M. 30z. Zweites Blatt.
Donnerstag, den 24 Dezember !9o3.
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pr Oterhesse« und bk Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalaazsiger für Giètze« und Unqednng
Gntdßit «le amtliche« Bekanntmachungen der Broßh. Bürgermeisterei Hießen und anderer Behörden Mi rlcheehaßa.
„ ct^ Weihnacht.
„Friede auf Lrden!" — Das Lnaelswort
Tönt beute wieder durch alle Lande.
An des sturmgerüttelten Schiffes Bord, Auf des Berges Höhe, am einsamen Strande, 3m Schloß, in der Hütte, im Dorf, in der Stadt tauscht alles der Botschaft und hört sich nicht satt.
Lin helles Klingen! Die Türe springt auf,
Die Thristtannen blinken in waldgrüner Frische,
Viel kleine Füßchen in trippelndem tauf Drängen zum gabenbeladenen Tische.
Des Greises Runzeln klärt rosiger Schein, Heut darf er mit Rindern ein Rind wieder sein.
Schon heidnische Urzeit beging jenen Tag,
An dem der Sonne enteilende Bahnen
Sich heimwärts ixenden, wo £)ain und Hag 2m Winters Banden den Frühling ahnen.
Uns hat er das geistige Licht gebracht, Das die Seele erlöset aus sündiger Nacht.
3n frostigem Dunkel, in Lis und Schnee will selige Hoffnung sich siegreich erheben: Schwinden muß Sorge und Rümmer und Weh; Heimlich schon regt sich ein neues Leben.
Don des grünenden Christbaums schimmernden Rerzen Strahlt tenzesgewißheit in unsere Herzen.
Hedwig Lehmann.
Wie es der Freude auf Erden ging.
Weihnachtsmärchen für große Kinder.
Wißt ihr, woher es kommt, daß zu Weihnachten an dlfcn Orten heller Kinderjubel ertönt? Ich will es euch erzählen:
Es war an einem warmen Junitage. Die alte, ewig j-r^e Mutter Erde hatte sich in helle Gewänder, grünen ^lÄterschmuck und Rosenguirlanden gekleidet, und die gol- L eiten Sonnenfäden reichten genau Don der Himmelstür bis M ihrem Prunklager herab.
Aber der liebe Herrgott mußte^es einmal mit ansehen, £aß einer seiner Lieblinge, die „Freude", mit recht trübseliger Miene in der Nähe der goldenen Himmelstür stand, illnd sich bemühte, durch die Spalten zu sehen. „Ei, mein Liebling, was hast du?" So fragte, mild lächelnd der Herr- flott und streichelte ihr die zarten Wangen. Da schaute die ; reu de zu ihm auf und trug schüchtern ihr Anliegen vor.
„Ach, gestatte mir," bat sie, „daß ich, und sei es auch nur auf einen Tag, hinab auf die Erde, zu den sündigen Menschenkindern ziehe; ich sehe da unten so viele schwarze Punkte, so viel der Not und des Elends, ich denke, sie werden mich mit offenen Armen empfangen?"
Der liebe Gott wußte wohl, daß die Freude im Ge wühle der stets Unzufriedenen schwer Unterkunft finden werde; allein oberhalb des Sternenzeltes kennt man die Ausflüchte nicht. Und so gewährte Gott Allvater den Wunsch seines bescheidenen Lieblings.
Die Freude war ganz vergnügt. Sie legte eine ganz einfache Kleidung an, setzte sich auf den Mantel des Lüd inindes, der just zur Erde hinab flog, und bald brachte sie nbr Reisegefährte in eine der schönsten und belebtesten Straßen der Residenz, in der der Kaiser wohnt.
Unter den Lindenbäumen der großen Promenade blieben üc stehen. Kein Mensch kümmerte sich um sie, und sie wun werten sich ehrlich, daß ihr Erscheinen unter der staubgebo treuen Menge gar kein Aufsehen erregte; das schien ihnen jjeltfnm. Als sie jedoch sich dicht an die Promenierenden im Gewühl herandrängten und lauschten, hörten sic, wie einer Len anderen mit den Worten begrüßte:
„Ah, es freut mich unendlich, Sie zu sehen!" oder: „Wie ireue ich mich darauf, Sie bei mir zu begrüßen--
Da senkte die „Freude" beschämt das Köpfchen und dachte -sieb: „Wozu bin ich herabgestiegen —? Hier bin ich ja tägliche Hausmannskost!"
„Ich habe noch viel Arbeit und muß nun fort" — sagte 7er Südwind — „wenn die Mondeslaterne angezündet wird, gehen wir beim. Verspäte dich nicht!"
Hm nickt länger einsam schleichen zu müssen, schloß die Freude" nch mutig den Leuten an, die ihren Namen am lautesten im Munde führten. Da erfuhr sie denn zu ihren Erstaunen- daß diele und jene, die sie am ostentativster verkündeten, sic fast gar nicht kannten, und absolut nichts Don ihrem wahren Charakter zu erzählen wußten.
„Wie seltsam — —," dachte die „Freude" und ließ diese Leute stehen.
Nun kam sie an ein großes, prächtiges Gebäude. Gut stolzer Palast. Dort lagen ganze Berge von Kostbarkeiten eufgestapelt. Da gab es Roben und Mäntel aus Seide, Spillen. Brokat, bedeckt mit den köstlichsten Stickereien -
mb Häubchen und Hüte schier zu hunderten. Der Trousseau der jungen Prinzessin Mimi war ausgestellt und tausende
- meist neugierige Evatöchter — kamen, ihn zu besichtigen. Auch die schöne Braut und das Elternpaar wollten der >doch ;ei! sausstellung beiwohnen.
Die „Freude" schwebte hinter eine blühende Orangen Hecke, bereit, zu erscheinen, sobald der rechte Augenblick' ge kommen sein werde. Nein, diese Pracht! Dieses Funkeln der Juwelen! Dieses Rauschen und Knistern der Atlasse mb Brokate — diese duftigen Ball-, besser gesagt „Feen toiletten" - -- das alles mußte doch das Herz der Priu zeisin-Braut höher schlagen machen
Die hohen, reichvergoldeten Flügeltüren öffneten sich. Die Prinzessin! Sie war sehr blaß und ihre großen Blau äugen verrieten, daß sie geweint haben mußte. Sie Der beugte, sich tief vor den Eltern; aber Sic hatte keinen Blick für all die kostbaren Schätze, deren keiner für sie einen neuen Reiz besitzt. Seit sie die Wiege verlassen, ist sic mit Kost bar feiten ansstaffiert Zvordeu — was konnte es für sie neues geben? Einen Schatz, den sie heiß ersehnte, legte man ihr nicht zu den so blitzenden und glitzernden Diademen und zwischen die märchenhaft schimmernden Halsbänder, Arm mangen und Boutons — die Freiheit.
Dip arme kleine blondlockige Prinzessin Mimi muß ihre Liebe, ihr Herz einsargen — sie muß den Jugendfreund, der ihr so teuer ist, vergessen und dem alternden fürsten von Y . . . . ihre kleine Hand zum Ehebunde reichen. Das arme Prinzeßchen?
Ach — die „Freude" begreift es, daß sie sich hter nicht am rechten Orte befindet — sie duckt sich verstohlen hinter die Orangen.
Nun war es Mittag und die Himmelstochter hatte noch niemand ge firn beth dem sie sich anvertrauen konnte.
"In 5er ersten Etage eiiws prächttgen Hauses der P. . straße waren die großen Spiegelfenster weit geöffnet. Durch das hohe Portal gingen eine Menge Menschen: Bediente in glänzenden Livreen, Dienstleute und Offiziers- burschen. Alle diese Leute sind mit mächtigen Bouquets, Lorbeerkräuzen von wahren Riesendimensionen und allen möglichen Gebilden Ms den herrlichsten, duftendsten Blumen beladen. Es galt den Namens- und den Benefiztag einer beliebten und berühmten Künstlerin zu feiern.
Daniela M . . . liegt von weichen Atlaswellen umflossen, von kostbaren Blumen und fürstlichen Geschenken mm geben, als Herrin in dem prächtigen Palaste auf der Sammetottomaue. Daniela selbst stammt aus der Hefe des Volkes, ist das Kind armer Holzhackerleute, die tief im Gebirge wohnten. Die schöne Tochter aber war zu Ehren und Rcichtuni gelangt. Ihre ganze Kindheit brachte sie in bit lerer Not und Elend zu, aus der sie ihr seltenes Talent errettete.
Nun hat sie es erreicht. Vor ihr liegt ein Vermögen an kostbaren Spitzen, Fächern, Bonbonnieren und tausenderlei Luxusgegenständen ausgebreitet. Ah — und dieser Schmuck! Ein köstliches Halsband — und dieses Diadem —!
Schon will die „Freude" das liebliche, schöne Antlitz der Künstlerin mit ihren Schwingen umfächeln — da umzieht ein finsterer Schatten die hohe weiße Stirn.
Was ist es wohl? Ach — die eben noch so Ehrgeizige und Glückliche denkt fckp.nerzlichst an den Unterschied von damals und heute. Der jahrelang sieche Vater auf dem Schmerzenslager — die gute, geduldige, allezeit liebevolle Mutter, die sie zärtlich liebte, und so oft nach ihr rief -- beide nun tot, in Elend und Armut verdorben und ge starben. Ja — sie hatte gelernt, hatte Glück gehabt, aber um ihrer Karriere willen, die ihr Vorgehen mußte, wie sie dachte, hatte sie jene verlassen und auch nicht iviedergefehen, jene, die sie mit Vicbe und Treue umfaßten. Und nun Daniela ihr Ziel erreicht, nun sie es durch eigene Straft zu Ruhm und Reichtum, zu Wohlleben gebracht, da starben Vater und Mutter in wenigen Tagen — und nun, da sie imstande war und die heiligste Sehnsucht empfanb, ihnen alle ihre Liebe, all' ihre Schmerzen und Sorgen zu vergelten, nun modern beide im Grabe — sie gingen vor der Zeit dahin. Verlassen, unsäglich verlassen fühlt sie sich — wohin sie auch blickt, sie begegnet nur eigennützigen Men scheu; nur Neid und Bosheit, Verleumdung umgeben sie, kein edles Herz schließt sich an das ihre an.
Daniela läßt den duftenden Rosenstrauß zur Erde fallen; salzige Tränen verdunkeln ihre schwarzen Glutaugeu sie seufzt. Und bei der Disharmonie des Klagetons schlüpft auch die „Freude" davon.
Wohin soll sie nun--?
In den glänzend erleuchteten, kostbar möblierten Häusern findet sie wohl kein Obdach. Sie nimmt sich vor, es einmal in unscheinbaren Gebäuden zu versuchen — vielleicht, daß man ihr da ein Plätzchen gönnt. Weit draußen, im ödesten Stadtviertel, in einer dürftigen Kellerwohnung da gibt es Leute, denen meistens die hellblinkenden Sternlein am Firmamente als Leuchte dienen müssen, weil sie keine Lampe brennen können. Da drinnen sind Kinder, kleine und größere, die sich, obwohl draußen milde, warme Luft herrscht, fröstelnd an das Bett der kranken Mutter drängen. Der Keller ist so kalt - die Gewänder der Kleinen sind so dünn, auch ist der Magen leer — da müssen sie wobl
frieren, die Aermsten. Im Kasten kein Krümchen Bro» auf dem Herde kein Fünkchen Feuer. .Äch, welch ein Dasein für die Firmen!
Die „Freude" steht unschlüssig vor dem Tore und blickt, ungesehen von den Menschenkindern, durch die blinden St etter scheiben. Sie ist schon müde von all dem Pilgern.
Hier in diesem unwohnlichen Räume soll sie sich zei gen ---?
Nein — sie will heim.
Just kommt der Südwind um die Ecke gestreift. „Nun?" fragt er die liebste Reisegefährtin und rührt die Flügel, so daß gleich ein paar Dachziegel von dem alten Häuschen herabfallen.
„Fort, fort nur!" sagte die „Freude" und hängt sich an seinen Arm. Bald sind sie oben am Himmelstor. Im großen Wolkensaal laufen alle lieben Engelein Mammen und die „Freude" soll erzähl en, wie es ihr auf Erden er gangen und was sie für Abenteuer erlebte — denn auch die Engelein sind gar neugierig und der gute alte Petrus, der Himmelspförtner, auch. Aber so viel die Brüderlein und Schwesterlein auch drängen '— die sanfte „Freude" vermag ihnen nichts zu erzählen. Kaum vermag sie die ersten Fragen zu beantworten - da stockt sie auch schon und findet keine Worte mehr------der liebe Herrgott aber sah sie an und da sie schwieg, so wußte er genug.
So verging eine geraume Zeit und die „Freude" saß, still in einem Himmetswinkelcheu. Da sagten die Menschen auf Erden: „Ach, ist das eine traurige schwere Zeit!"
Dann kam der Winter und mit ihm das heilige Weih- , nachtsfest. Ta hatten die Engelein und Hausvater Petrus I alle Hände voll zu tun — es gab unbändig viel Arbeit, und alle Minuten mußte das große Himmelstor geöffnet werden, weil die Himmelspost ankam. Tag und Nacht kamen hunderttausend Millionen Zettelchen und Briefchen ohne Freimarke, auf denen geschrieben stand: „An den lieben Gott!" oder „Weihnachtsbitte!" Tie meisten aber trugen die von ungelenkigen Kttnderhändchen geschriebene Adresse: „An das liebe Christkind!"
Und auch die „Freude" kam aus ihrem stillen Winkek chen hervor und wollte ihren Teil Arbeit haben. Und wieher bat sie den lieben Gott: „Ach, nur diesmal noch lasse mich mit den Engeln, die das „Halleluja!" verkünden, mit zur Erde hinab! Ich weiß ein Haus, das ich nicht vergessen kann — — vielleicht hätte ich gleich dort einkehren sollen!"
Und wieder erfüllte Gottvater ihre Bitten. Diesmal blühten die Rosen nicht. Es war grimmig kalt. Auch blieb der Südwind daheim und sein Bruder, der Nordwind, nahm die „Freude" und einen Trupp Engel — ausgesandt kleine Kindlein in den warmen Himmel hinauf zu holen — unter seine schützenden Fitttche. Nun sind sie unten und die Engelein huschen da- und dorthin und nehmen frierende Seelchen in ihre Arme.
Die „Freude" aber steht vor einem behaglich eingerichteten Häuschen. Hinter den blanken Fensterscheiben sieh! man Töpfe blühender Veilchen und friemeln und Hyazinthen. Ein größerer Garten gehört zu der Villa, die, wenn alles im Sommer grün ist ganz versteckt in der Kaüa nienallee liegt.
Im ersten Stockwerk sitzt ein Mann non etwa Dicr/a Jahren im Armsessel. Die Hände ruhen gefaltet im Schoße : aber das schöngeformte Antlitz des Mannes^trägt den Stern pel der Spannung und Aengstlichkeit. Sechs Jahre st Edmund Galm nun mit seiner geliebten Marianne herbei ratet — sechs Jahre hoffen und harren die Ehegatten auf den einzigen Segen, der ihrem Glücke noch fehlt — — Und heute, am Christabend, soll sich ihre Hoffnung erfüllen.
Jetzt hört er drüben ein Laufen und Flüstern, dann die leise, anordnende Stimme seiner Mutter, und plötzlich ver nimmt man ein feines, dünnes, durchdringendes Sttmmcheu --dem Manne will schier der Ateni versagen.
Einige Minuten darauf öffnet sich leise die Tür, und sein altes Mütterchen tritt zu ihm herein. „Es ist ein strammer Junge, Edmund," flüstert die neue Großmama hochbeglückt. „Komm nur — Mariannchen will dich sehen und dir ihren Erstgeborenen in die Arme legen."
Und die „Freude" berührt mit ihren Schwingen das aufjauchzende Herz des vorher so zaghaften Mannes. Ein <aobn - sein S ohn Ein Weibnachtsjunge'
Bei der jungen Mutter hält die „Freude" sich gar nicht auf; sie weiß, daß ein Mutterherz sein ganzes Erdendasein in Liebe dem Kinde zugetan ist.
Nun aber zieht es sie zu dem alten Hause, welches sic einst so mutlos vermieden. Kreuz und quer muß sie suchen, denn es ist noch verfallener als im Sommer, und schwer zu finden. Endlich aber hat sie es doch
Jetzt geht ein Mann, in einen dicken Mantel gehüllt, ar ihr vorüber. Unter den Armen und in den Händen trägt er große Pakete. Da er an die Haustür nicht stopfen kann so scharrt er mit dem Fuße eigentümlich. Die Kinder ur Kellerstübchen hören es nicht und spielen weiter — aber bei Mutter kommt dies Geräusw seltsam bekannt vor und laß; sie aufhorchen in namenloser Spannung.
Die „Freude" hilft hem Manne und dem altcjteil bei Kinder, einem goldlockigen Mädchcii, die -iür zu öffnen.
„Guten Abend. Hanna, sagt der Mann mit dem tief gebräunten Antlitz liebevoll au der Kranken, «anten Abend