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Donnerstag, den 19 November 1903

12. Jahrgang

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Reboftifin unb Expedition: Gießen Neuenweg S» Ner^sprechnUfchÜtH Nr, 868.

Postzeitungsliste Ro- 3669.

U0W «emt«W>teW r in Vietzsn, abgehslt menatlich b0Pfg., im'-bâu- gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen diertel- jLhrlich Mk. 1.50.

Wyti-beilagem : Oberhesstfche FamMrnzettnna (täglich) Mirh èsfische Zeitschrift für Laudwirtschaft, Obst. «ud Werte*bau, soMte die «ießeuer GeifenblaseM (wöchentlich). Dal Blatt erscheint « eit* Werkiager! nechmitag^

Z«srrtts«Spre1 #t Die ewspalttse iVfhMeÜc für Gtehrn mir ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Naârg 10 Pf-. sM 15 Pftz.,- Reklavre« die PrMzelle 30 r^sp. 40 Pfg.

(Ot-߫r-r UsgeStatt)

Nn'lShängige Tageszeitung

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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Aokalamsiger für Gießen und Umgebung

•Milt «Le amtliche» Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden m Oberhch«.

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Geistige Ansteckung.

CB In letzter Heit ist die Chronik der Blätter dauernd erfüllt von Nachrichten, die über Mordtaten von Müttern an ihren Kindern zu berichten wissen. Jene Schriftsetzer- Nou Winterstein aus Berlin, die ihre drei Söhne erhängte, strt geradezu Schule gemacht - sit venia verbo. Aus allen Genien unseres Vaterlandes kommt Kunde von ähnlichen Neu, ohne daß ein begreiflicher Grund irgend ersichtlich iE. Es muß eine Art Seuche sein, die da wütet, eine L-euche von seltener Grausamkeit und Don erschrecklicher Aâhnung. Die Geschichte lehrt, daß es in der Tat Epi- Lemien des Mordes gibt. Man kann die Spuren solcher ..Ansteckungen" verfolgen bis in fernste Vorzeit. Es ist, als üQ Bluttaten suggesuve Wirkungen hätten, als ob sie zur Äcichuhmung aufreizten. Ein psychologisches Kapitel voller Schrecken, das für den Forscher in Menschenseelen eines Mauevvollen Reizes nicht entbehrt. Der Anarchist, der die Mörde^hand erhebt gegen ein gekröntes ^anpt, findet ver­worfene Kreaturen, die seine Tat als ein Martyrium, als MN Heidenstück feiern. Teils trägt Degeneration die Schuld om solcher Gefühlsart, teils Ueberreizung primärer Natur, üif der Einzelne selbst verschuldet, teils aber auch — und liier scheint das Hauptgewicht zu liegen — suggestive An- (Ming als die Folge mißverstandener Theorien. Zu tiefes ihrfeu fen in den Gedankengung anderer, geistig benachbarter !Amren, zu starkes instinktives Nachsühlen ihrer Exzesse 4Mbrt oft zu Parallelen Taten. Wie der Gelehrte, der Tag stur Tag über seinen Büchern hockt und miâ den Philosophien der anderen Steine losbröckelt, um sie für eigenen Bau u nutzen, nur allzu oft über das Ziel des Menschenmöglichen ^ISP unb in der Jagd der Gedanken über die Genia- .rB hinaus zum Wahnsinn kommt — Genie und Wahn­sinn sind ja so verwandt —, so mag in Minderbegabten ' Heilsten die verwegene oder die blutige Tat unbetont ^W hervorbringen, die gleiche Taten zeitigen.

Ein hervorstechendes Moment bildet diesmal die Tat- iadje, daß schwache Frauen, Mütter noch dazu, die Hand erheben gegen ihr eigenes Blut. Wohl trieb auch früher 'chn die Lebensnot warmherzige Geschöpfe des schwache:: 'Aschl echtes zu verzweifelten Taten. Bei den Fällen, um )ie es sich jetzt handelt, aber bleibt uns nur die eine Er- fÖntng übrig: daß durch eine einzige grausame Mutter- at suggestiv in degenerierten Geschöpfen desselben Geschlech­te? Wirkungen erzeugt wurden, die nicht möglich gewesen tüten, wenn der starre Materialismus unserer Zeit die Ge- iiiitcr nicht so völlig unterjocht hätte. Auf der Anklagebank M dem höheren Richterstuhle sitzen neben diesen Müttern, & ihr eigenes Fleisch dahingeschlachtet, die modernen Pre­diger der Dekadence.

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Der Wildhirt.

Eine oberhessische Dorfgeschichte von I. Becker.

(Fortsetzung ) (Nachdruck verboten.)

u im Dmfe stand das Wirtshaus, nach dem I die Lewc^ner, da es blos eine Schenke im Orte o, einfach „Wirts" nannte. Das Haus war noch e, mit weiß getünchten Feldern zwischen den blau ^eftricfcnen Balkenlagen. Eine große Scheune, ehern lë noch neu, stand dem Wohnhause gegenüber. Sie urbe durch ein schon älteres und niedriges Quec- ibäude, den Biehitall, mit dem Wohnhause verbunden, ba6 der innere Hofraum dadurch ein nach dec Straße 4mes Viereck bildete.

An dec anderen Seite der ziemlich breiten Dorf- Zlche, nicht weit entfernt, lag Pierersch Hof. Ec hatte Jung gestreifte Gebäude und machte einen wuchtigen Eindruck.

Hier trennten sich Elschen undHangcurt und jedes begab sich nach heim. Auch der Tiophel kam endlich □iigcfcs)liehen. Ec ging langsam das Dorf htnauf bis an das obere Ende. Da stand ziemlich abgelegen und fast einsam eine unscheinbare Hütte mit zwei Fenstern in her Längsseite, zwischen denen sich die niedrige Thur, befand. Die Hütte war nur so hoch, daß ein cr- lvachsener Mann mit der Hand den Rand des Daches erreichen konnte. Dies war das elterliche Heim des Sürßen, auf das er langsam zuschritt und in dessen Yur ec verschwand.

Im Innern der Hütte harrte seiner gerade rein wunblicher Empfang. Seine Mutter, ein noch kräftiges Écnb mit rohem ältlichen Gefichtsausdruck, saß an dem eiten wackeligen Tisch und aß irgend etwas aus einem irbrnen Napf, nachdem der Tiophel einen verlangenden ö!i«f warf.

„Gclt, essen willst Du, aber nichts arbeiten", sagte die Alte. „Den ganzen Tag 'rumherzutr eiben und iriHts zu thun! Wo warste dann?"

„Auf der Hute", antwortete der Kusche kurz.

Die Politik.

* Zum päpstliche» Nuntius in München ist vom Papst aus Empfehlung der Kardinäle Ferrara und Sallegart der Monsignore Locatelli ernannt worden, nachdem die baye- rrsche Negierung diese Kandidatur angenommen hat Der bishenge Münchener Nuntius Monsignore Macchi hat den Posten kaum ein Jahr bekleidet. Locatelli beherrscht die deutsche Sprache vollkommen.

= Einen seltsamen Beschluß hat der o b e r e l s ä s s i s ch e ^ozrrkstag gefaßt: Er hat einen Antrag angenommen, her Die Reichsregierung auffordert, in Zukunft alles zu tun, was zur Vermeidung eines Krieges möglich sei. Chuatge Streitfälle mit anderen Nationen solle die deutsche Negierung vor dem Haager Schiedsgericht zum Austrag bringen! Abgesehen davon, daß dieser Beschluß

Nahmen der Zuständigkeit des Bezirksausschusses sollt, ist er auch noch höchst unpassend. Das Vorgehen des elsasser Ausschusses muß den Anschein erwecken, als zwei­felten die Elsässer an der Friedensliebe Deutschlands, die sich nun doch schon durch 32 Jahre bewährt hat.

*1« Eine beachtenswerte Neuordnung der Schulferien regt der Verband deutscher Ostseebäder in einer Eingabe an den Kultusminister an. Danach sollen die bisherigen Schul- ferien, namentlich die großen sommerlichen, nach dem Vor­bude mancher deutscher, sowie der meisten fremden Staaten auf Kosten der Pfingst- und der Herbstferien verlän­gert und je nach der geographischen Lage der Provinzen auf verschiedene Zeitabstände verteilt werden. Dadurch würde sich der hygienische Wert der Sommerferien steigern.

£ Papst Pius X. offenbart sich täglich mehr als ein sehr kluger Politiker. Dem französischen Kulturkampf gegenüber will er ein probates Mittel anwenden: Austoben lassen. Er weiß, jeder Widerstand der Kirche gegen die weltliche Obrigkeit in Frankreich stärkt am letzten Ende nur die Posi­tion der Regierung. Deshalb hat er den französischen Ka­lk rliken, die durch deu Mund eines Deputierten von ihn: Verhaltungsmaßregeln in der Frage der Trennung von Kirche und Staat verlangten, durch den Staatssekretär Merry del Val antworten lassen: Sie sollten die Kultur- kämpfer ruhig gewähren lassen; er, der Papst, wünsche weder die Don, den französischen Katholiken geplante Kammer­debatte über, diesen Gegenstand, noch auch einen Gegenantrag.

^: Man weiß nicht recht, worüber man mehr staunen soll: über die Naivetät britischer Blätter, die ihren Lesern die unglaublichsten politischen Schauer mären aup binden, oder über die Naivetät britischer Zeitungsleser, die diese Mären ernst nehmen. Neuerdings haben Londoner Blätter wieder erzählt, der chinesische Vizekönig Juan- s ch i k a i und der General M a wollten am nächsten Sonn­tag an der Spitze von 45 000 Mann chinesischer Truppen die Nüssen mit Gewalt aus der Mandschurei verjagen! Selbst-

„Nq, und was haste denn da gemacht?

„Hab' mit zugeguckt, wie sie getanzt habend

„So? — ei hast wohl auch getanzt?"

„Nein."

Damit ging Tiophel an den Kachelofen, um, wie gewohnt, sich sein Essen herauszulangen. Aber er fand vibts vor.

„Nichts zu essen da?"

,Jâ) hab nichts für Dich! Wo soll ich's denn hernehmen, menn Du nichts arbeiten willst. 5^-b bab D'r schon bir nav’ Bert gejagt, 's is Zeit, daß Du Dich bei die Bauern jermiefft oder sonst was treibst, denn Du bist nun 'us der Schule. Scheinst aber zu glauben, ich soll )lch nun auch noch weiterfüttern. Ich sag' Dk'S alle- oeil zum letzten Mal, wenn Du nichts arbeit'st, von nir kciegste nichts mehr zu essen. Ja, wennste Dei'm stater noch na Harten thäh'st; der is freilich in den Sifen gestorben."

Zornerfüllt ging Tiophel hinaus. Aber was könn« er machen? Es war nun einmal nichts zu essen da unb er hatte doch wütenden Hunger. Er stand am Thürpfosten und brütete augenscheinlich über Gedanken, die gerade nicht die besten waren. Mit dem steigenden Hunger schien auch seine Entschlossenheit zu wachsen.

Er ging in die Küche. Da stand ein Korb und daneben ein Spaten; ec nahm beides und schlich aus ^em Hause hinaus in das Feld, über dem schon tiefe Dunkelheit lag.

Außerhalb der Gärten, die das Dorf umgaben, be- inb sich auf einem Acker eine Kartoffelgrube, in der ii Lauer einen Teil seiner vorjährigen reichen Ernte atergebracht hatte, da er sie nicht alle im Keller bergen male. Das wußte der Tiophel.

Ec wußte auch, daß seine Mutter keine Kartoffeln nehc hatte, aber er dachte, sie hätte unterdes wieder oelche gebettelt. Da sie aber keine einzige mehr besaß mb ihn der Hunger quälte, so mußte er sich entschließen, Nahrung herbeizuschaffen und darum stand sein sehu- ichstec Wunsch nach einem Korbe voll Kartoffeln. DaL

verständlich ist diese Geschichte eine blaute Erfindung, und noch dazu eine der dümmsten, auf die die Londoner Presse verfallen konnte. Etwas mehr mag an einer anderen Meld­ung fein, die von einem kleinen Konflikt zwischen Japan und Korea erzählt. Danach haben einige Koreaner mit Ja­panern in Söul eine solenne Prügelei gehabt, und Japan verlangt jetzt dafür von Korea Genugtuung: Die korea­nischen Raufbolde sollen streng bestraft werden, die Polizei­behörden sollen strenge Verweise erhalten und bei Japan um Entschuldigung ivegen des Vorfalls bitten. Außerdem soll die koreanische Negierung die Kurkosten für die ver­prügelten Japaner zahlen. Sonst will Japan in Söul eine Polizeitruppe landen. Nun. die Koreaner werden klein bei- geben, und damit wird auch dieser Sturm im Glase Wasser, den die britische Presse zu einem großen politischen Ereignis aufbauscht, über Nacht beigelegt sein.

□ Der Sultan hat, wie englische Blätter melden, bei Krupp 220 000 und 96 Geschütze bestellt. Die Sache klingt nicht gerade sehr wahrscheinlich.

^ Bei der Hundertjahrfeier der Newyorker Presbyte­rianerkirche hielt Präsident Roosevelt eine Ansprache, in der er alle Amerikaner, die dieses Namens tmt sein wollten, aufforderte, sich zu bemühen, mit allen Mitteln die Bestechung im Privatleben, und ganz besonders im öffentlichen Leben zu bekämpfen. Ob diese Mahn­ung an eine Bevölkerung, die eben noch die korrupten Tam- /nanyten in die Stadtverwaltung gewühlt hat, viel fruchten >rd?

T Das ,/Humbert-Dossier", die von der „großen Therese" aufgestellte Liste der politischen und sonst namhaften Per­sonen, die angeblich im Hause Humbert verkehrten^ wird jetzt vom Pariser „Figaro" veröffentlicht. Es handelt sich um etwa hundert Personen, von denen die meisten nach der Liste Einladungen zur Jagd von den Humberts erhalten haben sollen. Indessen scheint auch diese Liste ein Humbert- scher Schwindel zu sein, den Frau Therese anscheinend in­szeniert hat, um ihren Gläubigern mit ihren politischen und gesellschaftlichen Verbindungen zu imponieren. Eine ganze Anzahl der in der Liste aufgeführten Personen u. a. be­findet sich darunter auch die her—ühmte Königin Isa­bella von Spanien — protestieren dagegen, daß sie zu den Humberts Beziehungen hatten. So erklärt der sozialistische Deputierte I a u r è s , der von den Humberts Einladungen zur Jagd erhalten haben soll, daß er in seinem ganzen Leben überhaupt noch kein Gewehr angerührt und die Hum­berts gar nicht gekannt habe. Der ehemalige Ministerpräsi­dent M6line erklärt, daß er bei den Humberts niemals diniert oder gejagt habe! Die ganze parlamentarische Haupt- und Staatsaktion, die die Nationalisten aus dieser Affaire zu matten gedachten, wird danach wohl völlig versanden.

^ Aus Panama liegen zur Zeit keine sonderlich bemerkens­werten Meldungen vor. Man müßte denn ein paar Lügen­depeschen der 9èewvorker gelben Presse, die inzEchen schon

c nicht fein Eigentum-maren, machte njm Die menigneif Sorgen.

Ec arbeitete hastig dacaufloS, wie einer dec sonst ien ganzen Tag auf der faulen Haut liegt. Denn olche, die das thun, können in der Regel, wenn sie umal ans Arbeiten kommen, „für Sechse' schaffen.

Bold hatte er die Kartoffeln erreid t und schnell inen Korb gefüllt. Soweit i .in hatte bis Arbeitslust orgehalten, allein die Grube wieder auszufüllen und üe Erde über derselben aufzuschichten, das behagte dem urschen nicht. Hätte er dies sorgfältig gethan, bann oürde man am Ende gar nicht gemerkt haben, daß in Der Nacht Jemand an den Kartoffeln gewesen war.

Ncit stiller Befriedigung nahm er den gefüllten Korb auf die Achsel und eilte nach der Hütte damit. Als er in die Stube trat, war cs mittlerweile spät ge» ivorden und seine Mutter lag daher auch schon im Bette, das heißt auf ihrem Strohlager.

„Was bringfte da? fragte sie neugierig, indem sie sich im Bette erhob.

„Kartoffel — 'n Korb voll Kartoffeln. Die hab ich Mertes gestohlen."

„Sickß fiehfte da!" rief die Alte vergnügt. „Mertes tunens entbehc'n. Ei sag, wie haste denn das ang'- fange?" .

„Na, ich wußt', daß die doch hinter ihrem Hof- zarten 'ne Kartoffelgcube hatten; da hab' ich sie raus- gegraben." , _

„Das haste gut gemacht," flüsterte die Alte mit leiser Stimme, indem sie aus dem Bette stieg unb mit den Füßen in ihre alten ausgetretenen Schlappschuhe schlüpfte, wonach sie mit großer Eilfertigkeit einen zer­rissenen Rock über das Hemd warf. So, einem Ge- spenste gleich, trat sie an den Korb mit Kartoffeln heran, um sich über das gestohlene Gut zu freuen.

„Nun 'n tüchtiges Stuck Speck noch," meinte sie mit dem Kopfe nickend. „Wie manchmal hab' ich das Dei'm sel'aen Vater machen müssen, Mitten in der Nackt noch, wenn er kam " Fortsetzung folgt.