Nr. 1465?______________
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Gr«ti-beUage«: OLerhesstsche Familie»zeit««a (täglich) SSerheMche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und ènrtanba», sowie die Gießener Geifenblasen (wöchentlich). Da« Blatt erscheint au allen Werktagen nachmitag-.
Donnerstag, den 25. Juni 1903.^ ^ M ^M ' ^ 12. Jahrgang
Gießener
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für Overhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Gvthilt alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Die „^Organisation“ der Schiffahrt.
CB. Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die „morganisierte" Flotte sich tatsächlich in einer schwierigen Finanzlage befindet, weil die Gründung der großen Reedereivereinigungen zu teuer gewesen ist und daher die Zinslasten sehr drückend sind. Der große amerikanische Geschäftsmann gedachte sich mit einem Schlage eine Handelsflotte zu beschaffen und berechnete den bestehenden Reedereien ihren Schiffsstand zu den höchsten Preisen, für die dann Obligationen ausgegeben wurden. Der Gründungswert des Trustes soll den reellen Wert der Bestände um nahezu eine viertel Milliarde übersteigen, so daß also im Jahre etwa 10 Millionen Mark für die Spekulation ganz zwecklos aufzubringen sind. Die Zukunftshoffnungen waren deshalb bei Herrn Morgan und seiner Milliardärgenossen so übertrieben optimistische, weil sie damals die gesamte Welthandelsflotte in der Hand zu haben glaubten. In der Tat war ja auch nur eine einzige Reederei, die englische Cunardlinie, außerhalb des Ringes geblieben, und diese dachte Morgan im Kanter mil mehr als einer Nasenlänge zu schlagen. „Aber sei baé Mäuschen noch so klein, es kann ein schlimmer Nager sein." Die einzige Linie war der Feind, der sofort beii Kampf gegen das Schisfahrtsmonopol aufnahm und ihn auch aufnehmen konnte, weil die englische Regierung hinter ihm stand. Diese gab sofort die Mittel zu zwei neuer Schiffen her und stellte weitere 15 Millionen Pfund Sterling gleich 300 Millionen Mark angeblich zu Bau- und in Wirklichkeit zu Konkurrenzzwecken zur Verfügung. Die englische Regierung wollte damit nicht bloß ihre Reederei, sondern vor allen Dingen den heimischen Marki schützen, denn wenn die gesamte Handelsflotte der Weli unter die Leitung der amerikanischen Großkapitalisten gekommen wäre, dann war leicht vorauszusehen, daß eine Erleichterung der amerikanischen Ausfuhr nach Europo und eine Erschwerung der amerikanischen Einfuhr aus Europa angestrebt worden wäre. So hat die Cunardlinie geradezu eine internationale 'Aufgabe zu erfüllen gehabt indem sie gegen die Uebermacht des amerikanischen Wettbewerbs kämpfte. Die Position der amerikanischen Geschäftswelt war vor Begründung des Trusts deshalb eine so schwache, weil nur ein Achtel der gesamten Welthandels- flotte amerikanischer Nationalität ist. Aber Männer wie Morgan, Rockefeller und „Dr." Carnegie fühlten sich völlig in der Rolle des Moses, der mit seinem Stab nur an einen Felsen zu schlagen brauchte, um die Quellen sprudeln zu lassen. Dieser Mosesstab ist das Kapital, mit dem Morgan auch tatsächlich, wie gesagt, den größten Teil der Handelsschiffe unter seine Kontrolle brachte, wie der unverfänglich klingende Kunstausdruck lautet. Sein Allmachtsglaube ist nunmehr stark erschüttert, und zwar um so mehr, als die jetzigen KonkurrenzarbeiNen der Cuuard- tinie nur der Anfang eines zähen Kampfes sind. Tie englische Regierung weiß, was sie will, und sie wird gewiß das Rennen nicht vorzeitig aufgeben. Tie Geschäftswelt, Die für solch einen fröhlichen Krieg meist ein sehr zartes Verständnis hat, ist bereits mißtrauisch und hat ihren Ansichten durch einen Kurssturz der Trustpapiere um 2k Prozent Ausdruck gegeben; eine Mark Trustwert von vorgestern gilt also heute nur noch 80 Pfg. Tie Situation ist aber für Morgan um so bedrohlicher, als auch seine sonstigen' Unternehmungen wegen der allzu freigebigen Kursmessung des Gründungskapitals ebenfalls mehr oder weniger wurmstichig sind.
Während so der Schiffahrtstrust offenkundig in einer Notlage ist, haben die deutschen großen Schiffahrtsgesellschaften, die Hamburg-Amerikalinie und der Norddeutsche Lloyd, sehr günstige Geschäftsabschlüsse erzielt. Man sieht also, daß nur die Spekulation der Gründer, nicht aber die eigentlichen Reedereien selbst in Not sind. Wenn von einigen Seiten die Hoffnung ausgesprochen wurde, daß vielleicht unsere Handelsflotte wieder frei werden könnte von der fremden Oberhoheit, so ist diese Möglichkeit nicht ganz von der Hand zu weisen. Das Abkommen mit Morgan ist auf 20 Jahre bei 10jähriger Kündi- gung abgeschlossen und beruht auf folgender wesentlichen Bestimmung:
Die Morgangruppe garantiert einem Viertel der Aktien eine Verzinsung von 6 Prozent und hat dafür einen Anspruch auf ein Viertel der Dividende. Wie die Dingi augenblicklich liegen, sind die deutschen Reedereien geradezu eine Milchkuh für Morgan und seine Handelsfreunde, denn der Geschäftsstand der deutschen Reedereien wirft Gewinn ab, so daß also die Zinsgarantie nicht in Kraft tritt, oder daß sogar womöglich noch ein Gewinnanteil an Dividende über diese 6 Prozent hinaus an Mor- aan fällt, zu einer Zeit, da sich sein Unternehmen nur schwer auf den Füßen halten kann. Sind wirklich die Verhältnisse bei dem Trust ungesund, dann haben wir allen Grund, uns seiner Auflösung zu freuen, denn unsere Gesellschaften wären ja unter diesen Umständen dem Truste lediglich tributpflichtig, ohne im Notfall bei schlechter Ge- fchäftslage auf die Zinsgarantie rechnen zu können.
französische Kulturkampfskandale.
)—( Nach wir vor leisten die meisten höheren Offiziere der französischen Armee der Kabinettspolitik gegen die Orden hartnäckigen Widerstand. Der Kommandeur des 10. französischen Armeekorps, Passerieu, der die gegen einen Unteroffizier wegen Duldung antiklerikaler Knrnd gebungen von Heiner« Oberst verhängte Arreststrafe aufgehoben hatte, hat nunmehr gegen den Oberst eine 14tü gige Arreststrafe verfügt und den Truppen in einem Ar meebefehl mitgeteilt, daß die Bestrafung des Unteresfi ziers ungerechtfertigt gewesen sei. Das wird dem kommandierenden General seinen Posten kosten. Der pensw- nierte Hauptmann Janin, Untersuchungsrichter beur Kriegsgericht in Nantes, ist seines Amtes enthoben worden, weil er in der Angelegenheit des Leutnants Portier Die Einstellung des Verfahrens beantragt hatte. — Auch Der französische Klerus setzt sich dem Kabinett gegenüber zur Wehr; der bekannte Bischof Turinaz von Nancy forderte in der Kathedrale entgegen dem vorn Ministerpräsidenten Combes erlassenen Verbot im Namen der Freiheit and des Gesetzes den Jesuitenpater Ravenes auf, die Kanzel zu besteigen und zu predigen. Weder die Offiziere noch Bischof Turinaz scheinen einzuseheu, daß sie durch solche Gesetzwidrigkeiteu nur die Sache ihrer Gegner fördern.
Dem Kabinett konnte diese Haltung der Ordensfreunde gerade jetzt, wo es der Deputiertenkammer die schon erwähnte Vorlage betr. weitere Beschränkung der Rechte der Ordensmönche unterbreitet hat, nur willkommen sein. In Der Tat hat es denn auch die Vorlage, die ihm schon gefährlich zu werden drohte, durchgesetzt: Die Dcputierten- ‘ammer hat mit überwältigender Mehrheit das Gesetz, >as den früheren Orben^mitgtiebern verbietet, in den ersten drei Jahren nach Auflösung des Ordens in chrer bisherigen Gemeinde Unterricht zu erteilen, falls sie nicht nne besondere Erlaubnis dazu von der Regierung erhalten, in genommen. Die Debatte führte zu ernsten Auftritten. Als ein Deputierter sagte: „Wir wollen! nicht, daß Frank- ceich eine Jesuitenschule werde, wir wollen riicht, daß die Kongregationen in den Städten und Dörfern die Kinder lehren sollen, zu lügen!" begann ein unerhörter Skandal. Mehrere Deputierten stürmten unter wilden Geberdell auf die Tribüne und bedrohten den Redner. Einer wirft cim Papierrolle nach seinem Kopf. Das Toben bauerte eine Viertelstunde. Die Saaldiener mußten wiederholt die Deputierten verhindern, handgemein zu werden. Dann be- gallnen die Ordensfreunde die Marseillaise zu singen, dazwischen zu pfeifen und im Takt zu schreien: er wird nickst weiterreden. Einige Sozialisten stimmen die Karmaguolc an. Der Webner mußte schließlich die Tribüne verlassell. Charakteristisch für französische Deputiertenwürde ist auch folgender Vorfall: Der neugewählte nationalrftrsche Abgeordnete Syveton überfiel in Paris am Abend seiner Wahl auf offener Straße seinen Gegenkandidaten, den rabUafen Rechtsanwalt Lefoyer und versetzte ihm einen Fallstschlag, weil in einem Wahlplakat Lefoyers behauptet worden war, )aß Syveton eine Engländerin geheiratet Hube. Auch ein Grund zum Faustrecht!
Die kommende J^Iilitärvorlage fordert, wie jetzt in Bestätigung früherer Mitteilungen unseres Berliner C. ^.-Mitarbeiters zuverlässig bekannt wird, eine Heer es Verstärkung von 351 Offizieren und 8400 Mann, ungerechnet das bayerische Kontingent. Ueber einige weitere Mehrforderungen für Pioniere, Train- und Verkehrstruppen ist man sich in Regicruugskreisen noch nicht einig geworden. Die Heeresverstärkung soll allen Wuffen- gattumgen — der Infanterie, Kavallerie wie der Artillerie — §n Gute kommen.
Im einzelnen wird über die Verteilung der neugefor- derten Truppen auf die Heeresverstärkung bekannt: Im erster Linie sollen die Regimenter der 37. Division in Allen- stein, die insgesamt nur acht Bataillone zählt, durch je ein drittes Bataillon ergänzt, außerdem soll für diese Division eine neue Brigade neu errichtet werden. Die Di- vision würde dann 18 Bataillone, das erste Armeekorps deren 43 zählen. Ferner soll diese Division ein weiteres Feldartillerieregiment von 6 Batterien erhalten, sodaß das erste Armeekorps dann 38 Batterien haben würde. Das deutet auf die von uns schon gemeldete Absicht der Regierung hin, an der Südgrenze Ostpreußens ein neues Armeekorps, das 24. zu schaffen. Diese Nearerrichtung wird schon innerhalb der nächsten fünf Jahre nach der Annahnce der neuen Militärvorlage erfolgen. Endlich sollen and) noch zwei Jnfauterieregimenter in Metz um je ein Bataillon verstärkt werden. Die an unserer Westgrenze in Elsaß-Lothringen stehende Infanterie würde dann im ganzen 72 Bataillone umfassen.
Bei der Kavallerie soll die Eskadron Jäger zu Pferde in Graudenz um eine zweite vermehrt werden, und die Er- cichtung von 3 weiteren Eskadrons zur Vervollständigung eines neuen Kavallerieregiments nötig erklärt werden. Außerdem wird die Verlegung eines weiteren Kavallerieregiments nach Graudenz erwogen. Endlich werden zu Gunsten der 38. Division Erfurt und der 4. sächsischen Division Chemnitz die Vermehrung der in Langensalza und in Sachsen stehenden je 2 Eskadrons auf je 1 Kavallerie-.
regiment Beantragt, aucy. die Forderung eines Regimentsstabes in Posen erneuert.
Man darf aus den hierfür von der Regierung angeführten Gründen annehmen, daß eine gleiche Verstärkung für die 6. bayerische Division beabsichtigt ist. Im ganzen ergäbe sich dann eine Forderung von 4 bezw. 5 (Graudenz schon eingerechnet) neuen KavaNerieregimentern mit insgesamt 10 beziehungsweise 13 neuen Eskadrons. Endlich sollen auch 4 neue Maschiuengcwehrabteilungen und für Vie Fußartillerie 3 Gespannungsabteilungen errichtet verden.
Die Politik.
Der Kaiser und König Georg über die Wahlen.
)( Münchener Blätter wissen Verschiedenes über die Aufnahme zu berichten, die das Ergebnis der Reichstaaswahl beim Kaiser und dem König Georg von Sachsen gefunden hat. Danach^ soll der Kaiser am Wahltage angeordnet haben, daß ihm „nicht teelöffelweise, sondern in voller Klarheit" über den Ausfall der Wahlen berichtet werde. Er habe sodann die tveiteren Mitteilungen mit großem Ernst und unbeweglicher Miene entgegengenommen und nach einer Pause tiefen Nachsinnens erklärt: „Es muß jetzt alles baran gesetzt werden, daß dieser (h-ier folgt eine kurze Pause) Gesellschaft bei den Stichwahlen der Weg ab* geschnitten wird. Besorgen Sie das!" Sofort nach dieser Unterredung erfolgte dann die Veröffentlichung der^Stich- ivahlparole der Regierung: „Ueberall gegen den Sozial- Demotraten" und die Anknüpfung von Unterhandlungen mit verschiedenen Größen der bürgerlichen Parteien. Ber diesen Unterredungen, namentlich der Führer des Centruuis, sollen für einzelne Persönlichkeiten sehr belangreiche Er- Uärungen erfolgt sein. Die Rückberichterstattung an den Kaiser soll keineswegs volle Befriedigung geschaffen, beim Kaiser vielnrehr den Eindruck einer erhöhten Mißstimmung hinterlassen haben.
Das überraschende Ergebnis der Wahlen in Sachsen, Die es nicht ausgeschlossen erscheinen lassen, daß Sachsen nur durch Sozialdemokraten vertreten luirb, hat König Georg mit folgender Randbemerkung begleitet: „Was ist ms meinem treuen Sachsenvolke geworden? Wie ist mein Volk irregeleitet!"
Kaiserti he Ehrung der deutschen Schiffahrt.
=1= Die Anerkennung, die der Kaiser bei der ^Enthüllung des Denkmals Wilhelnis I. in Hamburg den Hamburgern zollte, hat er jetzt in Cuxhaven bei der Regatta des Norddeutschen Negattavereins, in der er selbst mit seiner Uachi „Meteor" Sieger blieb, wiederholt. Er feierte bei dem Regatta festmahl den Unternehmungsgeist und die Initiative der Hansastädte und zumal Hamburgs, die ihren Weg zu finden wisse, und gedachte insbesondere der bevorstehenden Einführung der Tiefladelinie in der deutschen Rhederei, die bekanntlich erst nach langen Verhandlungen und Schwierigkeiten allgemein acceptiert wurde. Die Tiefladelinie — die am äußeren Borde des Schiffes anzeigt, wie stark es ohne Gefahr beladen werden darf, wird, so sagte der Kaiser, dazu beitragen, die absolute Zuversicht in die Sicherheit unserer Schiffe und die Ehrlichkeit unserer Rheder noch zu erhöhen. Der Kaiser schloß mit einem Hurrah auf Hamburg, den Norddeutschen Negattaverein und die Hamburg-Amerikalinie. Der Kaiser hat an Bord der „Hohenzollern" Cuxhaven verlassen, um sich durch den Kaiser Wilhelm-Kanal nach Kiel zu begeben, wo er zur Kieler Woche mit der Kaiserin zusammentrifft.
Veränderungen im bayerischen Ministerium.
If Dâe in einigen Blättern aufgetauchte Meldung über Veränderungen im bayerischen Ministerium sind lediglich insofern zutreffend, als zum Herbst innerhalb der bayerischen Regierung ein neues Ministerium, das Verkehrsministerium, errichtet werden wird. Zum Verkehrsminister ist der Ministerialrat v. Frauendorfer ausersehen. Im Herbst dürfte auch der bayerische Finanzminister Frhr. D. Riedel zurücktreten und durch den Ministerialrat V. Pfaff ersetzt werden.
Der 8 14 in Oesterreich.
£ Der ominöse § 14, der schon bei dem deutsch-tschechischen Sprachenkampf im Oesterreich eine so große Rolle spielte, soll jetzt wieder in Funktion treten. Dieser Paragraph ermächtigt die Regierung, in Fällen, wo sie durch parlamentarische Opposition an der glatten Erledigung der Geschäfte gehindert wird, über den Kopf der Volksvertretung hinweg die für die Verwaltung des Landes erforderlichen Ausgaben und sonstigen Maßregeln vorzunehmen. Die Tschechen tragen auch diesmal an der Wiederinkraftsetzung des § 14 die Schuld: Sie verlangen neuerdings die @r* Richtung einer tschechischen Universität in Mähren, die Einführung des Tschechischen als innere Dienstsprache in Böhmen und, was allein berechtigt ist, die Verstaatlichung verschiedener Privatbahnen. Das Kabinett Körber hat diese Forderungen rundweg abgelehnt, um die Deutschen Böhmens nicht aufs neue gegen die Regierung aufzubringen. Infolgedessen drohen die Tschechen mit der Obstruktion. Führen sie diese Drohung aus, so wird das Kabinett den Reichsrat vertagen und mit dem § 14 wirtschaften.