Nr. 196. Erstes Blatt.
vbounemevtöpreiS: in Gießen, abgeholt monatlich LOPfg., in'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
VrattSbeilage«: Oberhesfische Famttte«zeitu«g (täglich) Oberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Varteuba«, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitagS.
Samstag, den 22. August 1903.
Gießener
__________________12. Jahrgang.
InskrtionSprei Sr Da einspaltige Petitzeile für Gießen rv\c ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psg. sonst 15 Pfg.: Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
^ernsprechanschlnst Nr. 368.
Deuelle Nachrichten
(siegeltet DageSkatt) Unabhängige Tageszeitung (chießen-r Jeit««g)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Bekanntmachung.
ktr.: Die tierärztliche Ueberwachung der Geflügel- Ausstellungen.
Mit Rücksicht auf die vom 10. bis 13. September .Js. hierorts stattfindende Landwirtschaftliche Anstellung verbunden mit Geflügelausstettung, bringen Dir nachstehende auf Anordnung Großh. Ministeriums «es Innern erlassenen Bestimmungen zur Kenntnisnahme ist Interessenten:
1. Das für die Geflügelausstelluna bestimmte Ge- lügel muß bei seinem Eintreffen in G eßen mit Ur- Prungszeugnissen versehen sein, die eine genaue Be- eichnung der einzelnen Tiere und die ortspolizeiliche Bescheinigung enthalten müssen, daß der Herkunftsort ter Tiere und dessen Umgebung im Umkreise von 5 Kilo- neter seit mindestens 6 Wochen frei von Geflügel- Holera und anderen seuchenartig auftretenden Geflügel- ianf^eitcn sind.
2. Das in Gießen eintreffende Geflügel wird am 3. und S. September, nachmittags 3 Uhr, auf dem trieb und am 10. September, vormittags von 7—8 Uhr am Bahnhof Gießen durch den mit dec Aufsicht betrauten beamteten Tierarzt untersucht werden Zs wird nur für solche Tiere, die auf Grund einer sorg- Mgen Untersuchung unverdächtig erscheinen, die Uebec- fühcung nach dem Ausstellungsplatze gestattet werden.
3. Die zur Unterbringung des Geflügels auf der Ausstellung dienenden Käfige und sonstigen Behälter müssen vor dem Gebrauch gehörig gereinigt und des- infizirt werden. Dies gilt namentlich auch für solche Käfige, die nach Benutzung zum Transport des Geflügels im Ausstellungsraum verwendet werden.
Die Reinigung und Desinfektion ist in der Weise zu bewirken, daß nach Entfernung dec Futtecreste, des Kotes und sonstiger Unreinlichkeiten die Käfige 2C. in allen ihren Teilen (auch Sitzstangen, Futter- und Tcänkgeschicr) mit heißer Sodalauge (3 Kilogramm käufliche Waschsoda auf KOO Liter Wasser) gründlich gewaschen und demnächst mit Kalkmilch bestrichen werden. Statt Kalkmilch können auch andere gebräuchliche Desinfektionsmittel (fünfpro- zcntige Karbolsäure, Kresolwassec, Eceolin, Lysol, Lapillol) verwendet werden.
Wenn die Ausstellungskäsige unmittelbar nebeneinander aufgestellt werden empfiehlt es sich, sic durch dichte Scheidewände (z. B. Glas- oder Blechplatten) von einander zu trennen.
4. In der Geflügelausstelluni ist ein zur etwaigen Absonderung und näheren Untersuchung kranken oder verdächtigen Geflügels bestimmter genügend großer und entsprechend ausgestatteter Raum bereit zu stellen, dec gegen die sonstigen Ausstellungsräumen derart abgeschlossen sein muß, daß eine Uebertragung von Seuchen- keimen nicht stattfinden kann.
5. Das ausgestellte Geflügel wird während dec Dauer der Ausstellung fortlaufend Veterinär-Polizeilich beobachtet. Kadaver gefallener Tiece oder erkranktes Geflügel dürfen aus den Käfigen ?c. keinesfalls ohne Borwissen des beamteten Tierarztes entfernt werden.
6. Bricht in dec Ausstellung die Geflügelcholera oder eine andece leicht übertragbare Geflügelseuche aus ober wird dec Verdacht solcher Seuchen durch den beamteten Tierarzt festgestellt, so sind die erkrankten und die seuchenansteckungsvecdächtigen Tiere sofort in den Beob- achtungscaum (Nr. 4) abzusondern und zu bewachen. Das Betreten dieses Raumes ist außer dem beamteten Tierarzt nur den mit dec Pflege dec Tiere betrauten Personen gestattet und diesen dec Zutritt zu den anderen Ausstellungsräumen verboten. Derjenige Teil des Ausstellungsplatzes, auf dem das kranke oder verdächtige Geflügel gestanden hat, oder von dem nach den Umständen angenommen werden kann, daß er durch Kot, Futtecreste 2cv die von jenem Geflügel herrühren, verunreinigt worden ist, ist sofort gehörig zu reinigen und zu desinfiziren.
7. Solange der Verdacht einer seuchenactigen Erkrankung besteht, darf auch gesundes Geflügel aus den Ausstellungsräumen nicht entfernt werden, dasselbe gilt nach amtstierärztlicher Feststellung eines Seuchenausbruches für die Dauer von fünf Tagen nach dem letzten Eckrankungsfalle, der sich außerhalb des Beobachtungsraumes unter dem Ausstellungsgeflügel ereignet hat.
CTCESOMMKSRMBHKKE
Die Schlachtung gesunden Geflügels und die Aus- fühcungIder geschlachteten Tiere können auch vor Ablauf dieser Frist von uns gestattet werden, sofern nach dem Gutachten des beamteten Tierarztes die Gefahr einer Seuchenübertragung damit nicht verbunden ist.
Gießen, den 20. August 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
__________________ I. V.: R o.th.____________________
Die Politik.
Das Weststiedrasbarmer — ein Werk des Kaisers
<? Auf französischem Boden, in Rouen und Hiwre, wird in der letzten Septemberwoche der 12. Weltfriedens- kongreß tagen. Auf der Tagesordnung steht u. a. auch bte Mahl einer Friedensfahne. Der Pester Lloyd weiß zu berichten, daß den Friedensfteunden der Entwuifi zu einer solchen Frredmsfahne borgelegt werden soll, der von niemand geringerem herrührt, als von — Kaiser Wilhelm II. selbst. Dieser Entwurf soll sich im Besitz der Centralstelle Der französischen Friedensfreunde befinden und von einem hervorragenden französischen Friedensfreunde, der die Wahl nnLr mtei^aiionalcn Friedens fahne bereits im vorigen Jahre suf dem 11. Weltfriedenskongreß vorgeschlagen hatte, vor- gebracht werden. Wir geben die Nachricht des Pester Lloyd wieder, ohne ihr allzu festen Glauben beizumessen.
75 000 Arbeiter im Streik!
L) In K r i m nr i tz f ch a u (Sachsen) ist ein General- fi reik ausgebrochen, nachdenr die Unternehmer bie Forde- rangen der Textilarbeiter — Zehnstundenarbeitstag und zehnprozentige Lohnerhöhung ■— abgelehnt hatten.__ Der streik erstreckt sich auf etwa 80 Webereien mit rund 7 5 000 Arbeitern, die einen jährlicher Lohn von 4,8 Millionen Mark erhalten. Hoffentlich gelingt es, den Streik bald beizulegen', bei einiger Fortdauer kann er sich für die Arbeiterfamilien wie für die ganze Gemeinde Krimmitzschau zu einer furcht- baren Kalamität auswachseri.
Eine polnisch-magyarische Verbrüderung.
3= Polen und Ungarn, die einander sonst nicht ausstehen können, stoben plötzlich entdeckt, daß sie zueinander gehören. In Budapest fand dieser Tage ein Massenbesuch österreichischer Polen stau, der auf eine Einladung der ungarischen Opposition erfolgte. An 600 Schlachzizen waren erschienen, und die Magyaren boten alles auf, um „polnisches Bruder ihinges" von ihrer heißen Liebe ^h überzeugen. Selbstverständlich war auch diese Verbrüderungskundgebung von den Miloschmännern inszeniert, um ihrem Hasse gegen die Deutschen. Lust zu niachen. An die Drohung eines ungarisch polnischen Bündnisses für die innen üitischen Kämpfe in Oesterreich-Ungarn werden sich die Deulschösterreicher nicht groß zu kehren brauchen: die Polen sind zu unverträgliche und unzuverlässige Bundesgettossetl, als daß irgend jcmanö auf die Dauer mit ihnen gemeinsame Sache machen könnte.
Lord Salisbury f.
Einer bot verdienstvollsten, begabtesten, wenn auch nicht erfolgreichsten scheu Politiker hat die Augen zu ewigen Schlummer geschlossen: Lord Salisbury, der frühere Premier- mnifter des Vereinigten Königreichs, ist nicht mehr. Fünfzig Jahre ist es gerade her, seit Robert Arthur Talbot Gascoigne Cecil — das ist sein ursprünglicher Nanre, erst später führte er den Ramen eines Lord Salisbury — im Alter von ■23 Jahren in die Reihen der englischen Politiker trat. 1853 ms Unterbaus gewählt, schloß er sich den Konservativen, den Tories, an, und seine Rednergabe verschaffte ihm bald großes Anseben auch bei den Gegnern. 1866 trat er zum erstenmal in Die Regierung Englands ein, indem er das Staakssekretariat für Indien übernahm. Aber schon 1867 schied er aus dein Ministerium, um die Leitung der Opposition im Oberbause zu übernehmen. 1874 wieder Staatssekretär für Indien, wurde er vier Jahre später Staatssekretär des Auswärtigen, trat dann beim Beginn der Aera Gladstone zurück, um nackt Gladstones- Sturz 1885 Premierminister zu werden- Schon? 1886 fiel sein Kabinett, aber noch dasselbe Jahr sah ihn wieder au der Spitze der Regierung. 1892 wurde sein Kabinett zum anderen Male gestürmt, Gladstone, später Lord Roseberry folgte ihm. Als dieser 1895 zurück- tmt übernahm Salisbury zum drittenmal die Zügel der Regierung. Am 10. August 1902 trat er aus Gesundheitsrücksichten zurück, und sein Neffe James Balfour wurde an einer Statt Premier minister. Salisbury war nach Disraeli der fähigste Staatsmann, Den England in den letzten Jahr zehnten besaß. Sein Tod Wirb auch im Auslande aufrichtiges Mitgefühl erwecken.
Türkische Mißwirtschaft.
sT Der Sultan hat Dseltal Bey, einen der tüchtigsten türkischen Verwaltungsbeamten, zum Marineminister ernannt nnb ihm den Auftrag erteilt, die Rechnilngsfubrung seines Vorgängers Hallan Pascha sich recht genau anzuseben. Der gute Haffan hat sich nämlich durch die unverschamteften ^cü schunqen. Unterschlagungen und euren ausgedehnten stellen ichacher ein Vermögen von vielen Millionen erworben. Man spricht bon 960 000 Pfund Sterling tu bar, die er vorsichtigerweise im Ausland deponiert hat, und die man daher nicht mit Beschlag belegen kann. Dagegen hgt der Sultan bereits
auf Die ausgeoemnen liegenw-afien, Die Der betrügerische Minister mit gestoblenem Gelde erstanden hat, die Hand gelegt In der Türkei war es längst ein offenes Geheimnis, daß Hassan Pascha das Land bestahl. Kursierte doch die Scherzfrage: Wer hat den größten Magen'?, deren Antwort lautete: „Hassan Mischa, denn er hat eine ganze Flotte samt Masten und Maschinen verschlungen." Der Sultan blieb a(>er blind, denn Hassan Pascha verstand es, ihn derart zu umgarnen, daß er alles, was gegen seinen Günstling vorgebracht mürbe, für Verleumdung hielt. Jetzt, nach des allrnäd)tigeii Ministers Tode ist die Wahrheit doch bis zu Abdul Hamids strengbehütetenf Thron durchgedrungen.
f^ecr und flotte.
Im Kommando der Mannestatlou der Nordsee steht dem Vernehmen nach ein Wechsel bevor. Admiral Thomsen in Wilhelmshaven scheidet aus dem atmen Marinedienst aus, zu seiue.u Pacht'Iger soll Vizeadmiral Bendemanu ernannt werden.
B'wftchlsâAvgeltt nfßew Hw-chmg ans ders Märschen. Aus Anlaß £?r bevorstehenden großen llcbung^ und Manövermärsche sind ix Truppenkommandeure aus folgende Vorsichtsmaßregeln yilcgcwiesk^ worden: Bei einer Tempera tim von mehr als 20 Grad R. gleich 25 Grad C. sind große Märsche nur in den izüixm Morgen- ua) Nachmitwg^stumdeu vorzunehmen. Es ist darauf zu halten, daß bx Leute vor dem Ausmarsche gefrühstückt haben, was namentlich nach einem Biwak <jn beachten ist. Hat Die Kolonne sandigen Boden oder eingeschlossenes Gelände, z. B. trockenen Nadel- holzwnld, zu passieren, so ist doppelter Abstand anzuordnen^ auch das Oeffnen des Kragens und des obersten Nockknopfes, unter Umständen auch Ab nehmen der Halsbinde und für kurze Zeit des Helnies zu gestalten. Eine ^auptbebiugnng für den Marsch ist, daß aus Vordernrann -naeschierck wird, Damit Der LustZtSK durch die Kolermc streichen unü der Staub abziehen kann. An schattigen Plätzen jind häufig Haltestationen zu machen. Es ist ferner mit alle? Strenge darâj zu sehen, daß Die, Feldflaschen stets mit Wasser, schwarzem Kaffe oder Tee niemals aber mit Branntwein gefüllt sinch indessen bars das Wasser ganz leicht mit Essig oder Kognak versetzt sein. Bei jeder nur passenden Gelegenheit sind die Feldflaschen neu zu füllen, auch muß den Leuten Gelegenheit zum Grinsen geboten werden und sei es auch nur Ärrch (Schöpfen, von Wasser mittels des Triullre^h-ers t^ei des Kochgeschirrs. Körperlich marode Leute sind aus dem Gliede zu nehmen und an die Spitze Der Marschabteilung zu raw gieren; wenn irgend möglich, ist ihnen das Gepäck abzunehmen. Das Marschtempo darf, besonders bei großer Hitze, nicht zu scharf genommen werden. Im allgemeinen ist es den TerrainverhÄtnissen an^upoffen, und für gewöhnlich sind 12 Minuten auf Den Kilometer zu rechnen. Bei dieser Gelegenheit werden baun auch die Vorschriften für die Zcha,ntl- tung vom Hitzschlag Befallener aufgefrischt.
Flof und Gesellschaft.
*** Die Kaiserin wird, wie aus Halle gemeldet wrr^ ttußer am 6. September auch am 9, dort weilen, um das Diakonissenhans und andere WahltätigkeiMirstitLke M Le» sichtigen.
**♦ Der Großherzog von Mecklenburg- S ch w e r i n hat sich nach Kopenhagen begeben. Man spricht davon, daß er sich mit Prinzessin Thyra von Dänemark verloben werde .
Flak und fern.-
Ä Der Kaiser auf dem Truppennbunffsplaü in Alten, ^robow. Der Kaiser wohnte auf dem Truppenübungsplatz ^klengrabow einer Uebung der verstärkten Kavallerie- Division A. des 4. Rocps unter Leitung deß General. Inspekteurs, Generals drr Kavallerie Edler von der Maniü, aei Die Division ist gebildet auS der zweiten, dritten, vierten A^cde-Kavallerie-Brigada, sowie aus der fünften zusammen- zesktzten und siebenten zusammengesetzten Kavallerie-Brigade mit zugehöriger reifen Der Feldartillerie. Das Wetter war stürmisch und' regnerisch. Bei Der Uebung waren die Kavallc- cieregimenter zunächst geteilt in Division Al unter ®cnerab LevhimU b. ^rmiigB, Mvisyrn A unter Generalmajor Fryn o. Zongermwn wErln ^antp. Die Regimenter waren zu v^r SchwgdwnM foimüzrl, aus den abgegebenen Schwa-, ronen watete n»ue R^egimeMr gebildet, so daß jede ^artei t ötc bcülc Brißaüe?: hatte. Die. Artillerie stellte das ^e - LciMerieregiment Nr. 3 und das 1. Garde-Feldartiller egb ment; dir Regiinerftec Nr. 26 und 66 ^^n '
Vataikon. Sei der Divlsion A N>°r °ubcrd-m d,e M^ch nm. gewchrâmü. «sneral v. d. Pl«nch hâ bre ^M_ gestellt. Nach tiefer Uebung vcrmugte der Kaym de^ Lew Gardehnsanen-Umform trug, samtlrche Regimen wr u fafjeie Mit chnm rcglemv^arische Bewegungen au.. Ein Vorbeimarsch beschloß die Hebung. Um 12 Uhr ^hlte Soifer die Standarten in das Lager zurück unter D°i°ntnt der Kapelle Der Leib Gardehusaren und nahm darauf int