Einzelbild herunterladen
 

Nr. 168.

Dienstag, den 21. Juli 1903______

12. Jahrgang.

Abo««e«ie«tspreiS: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

Gratisbeilage«: Oberhesstsche Famitte«zeitu«g (täglich) Oberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- ««d Barteuba«, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitags.

Gießener

AnsertivnSprei 0t Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfp. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expeditton: Gießen Neuenweg 28.

Aer«sprecha«schl»ß Nr. 368,

Neueste Nachrichten

(Gießener Tageviatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Aeitnng)

für Overhestm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Kanalisationsarbeiten wird die Echauzenstraße von heute ab bis auf weiteres für den Fuhrwerks- und Fahrradverkehr gesperrt.

Gießen, den 20. Juli 1903.

Großh. Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Oeffentliche Impfung zu Gießen.

Mit wo^r den 22. Jul nachmittags von 5—6 Uhr wird der letzte Impftermin abgehalten.

Gießen, den 18. Juli 1903.

Der Oberbürgermeister.

3. V. Curschmann.

Papst Le» XIII. f

Rom, 20. Juli 1903.

Papst Leo XIII, ist heute nach­mittag 5 Minuten nach 4 Uhr sanft entschlafen. DieBronzetür ist geschlossen.

Die Trauernachricht, obgleich nicht unverhofft, traf gestern Montag abend gegen 8 Uhr per Telegramm auf unserer Redaktion ein und ein kleiner Teil unserer Leser nahmen durch Anschlag und Extrablatt bereits wenige Minuten danach Kenntnis von der Botschaft.

* *

*

Dec silberne Hammer, mit dem vor mehr als einem Vierteljahrhulldert der Kacdinal-Camerlengo Giacomo Pecci die Schläfe Pio Nonos berührte, hat sich jetzt auf seine eigene Stirn gesenkt. Oreglia, der gegenwärtige Kardinalkämmerling des Vatikans, hat nach altem Brauche im Sterbegemach des Papstes dreimal an Leos bleiche Schläfe gepocht, dreimal hat er inmitten des Kardinalkollegiums an den entseelten Träger der Tiara die Frage gerichtet: Giacomo Pecci, schläfst Du? Und der einst so beredte Mund Leos XIII. ist stumm geblieben : der dreizehnte Leo ist nicht mehr. Unten am Eingang des Vatikans hat sich die schwere Bronzepforte, die sonst Tag und Nacht geöffnet ist, zum Zeichen, daß den Gläubigen der Zutritt zu dem Oberhirten der katholischen Kirche jederzeit offensteht, die Pforte hat sich geschlossen: dec Stuhl Petri ist vereinsamt, die katholische Ehristen- Heit hat kein Oberhaupt .... So groß die Verehrung war, die der greise Papst genoß, so tief und schmerzlich wird die Trauer sein, die die katholische Welt um Leos Verlust empfinden wird. Kein Papst der neueren Zeit hat soviel erreicht, keiner hat den Einfluß des römischen Stuhles so gestärkt und das Papsttum mit einer so strohlenden Gloriole zu umgeben gewußt wie der Greis, für den sie jetzt im St. Petersdom die Seelenmessen singen. Und dabei hat dieser Papst, dessen Leben so viele und so harte Kämpfe sah, es verstanden, sich den Namen des Friedcnspapstes zu erringen.

Als Giacomo Pecci am 20. Februar 1878 als Leo XIII. dem kampfgemuten neunten Pius folgte, ging ihm der Ruf eines streitbaren Kämpfers für die Rechtsansprüche des Vatikans voraus. Aber wer da geglaubt hatte, der neue Summepiscopus der katholischen Kirche werde in den Spuren seines Vorgängers wandeln, der sah sich enttäuscht. Leos erste Sorge war, des „bösen Genius" Pius IX., des Kardinals Staatssekretärs Antonelli, ledig zu werden, dessen leidenschaftlich-unüberlegte Politik die Kurie in Gegensatz zu fast allen Regierungen Europas gebracht, und den Einfluß des Vatikans nur geschmälert hatte. Leo umgab sich mit besonneneren Beratern, und der Besonnenste, scharfsichtigste und weitblickendste war er selbst. An die Stelle der Politik des Krieges mit allen setzte er eine Politik dec Verständigung. Leicht wurde es ihm nicht, die Saat des Grolles, die Anto­nelli heißblütiges Temperament und Pius flammende Zornesrufe wider die Gegner dec weltlichen Macht der Kurie in allen nichtkatholischen und auch in manchen katholischen Ländern halte emporwuchern lassen, wieder auszujäten.

Aber mit der zähen Beharrlichkeit und Energie, die selbst an dem 94 jährigen bis zur Todesstunde be­wunderungswürdig sich offenbarte mit dec klugen Vor­sicht dec Voraussicht des geborenen Politikers, mit dem sicheren Instinkt des erfahrenen Diplomaten und nicht zuletzt vermöge seiner gewinnenden, auch Anders­

gläubigen verehrungswürdigen Persönlichkeit wußte Leo alle Widerstände zu überwinden. In Oesterreich-Ungarn, wo die Kurie namentlich infolge des Streites über die Civilehe, die mit dem Siege des Staates endete, viel an Einfluß eingebüßt, wußte er allmählich nicht nur das verlorene Prestige wiederzugewinnen, sondern den Einfluß der Kurie noch zu vertiefen. In Deutschland, wo noch die Kulturkampfwunden auf beiden Seiten nicht verharrscht waren, als Leo den Stuhl Petri bestieg, gewann seine kluge Nachgiebigkeit der Kirche allmählich einen Einfluß, wie sie ihn seit dec Reformation nicht mehr besaßen, und die Welt erlebte das Schauspiel, daß Bismarck, noch vor kurzem der erbitterste Feind der Kurie, den Papst als Schiedsrichter in der Karo- linenfcage anrief. Und in den katholischen Ländern wußte die Staatskunst Leos den durch Pius' Politik geschmälerten Einfluß des Vatikans nicht nur auf die frühere Höhe zu bringen, sondern ebenfalls^zu verstärken. Selbst in Ländern, die, ivie Rußland und Amerika, dec katholischen Propaganda völlig verschlossen schienen, wuchs unter Leos Szepter die Macht und dec Einfluß des Vatikans. Und wenn'sich in Frankreich^neuerdlngs etwas wie ein Kulturkampf entsponnen hat, so ist doch kein Zweifel, daß er mit dem Siege der Kirche enden wird, wenn Leos Nachfolger dessen Politik weiter befolgt.

Leo XIII. war eine innerlich vornehme Natur, an seiner Bahre werden auch Andersgläubige dein ehr­würdigen Greise den Zoll der Teilnahme nicht versagen.

Papst Leo XIII. hat die Quintessenz seines Wollens und Wirkens in einigen lateinischen Versen zusammen­gefaßt, die auf seinen Wunsch seine Grabinschrift bilden sollen. Wir wollen sie an den Schluß dieses Nekrologes setzen:

„Justitiam colui, certamina longa, labores, Ludibria, insidias, aspera quaeque tuli:

At fidei vindex non flectar: pro grege Christi

Dulce pati, ipsoque in carcere dulce mori.“

„Pflug dec Gerechtigkeit in steten Kämpfen und Mühen Trug ich Verfolgung und Spott, Böses von jeglicher Art: Aber im Streite des Glaubens werd' ich mich nimmer- smehr beugen,

Christi Gemeine zum Heil leiden und sterben ist süß." * *

Folgendes wird uns noch über

Die letzten Stunden des Papstes geschrieben:

□ Rom, 20. Juli-

Er schläft, der greise Dulder, seit Stunben schon, nad den Qualen der letzten 14. Tage, einen langen traumloser Schlaf. Einen Schlaf, aus dem das Erwachen wohl erf drüben im besseren Jenseits erfolgen wird. Hier auf Erden wird es nach den Aussagen der Aerzte sein letzter sein, bei ihn sanft hinüberträgt in das Reich seines Bruders, des Todes Und uns bleibt nichts übrig, als auf das Ticken der Toten uhr zu lauschen, die mit langsamem Pendelschlag die Auf­lösung des Oberhirten der katholischen Christenheit begleitet

9 Uhr vormittags. Droben im Krankenzimmer weilen die Aerzte und suchen das fliehende Leben durch Einspritzungen von Koffein, Alkohol und Kampher aufzuhalten. Der Kranke morst nichts von der Geschäftigkeit, die angstvoll um ihn webt Das wachsbleiche fdjmalc Angesicht, das der schwellende Pfühl halb umgräbt, hat nichts Irdisches mehr an sich. Dee Stimmen der Aerzte dringen nicht mehr zu Leos Ohren, in ihnen tönt schon, lauter und immer lauter anschwellend, die Musik der Sphären. Lispelte er doch schon, kurz bevor er die müden Augen zu langer Bewußtlosigkeit schloß, zum Kar- dinal Angeli, der ihn tröstete: „Ich bin schon in Gottes Hand."

10 Uhr vormittags. Ein Surren und Summen geht durch die dichten Scharen,' die den Vatikan umlagern: Professor Mazzoni hat den Palast soeben verlassen. Ist das Ende fdwm eingetreten? Oder . . . Doch die Hoffnung haben jetzt auch die Hartnäckigsten aufgegeben. Da . . . Mazzom spricht mit einem Bekannten und im nächsten Augenblicl läuft es durch die Menge: Das Bewußtsein scheint ach Augenblicke zurückzukehren. Professor Mazzoni glaubt, der Papst habe ihn kurz vorher wieder erkannt. Vielleicht läßt sich die Toteuuhr noch wieder zurückstellen, und wenn es nur um Stunden ist. Und in dichten Scharen strömen bic Gläubigen nach dem Petersdom, wo in strahlender Pracht das Allerheiligste ausgestellt ist, um in brünstigem Gebet für das Leben des heiligen Vaters zu flehen.

11 Uhr vormittags. Aus dem Sterbegemach nichts neues. Der todesähnliche Schlummer dauert an. Von den Diplomaten und Journalisten werden Versuche ge­macht, zu Rampolla vorzudringen. Vergeblich. Der Kardinalstaatssekretär läßt sich von niemand sprechen. Harren doch seiner beim Tode des Papstes, der jeden Augenblick eintreten kann, ernste, sorgenvolle Pflichten. Wie

verlautet, sind Vorkehrungen getroffen, daß Privatdepeschen Rom erst nad) zwei Stunden verlassen dürfen. Seit heul meist auch der Camerlengo Oreglia in der Nähe des Sterbe, gemachs. Weuu der Tod seinen Erlöserkuß aus des Papstes Stirn gedrückt hat, wird er an ihn herantreten und mit silbernem Hammer an des Entschlafeneu Stirn pochen: Joachim Pecci, schläfst Du? Auch der Großpömteutiar Kardinal Serofiuo Vanutelli ist die Nacht über im Vatikan geblieben und noch dort.

1 Uhr nachmittags. Das Ende nal)t. Der letzte Kamps mit bem Tode hat begonnen. Wäre nicht bekannt, daß bei Großpönitentiar das Zimmer des Papstes bereits betreten hat, um ihm die letzte Absolution in articulo mortis zu er­teilen, man würde das Flügelrauschen des Todesengels doch veruommeu haben. Die Totenuhr meldete sein Kommen um zu deutlich an. Ihr fieberhaft beschleunigter Pendelschlao ließ sich in dem Hin und Herrennen im Vatikan, in bem Wagengerassel auf dem Petersplatz dem Kundigen dumpf- traurig vernehmen. Das ist ein Kommen und Gehen von Boten, die die in Rom residierenden Kardinäle nach dem Vatikan rufen, und in beflügelter Eile treffen die kirch lichen Würdenträger ein.

4 Uhr nachmittags. Um den Vatikan wogt ein Riesen­meer von tausenden von Köpfen, in das sich aus den cim mündenden Straßen immer mieber neue Ströme ergießen. Wo sich Bekannte treffen, tönt leise die Frage, ob es wahr sei, was man sich in den Cafes der Innenstadt erzählt, daß der Papst schon tot sei. Keiner weiß Antwort zu geben. Nur das steht fest, daß das Gerücht auch im Vatikan selbst verbreitet ist, daß Leo XIII. von seinen Leiden bereits erlöst sei. Unruhe malt sich auf den Gesichtern der Wachen, bit sonst so ernst und mürb et) oll sich auf ihre Hellebarden stützen Können sich doch jeden Angenblick die Flügel des hohen Bronzetores schließen, als Zeichen, daß der greife Stell Vertreter Petri nicht mehr unter den Lebenden meilt.....

Vie Politik.

Vollendung der kirchlichen Union in Preußen?

* In den höchsten Aemtern der preußischen Landeskirche stehen wichtige Veränderungen bevor. Der Präsident des preußischen Oberkirchenrates D. Barkhausen ist amtsmüde. Als sein Nachfolger wird der Berliner Kirchenrechtslehrer Professor Dr. Kahl genannt. Eine andere, aufsehenerregende Lesart nennt jedoch als Barkhausens Nachfolger den Präsi­denten des hannoverschen Landeskonsistorirnns Dr. Voigts. Dieser sollte dann aber seine hannoversche Stellung neben- amtlid) weiter behalten. Geschieht das, so würde, wie man in kirchlicheir Kreisen annimmt, die Einrichtung dauernd bestehen bleiben, und damit wäre am Ende die lutherische Kirche der beiden annektierten Provinzen Hannover und Schleswig-Holstein ihrer Selbständigkeit entkleidet: Ihre Verschmelzung mit der liniierten prenßischen Landeskirche wäre nur eine Frage der Zeit. Es bleibt abzuwarten, ob bie Meldung von der Ernennung Voigts sich bestätigen wird.

Preußische Staatsgüter.

Der preußische Domänensiskus besitzt gegenwärtig ins­gesamt 837 Domänen und 1177 Vorwerke. Die nutzbare Fläche mißt 348 000 Hektar. Die Domänen sollen in diesem Jahre an Pacht 13 196 627 Mark einbringen, etwa ein Drittel Million Mark mehr als im Jahre 1902, in dem ein Pachtausfall von 108 525 Mark zu verzeichnen war. Das Plus soll durch regere Selbstbewirtschaftnng eingebracht werden. Bekanntlich strebt der Domänensiskus danach, durch Neuankäufe die Zahl seiner Besitzungen zu vermehren, und and) die Ostmarkenpolitik verfolgt zu einem Teile dielen Zweck.

Ministcrwechsel in Summen.

(•) Wieder einmal hat in Spanien ein Regierungstvechse l stattgefunden : das Kabinett Silvela, das die für Spanien unnütze Flottenvorlage bei den Cortes nicht hat biirdpebcn können, hat feine Entlassung genommen. ~ Dem bisherigen Kammerpräsidenten Villaverde in es im Han bum drehen ge­lungen, ein neues Kabinett zu bilden, nachdem Lilvela einen Auftrag des Königs, an die ^Neubildung zu gehen, abge­lehnt hatte. Die neuen Minister haben dem Könige den Amtseid schon abgelegt. Das Parlament werden sie erst zum Herbst einberufen. In Finanzkreisen setzt man aus aas neue Kabinett um so größere Hoffnungen, je mehr man von den Flottenplänen des früheren Ministeriums eine Störung der Staatsfinanzen befürchtet hatte. Von dem Kcwmett Villaverde erwartet man auch, daß es alsbald^ nur reich in der marokkanischen Frage gemeinsame ^ad)e macyen werde.

Ostasiatische Jutrignett.

0 Trotz der bisherigen Mißerfolge ihrer d'plonmtüchen Minierarbeit in Ostasien wird die englische Pollt müde, weiter gegen Rntzland zu hetzen. Die Einigung z ■ schen Russen und Amerikanern über die M°nd,chme hat m London sehr verschnupft, und man sucht nachträglich Einvcriiehinen zwischen den beiden Machten 311 toten- m dem man die shankceè mit Argwohn V &

erfüllen trachtet. Selbstverständlich aeiduebt da» möue ,