Nr. 194.
Donnerstag, den 20. August 1903.
12, Jahrgang.
Ubo««emevtSpreis: in Gießen, abgeholt monatlich r>0 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
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Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitags.
Gießener
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktton und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
^er«sprecha«schlvß Nr. 36Ä.
Weue^le Aachrichten
(Gießener Dagebtai!) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Jettnng)
für Overhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metzen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Bekanntmachung.
Durch Beschluß des Kceisausschusses vom 18. Juli l- 3§ ist der Ehefrau Anna Geisel dahier die Erlaubnis zur Ausübung des Gewerbes als Gesindevermieterin erteilt worden.
Die Gebühren derselben betragen:
1. Für Vermittelung eines Dienstboten an eine Herrschaft in Gießen 5 Mk.;
2. Für Vermittelung eines Dienstboten an eine Herrschaft nach auswärts 5 Mk.; wovon der Dienstbote jeweils 2 Mark zu entrichten hat.
Gieße'n, den 19. August 1908.
Großh. Polizeiamt Gießen.
___________________I. V.: Roth. _____________________
Bekanntmachung.
Die am 13. l. Mts. angeordnete Sperre der Moltkestraße wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 19. August 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
______________________I. V.: Roth. _______________________
Der Stand der Balkanwirren.
Nach ben neuesten Meldungen ans dem insurgierten tür- fifdjen Bezirk Monastir machen sich bereits die ersten Anzeichen eines leisen Nachlassens der Unruhen bemerkbar. Zwar fehlt es nicht an kriegerischen Vorfällen, daneben aber zeigt sich auch eine wachsende Neigung zur Unterwerfung, einmal, weil ein Teil der Aufständischen die Unmöglichkeit, sich gegen die türkische Uebermacht erfolgreich zu behaupten, einsieht, sodann, weil auch die Hoffnung auf eine Hilfe des Auslandes allmählich schwindet. Aber gerade damit war das Landvolk — zunächst auf zehn Tage — zur Teilnahme an der Volkserhebung gewonnen worden, angeblich, weil innerhalb dieser Zeit eine bewaffnete Hilfe aus dem Auslande fommc. Aus den 10 Tagen sind 15 geworden und die Hilfe ist noch nicht da. Infolgedessen melden sich täglich Insurgenten zur Wasfenstreckung, die namentlich in den Kreisen^ Kastoria und Dibra sehr umfangreich) sein soll. Im Bezirk Saloniki stehen jetzt 170 000 Mann Soldaten, die bereits mehrere BaOen völlig aufgerieben oder gefangen genommen haben. Auch im Bezirk Monastir ist das Militär in seinen Operationen ziemlich glücklch. Auf dem Belgrader Bahnhof, wurde eine Kiste Dynamit beschlagnahmt, die als Nägel verfrachtet worden war und die Signatur einer Firma Kohn und Mikler in Wien trug. Der bulgarische Oberleutnant Zagrow soll der Führer dieser Dynamitschmuggeleien sein. In Altserbien predigt ein Pope, der mit einem Muttergottesbild durch die Dörfer zieht, den Kreuzzug.
Kaan die Balkankrisc zum Weltkrieg führen?
Die verschiedenen widersprechenden Mitteilungen, die über die augenblicklichen Verhältnisse im Balkan an die westeuropäische Presse gelangen, haben unseren Berliner CB.- Mitarbeiter veranlaßt, seine Beziehungen 511 einem außer- deutschen, aber in Berlin allgesessenen Diplomaten behufs Erkundigung über die Lage in jenem Wetterwinkel Europas zu benutzen. Das Ergebnis der Unterredung läßt sich kurz dahin zusammenfassen, daß ein allgemeiner Weltkrieg im europäischen Orient in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist, weil der ganze Konflikt sich auf ein enges Gebiet zusammendrängt und eigentlich nur ein bulgarisch-türkischer Gegensatz besteht. Die Aufstände der fanatischen Albanesen sind noch mehr als die mazedonischen Unruhen rein örtlicher Natur.
Brachten Sie — so bemerkte die Excellenz die ans- und augenfällige Tatsache, daß die beiden Nachbarn Bulgariens, die Serben unb die Rumänen, in jedem Stadium der Aufstandsbewegung, mochte das Tempo lebhafter oder scbwamer werden, stets eine kühle Gelassenheit beobachtet haben, und daß der kleine russische Vorposten, Montenegro noch mepr als die beiden anderen Staaten seine idyllische Ruhebewahrt^ Alles, was über einen Geheimvertrag zwischen Rußland und Bulgarien gesagt und geschrieben worden ist, gehört in das Reich der Fabeln. . _, ,
Aber wer hat — fragte unser Mitarbeiter - ein Interesse daran, derartige Meldungen in die Welt zu setzen, wenn die Balkaninteressenten einig darin sind, daß die Aufrechterhaltung des Friedens ein notwendiges Erfordernis fei $
Ein Interesse haben daran die sensationshungrigen Berichterstatter, sowie die englische Politik, die jedesmal eine lebhafte Schwarzmalerei beginnt, wenn irgendwo eine Möglichkeit zur Verwirrung der politischen Verhältnisse auf dem Kontinent sich zeigt. Eine große Anzahl der beunruhigenden Meldungen ist auf das Konto der tendenziösen englischen Nachrichtenbureaus zu setzen, die auch im fernen Lsien angesichts des russischen Vormarsches in China durch Auf- stacheluna Japans einen internationalen Konflittskerm
schaffen wollten. Nichts könnte den Engländern erwünschter fein, als wenn der Zweibund und der Dreibund sich im Balkan in die Haare geraten würden. Zum Glück aber Hai man an der Donau wie an der Neva erkannt, daß die entstandenen Unruhen nichts anderes als Anzettelungen der bulgarischen Nation sind, die, von einer Art Größenwahn befallen, ein Zarentum alten Stils im Balkan an fristen möchte, aber diese Pâik auch auf eigene Rechnimg und Gefahr betreibt.
Also glauben Ew. Excellenz nicht, daß Rußland oder Oesterreich irgendwie eingreifen werden?
Diplomatisch greifen beide Staaten gewiß ein, aber nicht militärisch. Die rasche Justiz, die von der Türkei gegen die Mörder der russischen Vertreter geübt wurde, ist eine erkennbare Wirkung der diplomatischen Strategie. Gerade jene Vorkonunnisse aber auch sind der beste Beweis für die friedlichen Absichten Rußlands, denn in kritischeren Zeiten würden solche Zwischenfälle leicht zu blutigen Verwickelungen geführt haben. Und noch einen Beweis gibt es, die Einverleibung der Mandschurei in Rußland. Würde die zarische Regierung Verwickelungen in Europa fürchten, dann hätte sie nicht in Asien einen Schritt getan, der um so sicherer zu weiteren Kon- sequenzen gerührt hätte, je kritischer die Lage im Osten ist.
Wie aber läßt sich eine Entwirrung der Lage denken oder ermöglichen? . ~
Ja, da haben sich doch auch bereits die ^aden offenbart. Man überläßt den Türken freie Hand, solange Bulgarien sick nicht einmischt. Tritt aber dieser Fall ein, dann übt Ruma men die Polizeidicnsie für die Aufrechterhaltung der Ord nung im Rattan auS. Diese Nation ist durch neue Verkehrs- Verbindungen — namentlich das eiserne Tor enger an^Wesb europa gekettet, sein König genießt bei dein Kaiser Franz Josef eine Vertraiiensstellung, seine Armee ist durch Kämpß vor Plenum, deren Gedenktage sinn großen Teil in diesen' Monat liegen, mit Rußland traditionell verbunden unb untei diesen Umständen hat die Friedensmission des Königs Karl einen besonderen Glanz. Haben sich aber die inneren Unruhen verbltttet, dann werden die Großmächte bei der Türke, Reformen durchsetzen — die für alle Zeiten den Bulgaren den Vorwand zu tüRenfeindlichen Hetzereien nehmen. Bulgarien aber hat seine Rolle lange ausgespielt. Das Interesse von ehedeni ist hin. An die Stelle des idealgesmnteu Alexander ist ein Fürst getreten, dem jede menschlich er hebende Eigenschaft fehlt. Sein Typus spiegelt das Bild der bulgarischen Politik: Maßloser Ehrgeiz, Marcel an Einsicht und Mangel an innerer Größe.
Die Politik,
Neue Jnnnngs-Unterstützungskassem
= Ein gemeinsamer Erlaß des preußischen Handelsministers und des Ministers des Innern regt die Gründung von Jnnungs-Unterstützungskassen auf Gegenseitigkeit an. Wir entnehmen dem Erlaß folgende Stellen: Seit Inkrafttreten des Reichsgesetzes über die privaten Versichertmgs- llnternehmungen vom 12. Mai sind die Jnnungsausschüsse als solche zur Errichtung von Versicherungskasien auf Gegen seitigkeit nicht mehr befugt. Da nach § 6 des Gesetzes der Betrieb von Versicherungen nach dem Grundsätze der Gegenseitigkeit auf die in den Formen des „Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit" errichteten und zugelassenen Personen- Vereinigungen beschränkt ist, kann die Errichtung einer gemeinsamen, der gegenseitigen Versicherung dienenden Unter- slützungskasse für 'die Mitglieder der in einem Jnnungs- ausschuß vereinigten Innungen und ihre Angehörigen nur noch durch unmittelbaren Zusammenschluß zu einem „Ver- sicherimgsverein auf Gegenseitigkeit" oder, wenn die gegenseitige Unterstützung auf Krankheitsfälle und Hinterbliebenen beihllfe beschränkt wird, nach Maßgabe des Gesetzes über die eingeschriebenen Hilfskassen erfolgen.
Die Schtttzzollarrsstchten Chamberlaius.
OC Der englische Parlamentssekretär der Admiralität, Arnold Forster, hat sich auf die Seite der Charllberlainschen Schutzzollpläne geschlagen. Er hat in einer Versammlung zu Belfast erklärt, daß er nach einem eingehenden Studium zu der Ansicht gekommen sei, es mi ,'e ein Wechsel im Zollsystem erfolgen. Dieser Succurs ist um so bedeutungsvoller, weil Cl^mberlain augenblicklich eine scharfe Agitation für sein Projekt eingeleitet hat. An die ihm ergebene Presse sind Artikel verschickt worden, worin der Nachweis erbracht werden soll, daß der Schutzzoll keine Verteuerung der Lebensmittel bringen würde. Den Widerstand der Gegner Ehamberlains in Presse und Versammlungen wird zusehends schwächer. Es wäre daher verfehlt, wenn man glauben sollte, daß die Ehanrberlainschen Pläne abgetan worden seien, als die öffentliche Meinung bei ihrem Bekanntwerden so energisch dagegen auftrat. Dafür ist der Mann zu zähe.
Vnr<nfoltmicn in Mexiko.
=1= Ein Teil der Buren, denen es unter englischer Herr schaft nicht gefällt, ist nach Mexiko awsgeinandert, um sich dort eine neue Heimat zu gründen, und d-ie mexikanische Regierung war verständig genug, sich diese fleißigen Kolonisten zu sichern. Ein Teil wird sich in dem mexikanischen Staate Chihuahua niederlassen, der andere im Staate Tamaulipas. Vorarissichtlich tverden die bethen Kolonien gut gedeihen, da
der von ihnen ausgewühlte Boden günstig für die Viehzucht sein soll. Die Landstrecke im Staate Tamaulipas ist zn.üschen dem Loto La Mariza und denn Carragal-Fluß gelegen und erstreckt sich den Golf von Mexiko entlang. Das Klima in jener Gegend ist ziemlich heiß, und die Buren werden un geiähr die gleichen Lebensbedingungen wie in ihrer Heimat vorfinden. Um auch für eine genügende Anzahl dtachziigler genügend Land zur Kolonisation zu haben, sicherten sich die Buren das Vorkaufsrecht für weitere 100 (HX) Acres, deren definitiver Erwerb voraussichtlich noch vor Ende des Jahres erfolgen wird.
Inzwischen sind die Verhältnisse in der alten Heimat der Buren noch nicht besonders gebessert worden, obgleich die Engländer jetzt stark mit der Verteilung der Ländereien an die verarniten Buren beschäftigt sind. Tie Hilfsausschüsse haben sich aufgelöst, weil die Betriebskosten vielfach die twr handenen Mittel überstiegen. Dieses Beispiel ist für Louis Botha, der nach seiner eigenen Aussage jedesmal seine Stimme erheben will, sobald den Buren Unrecht geschieht, der beste Beweis, daß es die Engländer mit den unterworfenen Buren nicht wohl meinen können.
Dos und Gesellschaft.
%* Der Kaiser wird nächsten Dienstag zur Besichtigung der Saalburg und des Kirchenneubaus in Homburg stiltreffen. In Wilhelmshöhe macht das Kaiserpaar täglich längere Spaziergänge in den Anlagen. Der Kaiser hörte Den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts Wirklichen Geheimrats Dr. V. Lucanus und empfing den bisherigen Marine attachee bei der Botschaft 311 London, Kapitän zur See Cörper, und den kürzlich 311111 Marineattachee in London ernannten Korvettenkapitän v. Cotzhausen. Beide Herren wurden zur Frühstückstafel geladen.
f " Kurze Cageescbau.
* Mit Rücksicht darauf, daß neuerdiltgs Versuche unternommen werden, elektrische Funkenwellen nicht nur zu telegraphischen ober telephonischen Zwecken, sondern auch zm Feritschaltung sonstiger Stromkreise zu benutzen, sind vom sächsischen Ministerium Vorschriften über die Errichtung von Anlagen für drahtlose elektrische Fernwirkungen erlassen worden. In der Hauptsache wird angeorbnet, daß zu den Anlagen die Erlaubnis einzuholen ist, soweit diese nicht vom Reiche erbeten werden muß.
* Für eine neue feste Eisenbahnbrückc über die Weichsel werden zur Zeit im preußischen Eisenbähnministerium die Vorarbeiten gemacht. Die Brücke soll bei Kurzebrack über den Strom führen. Strategische Rücksichten sprechen bei der Anlage der Brücke und der Bahn Schmentau- —Marienwerder, der sie zunächst dienen soll, selbstverständlich mit.
* Der „oKe, ehrliche" Castro, Venezuelas Oberhaupt, macht wieder von sich reden. Aris Ciudad Bolivar wird nämlich gemeldet, daß dort deutsche, französische und italienische Kaufleute verhaftet worden sind, weil sie an Castro Abgaben, die bereits erhoben waren, nicht nochmals zahlen Wollten.
* Die Unruhen in Kroatien haben bereits Opfer gefordert. Bei dem Handgemenge in Zabresitsch zwischen der Gendarmerie und der Volksmenge, welche die auf dem Bahnhofsgebäude gehißte ungarische Fahne gewaltsarn entfernt hatte, wurden zwei Bauern erschossen, sieben Persoyen schwer und zwanzig leicht verletzt. Infolge dieser blutigen Vorgänge kam es auch in Agrani zu stürmischen Kundgebungen, die jedoch unblutig verliefen.
* Der Vorgestern zur Welt gekommene Sohn des rumii- nifdjen Kronprinzenpaarcs wird den Namen Nikolaus er halten. Der Zar, dessen Gemahlin eine Kusine der Schwester der Kronprinzessin ist, wird jedenfalls Pathenstelle bei dem Neugeborenen übernehmen. Daher antecipando der Name Nikolaus.
* Der arme König Peter! Wie erinnerlich, gedachte der neue Serbenkönig seinen Bruder Arsen 311m Generalissimus der Armee einzusetzen. Von biefeni Vorhaben soll er jetzt ab gehörn men sein, weil das Belgrader Offizierkorps dagegen war. Prinz Arsen tritt darum nur als Oberst in die serbische Armee ein. Dagegen ist der Kronprinz, der dem Offizierkorps vorgestellt wurde, von diesem mit wohlwollendem Stillschweigen ausgenommen worden.
* Die Flitterwochen der Russen in der Mandschurei scheinen Darüber zu sein; die Eingeborenen fangen an, sich m Man- genehmer Weise bemerkbar zu machen. Wie aus Porl- ' gemeldet wird, überfiel eine Chunchusenbande emen p und Dynamitkeller bei der Station Mandfchuria u ' suchte ihn in die Öuft zu sprengen. Gegen zwanzig Chu chusen wurden von Kosaken gefangen genommen, die ..lehr- zahl entkam. ... ... SW ,
* Englische Blätter bringen übereugmnnwnd die W bitng daß höhere Beamte der amerikanischen Union un In- &scbV die Eingeborenen cwn ihren Gittern vertrieben unb diese für 4 Millionen -ollar^ verkauft haben ~ie Ache scheint wahr zn jein, denn die repnbltkams^ Parte, M diese Beamten sch/n prns, um nicht in den Schmutz bv- finverwickelt zu werden.