Nr. 145. Erstes Blatt
Mittwoch, den 24. Juni 1903.
12. Jahrgang
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Gießener
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Weue^le DachrichIm
tHichea« PageSkrtt) Hlnaööängige Tageszeitung (hießener KettimM
fix Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung. Evthâlt alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen. ————I —— ................ ■ —
Die Politik.
Das Bandenunwesen in Mazedonien bauert unvermindert fort. Namentlich im Vilajet Adrianopel treiben die Rebellen es besonders arg. Im Dorfe Alamut wurde durch eine Bande von 8 Mann das Haus eines Dorfbewohners belagert, das Haustor mit Dynamit gesprengt, der Hausbesitzer getötet, die Frau verwundet und das Haus ausgeraubt. In Konstantinopel will mau verschiedene Beweise dafür haben, daß die blutigen Ereignisse in Belgrad das mazedonische Bandenunwesen ange^ facht haben. Die mazedonischen Komitees sollen maßlos übertriebene Nachrichten über das Geschehene verbreiten und angesichts der angeblich zu erwartenden weiteren Folgen energische Fortsetzung des Kampfes gegen die Türken predigen.
Wieder eine Ministerkrisis in Sofia.
G Fürst Ferdinand ist schon wieder einmal uneins mit dem Kabinet Danew, und es hat den Anschein, als wollt: er das Ministerium, das er schon vor einem Monat nad Hause schickte und dann doch wieder ins Amt zu rufen ge nötigt war, jetzt wieder entlassen. Die Frage ist, ob er bei den gegenwärtigen politischen Verhältnissen in Bulgarien ein anderes Kabinett finden wird. Glückt ihm das nicht p muß er Danew wieder bitten, die Geschäfte des Landes z: führen. Ob Danew sich dann dazu bereit findet oder nid)t in jedem Falle ist dieses Jonglieren mit dem Kabinett, in bem sich Fürst Ferdinand gefällt, nicht geeignet, sein An sehen im Lande zu stärken.
Teutsche und amerikanische Judustrie.
)—( Der preußische Finanzminister v. Rheinbaben, der kürzlich eine Informationsreise nach den Bereinigten Staaten unternommen hat, hat sich in Newyork zu einem deutschen Journalisten über die Eindrücke, die er dabei gewonnen, ausgelassen. Insbesondere sprach der Minister sich über die amerikanische Industrie aus. Er sagte u. a.: Vermöge des natürlichen und überall zutage tretenden Reichtums des Landes, namentlich an Kohlen und Eisenerzen, hat sich in der Union eine Industrie entwickelt, die durch einen Massenabsatz von überaus großen Dimensionen gerade im eigenen Lande gefördert wird und auf ihrem Vorwärtsmarsch nicht rasten wird. In jedem Industriezentrum sieht man, wie alte Fabrikananlagen erweitert und neue gebaut, modernere Arbeitsmethoden eingeführt werden. Besonders lehrreich und für uns nachahmenswert erscheint mir auf industriellen: Gebiet die Spezialisierung d e r F a b r i k a t i o n und die Verwendung überraschend zeitsparender Maschinen, welche die Produktionskosten verringern." Von ber deutschen Industrie erklärte der Minister, ihre unbestreitbare und der amerikanischen wohl gleichwertige Stärke liege in der wisseschaftlichen Vertiefung der Industrie, der Güte des verwendeten Materials und in der Präzision der Arbeit. Der Minister betonte, daß er gerade angesichts der brennenden Arbeiterfrage in Amerika den Segen der deutschen Arbeiterversicherung recht schätzen gelernt habe, und schloß: „Beide Länder können viel voneinander lernen, so verschiedenartige Aufgaben sie auch zu lösen haben."
Keine „Apotheke und Drogenhaudlung" mehr?
$ Ein preußischer Ministerialerlaß beauftragt die Regierungspräsidenten, Erhebungen darüber anzustellen, ob von den Apothekenbesitzern Drogenhandlungen in besonderen, von den Apothekenräumen getrennten Gelassen be- . trieben werden, und ob hierfür eine Genehmigung vorliegt. Ferner soll ermittelt werden, ob sich in den an den Apothekengrundstücken angebrachten Firmenschildern, auf Sig- i naturen der Apotheker Bezeichnungen finden wie „Drogen- Handlung", „Drogerie", ohne daß ein Verkauf von Drogen oder Gegenständen der Krankenpflege in anderen Räumen als in der Apotheke selbst erfolgt. Anscheinend will man mit Rücksicht auf die Klagen der Drogisten den Apothekern das Recht streitig machen, ihr Geschäft als „Apotheke und Droaenbandluna" zu bezeichnen.
Kurze politische Nachrichten.
| * Der Oppelner Regierungspräsident Holtz hat in Laura- >ütte die durch die Wahlunruhen angerichteten Ver- nüstungen besichtigt. Es wurden 4 Personen verhaftet, welche als Hauptbeteiligte an den Unruhen gelten. Die Verhaftung weiterer Personen steht bevor.
6 * Die Mannschafts-Litewken der sächsischen Armee werden in Zukunft, wie in der preußischen, aus grauem Tuche angefertigt, ebenso auch die Mannschaftsmäntel.
* Der Zar hat den Chef des Generalstabes der französischen Armee zu den russischen Manövern bei Zarskoje Sselo am 1. bis 10. August eingeladen.
- * In Cettinje geht das Gerücht, Erbprinz Danilo werde zu Gunsten seines jungen Bruders Mirko aus . den montenegrinischen Thron verzichten und im Auslande leben. Der Erbprinz ist bekanntlich mit der Prinzessin Jutta von Mecklenburg vermählt.
* Der japanische Gesandte in Washington erklärt es für unrichtig, daß ein russisch-japanisches Nebereinkommen bezüglich Koreas und der Mandschurei erzielt morden sei.
Ftof und SeUUräfl.
*** Der Kaiser beteiligte sich gestern an Bocks sän Rennjacht „Meteor" von Cuxhaven aus an der Segel Wettfahrt des Norddeutschen Regattavereins.
*** Für beit Svmmeraufenthatt der kaiserlichen Familie in Kabinen sind dort alle Vorkehrungen bereits getroffen worden. Prinz Joachim und Prinzessin Viktoria Luise, die beiden jüngsten Kinder des Kai serpaares, werden am Donnerstag morgen gegen 8 Uhr in Kabinen eintreffen. In ihrer Begleitung befinden sich Die Zwillingsbrüder Prinzen P h i l i p p und Wolfgang von Hessen. Da sich auch die Kaiserin, wie gemeldet, nach Schluß der Kieler Woche zu längerem Aufenthalte nach Kabinen begibt, sind vom kaiserlichen Marstall insgesamt 37 Pferde'und 8 Wagen nach Sabinen transportiert worden. Die Jacht „Radaune" von der kaiserlichen Werft zu Danzig hat Befehl erhalten, während der Hoftage in Kabinen daselbst fahrtbereit zu liegen. Das schmucke Schiff legt in der Stu::de 9 Knoten zurück, besitzt eine Besatzung von sechs Mann und soll zu Fahrten über das Haff mib w ^m bvw’
König Peter und seine Serben.
C B. Unter lebhaften Huldignngsknndgebungen _ bei Genfer Bevölkerung hat König Peter I. von Serbien seine langjährige zweite Hemmt am Lac Leman verlassen. Bei der Abfahrt des Zuges ans Genf rief der König: „Es lebc die Schweiz!" Vorher hatte er an den schweizerischen Bundesrat und an die Genfer Kantonsregierung Dankschreiben für die ihm in der Schweiz zu teil geworden: Gastfreundschaft gerichtet.
Die erste Begrüßung des Königs durch die Vertreter seiner Hauptstadt wird auf österreichischem Boden, irr Wierr, staktfinden, wohirr sich die Belgrader städtische Abordnung und viele andere Bürger begeben haben. Die Stadt $eb grad selbst rüstet sich 311m Empfange des neuen Herrschers. Auf dem Bahnhof in Belgrad wird ihm nach slavischer Sitte Brot und Salz gereicht werderr rmd die Begrüßung durch die Minister, den Metropoliten Jnnocentius und die Geistlichkeit, sowie durch die Generalität, die höhere Beamtenschaft, die Vertretung von Belgrad und die Abordnungen vom Lande erfolgen. Vom Bahnhof fährt der König durch du mit Triumphbögen geschmückten Straften in die Metropoli lankirche zum T e d e u m. Von der Rèetropolitankirche geht es bann auf einem anderen Wege an der Universität vorbei in den Konak, wo die Skupschtina den König erwartet. Auf den Triumphpforter: sind Schilder angebracht, auf denen Verse aus der Feder des hervorragendsten serbischen Dichter-: Borislaw Svetkovic zu lesen sind. Sie lauten in der Ueber- setzung:
Erstes Schild: „Sem gerechten König wird Gott immer helfen, mit ihm wird auch das Volk glücklich sein."
Zweites Schild: „Es lebe Peter! Blut von unserem Blut! Willkommen, Peter der Erste!"
Drittes Schild: „Ein halbes Jahrhundert dauerte die Sämmerung, doch jetzt kommst du zu uns, und Freiheit und Licht bringst du. Die heilige Freiheit hat uns mit dir vereinigt. Du bist nun unser, und wir gehören dir."
Auf einer der Pforten vor dem Hotel London wird stehen: „In der schwersten Stunde trauriger Zeiten haben Gott und Volk dich zu unserem Erretter erwähft." Auf der anderen Seite: „Heißgeliebter König! wende dich nach jener Seite, auf der auch dein Großvater der heiligen Idee diente."
Die Festlichkeiten werden drei Tage dauern; am ersten Tage findet ein Fackelzug, am zweiten eine Vorstellung im Nationaltheater, am britten ein Volksfest im Tapschiderpark statt, bei dem auch der König erscheinen wird.
Die Frage, welches Schicksal die serbischen Verschwörer erwartet, wird in ben serbischen Armeekreisen selbstverständlich lebhaft erörtert. Im allgemeinen glaubt man an keine Strafverfolgung, oder, weni: König Peter eine solche doch einleiten sollte, an eine milde Bestrafung und baldige Begnadigung der Königsinorder. Die Verschwörer selbst find in einer Versanunlung zu den: Beschluß gekommen, dem König aUc Hindernisse aus den: Wege zu räumen, falls er durch äußere Einfliifse gezwungen würde, die schuldigen Offiziere trotz des sie freisprechende:.: Skupschtinabeschlusses zur Rechenschaft zu ziehen. Oberst Dckischitsch^ der der ^auhb sichrer der Verschwornen Waiz erklärte sich bereit, sich zu erschießen, falls dadurch die Sache gesühnt werden könnte. Tas wird Herr Mischitsch nicht nötig haben: Nachträglich stellt sich heraus, daß Ruchlands Forderrurg der Bestrafung der Königsmörder nicht so ernst genommen zu werden braucht. Die russisch-offiziöse Presse sagt nämlich jetzt, Ruß land werde den König Peter nicht veranlasse!:, gegen die Verschwörer vorzugehen. Es sei ihn: aber anzuraten, daß er eine gerichtliche Untersuchung der Vorgänge anstelle; daran- würiä sich unzweifelhaft ergeben, oaß das Treiben des letzten Obrenowitsch für das Cerbenvolk nicht mehr erträglich war und daß die Offiziere, die ihn ermordeten, durch die Pflicht gegen das Vaterland entfdjnsbigt würden. Rußland rät also dem König Peter eine Komödie an. Und Pet^r wird nicht zögern, diese Knmödie zu spielen.
die ihn: die Armee verpflichtet uno tym obenan Belegenheit gibt, das Treiben der Obrenowitsch in einem höchst ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen.
Eine interessante Enthüllung wird nachträglich ge- mad)t Es wird jetzt bekannt, daß die beiben von den Verschwörern erschossenen Generale im letzten Ministerium des Wngs Alexander, Zinzar Markowitsch und Pawloioitsch, unter sich verabredet hatten, für den Fall, daß der König zur Ausführung seines Entschlusses, einen der verbummelten Brüder der Königin zum Thronfolger erklären zu lassen, schreiten sollte, das Königspaar in der Festung bei Belgrad gefangen zu sehen und dann außer Landes zu schaffen. Danach wäre ein Staatsstreich und eine Militärrevolution sogar unter dem als nntschuldig an den Taten des Königs getöteten Zinzar Markowitsch unserm eibtid) geworden, ein neuer Beweis, wie sehr sich der König in Gegensatz zu seinem Lande gebracht hatte.
Die serbische Regierung hat beschlossen, unmittelbar nach der Ankunft des Königs ihm ihr Rücktrittsgesuch zu unterbreiten. Es ist fraglich, ob König Peter, da sie ja eine Art Revolutionsregierung ist, sie im Amte behalten wird; man spricht von bet Möglichkeit eines Beamtenministeriums.
Die erste gesetzgeberische Maßnahme König Peters wird eine Amnestie für politische Vergehen sein. Lediglich der Kuriosität wegen sei mitgeteitt, daß, während alle übrigen Mächte die neue Ordnung der Dinge in Serbien bereits anerkannt haben, die Türkei mit der Anerkennung der neuen Regierung Serbiens zögert. Im Sultans Palast am Goldenen Horn herrscht infolge der Belgrader Ereignisse eine unbeschreibliche Furcht. Mehrere Personen aus den Hofstaaten der Prinzen, namentlich aus der Umgebung des voranssichtlicchei: Thronfolgers, sind auf einfachen Verdacht hin festgenomnleu nub verbannt worden.
' Der Opferstier.
Von unterrichteter Seite wird uns geschrieben: Wenn man gegen Schluß der letzter: Reichstagsperiode der Ansicht war, daß bie Regierung sich vielleicht doch mit der Zeit dazu verstehen könnte, dem ziemlich allgemein geäußerten Verlangen nach Reichstagsdiätei: nachzugeben, so wird man nach den letzten Reichstagswahleu von dieser Hoffnung zurückgekommen sein. Denn die Parteien bedürfen jetzt eines Opferstiers. Derer sind nur wenige, die eine Veränderung des Wahlrechts anstreben wollen, obgleich dies viel geheime und theoretische Gegner hat. Dagegen sind die rechtsstehenden Parteien, wie man hört, jetzt entschlossen, mit großer Entschiedenheit an den: seitherigen verfassungsmäßigen Zustand festzuhalten. Seither beschränkte sich die unabänderliche Gegnerschaft lediglich auf die Reichspartei und den zu keiner Fraktion gehörigen Fürsten Bismarck. Die deutschkonservative Partei aber war zum größten Teil, und die übrigen Parteien waren ohne Ausnahme für Diäten. Für die Deutschkonservativen bedeutet also die mit Bestimmtheit zu erwartende ablehnende Haltung gegen Anwesenheitsgelder entschieden eine Frontveränderung, die in ihren politischen Folgen um so bedeutungsvoller ist, als die ablehnende Haltung der Regierung dadurch auch eine Stütze im Volke erhält. Daß der Kaiser Gegner ber Diätenbewilligung ist, weiß man aus einem früheren, sehr drastischen Aussprrrch. Da die Sozialdemokratie bislang die einzige Partei ist, die aus ihrer Kriegskässe Diäten bewilligt, so würde eine Aenderung des verfassungsmäßigen Zustandes eine Stärkung der Agitationskrüfte bedeuten, und zwar eine Stär- f hing von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Nehmen wir an, die Sozialdemokratie erhalte nach beendigten Stichwahlen 75 Mandate, dann würde bei einem Diätensatz von 10 Mk. pro Tag der voraussichtliche Gewinn der Parteikasse sich im Jahre auf etwa 75—100,000 Mk. beziffern. Je mehr Abgeordnete die Sozialdemokratie erhält, desto mehr schwächt sich der Agitationsfonds. Die Schwenkung in ber Stellungnahme der Deutschkonservativen gründet sich jedoch, lote verlautet, weniger auf die positive Hoff::ung, daß sich etwa der Parteifonds durch die Diäten auflösen werde, als vielmehr auf die Befürchtung, daß die Gewährung von Diäten die Dauer der Sitzungen verlängern und in dem proportionalen Verhältnis zur Reichstagsdauer das Interesse für das Parlament im Volke vermindern konnte. Wenigstens erklärt man die regere Frequenz der sozialdemokratisck)en Abgeordneten im Reichstag und den verstärkten Redeeifer mit den Parteidiäten, und spricht deshalb die Befürchtung aus, daß man durch Anwesenheitsgelder einem permanenten Reichstag zusteuern könnte, den: nur ein Berufsparla- mentariertum gewachsen wäre. Auf alle Fälle ist durch die Frontveränderung der Deutschkonservativen bie Regierung ganz erheblich in der Diätenfrage gestärkt, und so wird voraussichtlich innerhalb der nächsten fünf Jahre keinerlei Diätenvorlage, so nahe sie im letzten Reichstag auch schon zu sein schien, zu erwarten sein.