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Erstes Blatt

Samstag, den 19. Dezember 1903.

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Es bestege«: Oberheffifche ^amiltewiettwM (täglich) »elfische Zeitschrift für Luudwirtsch.ft, &fb »d *be«, sowie tte GieHemor Setfevbtefe« (wöchentlich).

Da4 Blott erscheint w elw Bertieete eeéetteeé.

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Mè zu Anfang dieser Woche der Präsident Graf SMeftrem die Mitglieder des Reichstags mit einem Herz- lil^m Abschiedsgruße in die Heimat entließ, da warf nach ^H^ftigen Meinungskampfe der Parteien das nahende Weihnüchtsieft, der Tag der Liebe und Versöhnung, bereits seinen verklärenden Schirumer über das Haus. Friede auf Arbeit! Das war die Stimmung, in der die Reichsboten, hriremt frie auch eben ihre Klingen noch gekreuzt hatten, aus- mimte gingen. So wenig vermag sich das Gemütsleben dMMnschen den wechselnden Stimmungen der Zeiten zu VWiehLN, daß jeder kirchliche Festtag dem öffentlichen Leben fsArmlich seinen Stempel aufdrückt.

^GlDen diese These sprechen scheinbar die heftigen Kämpfe, bie augenblicklich noch in ber Industriestadt Crim- 1 mit schau zwischen dem Unternehmertum und der Arbeiter f'W vmsgefochten werden. In die schrillen Dissonanzen kidi Ka nustes aber klingen doch auch weichere Akkorde hinein 1 mb M ist gewiß keine heuchlerische Effekthascherei, wenn aus keiben Kampfreihen der Wunsch laut wird, das WeihnachtS- fefl in^ge die Versöhnung bringen, auf daß den Familien r nib Kindern der kämpfenden Parteien der Weihnachtsbauni iih hellerem Glanze strahle. Einstweilen allerdings herrscht riH Är Krieg, kein fröhlicher Krieg. Ii^Massenversamm- klMtis bringen die Arbeiter ungezählte Summen für ihre ^Aenif^gen assen auf; aber auch die Arbeitgeber beteiligen such cm der Aufsammlnng der Kriegsfonds ihrer Standes- tzfciiossÄ. So sind die Fabrikanten in der Mark Branden l riirg üb KottbuS zusammengetreten und haben beschlossen, i Snfdtii ife zu dem Fond der Crimmitschauer Fabrikanten und Jiwr öh Höhe von 2 Prozent ihrer Wochenlöhne zu leisten, 'ßcoh Dieser unverkennbaren Sympathie ist für die Arbeiter­schaft die Gefahr, die durch die Fortdauer des Ausstandes 1 mlMcn kann, nicht unbedeutend, und sie wird auch durch i) ix Arbeiterpresse neuerdings vollauf gewürdigt. In Crinu trfÄni tverden vorzugsweise Eskimos, Velourstoffe, Cbe I Hbtk Kammgarn und Vigogneartikel fabriziert, denen sich : iiimxbr auch in verstärktem Maße nicht bloß die inländische, stcâpn auch die ausländische Konkurrenz zuwendet. . Beide IHile, aber haben ein gemeinsames Interesse daran, das Er ZiNkerr des Auslandes zu verhüten unb hier bietet sich Pick L™ der neutrale Boden, auf dem die Parteien zu einer

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! ^trständigung fommen. Auf welcher Seite man auch stehen : Hk man wird von ganzem Herzen wünschen, daß diè Weih- IlMsglocken auch in Crimmitschau zum Frieden läuten.

. Tiefem wirtschaftlichen Kämpfe steht in Deutschland kein I IHiiliâl) gearteter politischer Zwist an der ^eite. Die Reichs- ' him sind an ihren heimischen Herd zurückgekehrt unb wäh- ik. dieser Zeit herrscht erfahrmtgsgeinäß Gottesfriede auf I Mischer Erde. In der Presse schweigt ebenfalls bi? Kriegs- immpete und wir finden darin vorzugsweise Vors ch a u c n ickt die künftige preußische Parlaments- k'kr rode. Noch immer ist das Orakel tätig, um vor allem : ^Ov rnutmaßliche Schicksal der bevorstehenden Kanalvorlage rii kennzeichnen. Allein was auch immer gesagt werden i bi es sind Vermutungen und Kombinationen. Wir wissen W authentischster Quelle, daß die Behörden über den Jn- M unb die Tendenz, des kommenden Entwurfs das pein- Kte Stillschweigen beobachten. So wird auch im Lande rar Leni Weihnachtsfest der Friede gesichert.

lUm so friedloser aber sind augenblicklich die Verhältnisse g O e st e r r e i ch - U n g a r n. Es scheint, daß dem Mstm Monarchen dieses Landes, dem Kaiser Franz Josef. Bitte ruhigen Tage mehr beschieden sein sollen. Zwar hat p sich persönlich bemüht, bei den Führern der tschechischen Mruktiott die Einsicht und das Verständnis für die Ver- Ärbllichkeit der Parlanientsstörungen zu erwecken, aber er fyt nie dadurch nur noch verstockter gemacht. Die gesamte Wchische Presse erklärt jetzt einstimmig, daß sie weder Lei 'Ausgleich, noch die Heeresforderungen bewilligen werde unb auch die Italiener sind unbotmäßiger als vorher Tiefe ümic-re Zerklüftung würde entschieden auch die SfeUinw sl Mßkrreichs im Konzert der Mächte Herunterdrückeir, meng I chcht: eine geschickte Diplomatie die Geschäfte der Monarchie •führen würde. Ibr allein und dem friedlicheir Sinne bcv in crè ist es zu verdanken, daß der österreichische Einilus im Verein mit Rußland in der Balkanpolitik den Sinn, ikudi des Weihnachtsfestes zur Geltung bringt: Friede auf

Ab ?

èrdsit !

: Es scheint, daß auch die Türkei allmählich ein Per ilimidnis für die wohlmeinenden Absichten der beiden Kaiser Mte erlangt hat. Dadurch, daß diese gewissermaßen als Veoämächtigte des europäischen Areovags auftretemjit die mmirrende Mitberatung weniger wohlmeinender Staaten ^geschlossen. Ein Erfordernis für das Gelingen des Frie- LtitÄ-werkes aber ist es auch, daß die Hohe Pforte unweiger- D die Bedingungen der Aktionsmächte erfüllt und deren (finÜluB bei der Durchführung der Reformen in Mazedonien mlNet Tie kräftige Sprache. die in der österreichischen lhrronrede gegen Bulgarien geführt wurde, muß für die Monaten am goldenen Horn geradezu den Beweis rw üe freundschaftlich aufrichtige Gesinnung der beiden Kaiser mäü4te enthalten.

immerhin aber sind durch die Balkanlvirren und ihr Zusammentreffen mit dein russisch-japanifchen Wieimmgs austausch, die englischen Staatsmänner wieder in der Verfolgung ihrer Sonderinteressen gestärkt worden. Wäh­rend Rußland vom Norden her durch Besetzung der Mand schurei seinen Einfluß auf China sichert, betreibt England auf der entgegengesetzten Seite durch seinen Einmarsch in Tibet den gleichen Zweck und unterstützt dadurch Japan in seiner Auseinandersetzung mit Rußland. Zwar tauchen von Zeit zu Zeit, namentlich aus englischen Preßbureaus, alar­mierende Nachrichten über einen kritischen Verlauf der Ver­handlungen zu Tokio auf. Indessen bürgt auf der einen Seite die Friedensliebe des Zaren und auf der anderen Seite die relative Schwäche Japans trotz aller scheinbaren Kriegslust für die Fortdauer des Friedens. Zudem hat bk Auflösung des japanischen Parlaments den Einfluß der Kriegspartei ganz wesentlich abgeschwächt und die Sachlage für einen friedlichen Abschluß geklärt. So werben auch, das hoffen wir, im fernen Osten bald ruhigere Verhältnisse eintreten, so daß auch die gesamte Weltlage unter dem Symbol des Weihnachtsfestes steht:

friede auf Crden!

im Zeichen des Streiks.

0 Crimmitschau, 17. Dezember.

Es ist eine traurige publizistische Pflicht, die ich heute auf Ihren Wunsch zu erfüllen habe: die Lage in unserer schwer heitngesuchten Stadt und die Ursachen des großen Streiks zu schildern, der Crimmitschau in so betrübender Weise zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses m Deutschland gemacht hat unb dessen Ende noch immer nicht abzu sehen ist. . Während durch die weiten Lande ringsum . der Weihnachtsengel leisen Schrittes geht unb die Mienen von Klein unb Groß schon im Vorschimmer der Festesfreude glänzen, breitet über unsere Stadt Frau Sorge ihre grauen Fittiche und läßt keine weihnachtliche Stimmung anffom men. In den Straßen klingt der taktmäßige Schritt der Gendanneriepatrouillen, auf die die feiernden Arbeiter, bk in müßigen Gruppen uniherschlendeni, feindselige Blicke werfen. Daß wir vor dem Schlimmsten, blutigen Zusanunen- stoßen mit der bewaffneten Macht, bisher behütet gewesen sind, ist dem ruhigen, gesitteten Geist zu danken, durch den sich unsere Arbeiterschaft von jeher auszeichnete. Wenn dieser aber im ungezwungenen Müßiggang imb durch ziel­bewußte demagogische Hetzereien untergraben werden sollte, was bann ? Eine friedliche Beilegung scheint nach allem, was man aus Fabrikanten- und Arbeiterkreisen hört,, vor­derhand so gut wie ausgeschlossen. Beide Parteien bestehen auf ihrem Schein. Bei beiden heißt es: „Biegen oder brechen!"

Wie es so weit kommen konnte? Dem Nichteingeweihten ist das noch heute,, nachdem 17 bange Wochen seit Beginn der Aussperrung verflossen sind, ein Rätsel. Tie Lage der hiesigen Arbeiterschaft galt als durchaus zufriedenstellend. In den 39 Buckslinfabriten, IG Pigognespinnereien und <> Färbereien, die mit ihren Nebenbetrieben die blühende Industrie der 23 000 Einwohner zählenden Stadt dar- stcllen, waren 6829 Arbeiter beschäftigt, davon 5160 über 21 Jahren. Der Verdienst ist, bei verhältnismäßig leicht zu erlernender und auszuführender Arbeit, auskömmlich. Es erhalten wöchentlich: Jugendliche Leute beiderlei Ge­schlechts. von 14 Jahren an, 9 bis 12 Mark: Weber im Akkord 19 bis 27 Mark; Weberinnen 15 bis 20 Mark: Weberei-Hilfsarbeiter 11 bis 20 Mark; Spinner im Akkord 20 bis 30 Mark; Spinnerei-Hilfsarbeiter 11 bis 18 Mark. Wenn daher in einer fünf- bis sechsköpfigen Familie drei oder vier Mitglieder arbeiten, etwa Vater, Mutter und eine Tochter unb die Töchter der Arbeiter tun dies regel- mäßig, weil sie den guten Erwerb in der Fabrik der Der- bünrmg als Dienstboten vorziehen - so stellt sich das Ein kommen einer solchen Fgnulie mir Leichtigkeit auf 3000 bis 4000 Mark. Nach Versicherungen eines Gewerbeinsper tors sind auch Jahresverdienste von 1000 bis 5000 Mark nichts seltenes. Die Lebensmittel sind billig. Woher mit einemmale die Unzufriedenheit, die als Ursache des Streck ' naturgemäß vorhanden sein mußte?

Der Anlaß ist nicht auf dem Gebiet der erhöhten Lohn­forderung zu suchen, wie der Fernerstehende wohl bei ge färbten Berichten über das sprichwörtliche „Weberelend" an nehmen sonnte, das hier in Crimmitschau seine Stätte noch niemals gefunden hat. Die hiesige Arbeiterschaft will nicht mehr Verdienst, sondern kürzere Arbeitszeit, und zwar stellte sie nach einem von langer Hand im Stillen von den sozial demokratischen Ausschüssen vorbereiteten Plane plötzlich an die Arbeitergeber die Forderung des strikten Zehnstunden tages. Vergebens wurde von der Gegenseite darauf bin gewiesen, daß hier an und für sich schon nur 10% bis hoch ffené 10", 4 Stunden gearbeitet wurde: daß die gesamte Konkurrenz 11 Stunden arbeite und bei billigeren Löhnen, so daß man wirtschaftlichen Katastrophen entgegen gehen würde: vergebens wurde gebeten, wenigstens abzuwarten, ob die Reichsregiertmg nicht eine gesetzliche Regelung wenigstens der Arbeitszett für Frauen vornehmen werde: Ohne Säu­men wurde in den Streik einaetreten. Man wollte keine

Verständigung. Alles oder nichts war die Sofung. Die Crimmitschauer Arbeiter waren das Kanonenfutter, das für die sozialdemokratische Forderung des deutschen Zehnstunden tages ins Feuer geführt wurde.

Und schwer hat diese Avantgarde bluten müssen. Von den fast 7000 Arbeitern feiern zur Zeit weit über 5000 und der Lohnausfall beträgt schon fast 2% Millionen Mark. Auch die opferwilligsten Anstrengungen der sozialdemokra tischen Arbeiterschaft in ganz Deutschland können diese Sum men ihren Crimmitschauer Genossen nicht ersetzen. Hub der hinkende Bote kommt hinterdrein. Der Stillstand unserer Fabrikett bedenlet jetzt schon einen Verlust non etwa 18 Millionen für die Arbeitgeber, unter dem naturgemäß die ganze Industrie und bamit am Ende auch wieder die Ar beiterfebait leiden muß. Unb fast noch schlimmer ist der Verlust wichtiger Exportbeziehungen. Die Einkäufer haben notgedrungen unserer Stadt den Rücken kehren müssen. Ein Hotelbesitzer hat in den letzten Wochen durch den Ausfall )es einst so lebhaften Geschäftsreisendenverkehrs 3000 Mart Einbuße erlitten. Das sind Argumente, die jeden über zeugen müßten, der sehen und hören will. Aber die Leiter des Ausstandes verschließen ihre Ohren und Augen Herme tisch. Gott besser's!

Die Politik.

A Mit den Vorarbeiter. £. k^c Neuregelung der Be ftimmungen über die Sonntngsarbeit in der Industrie ist der Reichstag beschäftigt. Der Bundesrat hat im Wege der Verordnung hierüber Vorschriften zu erlassen. Die bis­herigen Anordnungen auf Grund des § 105 d der Ge Werbeordnung beruhen auf der Bekanntmachung vom 5. Fe­bruar 1895. Die jetzt eingeleitete Revision nimmt eine Wei tcre Einschränkung der Sonntagsarbeit im Gewerbebetriebe in Aussicht,

es Zu dein am 1. Januar 1904 in Kraft tretenden Ge setze betr. Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben hat der Bundesrat jetzt Ausführungs- unb Übergangsbestimmungen erlassen, aus denen wir folgendes mitteilen: Entgegen den Vorschriften des Gesetzes gestattet der Bundesrat für die nächsten beiden Jahre noch die Beschäftigung von eigenen Kindern über acht Jahre im Gewerbebetriebe der Eltern. Diese Erlaubnis soll sich jedoch lediglich auf die am 1. Januar 1904 bereits über acht Jahre alten Kinder erstrecken.

D Sobald die Parlamentsferien beginnen, tritt an Stelle der Information die politische Legende. Tie neuste behaup­tet, Graf Posadowoky sei amtsmüde. Aber nicht arbeits müde, demt an der Berliner Börse wird behauptet,^ der Staatssekretär des Innern sei als Nachfolger des Herrn D. Hansemann in der Leitung der Diskontogesellschaft ge­nannt. TaS temperamentvolle Auftreten des Grafen Pofa dowsky in der letzten Etatsdebatte des Reichstags macht diese Kombinationen wenig wahrscheinlich.

H8 Für das am 1. Januar ins Leben tretende 2abora torium für Zölle und Steuern, das wahrscheinlich den Namen ZoÜtcchnischcs Seminar erhalten wird, sind jetzt die ersten Lehrkräfte bestellt worden. Die Anstalt soll dazu dienen, Steuer- und Zollbeamte über die zollamtliche Be Handlung der verschiedenen Waren genauer zu informieren, als es bisher der Fall war. Ter neue Zolltarif mit seiner weitgehenden Spezialisierung der einzelnen Warengattungen macht eine solche Unterweisung, erforderlich. Zum Leiter der Anstalt, die auf dem Packhofe zu Berlin errichtet wird, ist An in der Praxis stehender Zollbeamter, Oberrevisor Hinkeldey in Frankfurt am Main ernannt, zu seinem Stellvertreter der Oberkontrolleur F 11 e r 1 e in Breslau. Diese beiden Herren stehen mitten in der Praxis, haben aber beide eine abgeschlossene akadenuiche Vorbildung als Chemiker bezw. Physiker genossen. Als brüte Lehrkraft ist Dr. Sasserath bestellt, der bisher Assistent bei dem Gerichts- und Handelschemiker Dr. Jeferich in Berlin war.

©♦ Englische Meldungen aus Südafrika Wissen von einer Schlappe m berichten, die die Bondelzwarts einer Abteilung der deutschen Schutztrnppc beigebracht haben sollen. Danach hätten die Bouoelzwarts ein deutsches Kommando von 23 Mann ob deutsche Soldaten ober Bastards, läßt bk Mel­dung ungewiß - nach einem Gefecht über die englische Grenze gedrängt. Der Konunandant der deutsche!- Abtei Imig, Leutnant Böulin. und ein Unteroffizier seien schwer verwnndet, von üopftabt kim Aerzte zu ihrer Pflege ab gereift. Bei der Unmverlässtgkeit der englischen Berichter­stattung. namentlich da, wo Deutschland in Frage kommt, braucht man di eie Meldung einstweilen nicht allzu tragisch m normen.

Italien»

* Um einen Ja 11 gemeiner Erpressung scheint es nch bei hem Prozeß zu bandeln, den der italienisch-amerikanische Journalist S pad 0 ni gegen den General des Jesuiten­ordens, Pater M a r 11 n , angestrengt hat. Vor einigen Monaten rür.hwte man in vatikanischen Kreisen, die ameri konischen .Katholiken wurden unter der Währung des Kar­dinals Ireland sich von der allgemeinen Vcrpstkircke los-