Nr. 169,
Ab»««eme«tSpreiS: in Gießen, abgehslt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
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DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmitagS.
Mittwoch, den 22. Juli 1903.
Gießener
__________________12. Jahrgang.
IusertiouSprei -r Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pst, sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 326V.
Redaktion und Expeditton: Gießen Neuenweg 28.
Ferusprechanschluß Rr, 368.
Neueste Machrichten
(Hießener Tagevratt) Unabhängige Tageszeitung (Oießen-r Weitung)
für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhefsen.
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Gießen, dm 18. Juli.
Betr.: Fortbildungskurse für Lehrer und Lehrerinnen. Die
Gro^h. Kreis-Schulkommission Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Herr Geh. Hofrat Dr. E. von Sallwürk aus Karlsruhe
wird auf Veranlassung^des Darmstädter Lehrervereins vom 19.—22. und 26.—29/Äugust l. I. nachmittags von 4^2 bis 6 Uhr Vorträge in Darmstadt halten. Nach Verfügung Großh. ^Ministeriums d. I, Abt. f. Sch., vom 8. l. M, darf denjenigen Lehrern, welche daran teinehmen wollen, an den betr. Nachmittagen Urlaub erteilt werden.
I. V.: Dr. Wagner.________
> Hn der ßabre des Papstes.
: j ' . = Rom, 21. Juli.
Es ist vollbracht! In der Gobelinkammer des Vatikans ruht Leo XIII. von seinem Erdenwallen und dem letzten Herbeil Kampf mit dem Tode aus. Die Wachskerzen an den vier Enden des Bettes werfen ihren blassen Schein auf das wachsgelbe Dulderantlitz des Entschlummerten, der das Kruzifix in den auf der Brust gefalteten Händen hält. Am Bette halten, auf ihren Schwertknauf gestützt, Nobelgarden die Totenwacht, während an der Tür des Zimmers Schweizer- garden und Palastwachen unberechtigten Eindringlingen den Zutritt wehren. Nur in kleinen Gruppen dürfen die trauernden Gläubigen der Leiche nahen, um einen Kuß scheuer Verehrung auf die weißen Schuhe des Entschlafenen zu drücken. In mystisch-schauerlichem Gleichklang tönen die Totengebete der Mönche aus dem Orden der Minoriten durch den Naum, die die Ehre haben, am Totenbett ihres kirchlichen Oberhauptes für dessen ewige Ruhe 311 beten. Außer ihnen, weilen noch ständig die Geheimkämmerer lind Kammeradjutanten des Verstorbenen an seinem Lager, und aus dem Nebengemach dringen die dumpfen umflorten Stimmen der Pönitentiare der Peterskirche, die ebenfalls unablässig für den Papst bitten. Rings in den sorgsam verhängten Gemächern Kerzenglanz. Das Licht des Tages — so scheint es — darf das erblaßte Antlitz des Fürsten der Kirche nicht mehr schauen. Wird doch auch seine Leiche, nachdem sie sorgsam einbalsamiert worden ist, heute in verschwiegener Nacht von Bettelmönchen in die^Sirtinische Kapelle gebracht, wo sie unter Bewachung von Schweizergardeu und Ordensleuten drei Tage in stiller Nube bleibt, um dann in strahlendem päpstlichen Ornat am vierten Tage beim Hochaltar des Petersdoms auf einem Katafalk über dem Grabe des ersten Papstes, des Apostels Petrus, bew Volk zur Schau gestellt zu werden. Neun Tage trauert d. katholische Christenheit um ihr dahingeschiedenes Oberhaupt dann treten die Forderungen des Wohles der Kirche in den Vordergrund: das Konklave beginnt, um ben neuen Papst zu wählen.
Vorbereitungen zum Konklave.
Auch jetzt, an der Bahre des Verstorbenen, gibt es füi die, deren weis sicher Erwägung es vorbehalten ist, von neuem einen würdigen Nachfolger Petri zu berufen, keine Zeit zr untätiger Trauer. Schon heute Vormittag traten, in Veilchen farbenem Trauergewand, die in Rom weilenden und aus Italien herbeigeeilten Kardinäle zu einer vorbereitenden Versammlung in der Sala del concistoro zusammen. Die Beratungen waren streng geheim, doch betrafen sie, wie verlautet, vorläufig nichts weiter, als den/Ort des Konklave. Bei der freundlichen Haltung der italienischen Regierung liegt kein Grund vor, dieses nicht in Rom abzuhalten. Uno so ist es dem: auch formell beschlossen worden, da die Freiheit der Wahl des Kardinalkollegiums hier keiner Anfechtung ausgesetzt sei. Nach der Versammlung empfing das Kar dinalkollegium, an seiner Spitze der Kämmerer Oreglia, du Botschafter von Oesterreich-Ungarn, Frankreich, Spanien unk Portugal, die persönlich dem Beileid ihrer Regierungen Ausdruck gaben. Kardinal Oreglia empfing außerdem eine grosse Zahl von Beileidstelegrammen von Fürstlichkeiten,, Staatsoberhäuptern, unter ihnen die des Deutschen Kaisers unk seines Reichskanzlers.
Kombinationc« und Kompromisse.
Kardinal Oreglia hat mit der Leitung der Kardinalsversammlung und dem Empfang der Botschafter zum erstenmal der Außenwelt gegenüber das hohe Amt an^ènht, das ihm seit dem Tod des Papstes zugefallen ist. <511 Kardinal Oreglia verkörpert sich zur Zeit die Würde und Macht des Papsttums. Der Kardinalstaatssekretär Rampolla hat bereits sein Amt als solcher niedergelegt. Er schickte sich bereits an, dem Gebrauche gemäß, den Vatikan 511 verlassen, doch bat ihn Oreglia herzlich, doch seine bisherige Wohnung beizubehalten, was dankend acceptiert wurde. Die vati konischen Politiker sehen das als ein Zeichen dafür an, bat zwischen Rampolla und Oreglia, die sich bisher bitter bcfehbei haben, ein Bündnis für die bevorstehende Wahl geschlossen oder wenigstens ein Kompromiß zustande gekommen sei. Doch sind das, wie alles andere, was über Absichten der Ram Pollianer, sich eventuell auf eine Kandidatur des Kardinals di Pietro zu vereinen, verlautet, leere Kombinationen. Es ist Überhaupt sehr voreilig, schon setzt ein sicheres Prognosti
kon für die Wahl zu stellen. Man muß sich begnügen, nm wir es bereits früher getan haben, die Stimmenzahl zu konstatieren, über die die einzelnen Papabili vorläufig verfügen Vorläufig! Denn im Hin und Her der Beratungen ändern sich gar oft die Ansichten. Es ist schon mancher ins Kon flabe mit einem „totsicheren" Clan von Anhängern gegangen der ihm den oieg zuwenden mußte. Und schließlich ging bei Name eines ganz anderen, an den niemand vorher gedacht als Träger der Krone Petri ans der Wahlurne hervor Prägte man doch deshalb das Wort: Wer als Papst in das Konklave tritt, fommt als Kardinal heraus.
Jnzlvischen begannen bereits als Frucht des heutigen Beschlusses der Kardinalversammlnng: die Bauarbeiten im Va tikan. Die Zugänge im Damafushofe werden bermancri und 65 Wohnräume eingerichtet. Am 1. August ziehen die Kardinäle in ihre Klausur ein und beginnen am Morgen des 2. August mit ihrer veranstvortungsvollen Tagung. Tro?, aller eifriger Tätigkeit der Parteien ist es kaum anzunehmen, daß es sofort einer von ihnen gelingt, ihrem Kandidaten die Majorität zu sichern. Und die blauen Rauchsäulen aus bem bekannten kleinen Schornstein werben aufsteigen und den harrenden Römern zeigen, daß wegen Uneinigkeit des Kollegiulns die Stiminzettel verbrannt wurden — bis endlich eine weiße verkündet: Habemus papam !
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Das Beileidstelegramm des deutschen Kaisers, das aus Anlaß des Todes Leos M11. beim Kardinla Oreglio nntraf, hat, wie aus Rom gemeldet wird, folgende Fassung „Schmerzlich bewegt durch die soeben erhaltene Trauernachricht, sende Ich dem hohen Kardinalkollegium den Ausdrncl Meiner aufrichtigen Anteilnahme an bem schweren Verlust welchen die römisch-katholische Kirche durch den Heimgang des Papstes Leo XIII. erlitten hat. Ich werde dem er habenen Greise, der Mir ein persönlicher Freund war, unk dessen so außerordentliche Gaben des Herzens und des Geistes Ich noch bei Meiner letzten Anwesenheit in Rom 'rst vor wenigen Wochen, erneut bewundern mußte, ein reues Anbeuten bewahren. Wilhelm I. jV
Die Politik.
Die deutsche Torpedoflotte wird binnen kurzem fünf Divisionen moderner Hochse^ torpedobootc zählen, also breißig Schisse dreies Typs. Dw von sind 24 auf der Schichauwerst, b aus der Germanm werft in Gaarden vom Stapel gesäuselt 28 dieser Boot- sind für die heimischen Gewässer zur Verwendung beieit, eines tut in Ostasien als DepescheiEoot Dienst und e, ne. („Sleipner") ist zum persönlichen Dienst^ de» Kaisers bestimmt. Außerdem besitzt die deutsche Manne noch eme gro- bere Anzahl kleiner Torpedoboote.
Arbeiterverslchernug und Naturallohn.
® Eine für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleich iyter- -ssante Streitfrage ist kürzlich zur gerichtlichen Entscheidung gekommen. Das Kranken- und das ^nvalldenverycherungo gesetz ordnen Übereinstimmend an, daß die Verstcherten verpflichtet sind, sich bei der Lohnzahlung ihren Antest an den Versicherungsbeiträgen abziehen zu lassen und datz dre Arbeitgeber nur auf diesem Wege den auf dre Verstcherten en - fallenden Betrag wieder einziehen dürfen Nun giebt es bei der Vielgestaltigkeit des wirtschaftlichen Lebens viele Falle, in denen es dem Arbeitgeber garnicht möglich ist, auf diesem Wege ben Versicherten Abzüge zu machen, weil ein Barlohn nicht gewährt wird. Man denke nur an die Angestellten im Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe, die von.ihrem Arbeitgeber vielfach nur Beköstigung erhalten und im ubi iger .uif Trinkgelder angewiesen sind. Hier kann der Arbeitgebei Abzüge vom Lohn nicht machen. Es fragt sich nun, ob bu Versicherten verpflichtet sind, in derartigen Fällen ihren An- teil an den Beiträgen an den Arbeitgeber zu zahlen Das Gericht, dem ein solcher Streitfall vorlag, hm diese Frage verneint unb zugleich entschieden, daß en Versicherter, der dennoch die Beiträge an den Arbeitgebei gezahlt habe, sie zurückfordern könne. Daraus, daß das Ge- ieb bestimme, daß der Arbeitgeber nur im Wege des Abzuges oom Lohn den auf die Versicherten entfallenden Betrag wieder Anziehen dürfe, ergebe sich, daß, wenn ein derartiger Abzrrg oom Lohn nicht gemacht werden könne, die Beiträge eben ihrem vollen Betrage nach vom Arbeitgeber allein zu zahlen seien. ■ , • .
Diese Entscheidung ist besonders wichtig für biejenigen Angestellten, von denen jetzt nach längerer Dienstzeit verlangt wird, daß sie ihren Teil der Beiträge für die ganze Dienstzeit dem Arbeitgeber erstatten.
Was kostet die deutsche Volksschule?
□ Dem schon mehrfach erwähnten Etat., Jahrbuch f. d. Dtsch. Reich entnehmen wir noch eine Reihe interessanter Angaben über die Kosten der öffentlichen Volksschulen im Deutschen Reiche. Sie betragen jährlich insgesamt 415 198 000 Mark. Von dieser Sunime werben aus Staatsmitteln nur gedeckt 120 357 000 Mark. Den kleinsten Schuletat haben Schaumburg-Lippe mit 213 000 und Waldeck mit 359 000 Mark, wovon 34 000 bezw. 107 000 Mark aus Staatsmit
teln bestritten werden. Von den größeren deiltschen Staaten wenben Bayern 39,8 Millionen (14,2 aus Staatsmitteln), Sachsen 34,3 (4,8) Millionen, Württemberg 12,3 (3,8) Millionen, Baden 11,0 (2,4) Millionen für ihre Volksschulen auf. Am weitesten auf dem Wege der Uebernahme der Schullasteii durch ben Staat sind außer Bayern die H a n s e st ä d t e vorgeschritten, wo sich die Ziffern folgendermaßen gestalten: In Lübeck trägt von 772 000 Mark Gesamtausgaben 648 OOO Mark der Staat, in Bremen von 2 147 OÖO Mark 1 5 97 000 Mark, und endlich in Jamburg Übernimmt von 7 321000 Mark der Staat 6 908 000 Mark uif seine Schlütern. In Preußen betrugen die Aup iuenbungen für die Schule 269 917 000 Mark, davon aus Staatsmitteln 7 3 066 000 Mark ober 27,06 Prozent. Bei dell übrigen Bundesstaaten macht der Staatszuschuß durchschnittlich 32,55 Prozent aus. Während in Preußen die Provinz Ostpreußen einen Staatszuschuß von 49,45 und Posen von 52,26 Prozent aufweist, beträgt er in der Rhein Provinz nur 19,94 und in Berlin 2,99 Prozent. Alle diese Zahlen beziehen sich auf das Jahr 1901, doch dürften die Summen auch für die CWenwart sich kaum beträchtlich verschoben haben. â
Ein stehendes Heer für Südafrika.
4= Die britische Regierung beabsichtigt, wie schon gemeldet, in Südafrika ein steheildes Heer von 25 000 Mann zu unterhalten. Diese südafrikanische Streitmacht soll zugleich auch eine Schutztruppe für Judie n fein. Im britischen Oberhause erklärte die Regierung, die Hälfte der Siidafrika- Garllison solle zur Verfügung Indiens gestellt werden. Im Falle des Ausbruchs eines Krieges sei die gegenwärtige Besatzung von ^nbien nicht genügend, und die Legierung könne die Sendung von Verstärkullgen aus England nach Indien nicht verbürgen; die einzige Möglichkeit, wenn man die geforderte Streitmacht in Südafrika nicht bewillige, wäre die Vermehrung der ständigen Besatzung Indiens, die Indien viel Geld kosten würde. Die Forderung wird wohl bewilligt werden. . .
^Neue Attentatsgerüchte. —
t Die Nachricht von der Begegnung Kaiser Wilhelms mii König Oskar von Schwedell unb Norwegen hat auf die Phantasietätigkeit der britischen Zeitnngsleute außerordentlich anregend gewirkt. So melbet jetzt ein Londoner Blatt, die norwegischen Polizeibehörden seien in großer Besorgnis vor einem anarchistischen Mordanschlag auf den Kaiser unk König Oskar. Angeblich habe die Behörde aus Chicagc . Kunde davon erhalten, daß ein schwedischer Anarchist unk eine norwegische Anarchistin, sich an Bord eines transatlantischen Dampfers von Amerika nach dèorwegen begeben haben Die Spur dieses Paares sei bis Tromsoe in Norwegen unk von da bis Mastnoe in Schweden verfolgt worden. Vor dort hätten beide sich wahrscheinlich nach Kopenhagen beheben, und die Polizei der dänischen Hauptstadt sei in fieberhafter Tätigkeit, sie ausfindig zu machen. Daraus, daß dic beiden gerade in der Zeit der Begegnung zwischen den ft als er und dem König in ihrer Heimat eingetroffen wären, schließe man, daß sie übles im Schilde führen. — Es wirk sich bei der ganzen Meldung wohl nur um eine englische Sensationsmache handeln.
Ein neuer Kriegshafen in Sicht!
A Mit dem Wachstum unserer Kriegsflotte gelst auch du Erweiterung der Reichswerst Hand in Hand. Jetzt wirk .'ine Erweiterung der Danziger kaiserlichen Werft geplant, um die Werften in Kiel und Wilhelmshaven zu entlasten. Die Kosten der Erweiterung belaufen sich auf rund 2V: Millionen Mark. Die Erweiterung soll in der Hauptsachc deshalb erfolgen, weil in Zukunft mehr Kriegsschiffe als Asher in Danzig stationiert werden sollen, für die in ben Ausrüstungsbassins in Kiel und Wilhelmshaven kein Plal vorhanden ist. Man geht wohl nicht fehl, wenn man in all tiefen Maßregeln die Anfänge zur Anlegung eines Kriegs- hafens bei Danzig erblickt.
Der Aufstand iu Venezuela ist trotz der Erklärung des Führers der Aufständischen, Matos, er lege die Waffen nieder, noch immer nicht beendet. Aach einer Meldung aus Newyork beschossen venezolanische Kriegsschiffe das von den Aufständischen besetzt gehaltene Aegierungsgebäude in Ciudad Bolivar. Es folgte ein all gemeiner Angriff. Die Regierungstruppen nahmen den Friedhof und die Straßen am Negierungvgeväude; sie ver "oren hierbei 100 Mann. Von den Aufslälwischen wurden
üwa 200 Mann getötet.
England und Deutschland haben ihre reget- mäßigen diplomatischen Beziehungen zu V e n e z u e l a wie- )er ausgenommen. Die letzte Rate der Forderungen, ^eg >eren die Blockade verhängt würbe, ist an beide Machte ge- ;ahlt worden. Präsident Castro wird in kurzem ben brr tischen und den deutschen Gesandten m formeller Aucnenz
mWfaiiaer..