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Nr. 45.

Montag, den 23 Februar 1903.

12. IabrganqH

Ab»««eme»t-pre1-: in Lietzen, »b-ehslt MOrucklich 50 Pfg., tn'- HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.60.

Gr«tt-beil«ge» : Oberheffische FamUte«zeita»g (täglich) Qberhesstfche Zeitschrift für L««dwirtschaft, Qbft- »«d G«teA-«>, sowie die ©iefcmer Seifenblase» (wöchentlich).

Das Blatt erscheint in alle« Werktagen nachmittags.

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Postzeitungsliste No. 8M8.

Deueste

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Redaktion und Expedition: Gießen NeuesWtß LS. cherUsprechi«schl»st Nr, LT».

Nnaßhângige Tageszeitung >

(Lietzener Fettung)

für Oberhefseu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzerger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Dornröschen.

^ Betrachtungen über die politische Weltlage. ^

HK. Marx Möllers neuestes SchauspielDornrös­chen", womit das Theaterpublikum dieser Tage in einer allerdings wenig glücklichen Weise überrascht wurde, ist ein lebendiger Beweis dafür, daß die alten deutschen Volks­märchen mit ihrer gemütvollen Innigkeit unb ihrem tiefe­ren Sinne auch für den erwachsenen Menschen ihren Zau­ber behalten. Selbst da, wo in höchst seltenen Fällen ein- mal die Sprache des Poeten gehört wird, in politischen Ver­sammlungen, hat das Märchen eine Zufluchtsstätte ge­sunden. Unwillkürlich drangt sich bei der Schilderung der Begründung des Reiches die Traumgestalt des Dorn­röschens in die Versammlung, von dem es in demMär­chen in Reimen" heißt:

Wohl hundert lange Jahre schlief Dornröschen seinen Schlummer tief, Und Hund und Katze schliefen als,

Tie Hühner, Hanshahn, Pferd im Stall r Da wie mit einem Zanberschlag,

Da küßt der Prinz sie alle wach."

Allerdings ist das Erwachen, des Deutschen Reiches kein Erwachen blos zum Genießen gewesen, sond.ru auch ein Erwachen zur Arbeit. Lange Zeit schien es, als «volle Deutschland als Militärstaat seine Rolle spielen; die jüng ften Debatten im Reichstage aber, in denen sich unsere fnnerpolitifd^e Entwickelung widerspiegelte, haben gezeigt, daß es seine Aufgabe durchaus in einem fried­lichen Sinne erfaßte und in dem Ausbau unserer bürger­lichen Verhältnisse seine ftulturmiffion erblickte. Mit der Sozialpolitik ist Deutschland allen eur päischen Rationen oorausgeeilt unb hat als moderner Märcyenprinz das Prinzip der Fürsorgepflicht des Kapitals für die Besitz­losen «vachgeküßt.

Mit dieser reichsgesetzlichen Fürsorge, di? einen ma seriellen Ausdruck in den verschiedenen Versicherungsor- ganisalionen findet, hat aber auch die Reichsregierung ein festes Band um die Einzelstaaten geschlungen, das ein Wicdererwachcn der Sonderbündelei verhütet. Zwar flat lern bisweilen die Unglücksraben auf, die bei jedem An­laß ein Anseinanderfalleu des Reiches prophezeien. So auch jetzt wieder anläßlich des Ministerwechsels in B a h c r n. Ter überraschende Rücktritt des Grafen Erails- Heim hängt allerdings mit einem immerhin etwas parti- kularistisch gefärbten Interesse, mit der Swinemünder Kaiserdepesche, zusammen unb man kann es verstehen, ivenn die Pessimisten im Reiche prophezeien, es werde nun der Geist, der stets verneint, in der bayerischen Regierung seine.Heimstätte finden. Sollte das wirklich der Fall sein, dann können sich höchstens in untergeordneten fällen kleine Friktionen entwickeln, aber an ein Abbröckeln des Reichseinheitsbewußtseins ist nicht zu denken.

Derartige innerpolitische Friktionen beste! eu sogar in Staaten mit einer völlig einheitlichen Bevölkerung, mie Frankreich, wo augenblicklich in dem Wiedererwachen des Dreyfushandels auch der alte Ge 1 ufatz zwi'ch 'nRa­tionalisten" unbJntllektuellen" miet v wach wird. Die Frage, ob Trenfus schuldig oder unschuldig ist, mürbe voll ständig in den Hintergrund gedrängt; e? handelt sich nur um eine Machtprobe für die Parteien. Wenn es den Ra tionalisteu gelingen mürbe, das Heft in die Hand zu 6c* kommen, bann würde bje europäische Kriegsgefahr erheb­lich näher gerückt. Mb er bic französische Republik hat namentlich aiuf dem Gebiete der geräuschlosen Welter oberung an der Seite Rußlands zu großen E folg erzielt, als daß die Nationalisten günstige Aussichten haben könnten.

Allerdings in Marokko, wo Frankreich eine Zeit lang die erste Geige zu spielen schien, ist England wieder an Einfluß erstarkt. Der Sultan, der von den Franzosen Geld angenommen hat, erbat sich von England zwei im Kolonialkriege erfahrene Offiziere zur Niederwerfung des Prätendenten. Während der Sultan so die Rolle des bekannten Esels zwischen den beiden Hcubündeln spielt, werden anscheinend von dem Gegensultan seine Heere g' fragen und es ist schließlich nicht unmöglich, daß die europäischen Staaten doch ein^reifen müssen, obgleich der Gegensultan erklären ließ, baR er keine fremden feindliche Politik treiben wolle.

Vielleicht betont gerade deshalb, weil man in Eng­land eine ernsthafte Entwickelung der Dinge nicht für ausgeschlossen hält, die englische Thronrede ihr günstiges Verhältnis zu Rußland mit einer besonderen Unterstrei­chung der eigenen friedlichen Politik.

Das mag und wird ja wohl richtig sein, daß Ruß­land speziell in Persien keine Eroberungspläne hat. Benn es sich aber für seine wirtschaftlichen Interessen dort ein Absatzgebiet und in der Diplomatie einen Ein­fluß sichert, dann hat es für die Offenlegung des Weges nach Ostasien genug getan. Auf den nächsten Nachbar, die Türkei, hat es ja einen festen Einfluß. Zunächst schul­det der Sultan noch einen Teil der Kriegsschulden und kann sonach jederzeit von Rußland mürbe gemacht werden. Sodanu spielt die Politik Rußlands in der Balkan frage eine wichtige Rolle für die Türkei. Die slavischen Völker

haben lange genug in dem Reußenrum oeü Märchen- prinzen gesehen, der das slavische Dornröschen aus dem Schlafe küßt.

Das wird zwar einstweilen nicht geschehen, aber die staffelmäßige Entwickelung des russischen Ciuflußgebietes ist auch andererseits so offeuluudig, daß England die Sprache der Demut lernt. Unter günstigeren Verhält­nissen würden bei der Adreßdebatte die Deutschfeinde eine andere Sprache gegen bie englisch deutsche Verbrüderung vor V e n e z u c l a geredet haben, als es der Fall mar. Freilich mag auch der Erfolg ihnen die Zunge gelähmt haben. Wir aber, wir können wünschen, daß das Abkom men von Castro auch geholfen wird, beim, wie die Dinge liegen, können mir nur wch unser Guthaben herauS- holeu; aber ein lukratives -erkehrsgel iet mird Benezu la nicht mehr für uns sein. s< un dieses Dornröschen ein­mal in Schlas versinkt, baun mrb sich kein Märchenprinz mehr fiiiben, der es durch ein i Kuß erweckt.

Deutscher Reichstag.

264. Sitznna. Eigener Bericht.

Statistische Schmerzen.

Der gehorsame Diener unb zugleich der Prügel­knabe alter Parteien, die Statistik, gab zu einer aussühr- ächen Erörterung Aickaß. Von allen Seiten regnete es beim Etat des Statistischen Amts Klagen unb Beschwer- Den über die staatliche H-andh-abung der statistischen Wis- 'enschaft. Der konservative Graf Kanitz machte den An­fang. Er kritisierte namentlich die amtliche Warenhau- velsstatistik, die den Wert unserer Judustrieaussuhr viel tu hoch erscheinen lasse und so auf die Handelsvertrags- Verhandlungen einen für Deutschland nachteiligen Ein­fluß ausübe. Der Sozialdemokrat Südekum gab eine lange Abhandlung über Handels- unb Zahlungsbilanz zum besten, verlangte weiter für 1905 eine neu? Berufs­and Gewerbezählung und be-schwerte sich schließlich dar- 16er, daß man den bekannten früheren Privatdozeutett Dr. Jastrow, der eine Autorität auf deut Gebiete des llrbeitsmarktwesens sei, nicht zu den Arbeiten des St tu istischen Amts heranziehe. Dieser letzteren Beschwerde :rat der sächsische BuudeSratSbevollmächtigte Dr. Fischer 'utgegen. Dann nahm der Abg. R o e s i ck e -Dessau (frei). Lerg.) das Wort. Er polemisierte gegen den Grafen Ka- aip unb bestritt dessen Anschauung, die deutsche Laud- virtschaft könne Telltschtauds Getreide- und Fleischb? Darf mich ohne Auslandseinfuhr decken. Der Rational- .iberale Frhr. Heyl zu Herrnsheim trat dem Abg. Südekum entgegen, ^ann nahm Staatssekretär Graf P o- adowsky das Wort, um die Arbeit des Statistischen Amts gegen die Kritik des Grafen Kanitz zrl verteidigen. Jastrows Verdienste als Statistiker erfenne die Regie- ?nng durchaus au, dieser könne sich über irgend eine Er- clpvcrung seiner Privatarbeit durch das Statistische Amt licht beffagen. Wann eine Berufs und Gewerbezählung vieder stattfinden werde, hänge von der Finanzlage des Reiches ab. Die weitere Debatte brachte wcaig bemer- 'enswertes, unb das Haus vertagte sich, nachdem das kopitel Statistisches Amt schließlicy bewilligt war.

Die Politik.

Früher Neichstagsschluh in Sicht.

5 Im Hinblick aus die auhalteud schlechte Frequenz der Reichstagssitzuugen und die Wahlbewegung wird, wie un- 'er Parlainents-Korrespandeut erfährt, altes ausgeboten, am den Schluß der Reichstaguug und der Legislatur- oeriode bis zum 3. April zu ermöglichen. Auch die Sozialdemokraten haben die Neigung bekundet, ihre Re- Den zum Etat so eiuzurichten, daß dadlirch dessen recht­zeitiges Zustandekomuccu nicht verhindert wiro. Unter Diesen Umständen wird allerdings auf die Durchbera­tung der dem Reichs. age nunmehr zugegaugcn.n K anken- kasseugesetzuovelte verzichtet werden müssen, ebenso wie auf die des Gesetzentwurfs über die Kaufmaunsgerichte. Nach neueren glaubwürdigen Berichten sollen übrigens Die Reichstagsneuwahlen bereits in der ersten Woche ves Juni, nicht, wie es zuletzt hieß, Mitte dieses Mo­nats stattfinden.

Die Bedeutung des Mlnifterwechsels in Bayern.

6 Ueber die Frage, ob der Rücktritt des Grafen Crails­heim einen Wechsel in der Politik der bayrischen R - gierung zur Folge haben werde, hat sich d e ras in einer Unterredung mit einem Berichterstoner selbst ge­äußert. Er bestritt, daß sein Abgang einen Systemwechsel bebeuiete, namentlich, was das Verhältnis Bayerns zum Reiche betrifft. Dafür bürge einmal die über jeden Zwei­fel erhabene Persönlichkeit des Prinzregenten, bann aber auch die des neuen Ministerpräsidenten.Baron Pode- mils," sagte Graf Crailsheim wörtlich, , vt '-o reichstreu wie ich. Er ist aus meiner Schule hervorgcgangen und ist mein Freund." Wie von anderer Seite verlautet, hatte sich Graf Crailsheim Herrn v. Podewils Mbn zum Nach­folger aus er sehen und' sozusagen herangezogen. Auch in Berliner leitenden Kreisen wird zwar her Rücktritt des

um das Reich hochverdieuteu Grafen Crails im o.. anerl, doch bringt man feinem in der Reichshauptstadt gut bekannten Nachfolger das Vertrauen entgegen, auf wel­ches Frhr v. Podewils nach seiner wohlbewahrtten Reichb­treue, seiner reichen politischen Erfahrung und seiner er­probten Tüchtigkeit Anspruch habe. Die hier unb da ge­äußerte Annahme, daß der Ministerwechsrl in Bayern einen Systemwechsel in parulularistischem Sinne nach sich ziehen werde, wird in Berlin an unterrichteter Stelle nicht geteilt. Von nicht geringem Werte für die Bezie­hungen zwischen Berlin und München dürste der Um stand fein, daß der Reichskanzler Graf Bülow unb Frei Herr v. Podewils einander persönlich nahe stehen, und ztvar von Rom her, wo sie gleichzeitig Aemter be­kleideten, Graf Dülotv als deutscher Botschafter, Baron Podewils als bayrischer Gesandter.

DaS Pnpstjubilättm.

::: Die Feierlichkeiten aus Anlaß des 25jährigen Pon tisikats-Jubiläums des Papstes nehmen in Rom einen programmgemäßen Verlauf. Zuuä ost le ab sich le Papst, der bei bester Gesundheit ist, unter lebhaften Bei alts- bezeugungen unb Hochrufen hf, bie S h regia n ad er teilte den dort^Versammelien den Segen. Von der SU i regia ging der Papst in den Saal der Seligsprechungen, ma sich 6000 Geladene befanden. Kar.inal Ferra i v.rlas im Namen der lombardischen Pilgerschaft eine GlücklvuuKH- abreffe. Der Papst dankte und erteilte den Segen. Daraus mürben den: Papst mehrere Geschenke, darunter eine Tiara, überreicht.

Vielfach ist zu lesen getveseu, das jetzige Jubiläum stehe einzig* ba, kein Papst habe eine s? lange Re n> ruugszeit erlebt, wie Leo XIII. Tas ist nicht richtig. Ztvei Päpste haben länger als der jetzige auf dem römischen Sluhl gesessen : der erste, der heilige Pet us, wrl her nach der Tradition 34 Jahre seines Amtes als SteilvcUrc.er Christi waltete, und Pius IX., der 31 Jahr und 7 Wonate regierte. Bei letzterem traf mithin der alte Spruch, mit welchem bis 1816 seit unvordenckichen Zeiten jeder neue Papst bei seiner Krönung angeredet worden: Non videbig annos Petri Du wirst die Jahre Petri nicht erleben! nicht ein. Von Interesse mirb es sein, daran zu erinnern, daß bei der Wahl Leos XIII. von einem Teil der Kardinale Bedenken megen des hohen Alters desselben geltend ge­macht wurden; von allen Kardinälen, welche damals an dem Conclave teilnahmen, ist aber heute außer dem jetzigen Papste nur noch der Kardinal Oreglia am Leben.

Gegen die amerikanischen Anarchisten

geht die Regierung der Vereinigten Staaten jetzt ernstlich vor. Die durch die (Srmorbung des vorigen räsidenten Mac Kiuley hervorgerufene Bewegung hatte zur Einleitung von gesetzgeberischen Maßnah inen geführt, durch welche die Anarchisten weiter schärfer getroffen werden sollten, als es bis jetzt möglich mar. Ein Gesetzeiltwurf zum Schutze des Präsidenten mürbe ausgearbettet, welcher jetzt die Zustiinmung des amerikanischen Nepräsentauteilhau- ses gefunben hat. Das Gesetz droht die Todesstrafe für Mord an dem Präsidenten oder dessen Stellvertreter, sowie an den bei der Union beglaubigten Botschaftern und Ge­sandten an. Auch die Verbreiter der Morolehren haben die strengsten Strafen zu gewärtigen. Von besonderem In­teresse ist, daß die Ginmanberung aller Personen, welche gegen die Unionsregierung feindselige Gesinnungen hegen ober einer Organisation angehören, welche solche Gesin- nungen bekundet, verboten ist. Im Anschluß hieran sei crmäl)iit, daß Präsident Roosevelt an einem Halsleiden erkrankt ist und von Spezialärzten behandelt wird. Der Präsident ist über das Leiden sehr beunruhigt, da er beab­sichtigte, im nächsten Monat eine Rundreise zu unter­nehmen.

Auch die Berliner Polizei tritt gegen die Anar­chisten wieder schärfer auf. Zwei Anarchisten namens Röhr und Steinbacher wurden verhaftet. Weiter fanden bei einer Reihe Anarchisten Haussuchungen statt

Tas mazedonische Problem.

^ Einem Telegramm aus Konstanti ''pel zufolge ha, ben nunmehr der österreichische und oer russische Bot- schafter dem Großvezier das Memorandum über die Vor- schlüge der beiderseitigen Regierungen zur Besserung der Verwaltung in den mazedonischen Vil.rjets Uesküb, Mo- nastir und Saloniki überreicht. Um die Annahme der Reformvorschläge der Mächte seitens der Pforte ist in Konstantinopel mit in erster Linie der deutsche Bot­schafter Freiherr v. Marschall bemüht; er hatte dar­über wiederholte und eingehende Unterredungen mit dem Großvezier.

Die Berichte aus Mazedonien selbst lauten ziemlich bedrohlich. Wie aus Seres gemeldet wird, stehen auf bulgarischem Boden an der türkischen Grenze bei dem Kloster Rilo viertausend bewaffnete Mazedonier bereit, in das Strumatal einzubrechen und gegen Walenif vor- zudringen; es heißt, man erwarte den Ausbruch des Aufstandes in Mazedonien binnen vierzehn Tagen. In Konstantinopel ein getroffene Konsularberichte aus Wo* uastir melden ferner, daß die mazedonischen Komitees trotz des Winters eine außerordentlich rege Tätigkeit ent*