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Die Rittel standsfragc.

C® Von verschiedenen Zeitungen wird der Reichsregierunr ein Vorwurf daraus gemacht, daß sie sich nicht genügend füi die Miltelstandssrage interessiere. Diese Behauptung ist in iofern zum Teil verfehlt, als sie nicht ganz an die richtige Grosse gerichtet ist, denn eine reichsgesetzliche Lösung bei 'Mittelstandsfrage ist nicht durchführbar. Wad) der moderner Hocatsauffassung haben die öffentlichen Gewalten nicht das Mit, sich in den Gütererzeugungsprozeß einzumisch.'n (Ge tverbefreiheit). Es ist sonach ein ganz aussichtsloses Be ginnen, wenn von der Regierung verlangt wird, daß sie der Betrieb eines Unternehmens von dem Befähigungsnachweis abhängig inachen soll. Staatssekretär Graf Posadowsky ha- hat im Vorjahre bereits mit großer Entschiedenheit erklärt daß derartige Forderungen keinerlei Gehör finden werden tiefer feite aber hat er zugestanden, daß die öffentlicher Gewalten für einen Ausgleich' der Lasten bei Groß- uni Mittelbetrieben sorgen müsse.

Wenn nun das Hauptgewicht der Staatsfürsorge auf den Uâertzebiete liegt, dann ist der geeignete Ort zun: Vor Mül für die Mittelstandsfrage das Bundesstaatenparlam.'n uni nicht der Reichstag. Tatsächlich hat ja auch die preußisch» Landesregierung durch das Warenhaussteuergesetz und durck Schaffung der Zentralgenossenschaftskasse die Lösung bei Mckelstandsfrage in Angriff genommen. Die Warenhaus iuiiicr bringt in Berlin eine Einnahme Von nahezu V4 Mil Ifo tuen Mark. Sie ist also kein zu unterschätzendes Rc Mlièe^ungsmittel. Die Wirksamkeit der .Zentralgenossen schätztskasse würde aber noch weit erfolgreicher sein, wenn dic ven'chiedenen Mitglieder des Mittelstandes sich lebhafter nu hie Schaffung von Genossenschaftsverbünden, mögen sie nm bèn Ankauf von Rohstoffen, oder den: Absatz von fertiger Sainrihaten dienen, interessieren würden.

Allerdings stehen wir in Bezug auf die ständische Or gaiui.fntioii vielleicht erst im Anfang einer gesunden Ent mcklstng. Wir haben Handelskanun.'ri: und Handwerks farmmern und zwischen beiden pendelt der gewerbliche Mittel- stand, der nicht recht in beide Organisationen eingereih: iuerb^n kann. Hier sonnte vielleicht in den Einzelparla inenten durch Regelung der Ausführungsbestimmungen viel zur Besserung der Verhältnisse beigetragep werden. Nock Wünschenswerter aber wäre es, wenn eine schärfere Dezen traBifâtion der Staudesoraanisationen ins Auge gefaßt ipürbe, die ja allerdings wieder zum ZusläNMzkeitskreist der Reichsregierung gehören würde. Es wäre vor aller Dingen notwendig, daß die Hastdelskaiiuneri: zerlegt würdei in Stvndesorgani':noi:en für die Großgeschäfte, denen di« Qonitroüc der Aktivilgründung'n, die Wmi’imtigimg bei Harfen und großen Bankgeschäfte, die Regelung des Makler lyèisens, sowie die Information der Regierung über Groß hmibetefragen überlassen bliebe. Für die Setailgcfchäm aber müßte eine besondere Handelskammer gegründet wer ben, die als Jnfornrationsstelle der Regierung dient und fiel den kleineren Geschäftsleuten durch .Kreditauskünfte uni Nachweis von Absatzgelegenheiten, Gründung von Schulei und Beschaffung von Bildungsmitteln dienstbar inad)t. Den !reiklassenwahlrecht der preußischer: Harrdelskammeru mach die unteren Erwerbsschichten förmlich mundtot. In ähn 'icker Weise sollte bei dem Gewerbebetrieb eine Organisator der Fabrikunternehmungen durch Gewerbekanuuern urrd füi die uraschineulosen Unternehmungen die Einreihung in du Handwerkskainmern straff durchgeführt Zverderr. Nur in bei Haindwerkskammer haben wir im deutschen Reiche eine ein seitliche Organisation, während die Zustände im Handels gewerbe noch durchaus der einheitlichen Regelung entbehren es wäre deshalb wünschenswert, wenn Preußen als Prä jibialmad)t für eine stärkere Dezentralisation der Standes Organisation gewonnen würde. Hier würde sich also bei po litischen Parteien ein sehr dankbares Arbeitsfeld bieten.

Die Politik.

cT Im Verfolg der Reichstagsdebatte über den Crimmil jlhiâuer Streik tauchte f. Zt. die Melduicg auf, mehrere Hoh, sächsische Beamte, darunter der Bundesratsbevoltmächtigtc Ministerialdirektor Fischer, der die Crimmitschauer m: Reichs jag verteidigte, würden pensioniert ober in andere Steif urige: ^nsetzt werden. Diese Meldung ist, wie aus guter Dresden: i QmcKc versichert w:rd, durchaus unzutreffend.

Ä In Berliner politischen Kreisen verlautet, die gegen Ätig im Reichsschatzamt vorbereitete Novelle zum Stempel stemergesetz merde namentlich im Arbi^geverkehr Erl eichte m^geii bringen. Die Börsenkreise fordern außer ber Er [eikiferung des Arbitraveverkehrs vor allem auch eine Ver ÜWgerung des E ; * e fi e n fl e m p e I s.

^ Einen Aufruf zur Begründung einer deutsch frenzö jtUfit Friedensliga erläßt jetzt der französische Deputiert: Huchbard Die Liga soll nach chem Muster des süng,: be gräindelen englisch-frattzösischen Bundes gebildet werden HEard hojft auf den Beitritt der bedeutendsten deutschen Parlamentarier. — Diese Hoffnung ist nicht ungerecht sentigt. Allein wieviele Franzosen von Ruf und E:n Mi würden der Liga beitreten?

Mittwoch, den 23 Dezember 19v3

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[□ Eine interessante Mitteilung bringt die christlich-soziale Wochenschrift „Die Arbeit" über den Empfang der ntd)h sozialdemokratischen Arbeiter durch den Reichskanzler. Dort wird nämlich mitgeteilt, die Aussprache, die der Audienz folgte, sei für die Arbeiterschaft außerordentlich wertvoll gewesen. Näheres über den Inhalt der Aus spräche teilt das Blatt nicht mit. Unsere Leser haben in zwischen schon erfahren, daß als einer der Erfolge der Kon ferenz die von der preußischen Regierung geplante Aufhebung des Verbots der Beteiligung weiblicher Personen an Poli tischen Vereinen und Versammlungen anzusehen ist.

Italien«

* Papst Pius X. hat soeben ein Motupropri o übe: das christliche Wirken zum Besten des Volkes, namentlich u Italien, erlassen. Er betont darin namentlich, daf^ dic „christliche Demokratie" sich auf die Prinzipien des Glau bens und der katholischen Moral stützest müsse, ohne irgend Ivie das unerschütterliche Recht des Privateigentums zu ver letzen. Die christliche Demokratie dürfe sich weder in bu Politik mischen, noch auch politische Zwecke verfolgen. Du christliche Demokratie und die katholische Presse müßten bei Bischöfen gehorchen und auf ihren Rat hören. Das Motu proprio soll in allen katholischen Gesellschaftei: und Vereinen angeschlagen und von den katholischen Zeitungen veröffent lichr werden; diese sollen erklären, daß sie dem Rèotupropric gehorsam sein wollen, sonst sollen sie verboten werden.

Gngland«

4= Noch immer sind unsere lieben Rettern jenseits des Kanals ganz aus dein Häuschen über die Ansprache Kaise: Wilhelms an die hannoverschen Regimenter. Vor allen: sträubt sich der Chauvinismus der Briten gegen die Aeuße rung des Kaisers, daß die Deutsche Legion und Blüchers rechtzeitiges Erscheinen das britische Heer bei Waterloo vor der V e r n i ch t u n g bewahrt hätten. Sie wird stellen weise in gereiztem Ton zurückgewiesen. So sagt die „Times", das Wort von der „Vernichtung" klinge seltsam im Munde eines Enkels einer britischen Königin, eines bri tischen Feldmarschalls, eines ritterlichen Soldaten, eines eifrigen Wäschers der Militärgeschichte. Es sei bedauerlich, daß der Kaiser Worte gewählt habe, die englischen Ohren nur verletzend klingen könnten. - Uns kann es gleichgültig sein, nüc die Engländer von unserer Geschichtsauffassung berührt werden. Wir haben keine Veranlassung, unsere Geschichte mit englischen Augen anzusehen. Das Londoner Blatt wirkt mit seiner Apostrophierung des Kaisers als des Enkels einer britischen Königin, eines britischen Feldinar schalls geradezu komisch. Zumeist ist der deutsche Kaiser doch wohl Deutscher und oberster Kriegsherr des deutschen Heeres und der deutschen Fl orte, und als Deutscher kann er über Waterloo nicht anders urteilen, wie jeder Dentfchc tut und wie es der Engländer getan hat, der am besten wußte, was das Schicksal der Briten bei Belle-Alliance ge ivefen wäre, wenn Blücher nicht gesammelt wäre: Welling ton. Aber Wellingtons Denkwürdigkeiten nachzulesen, fällt den heutigen Briten nicht ein.

Russland.

Ä Die Veröffentlichung der Rede, die Sergej Julitsch Witte vor zwei Jabren zu Gunsten Finlands im russischen Reichsrat hielt, hat in Petersburg wie eine Bombe cimm

der antifinischen Politik Rußlands

schlagen. _ . _

sind aufs höchst.' bestürzt und ratlos

höchst gefährlichen Vorstoß Wittes parieren sollen. Her: 0. Plehwe insbesondere, der intimste Feind Wittes und der Urheber der Vergewaltigung Finlands, ist in höchster Be sorgnis vor der Wirkung der Veröffentlichung. Zweifels obste ist seine Stellung dadurch erschüttert, und Wittes Chancen, wieder ans Ruder zu konimen, sind außerordentliä gestiegen. Wir würden uns nicht wundern, wenn der Nach folger des Herrn v. Plehwe Witte hieße.

wie sie gegen diesen

Balkan-Staaten»

X Geradezu verblüffend ist die Unverfrorenheit, mit bei Rußland den Dernentierapparat handhabt. Rußland war es bekanntlich, das vor allen anderen Mächten auf die Ent fernung der serbischen Königsmörder vom Hofe und aus dem Heere drängte. Das steht vor ganz Europa fest. Aber da- hindert die Russen nicht, jetzt, wo sie ihren Willen durchgewtzl haben, in aller Form und hochoffiziell zu erklären: Ruylant habe offiziell niemals die Entfernung der Verschwörer am ber serbischen Armee verlangt, und die Gefühle des Kaisers Nikolaus für König Peter seien unverändert,

HHen.

t Nach wie vor steht die Lage in Ostasien auf des Messer- Schneide. Zwar wird auch heute sowohl von russischer wir von japanischer Seite bestritten, daß Japan an Rußland eir Ultimatum gerichtet habe. Indessen scheint d:e japanijchc Antwortnote doch eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einen Ultimatum zu haben. Denn sie stellt den Russen eine be stimmte Frist zur Erteilung der Antwort, wenn ne tm übriger and) nicht in dem gemessenen Ton des normalen Ultimatums sondern in freundschaftlichen Wendungen gehalten in. Abe: ob nun Ultimatum oder nicht: Jedenfalls werden die Kriegs rüstungen auf beiden Seiten, ja. man kann sagen, auch vo: England und China, fieberhaft betrieben. Die ja

12. Jahrgang.

3*fertivw»p$ei - Dl^ ^^t ^inW f^r «e^ »U §«mL Cbtr^dbn, die Kreise Wlchlir und M«rL«rz rv Vfg. s»â 15 Pfg.; NelU *c* dir ^rtt^ ^f6.

Poftzeituv-rltfte No. 3W.

H*eWm uwb ©rtcbiibn: Gießen Ne^e»»eg •• &enrf|ite***Nlftt* Nt> MS«

panische Negierung bat eine Bekanntmachung er lassen, daß sie sämtliche Trockendocks des Landes für die Kriegsflotte brauche. Die Kriegsschiffe sind zum Teil bereits in die Docks zur Reinigung gegangen. Die R u s s e n bauen in Port Arthur einen Wall, der die Neustadt umschließt. Die Altstadt wird zerstört, der Befehl dazu ist bereits erlassen. Die anläßlich des Zwischenfalls nach Tschemulpo beorderten russischen Kriegsschiffe sind iiad) Port Arthur Zurückgekehrt. Rußland läßt 'jede Unze Gold ausprägen, es kaufte Münz Maschinen in England und prägt auch privatim in Brüssel. Rußland und Japan kaufen ferner große QuautWen chirur­gischer Instrumente in England. - England seinerseits ton zentriert seine Flotte vor Weihaiwei. Auch China betreibt auf eine Depesche des chinesischen Gesâüdten in Tokio, d e den Krieg als unmittelbar bevorstehend anküncügu seine Z^sist- ungen mit großen: Eifer, soweit das bei Chinesen möglich ist Wie werden die Würfel füllen?

Hmerika.

□ Vor einiger Zeit berichteten wir von einem englischen Geistlichen, der es unternehmen wackle, LZ 00t> Mensche: in einem entlegenen Gebiete Kanadas auzufiedcln. Es ge lang ihm auch, 2000 Arbeiter zu werben. Die Europa müden erhielten jedoch die Ländereien in einer Gegend, wc sie den: Hungertode ausgesetzt waren, so daß sie auf Staats kosten verpflegt und in andere (Gebiete Kanadas gebracht werden mußten. Nun stellte es sich heraus, daß der Geist­liche sich nur deshalb mit der Kolonijaston belaßte, weil et von jedem einzelnen Auswanderer 3 Prozent von der Summe der Landkosten als Provision erhielt. Auch ein Wohl­täter der Menschheit.

* In Buenos Aires sind die Hafenarbeiter, dic Angestellten im Schleppdampferbetrieb, die Straßenbahn schaffner, sowie zahlreiche andere Gewerkschaften in den Ausstand getreten. Der Ausbruch des allgemeine: Ausstandes gilt als bevorstehend. Für die internätio nale Schiffahrt, nicht zuletzt für die deutsche, bedeutet dieser Streik eine schwere Beeinträchtigung.

Acer und flotte.

Ueber das Tragen der Fahaen bei „Gewehr über" hat der Kaiser folgendes bestimmt: „Bei allen Exerzier bewegungen ohne Tritt und auf Märschen kann die Fahne nach Wahl des Fahnenträgers auf der rechten aber der linken Schulter getragen werden Tie enthüllte Fahne ist so zu tragen, daß sie mit dem Tuch mindestens eine halbe Handbreite von der Schulter des Fahnenträgers entfernt bleibt."

Breäidernngen im Forbacher Trainbataillon. Wie amt­lich gemeldebwird, sind in das Trainbataillon Nr. 16 in For bach folgende Offiziere versetzt worden: Hoffmann, bisher Leutnant im Feld-Artillerie-Regiment 11, Jänsa, bisher Oberleutnant im Garde-Trainbataillon, Sernedurg. bisher Oberleutnant im Trainbataillon 14, die Leutnant: Bär winkel vom Trainbataillon 4 und Schleg, bisher im Train- bataillon 3 unter Beförderung zu Oberleutnants. Daraus geht hervor, daß vier Offiziere des Bataillons ansgeidmöen sind. ' Da dies aber amtlich nicht nütgeteilt wird, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sie infolge der Affäre Bisse mit schlichtem Abschied entlassen sind. Es war gegen sämtliche Forbacher'Trainosstziere, die in den Prozeß irgendwie ver­wickelt waren, rin ehrerrgericktliches Verfahren eingeleitet worden und alle Offiziere, bis auf drei, vom Dienst iuspen- diert. Der jetzige Stellenwechsel ist als Folge dieser Unter- uchung anzusehen. Bilse war natürlich ein Hauptzeuge, und zu diesem Zwecke wurde er im hiesigen Militär-Hpresthause zurückbeholten; doch soll ihm die Seit als Strafverbüßung ingcredmct werden Daß über das Vibcidie Gnadenge.stlck vor Beendigung d^ies ehrengerick-lichen Versa hrsnS seine Entscheidung erfolgen konnte, versteht sich von selbst.

Hus dem Gerichts Taal.

§ Das Urteil im Kischincwcr Prozeß wegen der gegen bi, Juden gerichteten Unruhen ist gefällt worden. Die Ange- klagten Gretschin und Marosiuk, gegen welche die An klagt Ul auch auf Mord lautete, wurden zu 7 beziehungsweise 5 Jah­ren Zwangsarbeit verurteilt. ' Gegen 22 weitere AngekkAkt wurde auf Einreihung in eine Arrestanteukompagnie für ein bis zwei Jahre, gegen einen Angeklagten auf sechs Mo- naie Gefängnishaft ersannt, 12 wurden freigesprochen. Ti< J anhängia gemad icn 18 Zivilklagen wurden sätutlich .unberück­sichtigt gelassen. Du Gerichtskosten wurden den Verurteilten ' auferlegt. - •

§ Tic fd)riftftcllernbe Bettlerin. Vor dem Londoner Sucht polizeigericht hatte sich die unverbesserliche Bettlerin unk - Tagediebin Alice Marv Hunt zu verantworten und wurdt öu 6 Monaten Zwangsarbeit verurteilt. Die Verhandlung U

wich insofern von den üblidien traurigen Londoner Sitten- : bildern gleichen Schlages ab, als Mary Hunt ihre täglichen Erfahrungen bei ihrem Handwerk in einem mit großer Ge nauigfeit geführten Tagebuch zu verzeichnen pflegte und dieses schriftstellerische Unikum als Beweisobjekt verlesen wurde. ^Nachstehend einige charakteristische Eintragungen daraus: