Nr. 220. MZweites Blatt
Samstag, den 19. September 1903
12. Jahrgang
Iasertio«spr-1 st Dü emspalttge Peützeile für Gießen toi; ganz Obcrhessen, die Kreise Wetzlar unb Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; ReklüLcu die P'etitzeile 30 resp. 40 Pfg.
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leatiSbeilageN: Oberhesfifche Famitteurettung (täglich) èberhësfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- dh6 Hartenbari, sowie die Gießener Teifenblascn (Wochen.lich).
DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmilagS.
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(Gießener Gagevratt)
Hlnnöhängige Iageszcitung
(Hießener Peilung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lskalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffm.
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Auch Narren haben ihre Schicksale. _ Wäre die Selbsternennung Jacques Lebaudys zum „Kaiser der Sahara" in einer ereignisreichen Zeit erfolgt, man würde den Kauz in bett Blättern wahrscheinlich nur mit einigen Zeilen abgetan haben. Der Narr war aber schlau genug, seine Tätigkeit in einer Jahreszeit zu beginnen, in der ganz und gar nichts „los" ist. Und so lauschen denn die Völker auf jeden Flintenknall in Aèazedonien und jedes Wort des Beherrschers der Sahara.
Der neue „Monarch" ist, wie belgische Blätter melden, im Haag angekommen. Der Pariser „Figaro" dagegen läßt bekanntlich den Beherrscher der Wüste, von einem „Ordonnanzoffizier" begleitet, von Hamburg über Basel nach Gens fahren. Von dort werde sich Herr Lebaudy nach Glion bei Montreux begeben und sich hier am Ufer des schönen Alpen- secs niederlassen, um die Vorbereitungen der Besiedelung her westlichen Sahara zu Ende zu führen. Der sich als „Vertrauter des Monarchen" bezeichnende Spaßvogel, der dem Boulevardblatte diese „Hofnachrichten" mitteilt, weiß auch sehr lustig von den Einzelheiten des Kolonisationsplans seines Gebieters zu plaudern. Der Kaiser, so erzählt er mit komischem Ernst, hat bereits Beamte in Paris und der Provinz ernannt, die 500 bretonische und korsische Bauern- fmnilien für die Urbarnmchung des neuen Reiches anwerben sollen. Außer hohen Löhnen verspricht Seine Saharische Majestät jedem Kolonisten eine Lebensversicherungspolice über 5000 Francs, der Frau und jedem über drei Jahre alten Kinde solche über 1500 und 500 Francs. Ein englisches Schiff soll gemietet werden, das eine Unmenge landwirtschaftlicher Maschinen (hoffentlich werden die Regen- - Maschinen nicht vergessen), zerlegbarer Häuser, die Birmingham liefert, mitsamt den Kolonisten nach der marokkanischen Südküste befördern wird. An Ort und Stelle angekommen, erhält jede Familie ein Haus mit zwei Zimmern im b Zelluloidfenstern. Der Kaiser läßt für sich einen Pa- laft aus Strohlehm bauen mit innerem Hof und Terrassen nach arabischer Art. Am 1. Januar 1904 soll die Gründung des Reichs durch öffentliche Feste gefeiert werden. Der Kaiser, an der Spitze von 100 Grenadieren in leuchtenden Uniformen, verläßt seinen Palast, verkündet seinem Volk seinen Willen und läßt sich von den versammelten Untertanen den Treuschwur wiederholen, den die einzelnen schon in Europa vor den Werbeagenten leisten mußten. Dann beginnt ein Leben fleißiger Arbeit, die den Handel und Ackerbau der Sahara auf eine erstaunliche Höhe bringen wird. Auch ein Amtsblatt wird in Troja, der Hauptstadt, er- [(heinen Dier Sekretäre mit dem Titel Vizekönig teilen sich in die Geschäfte; ihre Ressorts sind Handel und Gewerbe, Finanzen, öffentliche Arbeiten, Transportwesen. Alljährlich will man neue Anwerbungen in Ländern französischer Zunge vornehinen, um neue Kulturzentren zu schaffen: Lebaudyville, Maxville, Sucreville u. s. w. Vom Jahre 1914 ab sollen die männlichen Untertanen alle Tage zu einer 40 tägigen militärischen Uebung herangezogen werden. Die so geschaffene Miliz ersetzt allmählich das Grenadierkorps, das der Monarch aussterben läßt. Die Bahnlinie durch die Sahara nach Tiinbuktu, wodurch der Diirchgangshandel von Marokko, Algerien und Tunesien abgelenkt werden soll, wird 1905 begonnen werden. Ausländer bedürfen einer Aufenthaltserlaubnis. die der Kaiser selbst ansstetlt. Die ersten
Kolonisten werden am nächsten 15. Wobember von Hamburg nach Troja abgehen.
Soweit der ungenannte Spaßmacher im „Figaro", der damit jedenfalls seine Befähigung zur Uebernahme der Verantwortlichen Leitung einer noch fehlenden Tageszeitung der Hauptstadt des neuen Reichs erwiesen hat.
An den Aufenthalt Lebaudys in Deutschland werden übrigens allerhand abenteuerliche Gerüchte geknüpft: er wollte Unterstützung für seine Pläne hier suchen u. s. W. Jedenfalls ist er erleichterten Herzens von Hamburg abgefahren, er hatte 5000 Francs auf einem Tisch des Hotel- achtlos liegen lassen und sie waren bald spurlos verschwunden. Lebaudy machte aber kein Aufhebens — er fuhr mit 50 Kilometer Schnelligkeit davon ....
Ledigenheime-
— Eine Reform der Chambregarnie-Wohnungen. —
In Charlottenburg hat sich eine Gesellschaft m. b. H. gebildet, die für die bisher in Schlafstellen wohnenden ledigen Jünglinge und Männer — deren Zahl beträgt dort über 6000 — eigene Heimstätten unter dem Namen „Ledigenheim" erbauen will. Die Stadt Charlottenburg wird sich an dem Unternehmen in der Weste beteiligen, daß sie der Gesellschaft ein Grundstück schenkt oder gegen billigen in Erbbaupacht überläsit. ©b die neue
Gründung auf angemessenen Zuspruch wird rechnen dürfen, steht vorläufig noch sehr in Frage.. Bei den ^chlaf- stellenbewohnern herrscht trotz der großen sanitären und pekuniären Vorteile, die ihnen die Ledigenheime bieten, das Vorurteil, daß sie in einer derartigen Anstalt, in der es doch ohne eine gewisse Hausordnung Nicht abgehen kann, in ihrer persönlichen Freiheit beschränkt werden konnten. So ungerecht dies Vorurteil fern mag, so schwer wird es auszurotten sein. Mehr Erfolg, als in der Klasse der Schlafstellenbewohner verspricht. dagegen das System der „Ledigenheime" in jener der Chambregarnisten. ,
Es besteht kein Zweifel — io wird uns über diesen Punkt von unserem G-Mitarbeiter geschnoben — dasz einen der mistigsten Teile der Wohnungsresorm MC Regelung der Chambregarnisten-Frage bildet. Gerade die Chambregaimisten erleichtern den Häuserspekulanten die Mietpreissteigerungen. Sie ermöglichen es, daß sich die Wirtsleute eine größere Wohnung nehmen, und die Miets- steigerungen in der Hoffnung auf eine Rückversicherung bei den Chambregarnisten geduldig hinnehmen. Andererseits stören aber die Chambregarnisten auch die häusliche Behaglichkeit und sind nicht selten eine Gefahr für den r^a- mMenfrieden und das Familienglück.
Wo sich aber keine persönlichen Beziehungen zwischen Mieter und Vermieter entwickeln, letzterer nur an Zimmereinrichtung und Arbeitsleistung notdürftig alles, wozu er verpflichtet ist, liefert, da findet gewöhnlich der Chambregarnist, wenn er einmal gezwungen ist, etwas darüber hinaus zu begehren, unfreundliche Gesichter, oder er muß doppelt zahlen. So mangelt es vielfach an einer wirklich wohltuenden Bequemlichkeit, und vor allem fehlt jede Möglichkeit, sich durch Pflege geistiger Genüsse irgend welche Annehmlichkeiten zu verschaffen.
Um diesem Uebelstande abzuhelfen, haben einzelne Kreise in Deutschland das englische Klubhaussystem nach- acahmt, das den Junggesellen, weil es an bebaahebem
Komfort das Höchstmatz eniyült, Die Hausucyren erwbt. Aber für die mittleren Stände fehlt in deutschen Großstädten nahezu alles. Aus biefem Grunde ist neuerdings eine Bewegung im Gange, die sogenannte Ledigenheime ins Leben rufen wollen, eine Art modernen Klosterlebens auf der Grundlage des gesetzlichen ortsüblichen Mietsvertrags. Es sollen große Gebäude geschaffen werden, die Wohnzimmer und große Säle für gemeinsame Mahlzeiten, Spiel- und Musikzimmer, Salons, Bibliotheken enthalten und in Gartenanlagen nebst Kegelbahnen und Spielplätzen liegen. Auf diese Weise soll dem unstäten Gesellen, der mit leichtem Gepäck durch die Großstädte zieht, ein Art Familienheim auf der Grrlndlage des geselligen Mitein- anderlebens geschaffen werben — ein Gedanke, der auch vom ökonomischen Standpunkte aus empfehlenswert ist, weil in der gemeinnützigen Förderung dieses Werkes zugleich ein Stück der ungefunden Häuserspekulation und Mietspolitik bekämpft wird.
Der Landwirt.
Pf. Rationelle Gemüsekultur empfiehlt sich immer mehr für den sorgsamen Landwirt. Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß mit der fortschreitenden Entwickelung des Gemüsebaues die Zunahme des Volkswohlstandes eng verbunden ist, indem der Gemüsebau die höchste Bodenrente abwirft. Die Rentabilität des Gemüsebaues liegt nun einesteils in einer intensiven Bodenkultur und anderenteils und vornehmlich in der richtigen Ausnutzung der frühesten und frühen Sorten. Selbst die Erzeugnisse Warmer Gegenden des Auslandes vermögen nicht in ernstlichen Wettbewerb mit den frischen Erzeugnissen zu treten, zumal erstere keineswegs, wie vielfach angenommen wird, billiger finb; denn die hohen Ver- Packungs- und Frachtkosten, sowie Verluste und Schaden während der Reise verteuern die ausländische Ware ganz außer- ordentlich. So verlockend nun auch die eigentliche künstliche Zucht von Frühgemüse für den Landwirt sein mag, so wirk er diese doch füglich der Gärtnerei überlassen müssen; denn einmal ist dieselbe nur möglich in eigens für diesen Zwecl bestimmten und künstlich erwärmten Räumen, und bami erfordert sie ein erhebliches Maß an speziellen Kenntnissen, die man vom Landwirt nicht wohl verlangen noch voraus- setzen kann. Aber auch die in Verbindung mit der Landwirt- schaft betriebene Gemüsekultur wird, wenn sie mit Fleiß, Sorgfalt und Umsicht sachgemäß betrieben wird und ihren Schwerpunkt besonders in die Frühgemüsekultur legt, hohe Erträge abwerfen und Jahren, wo Wein, Getreide und Hack- früchte weniger lohnend sich erweisen, dem Landwirt unl Winzer über manche Schwierigkeiten hinweghelfen.
er. Russische Butter in Deutschland. In Rußland ist man eifrig bemüht, den Butterexport des Landes, namentlich Sibiriens, zu heben. Zur Förderung der Butterindustrie, speziell zur Prämiierung von Meiereien, Unterhaltung vor Versuchs-Laboratorien, Heranziehung von Instruktoren 2c. sollen Beträge bis zu 160 000 Rubel vom Jahre 1904 al aus Reichsmitteln bewilligt werden. Betreffs des Export scheint es sich zunächst hauptsächlich um den Absatz nach England und Dänemark zu handeln. Doch wird man auch den deutschen Markte besondere Aufmerksamkeit zuwenden, mt die russische Butter in den letzten Jahren mehr und mehl Aufnahme gefunden hat; 1901 und 1902 führte Deutschland für rund 15 Millionen Mark Butter aus Rußland ein.
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