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Nr. 118.

Donnerslag, dm 22. Mai 1903

Ubo««ewe«tSpreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50Pfg., ®

in's Haus gebracht 60^ Pfg., durch die Post bezogen viertel- ■ M A

Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich). |

Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmitags.

__________________12. Jahrgang.

JusertiouSprei Sr Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeimngsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. FerAsprecha«fchl«ß Nr. 362.

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(Gießener Gagevtatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Jeitnng)

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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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— Reue bairisch-preußische Konfliktsmärchen. —

Mit das tollste, was je in einem deutschen Blatt ge­standen hat, war jüngst in einer Würzburger Zeitung zu lesen. Da wurde der alte Koht von bairisch-preußischen

Verstimmungen aufgewärmt und am Ende gar allen Ern- ausgestellt, Baiern

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ftes die ungeheuerliche Behauptung TÜTbe gegen Preußen schließlich den anrufen! Man sollte nicht glauben, Unsinn manche Zeitungsmänner in Lesern aufäubinben wagen!

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Schutz Oesterreichs tvelchen faustdicken Derltschland ihren

Aber hören wir diese tiefgründige Weisheit! Da soll Baiern bei der Reichsregierung vorstellig geworden sein, der in der Verfassung vorgesehene Buudesratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten, in dem Baiern ständig Den Vorsitz führt, solle öfter einberufen werden. Fer-

ner soll Baiern den ihm durch das preußisch-bairische Abkommen von 1870 zugesprochenen stellvertretenden Vorsitz im Bundesrate gefordert haben, der ihm angeb­lich von Preußen nicht gewährt worden sei. Preußen soll sich geweigert haben, diesen Wünschen nachzukom­men, falls Baiern nicht auf folgende Bedingungen ein­gehe: Besetzung der Kommandostellen des zweiten und dritten Armeekorps durch preußische Generäle unter gleichzeitigem Austausch einer größeren Anzahl Offi­ziere aller Grade in zeitweiliger Abkommandierung â la Württemberg, ferner Einführung der neuen Arbeitsuni­form — zunächst der grauen Litewka in der bairischen Armee.

Durch diese preußische Forderung, so erzählt das Würzburger Blatt weiter, sei Prinzregent Luitpold aufs höchste verblüfft worden, und es kursiere eine sehr dra- slische Aeußerung des Regenten über dies Verlangen. Und nach dieser wundersamen Enthüllung schließt das Blatt: „Höhere Militärs sind der Meinung, daß schließ­lich der Schutz Oesterreichs von Baiern angerusen luerben würde, da sich der Regent unmöglich der Ho- heitsrechte begeben sönne."

Es wär? wirklich schwer, gegenüber solchen: dummen Geschwätz ernsthaft zu bleiben, wenn nicht jeder gute Teutsche, sei er Preuße, Baier oder anderen Stam­mes, empört sein müßte über die Gehässigkeit und Reichs­feindschaft, die aus diesen Darlegungen hervorbricht. Der Artikel soll das bairische Volk gegen Preußen aufhetzen, und so unsagbar dumm und verlogen diese Hetze ist, sie wird doch einen gewissen Widerhall finden. Denn die wenigsten sind darüber unterrichtet, daß das, was das Würzburger Blatt hier berichtet, einfach ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Erstens hat, wie unser Berliner ('.^.-Mitarbeiter schon neulich aus authentischer Quelle berichtete, Baiern niemals Grund gehabt, sich zu beklagen, Preußen habe ihn: den stellvertretenden Vorsitz im Bundesrate verwei­gert. Zweitens ist es nicht wahr, daß der Bundesrats- msschuß für auswärtige Angelegenheiten nicht nach Kaierns Wünschen einberufen worden wäre. Baiern hat einen solchen Wunsch bisher überhaupt nicht geäußert! Unter diesen Umständen kann Preußen auch für die Erfüllung solcher bairischen Wünsche keine Bedingungen gestellt haben.

Aber selbst wenn eine Spannung zwischen Baiern Hub Preußen bestände, welch ein Wahnsinn ist die Be- hauptung, Baiern werde nötigenfalls bei einem außer- deutschen Staate, bei Oesterreich, Schutz gegen Preu­ßen suchen! Der Mann, der diese unglaubliche Bebaup- hmg auf gestellt hat, weiß offenbar nicht, daß nach der Reichsverfassung das ganze übrige Deutschland bei einem solchen Bruch der Verfassung seitens Baierns Baiern mr Verantwortung ziehen müßte (Artikel 19 der Ber­ufung).

Aber genug! Es lohnt nicht, den Unsinn eingehender p: widerlegen. In allen deutschen Gauen, bei allen «ichstreuen Patrioten wird nur eine Stimme darüber herrschen, wie vaterlandlos das Treiben der Männer ist, die in so gewissenlos leichtfertiger Weise zwischen fen geeinten deutschen Stämmen aufs neue die Drachen- |aat der Zwietracht säen.

Die Politik.

Deutschlands Beziehungen zum Vatikan beschäftigen noch immer im Anschluß an die Romfahrt des Kaisers die politischen Kreise Frankreichs und Italiens in hohem Maße. In der französischen Deputiertenkammer mürbe vom Nationalisten Engerand die bekannte Behaup­tung aufgefrischt, daß Kaiser Wilhelm sich bemühe, das Protektorat über die Christen im Orient zu erhalten. In Rom verstiegen sich die deputierten Gattorno und Socci allen Ernstes zu der Anfrage an die Regierung,, ob es rich­tig sei, daß der deutsche Reichskanzler Graf Bülow bei dem Ministerpräsidenten Zanardelli Schritte unternommen habe, um zwischen ber italienischen Regierung und dem Vatikan einen Modus vivendi herzustellen. Unterstaats- sekxetär Ronchetti erklärte im Namen Zanardellis, dieses

unsinnige Gerücht entbehre durchaus Zeglicher Begrün­dung. Wann Werder: endlich die Korrjektrrren über die Be­gegnung zwischen Kaiser und Papst verstummen?

Des Kaisers Tank an Graf Haefeler, den treuen Wächter an der deutschen Westmark, gelegent­lich dessen Rücktritt von: Kommando des 16. Armeekorps, hat äußerlich in der höchsten preußischen Auszeichnung, den Brillanten zum Schwarzen Adlerordeu, bestanden. Mehr noch aber werden den im Dienst seines Vaterlan­des ergrauten Heerführer die ehrender: Worte erfreuen, die ihm sein Kaiser vor versammeltem Offizierkorps uadj der Gesechtskritik zuteil werden ließ. Er hoffe, daß der Name dieses Mannes, dieses ganzen Soldaten, im Korps nicht nur erhalten bleibe, sondern daß auch dessen Geist darin weiterlebe. „Graf Haeseler," so schloß er, „verlangte viel von Ihnen, aber uns allen ist klar: dieser Mann mutete sich selbst das meiste zu. Er gehörte zu denjeni­gen Soldaten, denen der Wille ihres Königs das höchste Gebot, die Anerkennung ihres Königs die höchste Aus­zeichnung ist." Um Graf Haeselers Andenken in der Armee für immer zu erhalten, hat der Kaiser beföhle::, daß das brandenburgische Ulanenregiment Nr. 11 fortan den Na­men „Ulanenregiment Graf Haefeler" zu führen hat.

Militärverfchwörnng gegen den Zaren?

Wie in Petersburg verlautet, soll Sie Frühjahrs- jarabc, die der Zar abhalten wollte, und die im letzten Moment abgesagt wurde, infolge eines alarmierenden Be­uchtes des Chefs der geheimen politischen Polizei Verscho- )en worden sein. Dieser habe erklärt, daß er keine Ga- :antie für die Sicherheit des Zaren übernehmen könne, 'alls dieser sich zur Parade begebe. Es bestäube eine lusgedehnte Verschwörung gegen dessen Leben, in die Hele Offiziere verwickelt seien, und man hätte bereits nehrere Dynamitverstecke entdeckt. Das Attentat auf den Zaren sollte stattfinden, wenn die Truppen an ihm vor- )eibefilierten. Die ganze Angelegenheit wird äußerst ge­mein: behandelt, aber es ist doch bekannt, daß schoi: viele Verhaftungen stattgesunden haben.

Ermordung eines russifchen Gouverneurs.

(2) Einem politischen Racheakt ist am Geburtstag des garen der Gouverneur Bogdanowitsch in der russischen Gouvernementsstadt Ufa (im Uralgebiet) zum Opfer ge­fallen. Der Gouverneur hatte sich in den Stadtpark be­heben, der wegen des Zarentages viele Besucher aufwies. Plötzlich traten ihm aus einer Seitcnaltee mehrere Perso­nen entgegen; während der eine ihm unter demütiger Verbeugung ein Schriftstück überreichte, feuerten die an­deren auf den ahnungslosen Bogdanowitsch neun Revol- oerschüsse ab, die ihn in Brust und Rücken trafen. Ter Tod trat sofort ein. Tie Meuchelmörder entkamen. Bog­danowitsch hatte sich dadurch verhaßt gemacht, daß er die Unruhen in Slatrust im März durch Gewalttätigkeiten unterdrückte.

Glaubenswechfel im sächsischen Königshaus?

(!) Eine aufsehenerregende Nachricht läßt sich ein fran­zösisches Sensationsblatt, der Pariser „Rappel", aus Dres­den übermitteln. In sächsischen Hofkreisen soll danach der bevorstehende Uebertritt der sächsischen Königsfamilie, mit einziger Ausnahme des Königs Georg, vom Katholizis­mus zum Protestantismus eifrig besprochen werden. Zwei Gründe hätten diesen schwerwiegenden Schritt ent­schieden: Die Dynastie könnte sich auf die Dauer dem Druck nicht entziehen, der von der kolossalen Mehrheit der protestantischen Bevölkerung — dreieinhalb Millionen ge­gen nur 150,000 Katholiken — auf sie ausgeübt werde. Zweitens aber wünsche der Kronprinz sich wieder zu ver­heiraten, was ihm als Katholik durch die bekannte ab­lehnende Haltung des Vatikan unmöglich gemacht wäre. König Georg allein mache eine Ausnahme von dem all­gemeinen Bekenntniswechsel, da er dem Glauben seiner Kindheit treu bleiben will. — Tie Nachricht ist mit gro­ßer Vorsicht aufzunehmen, sie verdient aber ihrer even­tuellen großen Tragweite wegen immerhin, registriert zu werden.

Militärische Perfonalfragen.

)( In militärischen Kreisen stößt, wie unser ^.-Mitar­beiter uns schreibt, die Nachricht von dem bevorstehenden Rücktritt des Chefs des Generalstabes der Armee, Grafen von Schliessen, auf große Zweifel. Allerdings ist Graf Schliessen bereits 70 Jahre alt, aber körperlich und gei­stig von einer außerordentlichen Frische und den Anfor­derungen seines arbeitsreichen Amtes voll gewachsen. In maßgebenden militärische:: Kreisen wird versichert, man halte einen nahe bevorstehenden Rücktritt Schliessens auch an leitender Stelle für ausgeschlossen: deshalb sei die Frage, wer Schliessens Nachfolger werden solle, noch gar nicht zur Sprache gekommen.

Wiederaufnahme des Petersprozeffes?

0 Tie zahlreichen politischen Freunde des Dr. Karl Peters haben an den Kaiser ein Schriftstück gerichtet, in dem sie die gegen Dr. Peters wegen seiner Führung

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in Ostafrika erhobenen AnfchuldigunMu 511 entkräften suchen und bitten, das seinerzeit gegen Peters gefällte Urteil nur zu stoßen und eine Wiederaufnahme des Ver­fahrens gegen Dr. Peters zu ermöglichen. Tas Schrist- 'tück trügt die Unterschriften zahlreicher Kolonialpolitiker und hochgestellter Persönlichkeiten.

Kurze politische Nachrichten.

* Tie „Nordd. Allg. Ztg." bestätigt den bevorstehenden Rücktritt des Oberpräfidenteu von Schlesien, Fürsten H a tz f e l d t, Herzogs von Tracheuberg.

* Die ausgesperrten Arbeiter der Deckten b 0 r g- i ch e 11 W erst in Bremen haben die von der Werftleitung festgesetzten Bedingungen angenommen. Die Werft wird Freitag früh ihren Betrieb wieder aufnehmen. Damit ist auch die Aussperrung der Arbeiter auf der Werft oes Bremer Vulkan in Vegesack beendet.

* Der frühere britische Premierminister Lord Rose­bery hat in Burnley eine Rede gehalten, in der er Ehamberlains Schutzzollplänen für England und seine Ko­lonien entgegentrat. Auch in den Kolonien mehren sich Die Stimmen gegen Chamberlains Absichten.

♦ In der kroatischen Hauptstadt Agram kam es anläßlich der Feier des Todestages des Banus Jelta- lich zu Unruhen. Studenten und Arbeiter bewarfen die Polizei mit Steinen, drei Personen wurden dabei ver- wnudet.

* In Padua haben die dortigen Studenten wegen der Innsbrucker italienischen Studentenkrawalle eine große Protestversamnilung abgehalten, eine österreichische Fahne verbrannt und weitere autiösterreichische Kund­gebungen veranstaltet. Dumme Jungenstreiche!

* Mehr als 1000 Griechen, wovon 150 Offiziere sind, wandten sich an die türkische Gesandtschaft in Athen mit der Bitte, in türkische Dienste zur Verfolgung der bulgarischen Banden ausgenommen zu werden. Die Ge­sandtschaft erklärte, daß die Verfolgung durch Truppen und Gendarmerie erfolge und das Unwesen bald unter­drückt sein werde.

* Einer Meldung aus Beni-Ussif (Algier) zufolge haben arabische Räuber den dortiger: französischen Post- vorsteher eriuordet. Die Täter sind entkommen.

F)of und Gesellschaft.

*** Der Kaiser hat nur zu kurzer Nast nach seiner Reichslaudssahrt im Neuen Palais Aufenthalt genommen. Schon am Freitag ist er Jagdgast des Fürsten Dohna in Prökelwitz. Am Sonntag erfolgt die Weilerfahrt nach Schlobitten und zwar, wenn das Wetter gut ist, in einem Viererzug des Fürsten Dohna unter persönlicher Fiihruna des Gastgebers. An: Dienstag vormittags gedenkt der Mon­arch in Sabinen zu kurzem Verweilen einzutressen und am Nachmittag über Elbing die Fahrt nach Marienburg fort- zusetzen. Nach einer etwa anderthalbstündigen Anwesen­heit auf der Hochburg begibt sich der Kaiser direkt nach Danzig, wo seine Ankunft gegen 6 Uhr abends vorgesehen ist. Sofort nach seinem Eintreffen auf der Schichauwerst erfolgt der Stapellaus des Linienschiffes „I". Nach Been- )igung des Taufaktes fährt der Kaiser nach Lanafuhr, um sich von dort aus nach Berlin zurückzubegeben.

^oâerne Raubritter.

CB. In Berlin wurde eine „schwarze Bande" Blau­rock, Lemke und Genossen, die viele Lieferanten um große Beträge geprellt hatte, zu empfindlichen Freiheitsstrafen verurteilt» Die Verhandlungen gegen sie haben einen ganz auffallenden Grad von Vertrauensseligkeit der Ge­schäftsleute, namentlich in der Provinz, enthüllt. Tic Bestellungen der Schwindler wurden ohne große Be­denken sämtlich ausgeführt, und wenn Zahlung verlangt wurde, dann ließen sich die geprellten Lieferanten lange Zeit, ohne den Schwindel zu bemerken, mit Versprechun­gen und Verströstungen beruhigen. Tie Geschäfsmethode dieser Schwindlergesellschaft Engros war folgende: Auf pompös ausgestatteten Briefbögen wurden bei Lie­feranten von Lebensrnitteln, insbesondere von Wild, Ge­flügel, Gemüse und Kartoffeln große Sendungen bestellt, Die dann von den Geschäftsinhabern selbst in der Regel nicht abgenommen wurden, sondern von ihren sogenann­ten Vertretern, die auch später, wenn die ungeduldigen Gläubiger auf Zahlung drängten, die Verhandlungen mit Den Gerupften zu führen hatten, und diese damit ab- speistcn, daß die „Herren Chefs" nicht anwesend seien und keine Anweisung zur Auszahlung der eingeforberten Beträge gegeben hätten. Tie erschwindelten Waren wur­den bann schleunigst an Gastwirte und Destillateure ge­gen Kasse verkauft und die Betrüger lebten mit dem erschwindelten Gelde auf großem Fuße. Meist verspra­chen sie den Lieferanten bei Aufgabe der ersten Bestel- 'uug, daß die Lieferung gegen Kasse angenommen werde, öezw. bei größeren Aufträgen gegen Sicherstellung bei Üner Bank. Das zog bei den meisten unbegreiflich ver- lrauensseliaen Lieferanten, bis die schwarze Bande an