Nr. 68 SrsteH Blatt.
Samstag, den 21. März 1903.
12. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3261.
Redaktion und Expedition: Gießen Ne»e»weg>L» ^er»sprecha«schl»ß Nr. 36t.
Neueste Wuchrichlen
(chießener Tagevtatt) Nnaßhängige Tageszeitung (Hießener Ieitnng)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebmig.
Enthält alle amtlichen Bekanntm,
Die nationale Ehre.
I politische Wochenschau.]
(Der Griff an den Lchwertlnauf. — Mangelndes Selbstbewußt sein'/ — Die schmucken Bambergnrinnen. — Aufgehoben — Gerechtigkeit.)
Der Reichskanzler Graf Bülow hat in seiner letzten großen Rede int Deutschen Reichstage hervorgehoben, daß bei aller Friedfertigkeit der Gesinnung die nationale Ehre doch einen festen Griff an den Schwcrlknauf not« wendig machen könne, und er hat namentlich hierbei auf die venezolanischen Wirren hingewiesen, die weniger ive- gen der schwebenden Geldforderungen, als wegen der unerhörten Rechtsbrüche zu einer Katastrophe, d. h. zum bewaffneten Einschreiten des Deutschen Reiches führten. Allerdings wird der Begriff „Nationale Ehre" stets schwankend bleiben. Immerhin aber darf man annehmen, daß die weit überwiegende Mehrheit eines Volkes einerlei Meinung über diesen Begriff ist. Denn schließlich ist auch die nationale Ehre nicht blos ein Phantom und ein Luftgebilde, sondern eine sehr materielle Sache. Sie ist nichts anderes als die Geltendmachung der Macht eines Volkes anderen Volkesgemeinden gegenüber. In der nationalen Ehre versinnbildlicht sich der Schutz, den ein Volk jedem einzelnen seiner Mitglieder gewähren kann. Wenn es aber nicht mehr im stande ist, seine Untertanen einem anderen Staate gegenüber vor drohenden Unbilden zu schützen, oder sie für ein erlittenes Unrecht zu rächen, wenn cs, symbolisch ausgedrückt, seine nationale Ehre nicht mehr verteidigen kann, dann ist es einem langsamen, aber sicheren Verfall geweiht.
In diesem Zustande befand sich seinerzeit das Deutsche Neid), als Ludwig der Vierzehnte mitten im tiefsten Frieden deutsche Gebietsteile an sich riß und als die ^evolutionsarmee und später Napoleon die deutschen Waue mit Krieg überzog. Dem Volke fehlte der Ein- Heitögedanke iinb mit diesem die Erkenntnis, daß das cömische Reich deutscher Nation in der Abwehr der fremden Uebergriffe die nationale Ehre zu verteidigen )attc. Aus diesem Zustande sind wir burd) die eigene Volkskraft befreit worden. Aber wir müssen uns auch Dagegen wehren, daß nicht wieder eine rückläufige Be- vegung eintritt.
Es fehlt ja nicht an Stimmen, die da behaupten, daß man mit dem Begriff der nationalen Ehre lo ige nicht mehr die geheiligten Anschauungen verbinde, wie sie kurz nach der Begründung des Reiches Gemeingut des Volkes waren. Die Allerweltssreundschast, die bei- jpielsweise der deutsche Gesandte in Amerika, Baron ?pcck von Sternburg, zum Regierungsgrundsatz erklärt habe, sei ein Zeichen des beginnenden Verfalls in unserem Selbstbewußtsein. Indessen, was will eine Person unb was will vor allen Dingen ein leichthin gesprochenes Wort besagen. Das Deutsche Reich ist vor allem rin Friedensinstilut m._ darum nicht in der Lage, den Ansprüchen an Heroismus zu genügen, wie sie da und dort gestellt werden. Deutschland ist nur scharf in der Defensive und gemäßigt zu friedlichen Zeiten. Aber bei verschiedenen Anlässen, in China, vor Haiti lind vor Venezuela hat der Reichsadler seine Fänge gezeigt; der Begriff der nationalen Ehre ist also noch nicht geschwunden und auch nicht im Sinken.
Freilich kann man damit auch falsche Vorstellungen verbinden, worauf in einer Reichstagssitzung der 91b g. Dr. Hasse unter Heranziehung der Magyaren mit Recht dinwies. Die magyarische Bevölkerung in Ungarn beträgt nur 45 Proz. der gesamten Einwohnerschaft, die unter Der Stephanskrone lebt. Allerdings steht diesem festen Volks kern eine Vielheit von Ratiönchen gegenüber, die vielleicht nicht einmal die nötige Festigkeit bewahren, nenn der braune Pußtasohn gewichtig seine „nationale §hre" ausspielt und die Herrschaft im Staate begehrt. Selbst das deutsche Element hat sich nicht als Volks- persönlichkeit zu behaupten gewußt — von den Sieben* mrger Sachsen natürlich abgesehen. Die Schwaben im Banat beispielsweise erinnern zwar noch durch ihre kracht, zum Teil auch noch durch ihre Namen an ihre Herkunft, in Sprache und politischen Anschauungen aber sind !ie Magyaren trotz ein-m- Putztasobn. Aehnlichc Verhält ntffe sind ja auch in ' tfd)lanb. Wer in Posen auf dem Markte steht, wird si . oaß wundern, daß dort schmucke Mädchen in der Traci i von Mittelfranken erscheinen. Das sind die Bamberger, die vor mehreren Generationen eingewandert sind, heute aber polnisch sprechen und ihre nationale Ehre für gefährdet halten, wenn man sie an ihre deutsche Abstammung erinnert. Die Alldeutschen ha- ben sich lange Zeit bemüht, solche Elemente dem Volks- tum wieder zu gewinnen. Sie haben deshalb an Stelle der russischen Arbeiter in den ostelbischen Gütern die Schwaben aus dem Banat einzuführen gesucht. Vergebens! Sie sind uns fremd. In einer anderssprachlichen Gegend lebend, konnten die Deutschen ihren religiösen Be- oürfnissen nur genügen, indem sie sich der fremden Sprache zuwandten, uno mit der Muttei^prache ging auch die Tradition von Hinnen. Aus diesem Grunde sucht auch die preußische Staatsregierung mit aller Macht und allen erlaubten Mitteln vor allem die deutsche Svrache von
ungen der Großh. Bürgermeisterei Sicken und
.Kindheit auf in die Kinder anderer Rassen einzupflanzen.
So will es die nationale Ehre. Aus diesem Grunde aber hält auch, wie wir bei dem Trierer Zwischenfall gesehen haben, die Staatsregierung die Volksschule fest zwischen den Fingern, denn darin sichert sie sich ein wesentliches Stück nationaler Ehre.
Und zwar ist das nicht blos hier der Fall. In Frank reich beispielsN'eise hat die Regierung jede Konkurrenz gegen die Volksschule aus der Welt geschafft. Sie hat die Kongregationsschulen aufgehoben; durch diese Maß- regel entstand in dem durchweg katholischen Lande eine solche Unruhe, daß man lange Zeit der Meinung war, das Ministerium werde fliegen statt siegen. Aber es hat gesiegt. Seine Anhänger bezeichnen diesen Erfolg als Triumph der nationalen Ehre und Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit! Gibt es die wirklich auf Erden? Angesichts der furchtbaren Vorgänge in Mazedonien ist man versucht, nein zu sagen. Die türkischen Steuerbehörden und Grenzn>achen haben in einer wahrhaft brutalen Weise in Mazedonien gehaust, sie haben Leben, Eigentum und Zrauenehre der Mazedonier nicht gescheut und nun wun- )ert man sich in Konstantinopel, daß das wild gewordene Volk seiner nationalen Ehre Hekatomben opfert.
Die Politik.
Trinkspruch des Erzbischofs Fischer.
^ Aus protestantischen Kreisen wird uns geschrieben Bezeichnend für den Umschwung, der sich in den letzten Jahren in den Beziehungen zwischen der weltlichen Macht und der katholischen Kirche in Deutschland, bezw. zwischen dem deutschen Kaiser und König von Preußen und dem Papste vollzöget: hat, ist der Trinkspruch, welchen der Kölner Erzbischof Dr. Fischer bei dem ai f die feierliche Inthronisation gefolgten Festmahl hielt. Der Erzbischof gedachte zuerst des Papstes und sodann des Kaisers, dem er von neuem Treue gelobte, und sagte dann wörtlich: „Kirche -und Staat sind nach Gottes Willen keine getrennten Lebensgebiete, sie sind gegenseitig auf einander angewiesen und beide nach der Ordnung der Vorsehung berufen, je nach dem Kreise, den die ewige Weisheit ihnei: gezogen hat, in Eintracht die Menschheit zu ihren gott- ^csetzten Zielen zu führen." Von solchen Grundsätzen gehe iowohl der Papst wie der Kaiser aus. „Wir haben," fuhr der Erzbischof fort, einen Fürsten, um den uns die Welt beneidet. Sein erlauchter Name ist neben dem Namen des Papstes lvohl der bekannteste und populärste auf dem ganzen Erdenkreis." Der Erzbischof schloß mit einem Hoch und Kaiser und Papst.
Die enthusiastische, fast überschwengliche Art, in welcher hier der deutsche Kaiser von einem katholischen Kirchenfürsten gefeiert wird, steht in der preußischen und vielleicht in der ganzen neueren deutschen Geschichte fast bei- fpiellos da, und die Bemerkungen des Erzbischofs über das Verhältnis zwischen Staat und Kirche weisen auf ein Einvernehmen hin, wie cs' herzlicher und inniger kaum noch gedacht werden kann und wie man es bisher nur zwischen dem Vatikan und katholischen Staaten fand.
Castro will gleich zahlen.
)—( Präsident Castro, den man erst durch die Blockade der venezolanischen Häfen und das Bombardement eini» Zer Forts dazu bringen konnte, aus die berechtigten E::t- ^chädigungsforderungen der Mächte einzugehen, hat es jetzt mit dem Zahlen sehr eilig. Er bemüht sich um eine Anleihe, welche Venezuela hinreichende Mittel liefern soll, um die den Mächten geschuldeten Summen guf einmal in Bar zu zahlen, anstatt in monatlichen Raten. Der Newyorker Bankier L. N. Seligmann und der Bankier Salomonsohn, Vertreter der Berliner Diskonto-Gesellschaft, haben sich auch angeblich bereit erklärt, gemein« sam Castro den Betrag der Schuld an die Mächte vorzuschießen unter der Bedingung, daß sie als Bürgschaft für die Rückzahlung ein Pfandrecht auf die venezolanischen Zölle erhalten. Sollte dieser Plan angenommen werden, so würde die Anrufung des Haager Schiedsge- cichts überflüssig sein. Wie aus Washington gemeldet wird, haben die Herren Salomonsohn und Seligmann eine Unterredung bei dem Präsidenten Roosevelt nachge- 'ucht, um dessen Ansicht über das Projekt Castros zu erfahren; Herr Roosevelt soll jedoch keine Neigung haben, Dasselbe zu unterstützen.
Die Zukunst Südafrikas.
P Ueber die gegenwärtige Lage und die künftige Gestaltung der Verhältnisse in Südafrika gab Herr Chamberlain im englischen Unterhause bemerkenswerte Erklärungen ab. Das Repatriierungswerk, so sagte der Kolonialminister, nehme einen günstigen Fortgang. Seit dem Friedensschlüsse seien bereits gegen 100 000 Personen auf ihre Farmen zurückgebracht ;unb zur Zahlung von Entschädigungsansprüchen und der von den englischen Behörden ausgestellten Requisitionsscheine runb 15 Millionen Pfund verwendet worden. S?err Chamberlain zweifelt nicht im geringsten, daß die Aussichten für den ackerbautreibenden
anderer Behörden von Oberheffen.
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Teil der früheren Burcnrepubiiken )c. . b ^ider stehen mit dieser Ansicht, welche dem gewohnten Optimismus des Ministers entspricht, die von privater Seite tom- wenden, unverdächtigen Berichte wenig im Einklang. Dic auf ihre Farmen zurückgekehrten Buren sind größtenteils garnicht imstande, ihre Aecker zu bebauen, weil es ihnen an Saatgctreidc, Werkzeug und besonders an Zugtieren fehlt. Schlachtvieh ist erst recht nicht vorhanden, so daß die meisten Burenfamilicu sich in kümmerlichster Weise von Brot und Mehlbrei nähren. Was die zukünftige Regierungsform der Burenländer betrifft, so kann ^crr Chamberlain noch nicht sagen, wie lange Zeit verstreichen würde bis zur Errichtung der Selbstverwaltung. Wenn aber die Burenbevölkerung und die britische Bevölkerung mit großer Majorität die Selbstverwaltung wünschten, würde es unklug sein, sie abzulehnen. — Das würde es allerdings sein.
Kurze Politische Nachrichten.
* Der Staatssekretär des ReichSmarineamts v. Tir- Pitz hat sich nach Petersburg begeben, um im Auftrage des Kaisers an dem Grabe des verstorbenen russischen Marineministers Tyrtow einen Kranz nicderzulegen.
* Die Stadtverordnetenversammlung in Bromberg hat den Reichskanzler Grafen Bülow zum Dank für das bei der Errichtung der landwirtschaftlichen Hochschulc und der Hafenbauten bekundete Wohlwollen zum Ehrenbürger ernannt.
* Die Budgetkommission des Reichstags hat nach den Anträgen des Zentrums die Finanzierung des Reich s- Haushaltsetats in der Weise bewirkt, daß das Defizit um etwa 60 Millionen verringert wird, sodaß statt einer Anleihe von 220 Millionen Mark nur eine solche von 160 Millionen nötig ist.
* Für die Aufhebung des § 2 des Iesuitenge - setzes soll im Bundesrat nur eine Minorität von 27 Stimmen vorhanden sein.
* Der König von Schweden hat sich zur Chit« sendung schwedischer Offiziere für Mazedonien bereit erklärt, jedoch voroehaltlich der Genehmigung der Kammern.
* In der italienischen D e p u t i e r t e n t a m * mer erklärte der Unterstaatssekretär Baccelli, der eng- lische Geschäftsträger in Rom habe die Nachricht von der Besetzuna der Bombabucht in Tripolis durch England aus das bündigste dementiert.
Dos und Gesellschaft.
*** Der Kaiser wohnte gestern den Of i ie.s-Neit- stunden-Besichtiguugen in Potsdam bei und nahm das Frühstück veim Ofii^ertorps des 1. Garde-Ulanen-Regi- ments ein. — Zur Kaiserreife nach Rom wird von dort gemeldet, daß der königliche Sonderzug tc.i Kaiser an der Grenze in Ala erwarten wird. Begrüßt wird der Kaiser Dort vom Grafen Gianoli werden.
♦** Prinz Adalbert von Preußen hat die Seeoffiziersprüsung bestanden und seinen Urlaub an getreten, den er in Berlin verbringt.
*** Königin Wilhelmina der Niederlande stattete mit ihren: Gemahl Prinzen Heinrich dem deutschen Schulschiff „Charlotte" auf der Reede von Hoet van Holland einen längeren Besuch ab und zeichnete meh- cere Offiziere durch Ordensverleihungen aus. Mit dem Schiff war der Neffe ihres Genrahls, Prinz Paul von Mecklenburg, zum Besuch nach Holland gekommen. Es herrschte sehr stürmisches Wetter, aber die Königin wollte trotz aller Abmahnungen auf den Besuch nicht verzichten.
Deutscher Reichstag.
288. Eihunq. Eigener Bericht.
—Unsere Auslandspolitik. —
Der Wbg. Bernstein kann, wie er von der Reichstagstribüne herunter verkündigte, unserer Austandspoli- tik ebenso wenig Geschmack abgewinnen, wie sein Genosse Gradnauer. Wir hätten keine Freunde, meint er, aber es würde ein verhängnisvoller Irrtum sein, wenn man glauben sollte, daß die Engländer aus Brotneid feindlich gegen uns gesinnt seien. Keineswegs. Daran sei die „alldeutsche Hetze" schuld. Uebrigens habe Deutschland auch weniger Menschlichkeitsgefühl als Frankreich. Es lasse die Tnnge treiben, wie sie wollen im Orient und insbesondere in Rumänien bei den Judenverfolgungen. In dem Abg. Dr. Oertel erstand dem deutschen Nationalgefühl ein heißblütiger Verteidiger. Die Bolksstimmung gegen England sei durch dessen Presse wachgerufen worden. Man verlange nicht, daß Graf Bülow stets die Kürassierstiefel trage; aber wenn er sie manchmal anziehe, dann könne das nichts schaden. Nachdem Äbg. Dr. Paasche auf eine nebensächliche Bemerkung Dr. Oertels geantwortet hatte, erhob Dr. Gradnauer von der Sozialdemokratie wieder Beschwerden über die russischen Svione, wurde aber von dem Staats-