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Nr. 197,

Montag, den 24. August 1903.

12. Jahrgang.

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Das Blatt erscheint an alle« Werttagen nachmitagS.

Gießener

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Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.

Kernsprechanschlnsi Nr. 362.

Deueste WaHrichteN

(Hießener Uagevtatt) Wnabyängige Tageszeitung (Gießener Dettnng)

für Oberhessen und die Kreise Marburg unb Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

rvekanntmamung.

Betr.: Den Viehmarkt in Grünberg am 27. August

1903; hier: Ankörung dec Bullen.

Gelegentlich des am 27. August l. Js. zu Grün­berg stattfindenden Viehmarktes soll zum Zwecke der Ankörung eine öffentliche Fasselschau durch d e Köc- kommission, und zwar von 10 Uhr vormittags beginnend, abgehalten werden. Es werden nur spcungfähige Bullen Vogelsberger und Simmmtalec Raffe berücksichtigt. Dieselben müssen bei Meldung der Wegweisung sicher gefesselt sein und dürfen vor 10 Uhr nicht aufgetrieben werden.

Gießen, den 21. August 1903.

Großherzogliches Kreisamt Gi ßen.

______ Dr. Breidert.

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Bekauutmachung»

Äetc.: Viehwarkt zu Grünberg.

Zu dem am 27. d. Mts. zu Grünberg stâtt- sindtznden Viehmarkte wird der Stuf trieb bön Schweinen unter folgenden Bedingungen gestattet:

1. Landwirte, welche Schweine feilbieten, müssen mit Uhrsprungszeugnissen seitens der Bürgermeisterei versehen sein.

2. Händler, welche Schweine zum Verkaufe stellen, müssen im Besitze von Gesundheitsscheinen sein, ist denen von dem beamteten Tierarzte bescheinigt in, daß die aufgetriebenen Schweine aus einheimischen unversuchten Zuchten stammen oder seit ihrer Ein­führung in den Kreis mindestens .12 Tage in seuchenfreiem Zustande zugebracht haben und gegenwärtig frei von einer Seuche sind.

Zuwiderhandlungen werden bestraft.

Gießen, den 20. August 1903.

Großherzogliches Kceisamt Gießen.

Dr. B re i d ert.

Bekanntmachung.

Ich bringe hiermit zur allgemeinen Kenntnis, daß die Friedhöfe vom 16. August bis 15. Oktober von morgens 6 bis abends 8 Uhr geöffnet sind.

Die Schließung des Friedhofes wird durch Läuten dec Friedhofsglocke angezeigt. Bei Beginn des Läutens muß der Friedhof sofort verlassen werden. Eine Viertel­stunde nach dem Läuten werden die Friedhofstore ge­schlossen.

Gießen, den 20. August 1903.

Der Oberbürgermeister _________________M ecu m. _______________

Bekanntmachung

Die tta-tUche Waage in b*r Fravkfurtsrstraße, Ecke der Klinikstraße, wird vom 24. d. Mts. ab bis auf weiteres wegen Reparatur derselben außer Gebrauch ge­setzt. Bis zur Wiederinbetriebsetzung derselben können Vocwiegungen nur auf den städtischen Waagen bei dec Margacethenhütte und an dem Neustädter-Thor stattfinden.

Gießen, 20. Augilst 1903.

Der Oberbürgermeister ______________ Mecum _______________

Bekanntmachung.

Auf unserem Bureau ist die Stelle eines jüngeren Ge­hilfen zu besetzen.

Bewerber, welche bereits auf einem Bureau tätig waren, wollen unter Angabe ihrer Gehaltsansprüche und Beifügung eines selbstgeschriebenen Lebenslaufes nebst Zeugnissen ihre Gesuche bis zum 15. September d. Js. an das Acmenamt einreichen.

Gießen, den 20. August 1903.

Die Armen-Deputation der Stadt Gießen.

_______________Cu rschm ann._________________

Regierung und Mablrecbt.

l^ Ein großes Halloh erregte in den letzten Tagen in bei Presse die Enthüllung eines sozialdemokratischen Blattes, da^ ?ine Anzahl Großindustrieller und Großfinanziers bezichtigte die publizistische Propaganda eines Herrn Dr. Giesebrech: legen das jetzt bei uns geltende Wahlrede finanziell unterstütz: zu haben. Die Blätter halten angesichts dieser in einflu^ reichen Kreisen auftretenden Strömung an die Regierung )ic Frage gerichtet, wie s i e sich zu der Frage der Wahlrechts inberung stelle. Unser Berliner ^^-Mitarbeiter teilt um )as Ergebnis seiner daraufhin an zuständiger Stelle vorge- lommenen Erkundigungen über die Haltung der Regierung gegenüber diesen Wahlrechtsplänen in folgendem mit:

„Die Regierung denkt nicht daran, sich in dieser Frag« aus e i g e u e r Initiative, das heißt ohne A n ■

regung von Der entscheidenden Stelle ans. zu exponieren. Unb etwaigen diesen Plänen günstigen Einflüssen in der Umgebung des Kaisers stehen nicht weniger einflußreiche Stimmen gegenüber, die das Risiko einer Reform des Reichstagswahlrechts in nachdrncksvvllstei Form hervorheben. Tie Erbitterung über den kaum zu überwindenden Einfluß dieser Abwiegler ist aus der Gegen­seite naturgemäß nidft gering. Sie geht so weit, daß voll Unmuts eine schließliche V e r st ä n d i g u n g zwischen Krone und Sozialdemokratie auf Kosten der Gegner der letzteren als totsichere Sache hingestellt wird." Denjenigen Hofkreisen, die von einer Verständigung zwischen Krone und Sozialdemokratie auf Kosten der Gegner ber Sozialdemokratie fabeln, gehen offenbar die elementarsten Kenntnisse von der Struktur unserer mnerpolitifdien Lage ab. Im übrigen geht aus der obigen Darlegung hervor, daß die Reichsregierung nur entweder auf Drängen des Reichstags oder auf Geheiß des Kaiser? sich an eine Wahl' cechtsänderrrng machen wird.

Der Alecklel im Rexbsscbatzamt

CB, Berlin, 12, August,

Freiherr v. Thielmann Hai sein Amt als Reichsschatz selretär niedergelegt; Freiherr von Stengel, fönighcu bayerischer Staatsrat, ist, uno wir soeben zuverlässig erfahren, zu seinem Wcutgolger ernannt worden. . ,

Der Rilcktritt des Freiherrn Don Thielmann von seinem poften hat in politischen Kreisen wenig überrascht. Man wußte bereits tvährend der letzten Reichstagsperiode, daß die Tage seiner Amtsführuiig gezählt seien, einmal wegen seines -geringen parlamentarischen Geschickes, sodann auch, weil thut absolut die für sein Amt erforderlichen Talente mangelten. Dabei hatte er eine geradezu verblüffend geringe Voraus­sicht. Besannt ist in dieser Hinsicht die Tatsache, daß er tu einem Augenblicke, wo schon von allen Seiten die nnrtichaft- liche Krisis bemerkbar war, nod) seine Vorausberechnungen auf ein steigendes Wachstum der tëinnabmen aufbaute. Da setzte mit einemmale zu seiner eigenen Ueberraschung der Rückschlag ein, der mit um so größerer Gewalt zum Aus­druck fam, als die Einzelstaateu kaum imstande waren, du Mittel für ihre eigenen Bedürfnisse aufzubringen, geschwergc denn ztl scharfen ^eiflitngeit für die Reichsansprüche heran- gezogen werben konnten. Zweimal mußte man ztl deln allerdings immer wieder abgewendeten Aushilfsmittel einer Znschußaltleihe greifen. Um aber das, was allein wünschens- wert und nötig gewesen wäre, zu tun, dazu fehlte dem seit­herigen Reichsschatzs ekMär die Initiative. Jil parlamenta­rischen Kreiselt nannte nian ihn darum nicht den Reichsschatz-, sondern ben Reichsschuldensekretär,

Ob die Aussichtell für das Zustandekomnlen einer Rclchs- finallzrefornl nach feinem Rücktritt sich bessern, wird sehr wesentlich von der Person seines Nachfolgers abhängell. Dre Schwierigkeiten im Parlamente beruhen darin, daß das Centrum nicht auf die Frallckensteinsche Klausel verzichten will und daß die gesamte Linke ein selbständiges Reichsschatz- 2int fordert. Die Franckellsteitlsche Klausel bestimmt befaimb lid), daß die Zoll einnah men des Reiches, die den Betrag von 130 Millionen Mark übersteigen, im Verhältnis ihrer Bel- tragspilichten an die Eillzelstaaten zu verteilen sind. Auf diese Weise entsteht für die bundesstaatlichen Finanznunlster in guten Jahren, in denen sie selbst gute Einnahmen haben, eine Einnahmequelle, die in den mageren Jahren mcht nur versiegt, sondern auch noch durch stärkere Beitragskosten Tur das Reich abgelöst wird. Dieser Zustand verschärft also Die Finanzkrisen der Einzetslaaten derartig, daß das Relch ul der Zeit eines rückläufigen Geschäftsganges geradezu eine Peiil für die Einzelstaatell wird. Die fünfzig Prozent Steuererhöhlli'.g, die Sachseil vor zwei Jahren ein treten lassen mußte, haben bei den letzteil Reichstagstvableil das ganze Land rot gefärbt. Die Stellerkrisen üben unter allen Um- ständen Tinen ungünstigen Einfluß auf die Volksstimmung aus und sind geradezu eine Gefahr für die Reichsfreudlgkelt. Die Reichsiinanzrefornl ist daher eine unbedingte Notwendig­keit, und der Mann, der sie durchführt, muß gefunden werden.

Der verstorbene Finanznunister v. Migiiel hatte zwel Projekte vorgelegt, die einen festen Matrikularbeitrag der Eillzelstaaten bedingten mit der Maßgabe, daß das Reich sur einen bestimmten Betrag Rückzahlungen an bte Buni^s- itaoten gewährleistete ober einen Schuldentilgung?- und Re­servefonds schuf, der in guten Jahren als Ausgleichsschatz für die schlechtell aufgesauunelt wurde. Diese Reform scheiterte an dem obengenannten Widerstand der Parteien, unb wir haben es lediglich gewissen varteitaklüfchen Bedenken zu Derbanfen, daß unsere Fiuanznnnster ahnllche Erlcbnlsie zil verzeichnen haben, wie die durch die elementaren 6reig- niüc der letzten Zeit heilngesuchten Bewohner von Schlepen. Ohne eine Nachgiebigkeit der Parteien ist eine Finalrzreform nicht möglich, aber sie ist notwendiger als je zuvor.

Frhr v Stengel, der neue Rerchvschatzsekretar, qt auch im politischen Leben des Reiches kein Neuling mehr; als bayerischer Bundesratsbevollmächtigter nahm er sowohl an den Arbeiten des Bundesrats wie auch an denen des Reichs­tags hervor ragen ben Anteil. Im Reichstag ist er als guter Redner besannt; namentlich bei der Zolltarifberatung griff er mehrmals mit Glück in die Debatten ein. In Bayern

silbst galt Herr v. Sb.ngel vor einiger Z t äls^Nachsolger des bayerischen Finanzm n.st^rs DrHv. R edel.

,^.^.--—— ■ - • -W .^ II «I 'M * '»-^—

Mazedonische Äletterwolhen.

RK. So verworren und chaotisch, wie die Zustände auf dem Balkan, sind auch die Nachrichten, die aus dem Wetterwinkel Europas konunen. Fast jede Meldung wird nach kurzer Zeit dementiert, und am Ende steht nur eins fest: Daß nämlich täglich blutige Kämpfe zwischen türkischen Truppen und bul­garischen Banden siattfinden, daß die mohamedanische Bevöl­kerung angesichts des Treibens der Banden in immer größere Erbitterung gegen die christlichen Bewohner der Aufstands- vilafets gerät und allgemach zu blutigen Ausschreitungen übergeht, und schließlich, daß die Türkei mit der Möglichkeit eines Krieges rechnet. Wir verzeichnen kurz die wichtigsten

Meldungen:

In den türkischen leitenden Kreisen wird erklärt, daß die Pforte keine Zugeständnisse für die mazedonischen Wilajets machen werde, die früher oder später zur Autonomie führen würden; lieber würde man den Krieg b i s a u f s M e s s e r aufnehtnen, da es sich um die Frage des Bleibens der Türken in Europa handele. Dagegen wolle man die schrittweise Durchführung tveitgehendster Verwaltungsreformen, sobald die Bandenbewegung einigermaßen aufhört, energisch be­treiben. Jnzwifck)en ist die Türkei mit einer allgemeinen M o b i l in a ch u n g beschäftigt. In der Bevölkerung und namentlich unter den zur Fahne berufenen Redifs (Land- Wehrmänneru) ist die Ueberzeugung allgemein, daß ein Krieg gegen Bulgarien bevorstehe.

Es wäre zu tvünschen, daß die Mächte endlich der Türkei freie Hand ließen, mit den Komitatschis aufzuräumen. Denn die Gefahr einer allgemeinen Erhebung der mohaniedanischen Bevölkerung gegen die Christen liegt nahe, und ihre Kon­sequenzen sind in der Tat unabsehbar. Stellenweise macht sich diese Erhebung schon bemerklich: So herrscht in der Be­völkerung II e s kübs große Aufregung, weil die Türken seit einiger Zeit Verfanunlungen in den Moscheen abhalten. Man befürchtet, daß ein Shigriff auf die Christen beabsichtigt wird. Der Wali wurde beauftragt, die Redifs des Uesküber Wila­jets mobil zu machen.

Ueber die neuesten B a u d e n k ä m p f e wird aus Salo­niki gemeldet: Die Auft'tândifchen haben zwischen Elies und Skoplje einen Eifenbahnzug, der 250 Soldaten b e - förderte, in die Luft gesprengt. Nähere Einzel­heiten fehlen noch.

Gleichfalls in der Nähe von Saloniki fand ein erbitterter Kampf statt, 311 welchem sich acht Banden vereinigt hatten. Stad) längerem Kampfe mußten die Banden, die 35 Tote hatten, die Flucht ergreifen.

Schließlich wirb noch aus Konstantinopel mitgeteilt, daß die Aufständischen für den 29. August den allgemeinen A ufstand in allen europäischen Vilajets der Türkei angekündigt haben. Will Europa wirklich dadurch, daß es den Türken die Hände bindet, die Gefahr eines Weltkrieges heranfbeschwören?

Eine bemerkenswerte Nachricht fommt aus Genf: Dort wohnende höhere russische inaktive Offiziere sind dieser Tage mit besonderer Beschleunigung nach Petersburg ^uriich gekehrt, darunter auch ein Generalrzt a. D. Als Grund der beschleunigten Rückkehr gaben sie an: „Weil Krieg in Aus- sicht ist."

Die Politik.

• In Leipzig ist ,wre wir s. Z. meldeten, vor einigen Monaten ein „Verein zur Versicherung gegen Arbeitslosig- kort" ms Leben getreten, der jetzt feine Tätigkeit eröffnet hat. Der Verein nimmt zunächst eine beschränkte Zahl männlicher Arbeitnehmer als Versicherte auf, die mindestens zwei Jahre ununterbrochen in der Stadtgemeinde Leipzig wohnen. Durch diese Einschränkung will der Verein arbeitsscheue Elemente möglichst von sich fern halten. Der für die ganz unbemittelten Arbeiter nötige Zuschuß wird durch freiwillige Beiträge wohltätiger Förderer gedeckt. Der Verein, zu dessen Begrün, dung die in Bologna, Basel, Lille, Marseille und namentlich in Köln erzielten Erfolge ermutigt haben, wird von den städtischen Bchörden rege unterstützt. Eine Nachahmung des Kölner und Leipziger Beispiels an anderen Orten, cnsbe- sondere in größeren Jndustriecentren, dürfte sich bei der sozialen Wichtigkeit der Arbeitslosenfürsorge empfehlen.

’ Nach dem Beispiel Englands wird nun auch die P r e u. ßische Regierung an den Erlaß eines Juso mobil* gesetzes gehen, das ziemlich scharfe Besinnmungen über den Automobilverkehr erhalten soll. Zunächst ist Don ben betei­ligten Ministern eine Statistik aller durch Automobile Ver- ursachten Unfälle angeordnet worden, die in der Zeit vom 1. Januar 1901 bis 1. Sevteniber 1903 vorgekommen sind. Das neue Gesetz dürfte dein Landtage, Wie unser Berliner CS Mitarbeiter hört, noch in diesem Herbst vorgelegt werden.

* Eine Neuregelung dcö Zeichenckluterrichtes in den Kunst- Gewerbeschulen und gelverblichen Fortbildungsschulen Preußens ist vorn preußiidjen Handelsminister in Ausucm