itatus quo grundsätzlich anzuerkennen." Also selbst diese Welt, friedensschwärmer in Frankreich wollen nichts davon wissen, daß Elsaß-Lothringen bei Deutschland bleibt! Und da zu filier Wiedervereinigung Elsaß-Lothringens mit Frankreich die einzige Möglichkeit ein glücklicher Krieg mit Deutschland ist, bleibt nur der Schluß übrig, daß die französischen Friedens- freun be den Krieg mit Deutschland wollen. Nichts vermöchte die Hohlheit der Friedensbewegung besser zu kennzeichnen, rls dieser Beschluß des Kongresses, bei Sèm nicht nur die französischen, sondern and) andere Stimmen beteiligt sind.
cf Von einer neuen chinesischen Grausamkeit, die freilich ihre Strafe in sich selbst gefunden hat, wird uns aus London berichtet: Der britische ^aifagierbm-qqrr Eiupreß oj ^nbir, ' h Je einen Resorluchinesen an Bord, Wong W a i E h e e , auf dessen Kopf die chinesischen Machthaber einen Preis gesetzt hatten. Als die Flucht des Verfolgten auf den Dampfer bekannt wtlrde, sandte die chinesische Legierung bem bereits abgefahrenen Dampfer ben Kreuzer „Huang-Tai" nach. Dieser machte, als der Kapitän der „Empreß of India" sich weigerte, den Chinamann seinen Feinden auszuliefern, den nichtswürdigen Versuch, den mit Passagieren dicht besetzten Dampfer 311 rammen und zum Sinken zu bringen! Glücklicherweise vereitelte bid Geistesgegenwart des britischen Kapitäns den ruchlosen Plan: die „Empreß of ^nbia" manöverierte im entscheidenden Augenblick so geschickt, daß der Kreuzer an ihrem Bug vorbeischießen mußte. Selbstverständlich hätte er den Versuch wiederholt und zweifellos schließlich Erfolg gehabt. Deshalb ließ es der britische Kapitän nicht bei dem Ausweichen bewenden, fonbern gab, als der Kreuzer an bem Bug der „Empreß" vorbeifuhr, Volldampf vormls und rammte seinerseits den Kreuzer, der augenblidlicb sank. Selbstverständlich hütete sich das britstche Schiff, die chinesische Besatzung des Kreuzers an Bord zu nehmen, das Blutbad, das sie dann angerichtet hatten, Ware fürchterlich gewesen. Selbstverständlich wird der verbrecherische Anschlag der Chinesen auf den Passagierdampfer noch weitere Konsequenzen nach sich ziehen.
Das 6nde des falles Düfsener.
+ Kiel, 24. September.
Der „Fall Hüffener", der seit Ostern dieses Jahres die öffentliche Meinung in Aufregung gehalten hat, hat gestern vor dem Oberkrieasaerickt seine endgültige Erledigung