M. 222.
Dienstag, den 22. September 1903.
12. Jahrgang.
Ab«««e«e»tSPreiO: in Gießen, abgehoU monartick Mi Trg., tn'- HâuS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen mmels jährlich Mk. 1.50.
VrstiSbeUage« : Oberhesfische Aamiliexzett»*g (räphcfc) Oberhssstsche Zeitschrift für Landwirtschaft, Cbft u*b VarteBbau, sowie die Gießener Seifenblasen lwöchen iw). DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmuags.
3«t(rti0*t>irri #: Dir einspaltige Petit-eile für Gießen wi/ a. C b.1 Hessen. die Q reife Wetzlar und Mar-urg 10 Pfg. ’pnf 1 15 hiy.; Rrkl .me« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
^ost,eimngSliste No. 3966.
SRebahinn und t5lEdition: Gießen Neuenweg 98. s^nk prechanschlnß Nr. AOI.
(Hießener 'Gagcvkalt)
Hlnalchängige Hageszcitung
(Gießener JeitmiM
für Oberhesfen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
r«thâÜ alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von vberheff«.
Bekanntmachung.
Am 1., 2. und eventl. nach Bedarf am 3. Oktober d. Js. von nachmittags 2 Uhr an wird die Versteigerung des Mobiliars des städtischen Hospitals, des noch vorhandenen Weißzeugs, Bettbezüge, Handtücher 2c. und der Küchengeräte fortgesetzt.
Gießen, den 21. September 1903.
Städtisches Armenamt.
Curschmann.___________________
Bekanntmachung.
Betr.: Abhaltung dec Viehmäckte.
Der Auftrieb von Vieh auf den Viehmarktplatz beginnt von dem am 29. l. Mts. stattfindcnden Viehmarkte ob bis auf weiteres vormittags um 7 Uhr
Gießen, den 21. September 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
Hechler.___________________
Bekanntmachung.
Die am 5. August l. Js. angeordnete Sperre des Durchgangsverkehrs über den Markt-, Kirchen- u. Linden- plotz — von der Marktstraße bis zur Wetzstcingasse — wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 22. September 1903.
Großh.'Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Bekanntmachung.
Die städtische Wage an der Frankfu'.terstraße, Ecke der Klinikstraße, ist von heute ab wieder in Betrieb gesetzt worden.
Gießen, den 21. September 1903.
Dec Oberbürgermeister _______________Mecum.________________
Bekanntmachung.
Die unter dem Schweinebestand des Küfermeisters Döi fl in dahier ausgebrochene Rollanssenche ist erloschen.
Die angeordnete Stallsperre wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 21. September 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
___________________Hechler.__________________
Bekanntmachung.
Droschkenbesitzer Konrad Junker dahier hat die Erlaubnis erhalten, eine Droschke mit der Nr. 10 nach Maßgabe der Polizei-Verordnung für das Dcoschkenfuhc- lvesen in der Provinzial-Hauptstadt Gießen vom 15. Oktober 1900 in Betrieb zu setzen.
Gießen, den 19. Septbe. 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
__________________Hechler.___________________
Bekanntmachung.
Montag, den 28. d. Mts., nachmittags 6 Uhr findet die Inspektion der hiesigen Freiwilligen und Wichtfeuerwchc statt, wozu alle Mannschaften zu er- sche nen haben,
Grünverg, am 21. September 1903.
^ro^rrjoglidjc Bürgermeisterei Grünberg.
[3 imme r.
Gin Menetekel.
— Rückblick auf den sozialdemokratischen Parteitag. —
Der Dresdener Parteitag der beutfd)en Sozialdemokratie hat einerseits wohl einen Einblick gewährt in die Zer- klüftung, die durch die Reihen der roten Armee gebt, andererseits aber auch wieder gezeigt, daß diese Uneinigkeit Hall macht vor den sozialistischen Fundamentalsätzen. Wohl gibt es am roten Saume tausend Verzweigungen und Verästelungen, die nach den verschiedensten Windrichtungen ansein andergehen, aber schließlich ziehen sie doch alle ihre Krafi aus denselben Wurzeln: dem umstürzlerischen Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft. Das ist das Menetekel, das sich auf dem Dresdener Tage in Flammenschrist jedem unbe> fangenen Auge zeigte. Alle Parteien, denen an einem ge< setzmäßigen Ausbau unserer sozialen Politik gelegen ist dürfen sich seiner Mahnung nicht entziehen und werden es nicht, wie es die nachfolgenden Darlegungen, die uns von einem namhaften Sozialpolitiker zugehen, hoffnungsvoll aussprechen.
Es beginnt zu dämmern, schreibt er. Blätter, die noä bis vor kürzern in einem Kompromiß mit der Sozialdemo kratie durchaus nichts Unmögliches sahen, ja, die sich von einem solchen Kompromiss sogar große reformerische Vorteile versprachen, bekennen nach dem Dresdener Tage, daß ihi Glaube ein Irrwahn war. Es hat sich nichts geändert ai den sozialdemokratischen Forderungen. Sie sind dieselben geblieben wie einst, und alles Gerede von Retouchen war eben nichts als Gerede. Sefonberë die Lauen und Jndifje reuten, die aus allgemeiner Unzufriedenheit und um Protes einzulegen gegen das vermeintliche Unrecht, das ihnen ge schehen, ihre Stimme für den Sozialdemokraten abgaben sollten das bedenken. Das eigentliche Ziel der Sozialdemo kratie ist noch heute der Umsturz der bestehenden gesellschaft lieben Ordnung, der große Kladderadatsch, den einst der alh Liebknecht mit erhobener Faust prophezeite. Das sind teiln Ammenmärchen - auf dem Dresdener Tage ist unzwei heutig klar ausgesprochen worden, daß dieses Ziel noch fetz! zu Recht besteht und daß es niemals aus dem Bereiche bei Augen gerückt werden dürfe. Das Gespenst von dem sozia listischen Zukunftsstaate spukt noch heute in diesen Köpfen und lenkt ihre Pläne. Hat man sich auch überall klar ge macht, was das heißt? Die Monarchie, die Regierung, bas Heer, — das ist alles Luxus. Der Begriff „Besitz" ist mrë: gelöscht aus dem Vokabularium. Alles gehört alten. Dafi schon drei Tage nach der großen Teilung der Fleißige wieder reicher sein würde als der Fanle, der Kluge als der Summe - das sehen sie nicht. Daß auch bei völliger Gleichheil schließlich wieder auf einen die Macht fiele und auf den anderen die Schwäche, daß eine Instanz da sein muß auf Erden, die entscheidet über Recht oder Unrecht, und daß es da besser ist, wir behalten die bestehende erprobte Ordnung statt daß wir sie vertauschen mit einem Mehrheitsregimen! voller Sonderinteressen und Meinungsverstbiedenh^ten das will ihnen nicht in den Kopf.' Selbst zugegeben, wir in Deutschland machten den Anfang — glaubt man im Ernst die anderen Völker würden sich uns anschließen? Es soll ja aber doch wohl ein Znkunftsstaat sein, der alle Länder dieser Erde umfaßt? . . .
Würde es nicht immer wieder mit vieler Emphase mi^ gesprochen von den Führern, man würde im Ernst nicht glauben wollen, daß solche Gedanken nüchternen Köpfen ent stammen. Wer ist denn unter der denkenden Arbeiterschaft, der sein mühsam Erspartes hergeben möchte für den ersten besten Trunkenbold, der unter dem Prinzip der Teilung ein Recht darauf hätte? Wer möchte denn im Ernste, daß mit in toller Laune niederrissen, was deutsches Blut in heißen Kämpfen erwarb, was deutscher Geist nnd deutsche Arbeit mühsam erbaut? Wer möchte sein Vaterland ausliefern an die fremden Völkerschaften, die wie die Janitscharen über uns herfallen würden, sobald wir unsere Soldaten nach Hause geschickt und unsere Flinten verbrannt hätten? Stellt euch nur vor, ihr, die ihr gedankenlos dahingeht an die Urne, zu welch frevlen Utopien ihr euch in dem Moment bekennt, wo der sozialistische Zettel euren Fingern entgleitet!
Sie sind dieselben geblieben, die sie waren. Spurlos sind an ihnen die Errungenschaften der neuen Zeit vorüber- gegangen. Sie sehen oder wollen nicht sehen, wie rastlos bas gesamte Volk und nicht etwa bloß die Sozialdemokratie daran arbeitet, das Los der Arbeiterschaft zu bessern, ihre Zukunst sicher zu stellen, ihren Wohlstand zu heben. Die sozialer Reformen der letzten dreißig Jahre erkennen sie nicht an. Das Arbeiterversichernngsgesetz, mit dem Deutschland einzig dasteht in der Welt, haben gerade sie bekämpft, und doch Hai selbst der sozialistische französische Minister Millerand zugeben müssen, daß es eine gewaltige soziale Tat sei. Alles, was die Sozialdemokratie zur Besserung der Arbeiterlage ver langt, ist diskutierbar. Natürlich kann man nicht von heute auf morgen Welten stürzen und Welten errichten. Auch Roni ist nicht in einem Tage erbaut worden. Aber es wird rast, los gearbeitet, und ersichtlich wächst von Tag zu Tag bas soziale Gebäude unseres Volkes.
Statt daß man nun erwarten sollte, die sozialdemokratisch« Fraktion unterstütze alle diese arbeiterfreundlichen Reformen auf legalem Wege, zeigt sich immer wieder das nnerguicklichc Bild der Verhetzung der Klassen untereinander Es ist tun möglich für jede bürgerliche Partei, mit Leuten zu paktieren die sich den Einwänden der Vernunft verschließen und immei wieder als das Endziel all ihres Wiinschens den Umsturz der bestehenden Ordnung proklamieren, die fortgesetzt der Kampf für die Arbeiterschaft auf die Fahne schreibens ohm auch nur ein einzigesmal ernst zu machen, wenn man ihn Hilfe bei sozialen Reformen in Anspruch nehmen will. Di« Dresdener Tage haben das hinlänglich bewiesen. Und fit werden sicherlich eine Lehre sein.
«fr ........
Mazedonisches Allerlei.
Hundertsünfundachtzigtausend Mann hat die Pforte in Mazedonien, auf die Beine gestellt, und weitere Nachschübe anatolischer Truppen sind im Gange, um die mazedonische Ltreitmach: des Sultans auf eine Viertelmillion zu bringen. Und trotzdem keine Niederwerfung des Aufstandes! Zwar der Sultan hat Herrn Sinowjew, den russischen Botschafter in Konstantinopel, auf^ Vorstellungen, die dieser, ihm wegen
der ^unanoe tm Auspanösgemer machte, geantwortet: Es seien bereits über zwei Drittel der aufständischen Gebiete von den Banden gesäubert und die Säuberung der übrigen Gebietsteile sei sehr bald zu erwarten. So sagt der Sultan. Aber wer wird ihm das glauben? Und ob er selbst daran glaubt, ist auch noch sehr die Frage.
Ebenso wenig wird man eine andere türkische Nachricht glauben, die nämlich, der schon kürzlich totgesagte Boris Sarafow, das Haupt der mazedonischen Aufstandsbewegung, sei nun wirklich bei Monastir gefallen; sein Kopf sei von dem Soldaten, der ihn tötete, abgeschlagen und nach Monastir gebracht worden. Der betreffende Soldat habe vom Sultan mehrere Gnadenbeweise erhalten. Wahrscheinlich ist die ganze Sache erfunden.
Das ist so jiemlid) alles, was von den sich immer wiederholenden stereotypenMeldüngen über Scharmützel Zwilchen indischen Truppen und bulgarisch-mazedonischen Ban- deu abgesehen - an Nachrichten aus der Türkei vorliegt. Aus B u l g a r i e n wirb noch gemeldet, der Ntinisterprä- sident Petrow habe einem rumänischen Journalisten gegen* über geäußert: Er erwarte, daß die letzte bulgarische Note an die Mächte nicht erfolglos bleiben werde. Ein Krieg sei jedoch trotzdem möglich.
Eine Erklärung des Grafen Bülow.
Während es demnach an positiven Meldungen von einiger Bedeutung fehlt, liegt eine andere Nachricht vor, die für uns Deutsche eine besonderes Interesse beansprucht. Sie betrifft eine Erklärung des Grafen Bülow bei seinem Wiener Aufenthalt, die den namentlich 'von russischer und britischer Seite beliebten Verdächtigungen der deutschen Balkanpolitik ein für allemal in den Augen jedes Unbefangenen den Garaus macht. Der Kanzler erklärte einem österreichischen Zeitungsmann:
„Die deutsche Politik verfolgt im Orient keine Sonderziele. Deutschland denkt nicht daran, die Türkei zum Widerstande gegen die Politik anderer Mächte zu ermuntern. Alle Schritte Oesterreich-Ungarns und Rußlands haben immer unsere volle bereitwillige Unterstützung gefunden. Jnl Orient stehen wir erst in zweiter oder gar dritter Linie, da sind wir Triarier." Auf die Frage, ob es zum Kriege zwischen Bulgarien und der Türkei kommen werde, sagte der Reichskanzler: „Heutzutage fällt man mit dem Wahrsagen leicht hinein, ich liebe es nicht, zu prophezeien. In jedem Falle würden wir uns bemühen, den Brand auf seinen Herd zu beschränken." Die Frage, ob eine europäische Intervention im Orient in Aussicht genommen sei, verneinte Graf Bülow.
In Deutschland wird man dies öffentliche Bekenntnis des gegenwärtigen Kanzlers zu den Grundsätzen der deutschen Balkanpolitik Bismarcks mit ganz besonderer Befriedigung aufnehmen.
Die Politik.
O Eine neue Rede des preußischen Handelsminifters Möller wird jetzt int Wortlaut bekannt. Der Minister hielt bei der Einweihung des Kgl. Salzbergwerks Bleicherode eine Ansprache, in der er den Aufschwung der deutschen Industrie in den letzten Jahrzehnten als den Faktor bezeichnete, der es Hunderttausenden von Deutschen ermöglicht habe, in der Heimat zu bleiben. Ohne diesen Jndustrieaufschwung hätten diese Hunderttausende längst ausgewandert sein müssen. Weiter sagte der Minister: „Daß es möglich gewesen ist, daß alle im Vaterlande ihr Brot finden, das zeugt von einer gedeihlichen, freudigen Entwickelung des Vaterlandes. Es ist von jeher eine Pflicht der Staatsregiernng gewestn, dafür zu sorgen, daß die Enttvicketnng der deutschen Industrie, die so viele fleißige Hände beschäftigt, nicht auf wenige Punkte konzentriert wird, sondern soweit wie möglich verbreitet wird über das Land. Tie Staatsregierung hat cs als ihre heiligste Pflicht erkannt, nicht nur die^Beschaf- fung neuer Arbeitsstätten dar Industrie zu überlassen, sondern sie bat es als vornehmste Pflicht betrachtet, auch ihrerseits in den Kreis der industriell Schaffenden einzutreten, um ihrerseits mitwirken zu können in der Förderung der Fürsorge für die Arbeiterschaft."
o% lieber die in der deutschen Presse viel erörterte Frage, weshalb die Handelsneriragsverhandlungen zwischen Deutsch- land und Oesterreich-Ungarn ii>»d) nicht begonnen worden sind, hat sich jetzt der deutsche Rcichska»zlcr gegenüber einem Wiener Journalisten ausgesprochen. Graf Bülow führte aus, Deutschland habe alle Vorbereitungen jur ^panbeL^ Vertragsverhandlungen mit £efterreidr-Ungarn gurrn ren. Es wolle aber nicht die innerpolitiscben Schwierig^enen des befreundeten und verbündeten Reiches verschärfen, daher habe es bis jetzt wagen Eröffnung der Verhaudrungen tucht besonders gedrängt und den alten Vertrag incht gekündigt. Allerdings könne aber der Moment kommen, wo Deutjch land nicht länger warten könne. Wir vermuten, daß dieser Moment eintreten wird, ehe die Einigung zwischen Oesterreich und Ungarn über den gemeinsamen Zolltarif erfolgt ist. ^cn Streit zwischen beiden Reichshälften über diesen Tarif meint