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I Nr. 44.
Erstes Blatt
lOteßener H^ge-r««)
Samstag, den 21. Februar 1903.
12. Jam gang.
' PoftzeiwngSliste No. M69.
£ Ab»««eme»tSprei- : in Süßen, abgehsll monatlich 50 Pfg., 1 LauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vicrtel- !, jährlich Mk. 1.50.
•retiébeiUgai : Oberhefftfche Fawilie«zeitu»g (täglich, Oberhefftfche 3<<tf*rift fit Laubwirtschafl, Obst. «eb V«te»b«>, sowie die Gießener SeifeublaseN (wöchentlich).
DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
NnaStzângige Tageszeitung
J«fertis«Sprei S» Die einspaltige Petitzeile für Eichen tut. aani Oberhefsen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pp sonst 15 Pfg.: Reklswe« die Petitzeile 30 resp. 40 Psg
Nedatlion und Expedition: Gießen Neuenweg 18.
Fer»sprech««schl»ß Nr, SSL.
(Hiehener Heilung)
für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gretzen und Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Des Kaisers Religion.
Unser Berliner CB.Mitarbeiter schreibt uns:
Unter den Sensationsleckerbis u, mit denen 'gewisse Berliner Blatte in den letzten Wochen ihren Lesern auf* toarteten, war nicht der geringste die mit großem Auf - roanb dialektischer Künste dem Publikum mundrecht gemachte Behauptling, der Kaiser habe sich vom christlichen Positivismus ab- und dem Rationalismus in der Ausfas |ung der christlichen Glaubenslehren zugewandt. Je nach ihrem Parteistandpunkt beklagten oder bewillkommneten vie Blätter diesen angeblichen Umschwung in des Kaisers religiösen Anschauungen.
Ernsthafte Leute haben von diesem ganzen Preßgerede nur obenhin Notiz genommen. War es doch unbefangenen Beobachtern klar: Ter angeblich den Sinnesumschwung des Herrschers beweisende nähere Verkehr des Kaisers mit dem „modernen" Theologen Harnack, die Anwesenheit des Kaisers bei den vielbesprochenen Vorträgen des Berliner' Assyriologen Professor Delitzsch über „Babel und Bibel" — diese Beweise der geistigen Regsamkeit unseres Monarchen brauchten um so weniger Symptome für eine Aenderung in den religiösen Anschauungen b>? Kaisers ^ bedeuten, als sein Verkehr mit diesen kritisch gestimmten Männern der Wissenschaft ohne Einfluß blieb auf die Herzlichkeit, die der Herrscher auch fernerhin im Umgang mit den Vertretern der praktischen Theologie in der Reichs Hauptstadt, mit der Geistlichkeit, an den Tag legte.
Jetzt hat der Mais er selbst das Wort ergriffen, um oanutun, daß all die Kombinationen bezüglich seiner religiösen Anschauung, die aus seiner Sympathie für die vis'enschaftliche Arbeit Harnacks unb Delitzsch' geschöpft Durben, eitel Phantastereien sind. Und er hat die Gelegenheit wahrgenommen, vor bem ganzen Volke sein eigenstes Religionsbekenntnis abznlegen.
Kaiser Wilhelm hat dieses Betcnntnis abgelegt in •hier Kritik der Vorträge Delitzsch'. Dieser ausgezeichnete Berliner Assyriologe vertritt aus Grund der von ihm und anderen Forschern entzifferten babylonischen Keilschrift Tontäfelchen, auf Grund der Ausgrabungen in Mesopota inien und anderer archäologischer Funde die Anschauung, Daß die Sitten und Glaubenslehre des alten Testaments iid)té Ursprüngliches, daß sie vielmehr ein Abklatsch der religiösen Vorstellungen der Babylonier gewesen seien. Dieser Standpunkt bebingt, daß Delitzsch die Lehre von Der Offenbarung Gottes im alten Bunde unb in logischer Folge auch das christliche Dogiua von der Gottesoffenba- Ning im neuen Testament bestreitet.
Gegen diese Konsequenzen aus wissenschaftlichen Hypothesen, die noch unbewiesen sind, wendet sich der Kaiser in einem ausführlichen Briefe, den er einem Vorstandsmitglied der Deutschen Orientgesellschaft, Admiral Hollmann, geschrieben hat. (In dieser ( esulicyaft hatte Delitzsch die erwähnten Vorträge geßalteii.) Der Brief ‘ragt die Nachschrift: „Sie können von diesen Zeilen Den ausführlichsten Gebrauch machen, es kann sie lesen, ver will." Demgemäß ist das Schreiben her Ocfsenilich- seit zugänglich gemacht worden.
Skizzieren mir den Inhalt der kaiserlichen Kundgebung. Der Kaiser erzählt, Delitzsch habe bei seinen Tar- legungcn „den Standpunkt des strengen Historikers unb Assyriologen verlassen und sei in recht nebelhafte und gewagte theologisch-religiöse Schlüsse und Hypothesen ge- raten". Bezüglich der Person des Heilandes habe Delitzsch ganz abweichende Anschauungen geäußert, die dem Standpunkt des Kaisers „diametral entgegengesetzt" wä ren. Delitzsch leugne die Gottheit Christi und die göttliche Offenbarung. Um solche Anschauungen zn erörtern, hätte Telipsch ein wissenschaftliches Werk wählen sollen: in einen Vortrag, der vor einem Laienpublitam gehalten werde, gehörten sie nicht. Bei Delitzsch sei „der Theologe mit dem Historiker auf unb davongegangen", die Leugnung der Offenbarung vor einem Laienpublikmn sei ein schwerer Fehler, denn damit habe Delitzsch „man- chem Lieblingsvorstellungen oder gar Gebilde umgestoßen oder angerempelt, mit denen diese Leute heilige und teure Begriffe verbinden, und ihnen unzweifelhaft das Fundament ihres Glaubens erschüttert, wenn nicht entzogen". Ter Kaiser beruft sich auf Goethe, der schon davor gewarnt habe, „bei einem großen, allgemeinen Publikum auch nur Terminologiepagoden entzwei zu machen". Delitzsch hätte feine theologischen Kombinatio- icn nur den Männern der Wissenschaft unterbreiten dürfen, nicht aber sie in einem populären Vortrage oder Buch nieberlegcn dürfen, zumal da er für sie keine beweiskräftigen Argumente beibringen könnte. Dann fährt der Kaiser fort:
* ..Ich unterscheide zwec verschiedene Arten der Offenbarung, eine fortlaufende, gewissermaßen historische und eine rein religiöse, auf die spätere Erscheinung des Messias vorbereitende Offenbarung.
Zur ersteren ist zu sagen: Es ist für mich keinem, auch nicht dem leisesten Zweifel unterworfen, daß Gott ich immerbar in seinem von ihm geschaffenen Men- chengeschlecht anbauerub offenbart. Er hat bem Men» chen „seinen Odem eingeblasen", d. h. ein Stück von ich selbst, eine Seele gegeben. Mit Vaterliebe und Judr.r-
esse verfolgt er die Entwickelung des MenschengeschleâtS; um es weiter zu führen und zu fördern, „offenbart" er sich bald in diesem oder jenen großen Weisen, oder Priester oder König, fei es bei den Heiden, Juden oder Christen. Hammurabi (der babylonische König und $e- setzgeber, den Telitzseb als den eigentlichen Urheber dee- jüdischen Gesetzes ansieht) war einer, Moses, Abraham, Homer, Karl ber Große, Luther, Shakespeare, Goethes Kant. Kaiser Wilhelm der Große. — Tie hat er ausgesucht und seiner Gnade gewürdigt, für ihre Völker aus dem geistigen wie physischen Gebiet nach seinem Willen Herr. Uches, Unvergängliches zu leisten. Wie oft hat mein Großvater dieses nicht ausdrücklich betont, er sei ein
Instrument nur in des Herrn Hand.
Werke der
großen Geister sind von Gott den Völkern geschenkt, damit sie an ihnen sich fortbilden, weiterfühlen können durch das Verworrene des noch Unerforschten hienieden. Sicherlich können wir bei jebein wahrhaft Großen und Herrlichen, was ein Mensch oder ein Volk tut, die Herrlichkeit dec Offenbarung Gottes darinnen mit Dank be* vundernd erkennen. Er wirkt unmittelbar auf und unter uns ein!
Die zweite Art der Offenbarung, die mehr religiöse, st die, welche zur Erscheinung des Herrn führt. Von Ubraham an wirb sie eingeleitet, langsam aber uor- crusschauend, allweise und allwissend, denn die Menschheit war sonst verloren. Und nun beginnt bas stau- nenswerteste Wirken, Gottes Offenbarung." Der Kaiser schildert dann, wie die Israeliten, die Träger des Monotheismus, sich zersplitterten und von Mos's wieder geeint werden, und fährt fort: Es ist das direkte Eingreisen Gottes, das dieses Volk Wiedererstehen läßt. Und so geht es weiter durch die Jahrhunderte, bis der Mes- ias endlich erscheint. Die größte Offenbarung Gottes in der Welt! Denn Er erschien im Sohne selbst; Christus st Gott; Gott in menschlicher Gestalt.
Schließlich erklärt der Kaiser, auch nach seiner Ueberzeugung seien viele Abschnitte des Alten Testaments r in menschlicher Natur und nicht eine Gottesoffenbarung. So sönne z. B. „die Gesetzgebung am Sinai nur symbolisch als von Gott inspiriert angesehen werden, als Moses zu einer Auffrischung vielleicht altbekannter GesMes-Pa- cagraphen (möglicherweise dem Kodex Hammuralis entstammend) greifen mußte, um das in seiner Zusammensetzung lockere und wenig widerstandsfähige G fug ' sein s Volkes zusammenzufassen und zu binden. Tas mürbe aber niemals der Tatsache Eintrag tun, daß Gott Moses dazu angeregt und insofern sich dem Volke Israel geoffenbart hat."
Zum Schluß bekennt sich der Kaiser zu folgender religiöser Ueberzeugung:
a) Ich glaube an Einen, Einigen Gott, b) Wir Menschen brauchen, um ihn zu lehren, eine Form, zumal für unsere Kinder, c; Diese Form ist bisher das alte Testament in seiner jetzigen Ueberlieferung gewesen. Diese Form wird unter der Forschung und den Inschriften und Grabungen sich entschieden wesentlich ändern. Tas schadet nichts, auch daß dadurch viel vom Nimbus des aus- erwählten Volks verloren geht, schadet nichts. Ter Kern nud Inhalt bleibt immer derselbe, Gott und sein Wirken!
„Nie war," so beendet der Monarch seine Ta lehmigen, „Religion ein Ergebnis der Wissenschaft, sondern eth Ausfluß des Herzens und Seins des Menschen aus seinem Verkehr mit Gott."
Dreierlei ergibt sich aus dieser kaiserlichen Kundgebung: Einmal, daß es unzutreffend ist, wenn gewisse Blätter den Kaiser als blinden Anhänger der modernen kritischen Theologie bezeichnen, zum andern, daß der Kaiser die freie wissenschaftliche Forschung auch auf theologischem Gebiet durchaus billigt, zum dritten, daß der Monarch, wie er auf a'len anderen E'e'stesgel'ieten eine starte Eigenart und Jndividuali ät beengt, so auch in • einen religiösen Anschauungen nicht nach Lee Schablone pcariet ist. Weder die Buchstadeng.äubig n noch auch die kritischen Rationalisten dürfen den Träger der Krone zu aen Ihren zählen. Ter Summn? Epis o us der Evangelischen in Preußen lebt einer religiösen Ueberzruguna, die >ie Mitte hält zwischen strengem Po i i ismus und mo^er- uem Slepti i>wus. Ta religiöse Progra-. m, das der Kc i er ’rst inuan aus gab, das Wort von der Notwendigkeit der .Weiterbildung der Religion", findet in des Ka'sers tte> mneruer religiöser Ueberzeugung seinen natürlichen Ur- sprung. Sicherlich wird das Religionsbe 'enn.nis des Kaisers nicht von allen reli iös interef ierten Tcul chen Wort für Wort unterschrieben werden, Religion ist eben, nach des Kaisers eigenen Worten, Sache der innersten Ueberzeu. uno, und das Verhältnis ie:e^ M nschen zu seinem Gott richtet sich nach seiner Jndividua!i..är. Den Widerspruch gegen seine eigene Ueberzeugung wird der Herrscher, der nach des Grafen Bülows Worten Widerspruch nicht nur vertragt, sondern auch wün'cht, gern hinnehmen aus Achiung vor der „Freiheit eines Christenmenschen".
Deutscher Reichstag.
263. Sitzung. Eigener Bericht.
— Landwirtschaftsfragen. —
Tic Resolution Blanken Horn um Einstellung von Mitteln zur Bekämpfung der Reblausgefahr wurde nach einer ziemlich lebhaften Debatte, an der sich dir Erwählten aus den Weinbaugebieten des Rheines, bei Mosel, der Saar und des Neckars beteiligten, angenommen. Alsdann ging der Redefluß wieder über eine Reibe von landwirtschaftlichen Fragen dahin Der Abg. Herold wünschte nämlich zeitweilige Veröffentlichung der Ernte und Preisstatistiken bei dem Oktreibe, ein Verlangen, das von den Abgg. Graf S ch w e r i n - Löwitz, Dr. 91 ösick e Fr^r. v. W a n g e nhei m und Frhr. H c b l z n H e r r n > heim unterstützt wurde, während die Abgg. Tv
2 üde t u m , Gothein und Frese zwar mit dem Priu P ' .n Veröffentlichungen einverstanden sind,
zip der statistische über Gegner des
s Planes, daß die Landwirlschastsg wll-
schaft aus Reichskosten diese Veröfsentlickuuch aus ühren soll; hierfür sei das statistische Amt da. Es handelt sich bei dieser Debatte um die statistisch/ Zeitschrift von Dr. Ruh. land, die uneben Betrag von 50000 Mark von der Mie gierung angekauft und zur Veröffentlichung von statistischen Mittheilungen benutzt wirb. Staatssekretär Graf Pvsadow S k y erklärte, daß ihm ein solcher Fonds noch iJcht zur Verfügung steht, daß aber derartige BerösfenU Hebungen sicy nicht blos über ein Gebiet, sondern über ule Wirtschaftsinteressen erstrecken müssen. Nachdem der Titel ^uiimcnbimgcn für wissenschaftliche und fachliche Zwecke auf dem Gebiete der Landwirtschaft." angenommen war, ergriff der ZenUeumsabg. Cahensly das Wort um eine Verbesserung t * Auswairderungswesens zu ver langen. Dr. Pachuicke beschwert sich über die Schut Verhältnisse und die Lehrergehälter. Mg. Herzfeld ooz.) wünscht ein Reich-schulgesetz und ein Reichsaint, da mit den traurigen mecticnbnrgiichen Schulverhältnissen ein Eltde gemacht werde.
Die politih.
Ein Entscheidungskampf in Marokko fon nach englischen Nachrichten aus Tanger nunmehr zwi- scheit dem durch herangezogene Verstärkungen auf beträchtliche Höhe^gebrachten Heere des Kriegsministers Menebhi ü'.d den Scharen des Prätendenten stattgefunden haben. Es luar ein hartes Ringen, die Rebellen, namentlich die kampfgewohnten Riatakabylen, fochten verzweifelt, doch mußten sie schließlich der llebcrmacht weichen. Nach Berichten von Augenzengeit sollen meyr als 3000 Tote die Walstatt bedecken. Ter Kriegsminister hat 80 Köpfe von Rebellenführern nach Fez gesandt. Ein in Tanger verbreitetes Gerücht will dagegen wissen, daß der Kriegs- minifter im Kampfe gefallen sei. Um mit der Herge- brachten Praxis, daß alle Nachrichten aus Marokko gleich Mieder dementiert werden, ja nicht zu brechen, teilt oben* genannte Quelle ferner mit, daß Lo) der „En.scheidungs- lchlacht" der Prätendent immer noch das offene Feld behauptet. Er hofft ietzt auf tatkräftige Unterstützung )urch die Riffkabylen, die aber auch vom Salten mit aller- .ei Versprechungen bearbeitet werden, um sie auf dessen Seite hinüberzuziehen.
Kurze politische Nachrichten.
* Berlin, 20. Februar. (Hofbericht.) Der Kaier besuchte heute die Glasmosaikgesellschaft Puhl und Wagner in Nixdorf zwecks Besichtigung der Glasbilder, velche er für die Wartburg bestellt hat. Sie stellen Sz-e- ien aus dem Leben der heiligen Elisabeth dar. Der Kaiser wird am 3. März auf der Durchreise nach Wilhelmshaven anläßlich der Rekrutenvereidigung in Oldenburg kurzen Aufenthalt nehmen, um dem Großher- ;oglichen Hofe einen Besuch abzustatten. — Als das Kaiserpaar kürzlich den Äus/bellungspalast am Lehrter Bahnhof besuchte, kam ein Schriftstück abhanden, das ''conarch dem Leibjäger übergeben batte. Das Doku- ; hat keine besondere Bedeutung; die p-olitische Polizei bemüht sich, es wieder zu beschaffen.
* Der Kaiser hat dem Chef des deutschen Blockade- zeschwaders vor Venezuela telegraphisch seinen Dank für dessen Leistungen unser überaus schwierigen Verhältnissen mährend der Blockade ausgesprochen.
* Tas österreichische Abgeordnetenhaus hat die W e h r- oorlage, welche eine — wenig bedeutende — Erhöluna oes RelrutenkontingentS für dre österreichisch-unaaß cbe Armee festsetzt, in dritter Lesung mit großer ^ehiheit ach. genommen.
preussischer Landtag,
haue der Abgeordneten.
26 Sitzung. Eigener Bericht,
— Gewerbliche Einzelfragen. —
Im preußischen Abgeordnetenhause geht man in Er« ledigung des Gewerbeetats neuerdings auf eine Reih« von Einzelfraaen ein, deren Aufzähluna nach der Rei-.