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9h. 43.

Freita«. 6rn 20. Hkbrnar 1903.

12. Icitrgana.

Ad»,»e«e«t-pre1O: in Gießen, <5ge>»lt msmtlüti 60 Bia., tn'- Hau- geLracht 60 Pfa. durch die Poft bezogen dicNel- jährlich Mi. 1.60.

•t.Hebai«gt»:C»CT»efffl4e9<nuiIitt,irit>i«9 (tâglid OSrrheMch» Zeltschritt fit 8«e*totrtf<S«ft, Cbfb »>r •etiextex, f»»k bk «ifiexer «dftxbleftx swöLentNch).

D-< Blett rrschetil» a tin «Btrtiaeai nximtkag«.

Gießener

Inserttsn-pret -» Die einspaltige Petitzeile für Dieven nn O Überwerfen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Lt»g 15 Pfg..- ReN«nen die PetitzeUe 90 resp. 40 Pf«.

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Nedaktiou und Lrpedition: Gießen Neuenweg 38.

NerMsprechEnschlnft Na» MS.

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(Otegener W<geSs«tt)

Nnabhänsige Iagesjntuug

(Hießener Aeii««g)

für Oberhesim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebmlg

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

Deutscher Reichstag.

962. Sitzung. Eigener Bericht.

— Die Theaterzensur und das Börsengesetz. —

Die Fragen der Gegeniuart wandern neuerdings zwischen dem preußischen Abgeordnetenhause und dem Reichstage hin und her; so muß denn die Oeffentlich- feit sich alle diese Dinge zweimal vortragen lassen, wie dies z. B. mit der Theaterzensur und dem Börsengesetz der Fall lvar. Den erstgenannten Punkt brachte, nach­dem der freisinnige Abg. Eickhoff eine Verbesserung des Patentamtes Borges einigen hatte, der Abg. Dr. Mül­ler-Meiningen zur Sprache, der die ganze Angelegen­heit in ziemlich pikanter Form behandelte. In Preu­ßen, meinte er, gebe es nicht nur eine Zensur und Nachzensur, sondern auch eine von Hoheit Personen aus- geüote Ueberzensur. Die letztere habe wohl auch den „König Laurin" von Wildenbruch vom Spielplan des Königl. Schauspielhauses hinweggesegt. Graf Bülow habe einmal gesagt, der Kaiser sei kein Philister, die preu­ßischen Minister aber scheinen es zu sein. Sck)liehlich ver­langte er im Interesse unserer litterarischen Entwicke­lung eine sachgemäße Handhabung der Zensur. Der Bbg. Dr. Crüger von der freisinnigen Bolkspartei be­gehrte nunmehr Auskunft über den Stand der Börsen- reform, gegen die mit großer Entschiedenheit der kon- serpative Graf Kanitz eintrat, während der linlsnatio- naldberale Äbg. Düsing ein möglichst liberales Wirt­schaftssystem verlangte, weil nur ein solches der Ent­wickelung unseres Wirtschaftslebens entspreche. Der frei­sinnige Abg. Mommsen, der nunmehr seine Iring- fernrede hielt, verlangte von den Agrariern eine klare Erklärung darüber, ob sie für oder gegen eine Börsen­reform sind. Der Abgeordnete Ga ni p von der Reichs- Partei, der bekanntlich der Urheber von zwei Reform- Vorschlägen ist, warnt vor einer Radikalkur. Abg. Hasse fragt nach dem Stande des Gesetzes über den Erwerb und Perlust der Reichsangehörigkeit. Staatssekretär Gras Po.sad'0wsky antwortet eingehend auf die ihm vor- getrageneu Wünsck)e und Fragen. Hierauf wird das Gr halt des Staatssekretärs bewilligt.

Die Politik.

Dauerreden und Rededauer.

1 O Bolle acht Sitzungstagc hat die sozialpolitischeDe° hatte im Reichstage in Anspruch genommen. Unerschöpflich floh der Redestrom dahin, dem Einhalt zu tun kerne Möglichkeit vorlag, denn ein Schlußantrag hätte an jedem der Verhandlungstage die Tatsache der Beschlußunfähige feit ergeben. Geht das so weiter, dann ist an den Schluß der Rerchstagssession vor Snbe Mai nicht zu denken. Schon jetzt ist kaum nod) eine geringe Hoffnung vorhanden, den Reichshaushaltsetat bis zu dem letzten verfassungs­mäßigen Termin, dem 1. April, fertigzustellen. Noch schlimmer aber dürfte cs iverden, wenn durch öftere Schlußanträge und Feststellung der Beschlußunfährgkert die Tätigkeit des Reichstages gehemmt werden sollte. Ta man in der ungebührlichen Ausdehnung der Debatten einen der Hauptgründe für die Rcichstagsunlust der Ab­geordneten erblich, so wird in den Kreisen der Mehrhcrts Parteien daran gedacht, durch eine weitere Abänderung der Geschäftsordnung die Möglichkeit zur Abkürzung un liebfamer Debatten zu erlangen. Wie unser Berliner CB Mitarbeiter erfährt, wird von feiten jener Parteien geplant in der neuen Geschäftsordnung zu bestimmen, daß aus einen genügend unterstützten Antrag das Haus bei jedem Gegenstände von vornherein das Höchstmaß der Rededauer für jeden Redner festsetzen kann. So geschieht es beispielsweise in der italienischen Deputrertcnlammer. Sollte dieser Antrag eingebracht werden, dann stehen uns neue heftige Redckämpfc und Kampsreden bevor.

Rücktritt beä bayerischen Ministerpräsidenten.

$ Ein Telegramm aus München mclbet, daß oer Prinz regent von Bayern durch ein Allerhöchstes Hand, chreche^ vom 18. Februar den Sbaatsnnnister ^raTeu D-J^ beim, seinem Ansuchen entsprechend, von^l. Mar^ d. Js. ab vrm der Leitung des Königlichen Staatsmrnrie^ ums, des Königlichen Hauses und des Aeußern enthoben hat. So sind also die in den letzten Tagen in der bayrischen Hauptstadt verbreitet gewesenen (Gerüchte von einer Krisis im Staatsministerium und insbc'ondere von der Erschütterung der Stellung des Minnterprajidenten v. Crailsheim doch nicht so uirlu' gründet gewesen, wie von manchen Seiten behauptet wurde. Wa viel Rauch M ist eben auch Feuer. Daß der Ministerpräsident eurem a'roßen Teil der Kammer und der Bevölkerung nuf? ^ebia war, ist bekannr, namelitlich war dies 'ert^der viel erörterten Würzburger Prosenore^Astare her »an. Tan Herr v. Crailsheim bei die cm Anlag den dama- Eigen. Kultusminister v. Landmann prülsgao, »«^rte die Unzufriedetlheic mit der Politik bev o^u ui c.ail» iKim die schon vorher in großem Maße vorhanden Lai/n^ bedeutend. Es scheint aber, als wenn ui bei

letzten Zeit Vorgänge, die sich noch der allgemeinen Kenntnis entziehen, in dem Prinzregenleu den Entschluß gezeitigt haben, sich von dem Ministerpräsidenten zu trennen. Es wäre müßig, Betracht an gen darüber anzu stellen, wer ihn ersetzen wird. Doch wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß der Name des jetzigen Kultus­ministers v. Podewils als des möglichen oder vielen erwünschten Nachfolgers des Herrn v. Crailsheim in der bayrischen Presse genannt wird.

Dncll eines ungarischen Ministers.

)—( Ein Zweikampf hat in der Hauptstadt Ungarns zwischen dem Landesverteidigungsminister Frhrn. v. Fc jervary und dem Abgeordneten Lengyel stattgefunden. Der Minister erhielt dabei kleinere Verletzungen an der rechten .Hand, die ihn an der Fortsetzung des Kampfes verhinderten. Tie Veranlassung zu dem Duell ist in einem Zwischenfall zu suchen, der sich in dem ungari schen Abgeordnetenhause zutrug. Ter Minister wies nâm lich aktenmäßig nach, daß die Behauptung deS Abg. Lengyel, ungarische Offiziere seien wegen Gebrauchs ch rer Muttersprache - bestraft worden,

unwahr sei. Er b'

„Vollblntnnwahrhe: „Lüge". Darob ent der Minister sah sich Ausdruck -auszuspre

zeichnete solche Behauptungen als ten", nach anderen Berichten als stand ein ungeheurer Tumult und genötigt, sein Bedauern über den chen. Die Mehrheit des Hauses gab sich damit zusric den, nicht so der Abg. Lengyel, der als Bollblutmagyar die „Dollblutunwahrheiten" nicht auf sich fitzen lassen mochte und dem Minister eine Herausforderung zukom­

men ließ.

Kurze politische yiadjridjten,

* Der Kaiser befahl, daß diejenigen Schisse, welche bei Teilnahme an kriegerischen Aktionen Verluste au ihrer Besatzung gehabt, das Andenken dieser Toten durch An­bringung von Gedenktafeln an Bord • u ehren haben.

* Nachdem die diplo matis chen Beziehungen zwischen der deutschen und der venezolanischen Regierung nunmehr wieder ausgenommen sind, wird, wie die „Nordd. Atlg. Ztg." hört, der für Caracas ernannte Kaiserliche Gesandte Pelldram die Rei,e auf seinen Posten in diesen Tagen antreten.

* Der deutsche Konsul in Hongkona hat von der chinesischen Regierung eine ofj ielle En Huldigung für die unter deutschen: Schutz stehenden und zum Christen­tum übergetretenen Chinesen verlangt, die anläßlich der Reformbbewegung in Kanton verhaftet wurden.

J1 Die Aktion der Großmächte in der mazedonischen Frage ist in vollem Gauge. Die deutsche Regierung hat un feren Botschafter in Konstantinopel angewiesen, die An­nahme und die Durchführung des österreichisch-ungarischen Resormprogramms bei der türkischen Regierung zu unter­stützen, und dieselbe Weisung erhielt von seiner Legierung der französische Botsch.Hter. Tie Zustimmung von Eng­land und Italien ist mit Sicherheit zu erwarten.

preussischer Landtag.

Daus der Abgeordneten.

25. Sitzung. Eigener B-ri-K

— Die Handwerkersrage. —

Im preußischen Abgeordnetenhause ist bie, Sage beë Handwerks gründlich erörtert worden. Der erste Webner des Tages, Abg. Dr. Hirs cy von der freisinnigen Volks­partei, sprach zwar zunächst über eine Arbeiterfrage, indem er seine Befriedigung darüber ausdrückte, daß die Arbeiter der Porzellanmanufaktur hinreichende Löhne erhalten ; zu- nfeid) schlug er die Gewährung von Urlaub vor. Alsdann brachte der Abg. Dr. Crüger von der freisinnigen Volks- partei den Stein ins Rollen, indem er für die Handwerker Meisterkurse und Ausstellung von Maschinen vorschlug, wogegen her Abg. Trimborn von Zentrum Widerspruch erhob, während der nationallib. Avb- Daub sich mit den Ausführungen Crügers einig erklärte. Der Handels­minister Möller machte indes dagegen geltend, daß es an dem nötigen Lehrpersonal zur Ausführung des Vor­schlages fehlt. Dagegen will die Regierung die Gcuofsen- idiaftÂbilbung des Handwerkerstandes unterstützen. Es tarnen nun zwei typische Vertreter der Handwerkerbe- st re düngen zum Wort: der Centrumsabg. Euler und der konservative Abg. Fetisch, die beide Gegner des Ancrags Crüger sind — wenigstens zur Zeit. Ter Antrag Crüger wurde denn auch abgclehnt.

Hus der Reichshauptstadt.

DauöÄülder von Spectator.

(Nachdruck verboten.)

^eil dem großen, seligen Kolumbus? Was danken wir nicht alles seiner kühnen Segelpartie in dem balken­losen Ozean! Bon der Kartoffel bis zu den Trusts, welch eine unendliche und mannigfaltige Reihe von Geschenken, die der neue Weltteil als Revanche für die dauernde Lieferunü von Defraudanten und äynlichem intelligenten

Material der sogenannten alten Weil Daroiaipiv! Ate Kultur der Amerikaner wächst der unserigen immer mehr über den Kopf - immer mehr lverden wir aus den Gebern Empfangende. Aus dem Gebiete, auf dem sie uns bisher noch unweigerlich den Vorrang lassen mußten, in den schönen Künsten, sangen sie allmählich and) an, aus eigenen Füßen zu stehen und unS mit neuen Produkten zu ver­sehen. Speziell auf dem Gebiete der Tanzkunst haben wir zwei Novitäten transatlantischen Ursprungs in diesem Winter begrüßen können, neben der mit viel Grazie und

etwa» Gaze bekleideten Miß Duncan nun auch den „Cake-walk".

Sie fragen, was Cake-walk ist? Das ist nicht leicht zu beantworten. Es ist ein Tanz, der schwer zu beschreiben ist, weil er unbeschreiblich häßlich ist. Man kann ihn allen falls als eine Art Nigger Cancan charakterisieren. Er erinnert nicht nur an den französischen Cancan, sondern auch ein wenig an das seinerzeit so beliebte „boxende Känguruh". Ta ästhetische Bedenken noch nie den Sieges lauf einer Mode gehemmt haben, fand auch dieser Tanz schnell seinen Weg von den Niggern zu den Milliardären der Bereinigten Staaten und von da in die Londoner und Pariser Gesellschaft. Und von dort nach Teutschland ist für eine unschöne Mode im Zeitalter her Elektrizität natür lich ein sehr kurzer Weg. Wie seinerzeit die Washington Post, die ja, von graziösen Leuten getanzt, ein hübsches Bild gewährte, wie ferner die mit Niggerblut gemengte Musik Sousas, so kommt jetzt der CcrLQwalt über unS und zeigt auf der Bühne und auf dem Parkett feine gro teske Negerbehendigkcit.

Natürlich auch auf den Festen, die sich jetzt Abend für Abend folgen. Die „Makulatur" auf dem Feste her rissener Schriftsteller, die „frechen Ratten" bei dem Balle der Bühnenkünstlerinnen und — ich glaube fast - selbst „die Hussiten von Naumburg', als welche sich oer^Verciu Berliner Künstler auf seinem Kostümfeste verpuppt hatte, übten den neuen Tanz des Erdteils, der damals zur Hussitenzeit noch nichts für die europäische Zivilisation hatte tun können. Bald werden ihn die kleinen graziösen Mädel in den Tanzsälen Halensees, Wilmersdorfs und anderer um die Tanzkunst verdienter Vororte in den Ber liner Dialekt übersetzt haben. Tie Kinder in den Höfen werden ihn können, wenn der Heiermann auffpielt, und Die Droschkenpferde werden ihn versuchen, soweit ihnen nicht ihre geringe natürliche Begabung und die gestrenge Polizei Schranken auferlegt, die bekanntlich derartigen Vergnügungen in den Straßen nicht besonders hold ist.

Eine neue Erscheinung, bie zu den: Kapitel der polizei­lichen Einschränkung des Straßenamüsemeuts eine heitere Illustration bietet, kann man jetzt in der Straße „Unter den Linden" beobachten. An diesem Orte, ber bekanntlich Berlin, also wohl auch die Berliner Intelligenz, reprä­sentieren soll, sieht man dünne Wäscheleinen, die von Baum zu Baum gezogen, eine freilich nicht sehr massiv; Wäscheleinewand verstellen, die den Mittelweg von den beiden Seitenstraßen trennen soll. Da man keinerlei Wäschestücke daran flattern sieht, konstatiert man leicht, daß diese Leinen nicht ihrem ursprünglichen Zwecke dienen; daß sie nicht zur Verschönerung angebracht sind, kon­statiert man noch leichter, da sie nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit mit Blumenguirlanden haben. Was also ist ihr Zweck? Wenn man einen Schutzmann mit der nötigen Vorsicht fragt, sodaß er die Frage nicht als F'pperei auf« faßt, erfährt man, daß es sich um eine polizeiliche Ab­sperrung handelt. Das Publikum hatte nämlich die bei den neugierigen Berlinern nicht befremdliche Angewohn­heit, von der einen Seite der Linden nach der anderen hinüberzulaufen, wenn etwas Besonderes zu sehen war. Da nun nicht jedermann im Weilspringen bis zwei Meter genügend geübt ist, trat dabei mancher in das frische Grün der schmalen Rasenstreifen. Um dieses zu verhin­dern, hat man inmitten dieser Rasenflächen — wohlver­standen: inmitten — diese Leinen angebracht, die zwar keinen praktischen Wert, aber wohl nach Ansicht der Polizei oder der Stadtverwaltung den moralischen Wert einer Menschenscheuche haben.

Wenn wir diese optimistische Auffassung auch nicht teilen, wünschen wir doch, ba# der beabsichtigte Zweck erreicht wird; denn jeder vernünftige Berliner weiß, was das bischen Grün innerhalb der Stadt und rings um den Riesen-Steinbaukasten Berlin für Auge, Herz und Lunge bedeutet. Heiß wogt darum auch der Kampf um den Schön­holzer Forst, der den Berlinern des Nordens, die sich Sonntag für Sonntag dort ihre Nase und Lun^e voll frischer Luft holen, genommen werden soll. Und mit Hohn and Empörung begegnete man dem Vorschlag eines Ko­mitees, das die schönen Schmuckplätze der Stadt für den Verkehr geeigneter gestalten will, das heißt auf gut deutsch: das die Bäume, Sträucher und Blumen zum teil oder ganz von diesen Oasen der Stadt entfernt wissen will, damit Wagen und Menschen nicht genötigt sind, einen kleinen Umweg von kaum einer Minute zu machen. Die Leute, die dem Grün so wenig „grün" sind, ahnen nicht, welchen Wert das bischen Natur zwischen den grauen Straßen nicht nur für Den Leib, sondern noch mehr für das Gemüt hat. Oder aber, was wahrscheinlicher ist, sie halten als „moderne" Menschen nicht viel von der Pflege