Nr. 6f.
Abo««eme»tSprei- : in Sichen, abgebstl monatlich 50 Pfg., tn'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel- " jährlich Mk. l.oO.
Gratisbeilage« : Qberhesfische Familiearettnag (täglich) Qberhesfische Zeitschrift für La»dwirtschaft, Cb ft- »«d Garte«bau, sowie die ©iefcever Le1fe«blasc« wöchentlich).
DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.
Freitag, den 20. März 1908. __
Gießener
__________________12. Jahrgang.
IsferliorSprei Sr Die einspaltige Pelitzeile für Gießen wt. ganz Cbcrbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pjg sonst lo Pfg . Reklame« bie PetitzeUe 30 resp. *0 Pfg.
Postzeitungsliste Sio. 8869.
Redaktion und Expeditton: Gießen Neuenweg R^.
8rcr*fprrd)*ef*I*N Nr, 368.
Neueste Machrichlen
«Meßetter Hagevkatt) FlnaShängige Tageszeitung (^ie^ener Reifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umnebimg.
Enthält alle amtlichen Bekanntma
Die Missstimmung gegen Graf Bülow
Die Reichsregierung hat in einer offiziellen Erklcb rung zu heftigen Angriffen Stellung genommen, die in einer sächsischen Protestversammlung gegen die geplante Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes gegen die Politil des Reichskanzlers gemacht worden sind. Sie warnt da- vor, die Sache auf die Spitze zu treiben und i »ii neuem die gefährlichen, tiefen Wunden aufzureisten, die der konfessionelle Hader dem Vaterlande nur zu oft schon geschlagen habe. In der Kundgebung wird bemerkt, daß die Antipathie gegen die tanzlerische Politik sich nicht auf die Jesuitenfrage allein beschränke, sondern gegen das ganze von ihm befolgte System. Wir haben schon vor einiger Zeit darauf Hinweisen müssen, daß dem Grafen Bülow letzthin manche Anfeindungen erwachsen sind, und es ist nicht zu leugnen, daß in weiten Schichten der Bevölkerung sich ein gewisser Mißmut bemerkbar macht Wie das gekommen ist, beleuchtet auf Grund eingehender Informationen ums er ständiger ^.-Mitarbeiter in folgender interessanter objektiver Darstellung:
Wer die politischen Vorgänge in letzter Zeit mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt hat, wird unschwer erkannt haben, daß augenblicklich ein neuer Aufmarsch der Parteien sich vollzieht. Seither war unser öfsent- iches Leben vorwiegend von den wirtschaftlichen Ver- lältuissen beherrscht; neuerdings macht sich ein Wieder- uwachen des politischen Moments und zwar vor allem les Gegensatzes zwischen Liberalismus und Zentrum »cmerkbar, der namentlich durch die öffentlichen Kundgebungen zu der von dem Reichskanzler angekündigten Aufhebung des Paragraphen 2 des Jesuitengesetzes seilen prägnantesten Ausdruck findet. Zwar wird die Bedeutung dieses Paragraphen bei weitem überschätzt. Denn rach wie vor bleiben die Ordensniederlassunaen verboten; dem einzelnen Jesuiten deutscher Nation war chou vorher der Aufenthalt im Reiche gestattet; nur uußte er sich unter Umständen seinen Aufenthaltsort antoeifen lassen. Diese Bestimmung würde durch die von dem Reichskanzler angekündigte Aufhebung des Paragraphen 2 fallen: ein Jesuit deutscher Nationalität vrirde also im Reiche die ungehinderte Freizügigkeit erlangen.
Diese Rechtserweiterung allein ist es nicht, die in weiten Kreisen unserer Bevölkerung eine Beunruhigung hervorgerufen hat; sie ist aber nun einmal da und kann nicht geleugnet werden. Effenbar hegt man die Befürchtung, dem A werde auch das B Nachfolgen, d. h. mit anderen Worten, die kirchliche Autorität werde noch weiter an Einfluß gewinnen. Aus diesem Grunde macht sich denn auch eine sehr lebhafte persönliche Mißstimmung gegen den Reichskanzler bemerkbar, die namentlich in der Versammlung des evangelischen Bundes zu Halle zu Worte kam. Wie in allen Dingen, so spielen auch bei der augenblicklichen politischen Lage die unvorhergesehenen Ereignisse eine große Rolle, so vor allem das Vorgehen des Bischofs Korum von Trier gegen die paritätische höhere Töchterschule. Das hat die Volks- 'stimmung erregt und dem Plane des Grafen Bülow die tatsächlich vorhandene ungünstige Situation verschafft. Andererseits hat aber auch der Reichskanzler bei der Ankündigung seines Planes insofern ungünstig operiert, als er damit den gesamten Bundesrat überraschte, chvar hielt er sich mit seiner Ankündigung streng in den verfassungsmäßigen Grenzen, denn er wollte,' wie er sich ausdrückte, dafür sorgen, daß die sogenannten preußischen Stimmen im Bundesrat für die Aufhebung des Paragraphen 2 stimmen. Vorher aber war von der Behandlung des Jesuitengesetzes keine Rede gewesen und niemand wußte, daß Preußen in dieser Frage eine Schwenkung gemacht hatte. Die Stellung Preußens als Präsidialmacht bedingt in derartigen Fragen eine vorsichtige Taktik. Die Stellung des Präsidiums hätte erst dann verkündigt werden dürfen, wenn ihr auch der Sieg sicher war; das gebot sich auch schon deshalb, weil sonst das preußische Borgesten leicht den Schein eines Druckes auf die Bundesstaaten erwecken könnte. Und dort ist man seit der Swiuemünder Depesche empfindlich geworden. In der Tat hört man denn auch seltsame Stimmen aus den Einzelpartamenten. In dem einen Staate nimmt man im Gegensatz zu dem Reichskanzler eine schroff ablehnende Stellung gegen den Plan einer Aufhebung des Paragraphen 2 ein, in einem anderen erklärt man sich ebenfalls im Gegensatz zu dem Reichskanzler für Einführung von Tagegeldern für die Reichs- tagsmitglieder.
So sehen wir überall eine völlige Unklarheit der Verhältnisse, wie sie noch selten da ^war und daraus hervorbehend eine pessimistische Auffassung für alle öffentlichen Vorgänge. Und ein System dieses Pessimismus ist die augenblickliche Stellungnahme eines großen Teiles unser Bevölkerung zur gegenwärtigen Reichsregierung.
ungen der Großh. Bürgermeisterei Siefjen und ^»»^ »ranm«—*tm—«n—«— cwHa—awaM— aEaa»r*3—gMMnrr»i । -^^c—aoB—
Die Politik.
Deutscher Pandels tag.
O Der Handelstag nahm einstimmig einen Antrag an, in dem er bezüglich des Abschlusses der neuen Handelsverträge bje von ihm in früheren Versammlungen aufgestellten Forderungen wiederholt. Ferner wurde ein Antrag, betreffend die Haftung des Rheders aus dem Fracht- verkehr, genehmigt und der Novelle zum Krankenver- |id)emngewesen zugestimmt. Desgleichen wurde ein Antrag angenommen, die Reichsregierung zu ersuchen, die Entwürfe der Reichsgesetze möglichst zeitig der Leffentlich- keit zugänglich zu machen, namentlich den die Industrie und den Handel vertretenden Körperschaften.
An einem Festmahl, welches etwa 250 Mitglieder des Handelstages vereinte, nahmen auch die Minister Möller und Budde teil. Einen Trinkspruch des Geh. Rat Michel beantwortete Minister Möller mit einer Rede, in welcher er betonte, daß in den Kreisen der Regierung dasselbe Bedürfnis nach langfristigen Handelsverträgen vorliege, wie bei den Handelsinteressenten; dabei wandte sich der Minister gegen überhohe Schutzzölle. Zum Schluß sprach rr den Wunsch aus, daß sich die Mitglieder des Handels und der Industrie mehr am politischen Leben beteiligen möchten.
Die französische Qrdcnsfrage entschieden.
£ Tie französische Deputiertentammer hat den Kommissionsantrag, daß die Kammer in die Einzelberatung Der Autorisationsgesuche der geistlichen Orden nicht rintreten möge, mit 300 gegen 257 Stimmen angenommen. Tadurch ist nun das Schicksal der Orden ent* schieden; zunächst das der 25 Unterricht erteilenden Kongregationen, um die es sich zunächst handelte, damit über auch schon der übrigen. Sie werden Frankreich verlassen müssen. Die Regierung hatte sich mit dem Kom- missionsantrage einverstanden erklärt und der Ministerpräsident Combes die Vertrauensfrage gestellt. Seine Stellung ist durch das Votum der Deputiertenkammer befestigt.
<^om siriegsschauplatz in oorarorro.
(—) Der letzthin stattgehabte Rückzug der Sultanstrup- Pen nach fZ-ez hat die Rebellen wieder sehr ermutigt. Die von dem nOkel des Sultans geplante Expedition, durch bie der Prätendent im Rücken angegriffen werden sollte, ist gescheitert ,weil die Kabylenstämme den Gehorsam verweigerten. Bu Hamara fährt fort, n-ach allen Richtungen Proklamationen zu verbreit-en, und eine lebhafte rPo- paganda zu machen. Infolgedessen haben die Stämme, luelche eben von dem Kriegsminister El Menekhi unterworfen ivaren, sich aufs neue zu gunsten des Prätendenten erklärt. Es heißt, er werde die Taktik beobachten, keine großen Kämpfe herbeizuführen, sondern die Streitkräfte des Sultans nach und nach zu schwächen, bis es ihrn gelungen ist, die Macht des 5oerrschers in dem ganzen Lande zu brechen. In der Schlacht bet Ain Medina, in der er gegen Shergui Pascha eine vollständige Niederlage erlitt, wurde sein Lager erstürmt und alle Zelte, zwei Kanonen, der Thron des Prätendenten, eine Kiste mit Srieffd)aften unb selbst sein Zeremonien-Sonnenschirm fielen in die Hände der Sieger. Ihm selbst sollen zwei Pferde unter bem Leibe erschossen worden sein; als er nach einem dritten rief, um zu entfliehen, erschoß er noch den in seinen Diensten stehenden Neger, der es ihm brachte, weil er so lange ausblieb. — In Tanger sind andauernd Gerüchte im Umlauf, der Scheris von Wessan habe Mulay Mohamnied, den Bruder des Sultans, in Wessan zum Sultan proklamiert. — Nach anderen Berichten hätte der Sultan die Absicht, nach Rabat zu marschieren, wo britische Kriegsschiffe ihn erwarteten.
Kur^e politische 9iachrichtetU
* Das Befinden des Abg. Frhr. v. Heere man hat sich dermaßen verschlimmert, daß die Aerzte nur noch wenig Hoffnung auf Erhaltung seines Lebens haben. Der Patient liegt im fortwährenden Fieberdelirium, der Kräfteverfall ist ersichtlich.
* Ein Wiener sozialdemokratisches Blatt veröffent- licht einen geheimen Erlaß des österreichischen Kriegsministers Pittreich, durch den nicht nur den aktiven, ionbern auch den nichtaktiven Offizieren der Beitritt zur Antiduellliga verboten wird.
* In Paris ist von der Möglichkeit einer Zusammenkunft zwischen dem Könige Eduard und dem Prä- 'identen Loubet die Rede. Wie es heißt, hätte ein Meinungsaustausch darüber zwischen der französischen und englischen Diplomatie bereits stattgefunden.
* Aus Befehl des Sultans kehren zwölf von den nach Deutschland kommandierten türkischen Offiziere sofort zu ihren Truppenteilen zurück.
* Nachdem der amerikanische Panamavertrag durch den amerikanischen Senat ratifiziert worden, gedenkt Präsident Roosevelt die Arbeiten mit 4'700 Mann sofort anfangen zu lassen, sobald die Regierung von Bogota ihrerseits die Ratifizierung des Vertrages no- äfiziert hut. Es ist eine achtjährige Bauzeit vorgesehen. Tie Kosten sollen 188 Millionen Dollars be- tragen.
anderer Behörden von Cbcrbeffen.
kxnac a»c ar wxx» in ■ WMt—— «MM— —■—^
* Ein Jrade des Sultans nimmt in der Adener Abgrenzungsfrage die von England gezogene Demarkationslinie an. Die Abgrenzungskommisfi ou bürste lunmehr ihre Tätigkeit beginnen.
F)of und Gesellschaft.
*** Der Kaiser wohnte gestern den Offizier-veit- stunden Besichtigungen der Berliner Kavallerie-Regimenter bei und verblieb sodann bei dem Ofsizierkorps bei Garde-Kürassier-Regiments zum Frühstück. — Tic torciin begab sich vormittags nach Potsdam, um in bei Kaiserin Augusta-Stiftung die Jahres-Prüfung der Zvgliu'.e wi> anzuhören.
♦ ♦* Tie Besserung im Befinden des Kronprinzen hält erfreulicherweise an. Er verbrachte wieder eine vorzügliche Nacht und sein Appetit ist gut. Prinz Eilet Friedrich wird die Ausflüge, die er versäumt hat inzwischen nachholen und dann mit seinem Bruder zusammen die Reise fortsetzen. Doch mußte er die erste Ausfahrt, die für gestern geplant war, doch noch wieder aufschiebeir
♦ ♦♦ Der König von Sachsen ist in Gardon e eingetroffen und vom Unterpräsekleu aus Salo empfangen lvorden. Die zahlreich dort anivesenden Deutschen begrüßten den König sehr herzlich.
Deutscher Reichstag.
287. Cihlma. Eigenec Bericht.
— Auswärtige Fragen.
Deutschlands auswärtige Politik wird infolge einer Anfrage des Zentrumsabg. Frhr. v. Hertling in aus führlicher Weise besprochen. Der Fragesteller verlangt von dem Reichskanzler Auskunft über die Vene^uelaangelegen Heit, sowie über die Stellung, die Deutschland zur orten ■ talischen Frage einnehme.
Der Reichskanzler ging auf die gestellten Fra^ gen sofort ein. Bezüglich der venezolanischen Frage betonte er, daß nicht allein das Geldinterefse das Vorgel)en Deutschlands veranlaßt habe, sondern daß dafür auch die nationale Ehre bestimmend gewesen ist. In Venezuela hätten Rechtsbrüche der fd)limmftcn Art vorgelegen, und es handle sich in solchen Fällen nicht allein um bie Tu resp selling des eigenen Rechtsanspruchs, sondern auch um Wahrung für die Zukunft. In der Tat habe Deutschland auch alles erreicht, was es erreichen wollte. Bezüglich des Dreibundes teilte er mit, daß dieser in der alten Forni und zwar mit rein defensivem Charakter erneuert worden sei. Bezüglich der Orientpolitik beruft sich der Reichskanzler auf eine vor vier Jahren abgegebene Erklärung, wonach es für Deutschland ein fundamentaler Grundsatz sei, im Balkan keine aktive Politik zu treiben und für niemand die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Was Mazedonien anbetrifft, so sind wir mit jeder Maßnahme einverstanden, die eine tatsächliche Besserung der Zustände ohne Erschütterung des türkischen Besitzstandes herberführt. Abg. Hassèi .(natl.) richtet heftige Angriffe gegen den deutschen Bevollmächtigten in Washington Speck von Sternburg, der in der Venezuelaaffäre mehr die Interessen Amerikas als die unserigen verträte. Wir geben überhaupt überall nach, wo das Deutschtum beleidigt wird. Hierauf erwiderte Graf Bülow, er habe nicht verlangen können, daß Castro einen „Sühneprinzen" nach Deutschland schicke; wir hätten an dem einen genug gehabt. Es war ein „großer Tag" blos für Politiker; das große Publikum hat nichts erfahren, was es nicht schon ohnehin gewußt hätte.
x preussischer Landtag.
Haus der Abgeordneten.
46. Sitzung. Eigener Bericht-
— Etat des Finanzministeriums. —
Nachdem der Antrag Erffa, den Abg. Dr. Porsch zu ermächtigen, während der Dauer der Behinderung Des Abg. v. Heeremau die Funktionen des ersten Vizepräsidenten zu übernehmen, einstimmige Annahme ge» funden, trat das Haus in die zweite Beratung des Etats des Finanzministeriums ein Zu den auf die Ost- Markenpolitik der Regierung bezüglichen Titeln (Er- ;iehungsbeihilfen an höhere Beamte, Gehaltszulagen an nittelere, Kanzler- und Unterbeamten usw., Herstellung eines Residenzschlosses in der Provinz Posen stellte die freisinnige Volkspartei einen Abänderungsantrag, welcher die Gewährung von unwiderruflichen Gehaltszu- lageen in allen gemischtsprachigen Landesteilen 6e* ^oedt. Der Abg. Winkler sprach sich namens der Konservativen gegen den Antrag aus. Der Finanzmi- rister v. Rhein b oben trat mit Wärm«- für das Re- idenzschloß in Posen ein, welches geeignet sei, unsere rationalen Interessen im Osten zu schützen und dort :uhige, friedliche Zustände herbeizuführen.