Nr. 170.
Donnerstag, den 23. Juli 1903
12. Jahrgang
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Aeuefle Nachrichten
(Gießener Tagevkrtt)
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Iettnng)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Alle ein papst gewählt wird.
Am ersten Tage des August beginnen die im Konklave vereinten Kardinäle ihre Wahlhandlung. Wählbar ist an und für sich jeder katholische rechtgläubige Mann. Nach den Bestimmungen Nikolaus II. soll der Papst aus dem Klerus der römischen Kirche, und wenn unter demselben eine ge- ügnete Persönlichkeit sich nicht finbet, außerhalb desselben genommen werden. Der letzte Papst, der nicht cm3 der Zahl 9er Kardinäle gewählt wurde, war Urban VI. (1378 bis 1389). Ein bestimmtes Alter, wie für andere kirchliche Aemter, ist für den zu wählenden Papst nicht vorgeschrieben.
Die Wahl selbst kann auf dreierlei Weise.vorgenommen Derben: durch Eingebung, quasi per inspirationem; durch Vollmacht, per compromissum; durch Abstimmung, per scrutinium.
Eine Jnspirationswahl liegt vor, wenn alle Kardinäle unstimmig einen Kandidaten als gewählt bezeichnen. Eine Wahl durch Kompromiß, die seit dein 12. Jahrhundert auf- kam, besteht darin, daß die Kardinäle einstimmig gewissen unter ihnen, mindestens zweien, die Befugnis übertragen, den Papst zu wählen. Die dritte Wahlart, das scrutinium, die Zettelwahl, vollzieht sich unter äußerst komplizierten Förmlichkeiten. Nachdem die sorgfältig eingehüllten und in einem bedeckten Kelch durcheinandergerüttelten Stimmzettel gezählt, durchstochen unb an einen Faden aufgereiht sind, konstatieren eigens gewählte Revisoren das Resultat. Hat ein Kandidat die Anzahl von mehr als zwei Dritteilen güt tiger Stimmen erhalten, so ist er gewählt. Ist gerade dic Anzahl erreicht, so muß zuvörderst noch sein Zettel geöffnet werben; denn es darf auch in diesem Verfahren niemand fiel selbst wählen. Sind nicht die erforderlichen zwei Drittel bei Stimmen auf einen Kardinal gefallen, so wird zu einem ügentümlieben Verfahren geschritten, um zu versuchen, of aicht ein Teil der Wähler seinen Kandidaten fallen läßt mit sich für einen der anderen entscheidet, dem sogen. Acceß. Er besteht im wesentlichen darin, daß die im scrutinium abgegebenen Vota für das Resultat der nächsten Abstimmung als gültig betrachtet werden, die Kardinäle aber noch eine neue Abstimmung vornehmen in welcher sie einem der bereits im Scrutinium bezeichneten Kandidaten beitreten. Führt der Acceß zu keinem Resultat, so hört der ganze Wahlakt ruf und es muß von neuem ferutmiert werden. Ein mehr- maliger Acceß findet nicht statt. Sämtliche Wahlzettel wer den dann sofort mit etwas feuchtem Stroh oder Heu vermischt imb in bem zu diesem Zwecke im Wahlsaale angebrachten Ofen in Gegenwart der Kardinäle verbrannt. Wenn die in Ungeduld wartenden Römer den Rauch aufsteigen sehen, dient er ihnen als Zeichen, daß das jetzt beendete scrutinium ihnen noch keinen Papst gebracht hat. Ist die Wahl zu- ;taube gekommen, so werden die Wahlzettel Derbranut, ohne mit Heu oder Stroh vermischt zu sein, so daß der Rauch, welcher aufsteigt, nur ganz schwach bemerkbar ist — ein Beweis, daß der Kirche wieder ein Papst gegeben ist.
* * *
Die Trancrfcierlichkeiiktt in Rom.
Hm Thronsaal, wo nunmehr die Leiche des Papstes, be- fleibit mit der weißen Soutane, rotem Schultermäntelchen, roten Schuhen und rotem Käppchen aufgebahrt lag, defilierten gelten; in langen Reihen das diplomatische Korps beim päpstlichen Stuhle, sowie der Adel und die Würdenträger des päpstlichen Hofes. Die Urne mit den Präcordien des Papstes, den Eingeweiden, die bei der sorgsamen Balsamierung entfernt werden mußten, WÄen nachts 11% Uhr aus dem geheimen Vorzimmer von den Monsignori Angeli und Marzoni in einem Wagen nach der Kirche St. Vinzent und St. Anastasins gebracht, wo sie von bem Pfarrer und einigen Geistlichen empfangen wurde, um dann in einer Mauernische zur Rechten des Hochaltars beigesetzt zu werden. Nächtlicherweile wird dann die Leiche des Papstes in die Peterskirche verbracht werden. Der Vatikan wird streng überwacht. Die Schweizergarden wiesen sogar Mazzoni zurück.
Wie unser ^.-Mitarbeiter aus Hofkreisen erfährt, hat Kaiser Wilhelm den Prinzen Friedrich Leopold von Preußen beauftragt, ihn bei der Beisetzung des Papstes 311 vertreten.
Der Staat und die Doch Wasserschäden,
□ Angesichts der neuen Verheerungen durch Ueberschwem- mungen in Schlesien ist die preußische Regierung in Erwägungen über eine Verstärkung des Hochwasserschutzes in Schlesien eingetreten. Der Minister des Innern hat an Ort und Stelle mit den Vertretern der schlesischen Verwaltungsbehörden über die notwendigen Maßnahmen beraten, das Ergebnis dieser Besprechungen wird jetzt offiziös mit- geteilt. Danach beabsichtigt die Regierung, die Linderung der augenblicklichen Not in der Hauptsache der Privatwohltätigkeit zu überlassen. In Schlesien ist man damit nicht lehr zufrieden, man hatte auf eine sofortige staatliche Hilfsaktion gerechnet und sieht in den für später angekündigten Schutzmaßnahmen der Legierung keinen genügenden Aus
gleich für die Unterlassung sofortiger staatlicher Hilfe ur die Ueberschwemmten.
Indessen scheint diese Auffassung der Regierung doch Ilm 'echt zu tun. Denn aus der offiziösen Mitteilung ergibt fier weiter, daß die Regierung doch Mittel zur Linderung bei Not bereitstellen will, und daß sie lediglich für die Zeit, bic ne sich über die Art und den Umfang der Gewährung bei Staatshülfe klar geworden ist, an die Privatwohltätigkeil appelliert. Es heißt in der Regierungserklärung, daß dic Verwaltungsbehörden angewiesen sind, schleunigst über den Hochwasserschaden genaue Ermittelungen anzustellen, namentlich auch soweit wenig bemittelte Leute Verluste erlitten gaben. Sofort nach Eingang dieser Berichte wird die Re- perung die völligen Mittel zur Verftigung stellen; auch aui die Gemeinden soll eingewirkt werden, damit sie aui? form nunalen Fonds die Geschädigten unterstützen. Unter diesen Umständen steht zu hoffen, daß auch die Erschließung bei taatlichen Untersiützungsquelle nicht mehr lange auf sich war- .en lassen wird.
Der für die Zukunft wichtigste Teil des Regierungs- olanes ist derjenige, der umfassende Maßregeln gegen eine Wiederholung ähnlicher Katastrophen an kündigt. Es heißt hierüber in der offiziösen Mitteilung:
Naturgemäß kann ein lückenloses Programm für dieß vorbeugende Aktion im gegenwärtigen Augenblicke ui du ausgestellt werden. Daß hier in erster Linie möglichst ausgedehnte und gründliche F l u ß r e g u l i e r u n g e v und die Schaffung eines den Fortschritten der modernen Wasserbantechllik entsprechenden Eiicdeichungs- sy st eins in Frage kommen, versteht sich von selbst.
Zweifellos ist die Regulierung der schlesischen Flußläufc und die Errichtung starker Schutzdeiche die wertvollste Maß regel, die getroffen werden kann. Aber das ist eine Maß- cegel mit zukünftiger Wirkung, über der die nächstliegendc Aufgabe, die Unterstützung der Obdach- und brotlosen Be lülkerung des Ueberschwemniungsgebietes und die noch grö zere Aufgabe, denen, die ihre Existenz verloren haben, eine reue zu schaffen, nicht vergessen werden darf. Die schlesischer Verwaltungsbehörden können jetzt einmal zeigen, wie rasct nan, Wenns Not tut, in Preußen arbeiten sann: sie werden Lag und Nacht an der Feststellung des Schadens zu arbei :en haben, um der Regierung ein möglichst schleuniges Ein greifen mit Geldmitteln zu ermöglichen.
Wenn die Negierung nidjt, wie man von ihr verlangt, Augenblicks eine große (Summe für die Unterstützung der Geschädigten answerfen will, so scheint das ja nicht recht verständlich; immerhin wird man annehmen dürfen, daß im Ministerium gute Gründe für diese Maßregel ausschlaggebend gewesen sind. Wir glauben, daß man sich in Re- gierungskreisen über die Hilfsbereitschaft des deutschen Volkes nicht getäuscht haben wird unb daß die Sammlungen genügen werden, um der vorläufigen Not zu steuern, bis )ie Regierung die Grundsätze für ein planmäßiges Eingreifen festgestellt haben Wirb. Derselben Anschauung gibt auch ein poetischer Aufruf Ausdruck, mit dem der bekannte Breslauer vaterländische Dichter Professor Felix Dahn sich an die deutsche Nation wendet. Es heißt darin:
Wie furd^tbar, wenn des Menschen Siedelung, Dem sichern Dach, der treu bestellten Saat, Unhemmbar, mit des Unheils Flügelschwung, Im Graun der Nacht die Hochflut brandend naht!
Da flüchtet aus dem schamn-umspritzten Hause Entsetzt der Vater, bergend Weib uub Kind,
Und ob der Wogen dränendem Gebrause
Verweht mit Hohn den Hilferuf der Wiud.
Nicht ganz verweht er ihn: langt aus den Sternen
Auch nicht herab des Wunders Retterhand/ —
An Menschenherzen dringt durch weite Fernen
Der Weheruf durch alles deutsche Land.
Und sieh, die Spenden strömen schon zusamnren, Aus allen Gauen unsres Reichs gehäuft,
Von wo in Abendglut die Gletscher flammen
Und wo das Rheingold aus der Rebe träuft.
Denn wir sind Eins, sind endlich Eins geworden: Eins in der Not soll'n uns die Nachbarn schau'n: Ein Volk von Brüdern, Eins in Süd und Norden
Ans deutsche Treue dürfen wir vertrau'n!
Das Volk Wirb diese Erwartung nicht zu schänden machen. Und dafür, daß die Regierung, selbst wenn sie es nicht am eigenem Antrieb und Mitgefühl täte, die staatliche Hilfs aktion beschleunigen wird, dafür bietet kein geringerer eine Bürgschaft als Kaiser Wilhelm. Beim schlesischen Oberpräsidium ist ein ausführliches Telegramm des Kaiser- aus Norwegen eingetroffen, in dem er über den Umfang des Hochwasserschadens Bericht einfordert und schnellc und ausreichende Hilfe zusichert.
Die Politik.
Offiziere a. D. im Verwaltungsdienst.
= Eine bemerkenswerte Anordnung des preußischen Kriegsministers wird gegenwärtig bnrd)geführt. Von den zuständigen Behörden werden zur Zeit Ermittelungen barüber angestellt, welche und wieviel pensionierte Offiziere im Reichs-, Staats- und Konununaldienst tätig sind, und welches Diensteinkommen sie beziehen. Dfiese Erhebungen
erstrecken sich gleichzeitig aus Die Frage, ov uno iniuiewen die Militärpension der unmittelbaren Staatsbeamten einbehalten oder gekürzt wird. Bekanntlich werden den im Staatsdienst beschäftigten Militärpensions-Empsängern während der Zeit dieser Anstellung die Militärbezüge nicht ausgezahlt. Dieselbe Maßnahme scheint jetzt auch für die im Reichs- unb Konununaldienst tätigen verabschiedeten Offizierc getroffen werden zu sollen.
Abg. Richard Rvesicke t.
s Richard Roesicke, Generaldirektor der Schultheißbrauereien in Berlin und Dessau, ist an den Folgen einer Operation plötzlich gestorben. Roesicke stand politisch weit nach links, was ihn auszeichnete, war seine Unparteilichkeit und sein klarer Blick in sozialpolitischen Fragen. Er war überzeugt, daß die bürgerlichen Parteien die Sozialdemokratie wir überwinden könnten durch eine soziale Versöhnung. In einem eignen Riesenunternehmen erwies er sich als ein wohl- neinender, hilfsbereiter ^reuub seiner Arbeiter. Im parier mentarischen Leben stand Roesicke als Abgeordneter für Dessau seit 1890. Das von ihm in der letzten Wahl errungene Stichwahtmalldat dürfte bei der 'Nachwahl den bür- gerlichen Parteien verloren gehen, da die ^konservativen unk Nationalliberalen des Wahlkreises sich weigern werden, bem Freisinnigen Dr. Barth, der sich um das Mandat bewerben will, ihre Stimme zu geben, während andererseits die Frei sinnigen für einen Kompromißkandidaten nicht zu haben sein werden und bei einer etwaigen Stichwahl zwischen einem solchen und dem Sozialdemokraten für letzteren stimmen Kirsten.
Streikklausel und Submissionen.
~ Aus den Kreisen der Gewerbetreibendell, namentlich bei Bauhandwerker, ist in den letzten Jahren vielfach die Forderung laut geworden, in Subnüssionsverträge die Streik .säusel aufzunehmen, d. h. eine Bestimmung, wonach Streiks und Arbeiteraussperrungen als triftige Hinderungsgründc für die Innehaltung vertragsmäßiger Vereinbarungen an zusehen sind. Diesem Verlangen hat die Regierung bisher beim Abschluß von Submissionsverträgßn nicht entspreche!" wollen, und auch in einem kürzlich den Handels- und Hand werkskamniern von ihr vorgelegten „Entwurf zu allgemeinen Bestimmungen, betr. die Vergebung von Leistungen unk Lieferungen" war davon nicht die Rede. Die Kammern haben nun die Aufnahme der Streikklausel nochmals empfohlen, uub erfreulicherweise hat die Regierung diese Fordenlne nicht auch diesmal abgelehnt, sondern ist mit Erwägllngen darüber beschäftigt, ob sie dem Ersuchen ftattgeben soll ober nicht. Unter diesen Umständen besteht die Hoffnung, das; die Streikklausel doch noch zur Tatsache wird.
Ein Schntzzöllncrbund in England.
□ Nur Leute, die eine Vogel Strauß-Politik treiben, können sich noch länger gegen die Erkenntnis sträuben, daß England auf dem geraden Wege zum Schutzzoll sich befindet. Mr. Joe Chamberlain, der Vater der britischen Neichsschlltz- zollidee, ist schon heute der Sieger dem Freihandel gegenüber; nicht nur von den Konservativen, auch von den liberalen Mitgliedern des Parlmnents sind ein großer Teil seine Anhänger. Jetzt wird aus London vollends von der Begründung einer Schutzzollliga aits Parlamentariern berichtet: Eine Versammlung von hervorragenden konservativen und liberalen Mitgliedern des Oberhauses und des Unterhauses, welche für eine Vorzugsbehandlung der Kolonien eintreten, beschloß die Gründung einer Tarifresormliga mit schutzzöllnerischer Tendenz. Die Liga beabsichtigt eine Propaganda durch ganz England zu veranstalten. Und ganz England wird über kurz ober lang, von einem verschwindenden Bruchteil abgesehen, ebenso begeistert schutzzöllnerisch sein, wie es bisher begeistert freihändlerisch war.
Kurze politische Nachrichten.
* Der Kaiser hat für die Kaiserliche Marine eine neue Flaggen- und Salutordnung aufgestellt.
* In Kopenhagen geht das Gerücht, König Christian von Dänemark werde im Oktober ben Besuch Kaiser Wilhelm? ln Rostock bei der Einweihung der Dainpffähre Gjedser- Warnemünde, erwidern.
* Die bayerischen Staatsbahnen erzielten im ersten Halbjahr 1903 eine Einnahme von 73 175 000 Mark, 3 288 929 Mark mehr als im gleichen Zeitraun! des vorigen Jahres, . bei 5919 Kilometern Betriebslänge gegen 5807 Kilometer im vorigen Jahre.
— In Agram fanden Verhaftungen wegen der letzten öombenattentate statt. Bei einem der Verhafteten, dem Kulissenschieber Adlesie, fand man Dynamitpatronen und Zünd- . I schnüre.
* Das Münchener Schöffengericht verurteilte den Ceiu trumsabgeordneten Dr. Heim zu 10 Mark Geldstrafe, weil er in einer Genossenschaftsversammlung, als Bauern klagten daß das Proviantamt bei Lieferungen ihnen Händler vorziehe, dazwischen rief: „Rollender Rubel!"
* In Südafrika, insbesondere in der Kapkolonie, ist 11 ad neueren Nachrichten die Erbitterung zwischen Holländern und Briten größer denn je. Daher auch die 25 000 Mann üc England in Südafrika stationieren will!