Sr. 250 Erstes Blatt.
Samstag, den 24. Oktober 1903.
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Postzeitungsliste No. 3969.
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Deueke Wachrichien
(Hi-Se«-» Jag-Statt) Nnaöhângige Tageszeitung (chietzener ?eit**O
für Oberhessm und die greife Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietze» und Umgebung.
MUU eUe amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behdrden Mi ob-rhch«.
Der Volksfeind.
^Politische Wochenschau.^!
Immer sind es die Extreme, welche schädlich wirken, lind nicht minber verderblich^wie das „zu wenia" ist das ,311 viel". Wenn in heißen (sommertagen kein R aen fällt, verdorren die Fluren; entlädt der Himmel ohne Unterlaß seine Schleusen, verfault das Korn auf den Aeckern. Fiir den Landinann, der seiner Arbeit Lohn vernichtet sieht, ist beides dasselbe . . . Acker und Mensch. Schon vor dem Drempel des Evangelisten war dieser Vergleich kein Paradox. Aus beiden sprießt in der Reife als Ernte, was in der Frühe gesät, und beide leiden unter den Schwairkungen iiner Witterung, die ihrem Einfluß entzogen ist. Seit An- beginn der Welt währt schon der Kampf gegen die Normen. As Kain den Abel erschlagen, starrte das erste Menetekel von der Wand der Zukunft. Zu heiße Leidenschaft trieb den ersten Mörder zu schauriger Tat. In grauer Vorzeit also schon wurde das Uebermaß zum Verderber des Guten, zum grimmigsten Volksfeind.
Leidenschaft und Uebermaß. Ein uralt Lied, in tausend Sprachen erklungen, in tausend Tönen gesungen . . . Als wirksames Heilmittel gab ärztliche Kunst den Alkohol ihren Kranken, und heute nod) erweist er täglich seine lindernde Kraft. Und doch wiegt seine gute Wirkung bei weitem auf, was er an Verderben über die Menschheit brachte. Wie iveit es schon gekommen ist, lehren die gewaltigen Anstreug- imgen der medizinischen Kapazitäten, zeigt die Intervention der Staaten. Unverstand trieb solange Mißbrauch mit an sich edlem Stoff, bis feine gute Wirkung ins Gegenteil umschlug, bis er zu einem der grimmigsten Verderber wurde. Erst dieser Tage wieder hat in der Harlptstadt des Reiches ein Kongreß stattgefunden zur Abtoehr seiner schädlichen folgen. Und nicht an letzter Stelle sprach der Vertreter ber Regierung warnende und mahnende Worte. Wird man heute noch den Strom eindämmen können, der ungestüm nii§ seinen Ufern brach, wird man heute noch dieses Volksfeindes Herr werden? Weithin übers Land klingen die Stimmen der Warner unb künden ein trauriges ^u^ kunftslied. An ber Energie unb Einsicht unseres Volkes wird e3, liegen, ob Dämon Alkohol der Sieger bleibt, die Geister sümpft und die Körper erschlafft, oder ob er wieder in seine Schranken gedrängt wird als das, was er ursprünglich war: als Heilmittel, das tausenden Linderung brachte.
Uebermaß unb Leidenschaft. Wo zeigt sich beides deutlicher als im Leben und Ringen der Völker! Dort unten jenseits der Leitha brach auch die. Leidenschaft aus der alltäglichen Bahn. An sich gutes, heißer Patriotismus, drängte zu iuitben Ausschreitungen, die jedes Maß überschritten und eine Krisis heraufbeschworen, wie sie schwerer wohl üemals über Ungarn kam. Noch immer weiß niemand zu sagen, wie alles kommen wird; ob wirklich schon das rote Gespenst der Revolution wie weiland Hannibal vor den toren steht, oder ob noch einmal das Schlimmste abgewendet wird von bcii magyarischen Landen. Nur eins ist sicher: seit langer, langer Zeit hängen finstere Wolken tief herab über das Schmerzensreich des greifen Kaisers unb hemmen die Tatkraft eines wackeren Volkes. Auch ihm erwies sich das „zu viel" als Feind, und lange noch wird man seine Wirkung spüren, selbst wenn es gelingt, das Schlimmste noch einmal abzuwenden.
Und war es im Grunde etwas anderes, WaS die italie wischen Sozialisten dazu trieb, die Zareureise zu Fall zu bringen? Mau schoß weit über das Ziel hinaus unb schä digte auch die Interessen der Arbeiter bamit viel mehr, als . inan ihnen nützte. Immer klarer wird diese Erkenntnis selbst in antimonarchischen Köpfen, immer größer wird die Zahl derer, die einsehen, welch bösen Streich die Leiden sckaft. die zum Fanatismus wurde, dem italienischen Volke gespielt hat. Der Trost, den man in Paris gefunden hat. i"ar nur ein schwacher, soviel man auch darüber reden mag. Was der Volksfeind Uebermaß in Unbesonnenheit gefün- bigt, kann lautester Lärm nicht vergessen machen.
Wohin man blickt auf der Karte der Erde, überall sieht man dasselbe Bild. Da hinten weit in der Türkei, wo bic Völker aufeinander schlagen, waren Leidenschaft unb Uebermaß zugleich Ursache unb Wirkung. Verödete Fluren und abgebrannte Dörfer künden, wie unten in der Buren verwaistem Laude, auch hier von der grausigen ^irhmg jener völkerfeindlichen Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. In Serbien, wo ein Königspaar starb unter den Händen von Menchelmördern, in Bulgarien, wo man wieder einmal im Begriffe steht, den guten Ferdinand recht unsanft abznschütteln, — überall dasselbe. Ueberall drängt die Leidenschaft an sich Gutes auf abschüssige Bahu und führt zum Verderben. Der Alkohol der Begeisterung ist das schlimmste Gift; seine Wirkung ist tätlich, und kein Mittel gibt es, sie zu hemmen.
Und die Heilung? Die Aerzte sagen, man könne auch den ärgsten Trinker heilen, wenn er nicht schon in des Deliriums letztem Stadium wäre. Wo also, wie auf dem Balkan, die Leidenschaft schon zu grauser Tat wurde, ist nichts mehr zu retten. Aber vorbeugen und ablenken soll man, seweit es irgend in'menschlichen Kräften steht, wo nodrbie leiseste Möglichkeit einer Heilung vorhanden ist. Gegen den Alkohol, die konkrete Form desselben Volksfeindes, bat
man Kongresse berufen, und die Negierungen legen "sich ins Mittel. Als Freiherr m Pödewils in der bayerischen Kammer das Verhältnis Bayerns zum Reiche besprach, klang ant seinen Worten gar beredte Warnung an die PartW- laristischen Alkoholiker, aus bereu gewiß edlem Patriotismus so leicht und so oft arges Unheil entsteht. Die Note war aus derselben Tonart. Kongresse kann man da frei lieb nicht berufen. Das bewies schon die Farce im Haag, wo man auch gegen Uebermaß unb Leidenschaft mit Formel kram vorgehen wollte und vergaß, daß man am letzten Ende eben Gift nur durch Gegengift heilen kann. Wo aber dieses lebte Ende noch nicht gekommen ist, da hilft nur Aufklärung der Massen als linderndes Mittel. Der Tropfen höhlt noch immer den Stein. Und wie man auf Kongressen gegen den Alkohol spricht unb zündende Wahrheit unters Volk trägt, so sollte man auch, ehe die Leidenschaft über die Stränge schlägt, von oben her vermittelnd dazwischen treten und den Volksfeind schildern in seiner eklen. Nacktheit. Ausrotten wird man ihn nicht immer können, aber Linderung und Besserung wird man schaffen. Und dem ersten Schrat folgt meistens der zweite.
türkische Greuel in ^lL2c Ionien.
Trotz aller anfänglichen offiziellen Ableugnungen der Schreckenstaten, die nach Zeitungsinelduugen die fanatisierten türkischen Soldaten unter der mazedoiiischen Bevölkerung begangen haben sollten, hat sich doch schließlich der Sultan gemüßigt gesehen, die Greuel zuzugestehen. Allerdings nur in sehr beschränktem Maße. Einige schuldige Redif- und Nizamunteroffiziere und Offiziere hat er sich dem Druck der europäischen öffentlichen Meinung, die durch den Mu.nd der Botschafter auf ihn wirkte, zu opfern entschlossen. Sie sehen ihrer Bestrafung entgegen, die aber sicher nicht schwer ausfallen wird. Den wahren Umfang der Schandtaten, die die entmenschte Soldateska an wehrlosen Greisen, Weibern unb Kindern beging, jedoch wird die Pforte stets ableugnen. Aber daß sie der zivilisierten Ncenschheit bekannt werden und von ihr gehörig gebrand- morft werden können, dafür sorgen unerschrockene Berichterstatter, die allen Absperrungsmaßregeln der tiirkischen Oberen zum Trotz die Wahrheit 311 erforschen und zu verbreiten wissen. Die Greuel, die sie uns enthüllen, sind entsetzlich unb fordern im Namen der Menschlichkeit zum sofortigen energischen Einschreiten auf.
Der Bericht eines Augenzeugen, der uns vorliegt, teilt diese türkischen Greuel in zwei Grup- Peu. Die erste Kategorie umfaßt die lange Reihe von Fällen, in denen die türkischen Linientruppen, die Nizams, sozusagen exekutionsweise vorzugehen hatten. Da gibt. es niedergebrannte Dörfer, vernichtete Vorräte, ausgeplünderte, in die Flucht getriebene, wohl auch getötete Einwohner. Diese Grausainkeiten sind schließlich noch entschuldbar, denn auch die Anlässe zu ihnen sind schrecklich: Kleine Banden, die unter Mithilfe der Bevölkerung mit Mord und Dynamit gearbeitet haben, und sich, ortskundig, wie sie sind, der Rache zu entsichen wissen, so daß die blutige Exekution dann nicht sie, sondern eben die Einwohnerschaft trifft. Tie zweite Kategorie der (Greueltaten aber, und zwar der wirklich unentschuldbaren und durch keine Gegenaktion einer feindseligen Bevolkerilng provozierten, Fommt ganz auf das Konto der Redifs und Baschibozuks, sowie der alba nesischen Truppen. Jui Wilajet von Adnanopel, bei Kirkkilisse und mehreren anderen Orten, wüteten die letzteren wirklich in geradezu scheußlicher Weise, vor keinem Verbrechen, keiner Gewalttat, keiner Schändlichkeit zurück-
fdirecfenb.
Was das Spital erzählt.
Einige Beispiele seien heransgegriffen. Ein 17jähriges Mädchen, Bulgarin, aus einem Dorfe im Vilajet von Adrianopel, liegt im Spital mit einer Wunde darnieder, welche ihr der Dataganhieb eines Soldaten beibrachte. Die Verletzung wird von den behandelnden Aerzten als eine der denkbar schwersten bezeichnet. Schulter und Arm sind fast abgetrennt — man hatte Einblick in den Brustkasten, überdies weist das arme Wesen drei Schüsse und Stiche im anderen Arme aus. Ferner sind da zu sehen: ein zehnjähriges Kind, Knabe, mit siebzehn Bajonettstichen und vier Schüssen, ein achtzigjähriger Greis mit mehr als dreißig Gewehrkolbenwunden und Bajonettstichen, eine ganze Reihe von zwei-, drei- und vierjährigen Kindern mit Schüssen und Stichen u. s. W. Sie alle liegen in einem Krankenhause von Adrianopel.
Menscheufleisch als Hundefutter.
Nach Aussagen von Griechen nun, welche übrigens im Vilajet von Adrianopel lücht so bulgarenfeindlich auftreten wie in Mazedonien, gab dort das Verhalten der Nizams tatsächlich keinen Anlaß zur Beschwerde; was aber die alba- nesischen Soldaten betrifft, so haben sie im Verein mit manchen Redifbataillouen in Kirkkilisse und zirka zwanzig anderen Dörfern des Vilajets alles niedergebrannt, geplündert, geraubt und alle aufgegriffenen Frauen und Mädchen nach
vorausgegangm Ven.wamgung getötet oder schwer verwundet. Harmlose Feldarbeiter wurden mir die Hasen ab geschossen, Kinder in großer Anzahl niedergemacht, schwangere Frauen in geradezu greulicher, ja haarsträubendem Weise gemartert und zermetzelt. Ja, Stücke, die man ihnen wegamputierte, warf man Hunden vor. Natürlich gab's auch radikale Plünderungen; noch jetzt findet man eine Menge von Küchengeräten als verkäuflichen Trödel am Bazar von Adrianopel.
Grausam und feig.
Die Undiszipliniertheit der Reserve- und Landwehrtruppen tritt schon bei einem kurzen Aufenthalte, insbesondere in Adrianopel, für jeden Laien zutage. Sogar Türken beklagen sich, daß die Soldaten in kleinen Gruppen und Banden den ganzen Tag über, immer bewaffnet, in der Umgebung der Stadt umherziehen und die Passanten überfallen. Wie schlecht der Wachdienst gehandhabt wird, darüber wissen am besten die Betriebsbeamten der orientalischen Eisenbahnen Bescheid. Quantitativ wäre die Betvachung der Bahnlinien heute eine genügende, qualitativ ist sie Null. Fällt irgend ein Schuß ober wird eine Detonation bei Nacht hörbar, laufen alle Posten davon. Wenn der Streckenbeamte zur Schadensaufnahine an Ort und Stelle erscheint, muß er die davougelaufenen Soldaten erst aus beii Feldern, Büschen und sonstigen Verstecken hervorholen. In Mazedonien erzählte bem Augenzeugen ein Kommandant, daß die tür- ktischen Truppen, man muß schon sagen prinzipiell, eine Jusurgentenbande niemals angreifen ober anschießen. Der erste Schnß fällt immer auf aufständischer Seite; fällt keiner, dann läßt man die Schar ruhig Passieren. Das soll die Wirkung der vielen Dynamitbomben sein.
König peters Niederlage.
cf Belgrad, 23. Oktober.
Der neugebackene Serbenkönig legt in der Behandlung seiner Untertanen kaum weniger Ungeschick an den Tag, als sein Vorgänger ans dem Geschlecht der Obreuowitsch. Nicht genug, daß er vor der militärischen Kamarilla, den Mördern Alexanders, 311 Kreuze kroch, als sich gegen sie, die Schänder der Ehre des serbischen Offizierkorps, die Mehrzahl der Offiziere erhoben, nicht genügt daß er sich damit^und durch seine Strenge gegen die Nischer Offiziere die Sympathien weiter Volkskreise entfremdete: nein, jetzt war er drauf und dran, es mit der maßgebenden unb weitaus stärksten Partei im Lande 311 verschütten. Die letzten Tage brachten uns einen Konflikt zwischen Krone und Skup - s ch t i n a m e h r h e i t, der leicht zu großen Unzuträglich- feiten hätte führen können, wenn König Peter nicht noch im letzten Moment nachgegeben hätte. So töricht die Herbeiführung des Konflikts durch den König war, seine schließliche Nachgiebigkeit ist keineswegs geeignet, seine Autorität zu festigen und zu erhöhen. Er hat eine Niederlage erlitten, und zwar eine, die er selbst ganz unnötig sich verschafft hat.
Es handelte sich nm die Wahl der S t a a t s r ä t e. Diese findet bekanntlich in der Weise statt, daß der König und die Skupschtiua eine Liste von je sechzehn Kandidaten aup stellen, von denen jeder Teil je acht Staatsräte aus der Liste des anderen Teiles wählt. Die Skupschtinaliste enthielt fast ansschließlich radikale Namen. Die Radikalen wollen unbedingt zehn radikale Mitglieder im Staatsrate haben. Der König wollte das nicht zugestehen und stellte seine Liste ausschließlich aus Nichtradikaleu zusammen, so daß um bediugt acht nichtradikale Staatsräte gewählt werden mußten. Die Radikalen wollten sich schließlich mit neun ihrer Parteigenossen im Staatsrate begnügen, der König wollte aber auch dieser Forderung nicht Rechnung tragen.
Damit war der Konflikt da. Daß bei dieser Kraftprobe zwischen Krone unb Sknpschtiua schließlich doch der König unterliegen würde, hätte er sich von vornherein selbst sagen müssen. Nach langem Hin und Her hat er sich dazu bequemen müssen, in seine Liste drei Radikale aufzunehmen, und nun konnte die Wahl stattfinden. Das Ergebnis sind zehn radikale, drei liberale und drei progressistisch? Staatsräte. Die nächste Folge dieses Wahlergebnisses ist eine B e f e st i g u n g der Stellung des Kabinetts Gruit s ch , eine Befestigung, die noch verstärkt wird durch die Tatsache, daß die bisher feindlichen unabhängigen und gemäßigten Radikalen sich gleich nach der Staatsratswahl z u s a m m e n . geschlossen haben. Dadurch wird die radikale Partei völlig Herrin der Lage in Serbien. Auch diese Einigung der beiden radikalen Parteien, die beni Könige sehr ungelegen kommt, ist eine Frucht seiner törichten Konfliktspolitik. Er hatte, als er den Thron bestieg, es in der Hand, die Macht der Krone 311 stärken Was Peter inzwischen getan, hat dahin geführt, daß die Radikalen und mit ihnen das Kabinett in Serbien allmächtig geworden sind, und daß der .König nolens volens nach ihrer Pfeife tanzen muß. Mit dem Amte kommt der Verstand, sagt das Sprichwort: Bei Köm?. Peter hat es gelogen ....